Part 24
Allan erregte große Sensation und auch einige Enttäuschung. Man hatte erwartet, ihn, auf dem das Schicksal herumhämmerte, gebrochen und müde zu sehen, um ihn bemitleiden zu können. Aber Allan dankte, er sah genau aus wie früher. Gesund, kupferhaarig, breitschulterig, genau dieselbe Art, scheinbar zerstreut und gleichgültig zuzuhören. Er sprach dasselbe breite, langsame, wortkarge westliche Amerikanisch, das zuweilen noch an den Pferdejungen von Uncle Tom erinnerte.
Großes Aufsehen erregte auch Hobby, der als Zeuge zugezogen worden war. Sein Anblick, seine hilflose Art zu sprechen, erschütterten. War dieser Greis Hobby, der auf einem Elefanten durch den Broadway ritt?
Allan brach sich selbst das Genick. Zum größten Schrecken seiner vier Verteidiger, die seinen Freispruch schon beschworen hatten.
Der Angelpunkt des ganzen Prozesses war natürlich die von Allan angegebene Bauzeit von fünfzehn Jahren. Und am siebzehnten Tage des Prozesses tastete sich Doktor Seymour vorsichtig an diesen heiklen Punkt heran.
Nach einer kurzen Pause begann er ganz harmlos: »Sie verpflichteten sich, den Tunnel im Laufe von fünfzehn Jahren zu bauen, also nach Ablauf der fünfzehn Jahre die ersten Züge laufen zu lassen?«
Allan: »Ja.«
Doktor Seymour, leichthin, dabei rügend ins Publikum blickend: »Waren Sie _überzeugt_, den Bau in dieser Zeit fertigstellen zu können?«
Alle Welt erwartete nun, Allan würde die Frage bejahen. Allan aber tat es nicht. Seine vier Verteidiger rührte nahezu der Schlag, als er den Fehler beging, die Wahrheit zu sagen.
Allan erwiderte: »_Überzeugt_ war ich nicht. Aber ich hoffte unter _günstigen_ Verhältnissen den Termin einhalten zu können.«
Doktor Seymour: »Rechneten Sie mit diesen _günstigen_ Verhältnissen?«
Allan: »Ich war natürlich auf die eine oder andere Schwierigkeit gefaßt. Der Bau konnte unter Umständen zwei, drei Jahre länger dauern.«
Doktor Seymour: »Also waren Sie _überzeugt_, den Bau nicht in fünfzehn Jahren fertigstellen zu können?«
Allan: »Das sagte ich nicht. Ich sagte, ich hoffte es, wenn alles gut ging.«
Doktor Seymour: »Sie gaben den Termin von fünfzehn Jahren an, um das Projekt leichter starten zu können?«
Allan: »Ja.«
(Die Verteidiger saßen wie Leichname.)
Doktor Seymour: »Ihre Wahrheitsliebe macht Ihnen alle Ehre, Herr Allan.«
Mac sagte die Wahrheit und hatte sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben.
Doktor Seymour begann sein »~summing-up~«. Er sprach von zwei Uhr nachmittags bis zwei Uhr nachts. Die Damen, die bleich vor Zorn werden, wenn sie in einem Geschäft fünf Minuten warten müssen, hielten bis zum Schluß aus. Er rollte das ganze schaurige Panorama von Unheil auf, das der Tunnel in die Welt gebracht hatte: Katastrophe, Streik, Bankrotte. Er behauptete, zwei Menschen wie Mac Allan seien imstande, die ganze wirtschaftliche Welt zu ruinieren. Allan sah ihn erstaunt an.
Am nächsten Tag um neun Uhr morgens begannen die Plädoyers der Verteidiger, die bis spät in die Nacht währten. Die Verteidiger legten sich flach über den Tisch und streichelten die Geschworenen unter dem Kinn ...
Dann kam der Tag der größten Spannung. Tausende von Menschen umdrängten das Gerichtsgebäude. Sie alle hatten durch Allan zwanzig, hundert, tausend Dollar verloren. Sie verlangten ihr Opfer und sie bekamen es.
Die Geschworenen wagten es gar nicht, Allans Schuld zu verneinen. Sie hatten keine Lust, mit einer Dynamitbombe in die Höhe zu gehen oder auf der Treppe ihres Hauses niedergeschossen zu werden. Sie sprachen Allan der bewußten Irreführung des Publikums, kurz des Betruges schuldig. Wiederum fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dessen Hände golden abfärbten.
Das Urteil lautete auf sechs Jahre drei Monate Gefängnis.
Es war eines jener amerikanischen Urteile, die Europa nicht fassen kann. Es war unter dem Druck des Volkes und der momentanen Lage gegeben. Auch politische Motive spielten herein. Die Wahlen standen bevor und die republikanische Regierung wollte der demokratischen Partei schmeicheln. Allan hörte das Urteil mit ruhiger Miene an und legte sofort Revision ein.
Das Auditorium aber war einige Minuten völlig erstarrt.
Dann aber sagte eine empörte, bebende Frauenstimme: »Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in den Staaten. Die Richter und Geschworenen sind von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen!«
Das war Ethel Lloyd. Diese Bemerkung kostete sie ein kleines Vermögen und dazu zehntausend Dollar für Anwälte. Und da sie während ihres Prozesses, der enormes Aufsehen erregte, den Gerichtshof abermals beleidigte, bekam sie drei Tage Haft wegen Ungebühr. Ethel Lloyd bezahlte aber freiwillig keinen Pfennig. Sie ließ sich pfänden. Und zwar übergab sie dem Gerichtsvollzieher zwei Paar Handschuhe mit Brillantknöpfen.
»Bin ich mehr schuldig?« fragte sie.
»Nein, danke,« antwortete der Beamte und zog mit den Handschuhen ab.
Als aber die Zeit herankam, da Ethel ins Loch wandern sollte, hatte sie keine Lust. Drei Tage ~jail~? ~No, Sir!~ Sie riß aus an Bord ihrer Dampfjacht »Goldkarpfen« und kreuzte in zwanzig Meilen Entfernung von der Küste, wo ihr niemand etwas anhaben konnte. Stündlich sprach sie funkentelegraphisch mit ihrem Vater. Die Funkenstationen der Zeitungen fingen alle Gespräche ab und New York amüsierte sich acht Tage lang. Der alte Lloyd lachte Tränen über seine Tochter und vergötterte sie noch mehr. Da er aber ohne Ethel nicht leben konnte, so bat er sie schließlich zurückzukehren. Er sei nicht wohl. Sofort richtete Ethel den Bug des »Goldkarpfens« gegen New York, und hier fiel sie prompt in die Hände der Gerechtigkeit.
Ethel brummte drei Tage und die Zeitungen zählten die Stunden bis zu ihrer Befreiung. Ethel kam lachend heraus und wurde von einem Park von Automobilen empfangen und im Triumph nach Hause gebracht.
Unterdessen aber saß Allan im Staatsgefängnis von Atlanta. Er verlor nicht den Mut, denn er nahm das Urteil nicht ernst.
Im Juni nahm die Revision des Prozesses ihren Anfang.
Der Riesenprozeß wurde abermals aufgerollt. Das Urteil aber blieb unangetastet und Allan kehrte nach Atlanta zurück.
Die Sache Allan ging an den Supreme Court. Und nach drei weiteren Monaten wurde der letzte Prozeß geführt. Es wurde Ernst und ging um Allans Hals.
Die finanzielle Krise war unterdessen abgeflaut. Handel, Verkehr, Industrie begannen sich zu erholen. Das Volk hatte seinen fanatischen Haß verloren. Aus hundert Anzeichen merkte man, daß jemand an der Arbeit war, Allans Sache zu ordnen. Man behauptete, es sei Ethel Lloyd. Die Zeitungen brachten günstiger gefärbte Artikel. Die Geschworenen waren ganz anders zusammengesetzt.
Allans Aussehen befremdete, als er vor dem Supreme Court erschien. Seine Gesichtsfarbe war fahl und ungesund, seine Stirn von tiefen Falten durchfurcht, die auch blieben, wenn er sprach. Er war grau geworden an den Schläfen und stark abgemagert. Der Glanz seiner Augen war erloschen. Zuweilen schien er ganz teilnahmlos.
Die Aufregungen der letzten Monate, die Prozesse hatten ihn nicht niederwerfen können. Aber die Haft in Atlanta hatten seine Gesundheit untergraben. Ausgeschaltet vom Leben und von Aktivität mußte ein Mann wie Allan zugrunde gehen; wie eine Maschine zusammensackt, wenn sie zu lange stillsteht. Er wurde ruhelos und schlief schlecht. Entsetzliche Träume bekamen Gewalt über ihn, so daß er sich am Morgen gemartert erhob. Der Tunnel verfolgte ihn mit Schrecknissen. Es donnerte in seinen Träumen und das Weltmeer brach in die Stollen und Tausende trieben wie ertrunkene Tiere zu den Tunnelmündungen hinaus. Der Tunnel saugte wie ein Trichter: er verschlang Maschinenhallen und Häuser, die Tunnelstadt glitt in den Schlund hinein, Dampfer, Wasser und Erde, New York begann sich zu neigen und zu sinken. New York brannte lichterloh und er flüchtete über die Dächer der zusammenschmelzenden Stadt. Er sah S. Woolf in drei Teile geschnitten und alle drei Teile lebten und flehten ihn um Gnade an.
Der Supreme Court sprach Allan frei. Der Freispruch wurde mit großem Jubel aufgenommen. Ethel Lloyd schwenkte das Taschentuch wie eine Fahne. Allan mußte unter Bedeckung zu seinem Wagen gebracht werden, da man ihn in Stücke gerissen hätte, um ein Andenken zu haben. Die Straßen rings um das Gebäude hallten wider: »Mac Allan! Mac Allan!«
Der Wind blies wieder aus der andern Richtung.
Allan aber hatte nur noch einen Gedanken, den er mit dem letzten Rest von Energie verfolgte: Einsamkeit, keine Menschen ...
Er begab sich nach Mac City.
Sechster Teil
1.
Der Tunnel war tot.
Ein Schritt hallte weithin in den öden Stollen und eine Stimme rumorte wie in einem Keller. In den Stationen sangen gleichmäßig still Tag und Nacht die Maschinen, von schweigsamen, verbitterten Ingenieuren bedient. Vereinzelte Züge klirrten hinein, hinaus. Nur in der submarinen Schlucht wühlten noch immer die Arbeiter der Pittsburg Refining and Smelting Co. Die Tunnelstadt war verödet, verstaubt und ausgestorben. Die Luft, die sonst wetterte vom Mahlen der Betonmischmaschinen und Hämmern der Züge, war still, die Erde zitterte nicht mehr. Im Hafen lagen Reihen von toten Dampfern. Die Maschinenhallen, die früher wie Feenpaläste glitzerten, lagen bis auf einzelne in der Nacht schwarz wie Ruinen und ohne Leben. Das Blinkfeuer des Hafens war erloschen.
Allan bewohnte das fünfte Stockwerk des Bürogebäudes. Seine Fenster gingen auf ein Meer von Geleisen hinaus, die sich leer und staubbedeckt hinzogen. In den ersten Wochen verließ er das Haus überhaupt nicht. Dann verbrachte er einige Wochen in den Stollen. Er verkehrte mit niemand außer Strom. Freunde hatte er nicht in Mac City. Hobby hatte schon lange sein Landhaus verlassen. Er hatte seinen Beruf aufgegeben und eine Farm in Maine gekauft. Im November hatte Allan eine dreistündige Besprechung mit dem alten Lloyd, die seine letzten Hoffnungen vernichtete. Entmutigt und bitter ging er noch am gleichen Tage mit einem Dampfer des Syndikats in See. Er besuchte die ozeanischen und europäischen Stationen und die Zeitungen brachten kurze Notizen darüber. Aber niemand las sie. Mac Allan war tot wie der Tunnel, neue Namen blendeten über der Welt.
Als er im Frühjahr nach Mac City zurückkehrte, kümmerte sich kein Mensch darum. Nur Ethel Lloyd!
Ethel wartete einige Wochen auf seinen Besuch bei ihrem Vater. Als er aber nichts von sich hören ließ, schrieb sie ihm ein kurzes, freundliches Billett: Sie habe erfahren, daß er wieder hier sei. Pa und sie würden sich sehr freuen, wenn er sie gelegentlich besuche. Tausend Grüße!
Allein Allan antwortete nicht.
Ethel war erstaunt und gekränkt. Sie ließ den ersten Detektiv New Yorks zu sich kommen und gab ihm den Auftrag, augenblicklich Informationen über Allan einzuziehen. Am nächsten Tag erstattete ihr der Detektiv Bericht: Allan arbeite Tag für Tag im Tunnel. Zwischen sieben Uhr und zwölf Uhr abends kehre er gewöhnlich zurück. Er lebe vollkommen abgeschlossen von der Welt und habe seit seiner Rückkehr keinen Menschen vorgelassen. Der Weg zu ihm führe über Strom, und Strom sei unerbittlicher als ein Gefängnisschließer.
Am gleichen Tage noch erschien Ethel gegen Abend in der toten Tunnelstadt, um sich bei Allan melden zu lassen. Man sagte ihr, sie möge sich an Herrn Strom wenden. Ethel, die damit rechnete, hatte schon ihre Vorbereitungen getroffen. Mit diesem Herrn Strom wollte sie schon fertig werden! Sie hatte Strom bei Allans Prozeß gesehen. Sie haßte und bewunderte ihn zu gleicher Zeit. Sie verabscheute seine unmenschliche Kälte und Menschenverachtung, aber sie bewunderte seinen Mut. Heute würde er auf Ethel Lloyd stoßen! Sie hatte sich ausgesucht gekleidet, Pelz aus sibirischem Silberfuchs, Fuchskopf und Pranken auf der Mütze. Sie setzte ihre verführerischste und siegreichste Miene auf, überzeugt, Strom augenblicklich zu blenden.
»Ich habe die Ehre, Herrn Strom zu sprechen?« begann sie mit ihrer einschmeichelndsten Stimme. »Mein Name ist Ethel Lloyd. Ich möchte gerne Herrn Allan besuchen.«
Strom aber verzog keine Miene. Weder ihr allmächtiger Name, noch der Silberfuchs, noch ihre schönen lächelnden Lippen machten auf ihn den geringsten Eindruck. Ethel hatte das demütigende Gefühl, daß ihr Besuch ihn tödlich langweile.
»Herr Allan ist im Tunnel, Fräulein Lloyd!« sagte er kühl. Sein Blick und die Frechheit, mit der er log, empörten Ethel und sie legte augenblicklich ihre liebenswürdige Maske ab und wurde bleich vor Zorn.
»Sie sind ein Lügner!« antwortete sie mit einem leisen, empörten Lachen. »Man hat mir soeben gesagt, daß er hier sei.«
Strom regte sich nicht auf. »Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu glauben, leben Sie wohl!« entgegnete er. Das war alles.
So etwas hatte Ethel Lloyd noch nie erlebt. Bebend und blaß vor Wut erwiderte sie: »Sie werden noch an mich denken, mein Herr! Bis heute hat es noch niemand gewagt, mich so unverschämt zu behandeln! Eines Tages werde ich, Ethel Lloyd, _Ihnen_ die Türe weisen! Hören Sie!«
»Ich werde dann weniger Worte machen als Sie, Fräulein Lloyd,« erwiderte Strom kühl.
Ethel sah in seine eisigen Glasaugen und sein totes Gesicht. Sie hatte Lust, ihm geradeheraus zu sagen, daß er kein Gentleman sei, aber sie beherrschte sich und schwieg. Sie warf ihm ihren verächtlichsten Blick zu (ein Blick, guter Gott!) und ging.
Und während sie mit Tränen der Wut in den Augen die Treppe hinabstieg, dachte sie: >Er ist ja auch wahnsinnig geworden, dieser Basilisk! Alle machte der Tunnel wahnsinnig, Hobby, Allan -- sie brauchen nur ein paar Jahre dabei zu sein.<
Ethel weinte vor Zorn und Enttäuschung, als sie in ihrem Wagen nach New York zurückfuhr. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, alle ihre Künste gegen diesen Strom, hinter den sich Allan verschanzte, spielen zu lassen, aber sein unverschämt kalter Blick hatte sofort ihre Überlegung weggefegt. Sie weinte aus Wut über ihre schlechte Taktik. »Nun, dieser Patron wird an Ethel Lloyd denken!« sagte sie rachsüchtig und lachte zornig. »Ich werde den ganzen Tunnel kaufen, nur um diesen Burschen hinauswerfen zu können. ~Just wait a little!~«
Bei Tisch saß sie an diesem Abend blaß und schweigsam ihrem Vater gegenüber.
»Reichen Sie Herrn Lloyd die Sauciere!« herrschte sie den Diener an. »Sehen Sie denn nicht?«
Und der Diener, der Ethels Launen recht wohl kannte, kam ihrem Befehl nach und wagte keine Miene zu verziehen.
Der alte Lloyd blickte scheu in die kalten, herrischen Augen seiner schönen Tochter.
Ethel ließ sich durch Hindernisse nicht abschrecken. Sie hatte ihr Auge auf Allan geworfen. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu sprechen, und sie schwor sich es zu tun, koste es, was es wolle. Um keinen Preis der Welt aber hätte sie sich noch einmal an Strom gewandt. Sie verabscheute ihn! Und sie war überzeugt, auch ohne diesen Strom, der kein Gentleman war, ihr Ziel zu erreichen.
An den folgenden Abenden war der alte Lloyd in die üble Lage versetzt, allein speisen zu müssen. Ethel ließ sich entschuldigen. Sie fuhr jeden Tag um vier Uhr nachmittags nach Mac City und kam um halb elf Uhr mit dem Abendzuge zurück. Von sechs bis neun Uhr aber wartete sie in einem Mietsautomobil, das sie von New York nach Mac City beordert hatte, zehn Schritte vom Haupteingang des Bürogebäudes entfernt. Eingehüllt in Pelze saß sie im Wagen, zitternd vor Frost, eigentümlich abenteuerlich erregt und gedemütigt durch die Rolle, die sie spielte, und spähte durch die gefrorenen Scheiben, in die sie von Zeit zu Zeit Löcher hauchen mußte. Trotz einiger Bogenlampen, die gleißende Höhlen in die Nacht rissen, war es draußen tiefdunkel und nur das wirre Netz der Geleise schimmerte matt. So oft sich etwas regte und jemand kam, machte Ethel ihre Augen ganz scharf und ihr Herz pochte.
Am dritten Abend sah sie Allan zum erstenmal. Er kam mit einem Herrn quer über die Trassen und sie erkannte ihn augenblicklich am Gang. Der Herr aber, der ihn begleitete, war Strom. Ethel verwünschte ihn! Die beiden gingen ganz nahe am Auto vorüber und Strom wandte das Gesicht gegen das glitzernde, vereiste Fenster. Ethel bildete sich ein, daß er erraten habe, wer im Wagen saß, und sie fürchtete schon, er werde Allan auf das Automobil aufmerksam machen. Allein Strom ging weiter, ohne ein Wort an Allan zu richten.
Ein paar Tage darauf kam Allan schon um sieben Uhr aus dem Tunnel zurück. Er sprang von einem langsam fahrenden Zug ab und stieg ohne Hast über die Geleise. Immer näher kam er, still und nachdenklich ging er seiner Wege. Gerade als er den Fuß auf die Stufen des Eingangs setzte, öffnete Ethel den Schlag des Autos und rief seinen Namen.
Allan blieb einen Moment stehen und sah sich um. Dann machte er Miene, die Stufen hinaufzusteigen.
»Allan!« rief Ethel nochmals und eilte näher.
Allan wandte sich ihr zu und forschte mit einem raschen Blick unter ihrem Schleier.
Er trug einen weiten braunen Mantel, ein Halstuch und hohe Stiefel, die voller Schmutz waren. Sein Gesicht war mager und hart. Eine Weile sahen sie einander schweigend an.
»Ethel Lloyd?« fragte Allan langsam, mit tiefer gleichgültiger Stimme.
Ethel wurde verlegen. Sie hatte Allans Stimme nur undeutlich in der Erinnerung gehabt und nun erkannte sie seine Stimme wieder. Sie zögerte, den Schleier hochzunehmen, da sie fühlte, daß sie rot geworden war.
»Ja,« sagte sie unsicher, »ich bin es,« und schob den Schleier in die Höhe.
Allan sah sie mit ernsten, klaren Augen an. »Was tun Sie hier?« fragte er.
Aber da fand Ethel ihre Fassung. Sie sah ein, daß ihre Sache verloren wäre, wenn sie in dieser Sekunde nicht den richtigen Ton träfe. Und sie traf ihn, instinktiv. Sie lachte so froh und herzlich wie ein Kind und sagte: »Es fehlte gerade noch, daß Sie mich auszankten, Allan! Ich habe mit Ihnen zu sprechen und da Sie niemand vorlassen, habe ich Ihnen zwei Stunden lang in diesem Wagen aufgelauert.«
Allans Blick änderte sich nicht. Aber seine Stimme klang nicht unfreundlich, als er sie bat einzutreten.
Ethel atmete auf. Der gefährliche Augenblick war vorüber. Sie fühlte sich froh und leicht und glücklich, als sie den Lift betrat.
»Ich habe Ihnen geschrieben, Allan?« sagte sie lächelnd.
Allan sah sie nicht an. »Ja, ja, ich weiß,« erwiderte er zerstreut und blickte zu Boden, »aber, offen gestanden, hatte ich damals --« Und Allan murmelte etwas, was sie nicht verstand. Im gleichen Augenblick hielt auch der Lift. Lion öffnete die Tür zu Allans Wohnung. Ethel tat sehr erfreut und überrascht, Lion wiederzusehen.
»Da ist ja unser alter Lion!« rief sie aus und streckte dem alten, dünnen Chinesen wie einem lieben Bekannten die Hand hin. »Wie geht es, Lion?«
»~Thank you~,« wisperte der verblüffte Lion kaum hörbar und verbeugte sich schlürfend.
Allan bat Ethel, ihn einen Augenblick zu entschuldigen, und Lion führte sie in ein großes, wohlgeheiztes Zimmer und entfernte sich sofort wieder. Ethel knöpfte den Mantel auf und zog die Handschuhe aus. Das Zimmer machte einen nüchternen und geschmacklosen Eindruck. Offenbar hatte Allan die Möbel telephonisch bei einem Warenhaus bestellt und das Arrangement einem Tapezierer überlassen. Dazu kam, daß die Vorhänge gerade abgenommen waren und man die Fensterstöcke nackt erblickte, schwarze Rechtecke mit drei, vier kalt glitzernden Sternen darin. Nach geraumer Weile kam Lion wieder und servierte Tee und Toast. Dann trat Allan ein. Er hatte sich umgekleidet und die hohen Stiefel mit Schuhen vertauscht.
»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Fräulein Lloyd,« sagte er ernst und ruhig und nahm in einem Sessel Platz. »Wie geht es Herrn Lloyd?« Und Ethel sah an seinem Gesicht, daß er sie _nicht brauchte_.
»Vater geht es gut, danke,« antwortete sie zerstreut. Sie konnte nun Allan deutlich sehen. Er war stark ergraut und sah um Jahre gealtert aus. Seine scharf gewordenen Züge waren vollkommen bewegungslos, steinern, voll verborgener Verbitterung und stummem Trotz. Seine Augen waren kalt, ohne Leben und erlaubten dem Blick nicht, in sie einzudringen.
Ethel hätte nun, wenn sie überlegt gehandelt hätte, vorerst ein belangloses Gespräch mit Allan geführt, um ihn und sich selbst mit der Situation nach und nach vertraut zu machen. Sie hatte es sich auch vorgenommen, sie wollte sogar über Strom Klage führen, aber als sie Allan so verändert, fremd und abweisend vor sich sah, ließ sie sich von ihrem Impuls fortreißen. Ihr Herz sagte ihr, daß es eine Möglichkeit geben müsse, Allan zu packen und festzuhalten.
Und augenblicklich schlug sie einen herzlichen und vertrauten Ton an, als seien sie früher die allerbesten Freunde gewesen. »Allan!« sagte sie mit einem leuchtenden Blick ihrer blauen Augen und streckte ihm die Hand hin. »Sie können nicht wissen, wie sehr ich mich freue, Sie wiederzusehen!« Sie hatte Mühe, ihre Erregung zu verbergen.
Allan gab ihr die Hand, die rauh und hart geworden war. Er lächelte ein wenig, aber in seinen Augen stand eine leise, gutmütige Verachtung für diese Art weiblicher Sympathie.
Ethel kümmerte sich nicht darum. Sie war nun nicht mehr einzuschüchtern.
Sie sah Allan an und schüttelte den Kopf. »Sie sehen nicht gut aus, Allan,« fuhr sie fort. »Das Leben, das Sie gegenwärtig führen, ist nichts für Sie. Ich begreife recht wohl, daß Sie für einige Zeit Ruhe und Abgeschlossenheit nötig hatten, aber ich glaube nicht, daß es für Sie auf die Dauer gut ist. Seien Sie nicht böse, daß ich Ihnen das sage. Sie brauchen Ihre Arbeit -- der _Tunnel_ fehlt Ihnen! Nichts sonst!«
Sie traf die Wahrheit, sie traf Allan mitten ins Herz. Allan saß da und starrte Ethel an. Er erwiderte kein Wort und machte auch nicht den geringsten Versuch, sie zu unterbrechen.
Ethel hatte ihn überrumpelt und sie nützte seine Verblüfftheit nach Kräften aus. Sie sprach nun so rasch und erregt, daß es überhaupt unmöglich gewesen wäre, ihr, ohne unhöflich zu werden, ins Wort zu fallen. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er sich selbst von seinen Freunden völlig zurückgezogen habe, daß er sich in dieser toten Stadt vergrabe; sie schilderte ihm ihr Erlebnis mit Strom, sie sprach von Lloyd, von New York, von Bekannten und kam immer wieder auf den Tunnel zurück. Wer sollte denn den Tunnel vollenden, wenn nicht er? Wem würde die Welt diese Aufgabe anvertrauen? Und ganz abgesehen von all dem, sie wolle es ihm offen heraussagen: er würde zugrunde gehen, wenn er die Arbeit nicht bald wieder aufnähme ...
Allans graue Augen waren dunkel und düster geworden, soviel Gram, Schmerz, Bitterkeit und Verlangen hatte Ethel in ihm aufgewühlt.
»Weshalb sagen Sie mir all das?« fragte er, und ein unwilliger Blick traf Ethel.
»Ich habe gar kein Recht, Ihnen das zu sagen, das weiß ich wohl,« antwortete sie, »wenn nicht etwa das Recht einer Freundin oder Bekannten. Aber ich sage Ihnen das, weil --« Jedoch Ethel konnte keinen Grund angeben und fuhr fort: »Ich mache Ihnen nur Vorwürfe, daß Sie sich in diesem gräßlichen Zimmer hier vergraben, anstatt Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen und den Tunnel fertig zu bauen.«
Allan schüttelte nachsichtig den Kopf und lächelte resigniert. »Fräulein Lloyd,« entgegnete er, »Sie werden mir vollkommen unverständlich. Ich habe ja Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und ich versuche noch täglich das Mögliche. Vorläufig ist an die Aufnahme der Arbeit nicht zu denken.«
»Warum nicht?«
Allan sah sie erstaunt an. »Wir haben kein Geld,« sagte er kurz.
»Wer soll aber Geld schaffen können, wenn nicht _Sie_?« versetzte Ethel rasch, mit einem leisen Lachen. »Solange Sie sich hier einsperren, wird Ihnen allerdings niemand Geld geben.«
Allan wurde des Gesprächs müde. »Ich habe alles versucht,« erwiderte er und Ethel hörte am Ton seiner Stimme, daß sie ihm lästig wurde.
Sie griff nach den Handschuhen, und während sie in den linken Handschuh schlüpfte, fragte sie: »Haben Sie auch mit Papa gesprochen?«
Allan nickte und wich ihrem Blick aus.
»Mit Herrn Lloyd? Gewiß!« entgegnete er.
»Nun, und?«
»Herr Lloyd machte mir nicht die geringsten Hoffnungen mehr!« erwiderte er und sah Ethel an.
Ethel lachte, ihr leichtes, kindliches Lachen.
»Wann,« sagte sie, »Allan, wann war das?«
Allan dachte nach. »Das war im verflossenen Herbst.«