Part 23
Blackstones Besonnenheit ist es zu danken, daß eine ungeheure Katastrophe vermieden wurde. Sein gellender Schrei weckte die Überlegung der sinnlos gewordenen Masse. Im Building befanden sich zurzeit viele Tausende. Sie strömten den Ausgängen zu, stießen aber hier auf eine Mauer von Menschen. Es schien zunächst, als ob die Menschen auf der Straße neugierig zusehen wollten, was jetzt geschehen würde. Endlich aber, aufgepeitscht durch Blackstones Schreie -- wandten sie sich um und stießen hundertfältig Blackstones Warnungssignal aus: »Zurück, das Building brennt!« Die Menge wurde in die Nebenstraßen gepreßt, sie flutete ab.
Über die breiten Granittreppen des Gebäudes stürzte ein wilder Wasserfall von Köpfen, Armen und Beinen und Strudeln von Menschen, die auf die Straße rollten, sich aufrafften und entsetzt flohen. Sie alle hatten sie gesehen, während sie die Treppen hinabhagelten -- da drinnen -- die schrecklichen: die brennenden Lifts! Lifts, drei, vier, angefüllt mit brennenden Papierbündeln, die in die Höhe schossen und aus denen das Feuer herabtropfte.
Blackstone wurde plötzlich wieder im Rauch sichtbar. Er wurde rasch größer und auf einmal kam er näher: er war gesprungen! Blackstone stürzte in eine Gruppe Fliehender, und es ist sonderbar, daß niemand verletzt wurde. Die Fliehenden spritzten auseinander wie Schmutz, in den ein Steinblock fällt. Sie erhoben sich alle blitzschnell wieder und nur Blackstone blieb liegen. Man trug ihn fort, aber er erholte sich rasch, er hatte sich nur einen Fuß ausgerenkt.
Von Blackstones erstem Ruf bis zu seinem Sprung waren keine fünf Minuten vergangen. Zehn Minuten später wimmelten Pinestreet, Wallstreet, Thomasstreet, Cedar-, Nassaustreet und Broadway von Löschzügen, qualmenden Dampfspritzen und Ambulanzen. Alle Depots New Yorks spien Löschzüge aus.
Kelly, der Kommandeur der Wehr, erkannte augenblicklich die große Gefahr, in der das Geschäftsviertel schwebte. Er rief sogar »Bezirk 66« zu Hilfe, das heißt Brooklyn, was seit dem großen Brand des Equitable Buildings nicht mehr geschehen war. Die Nordpassage der Brooklynbrücke wurde gesperrt, und acht Dampfspritzen mit den zugehörigen Zügen flogen über die gespenstisch im Winterdunst hängende Brooklyn-Bridge nach Manhattan. Das Tunnelgebäude qualmte aus allen Fugen wie ein 32stöckiger Riesenofen. Es war umtobt von Schlachtsignalen, warnenden, schauerlichen Hornrufen, gellenden Glockenschreien, trillernden Pfiffen.
Das Feuer war im dritten Stock und in den Lifts gelegt worden, die man in die Höhe sausen ließ. Niemand konnte später sagen, wer diese Teufelei verübt hatte.
Die brennenden Lifts stürzten ab, wie Bergsteiger, denen an einer steilen Wand die Kräfte ausgehen, einer nach dem andern. Aus dem Souterrain prasselte nach jedem Sturz eine Wolke glühenden Staubs empor. Im Vestibül, im Liftschacht dröhnten Kanonenschüsse und knatterte Schnellfeuer: die Hitze zog unter Krachen die Dielen der Schachtverschalung aus den Schrauben. Der Liftschacht wurde zu einer heulenden Säule von glühender Luft, die die brennenden Briefballen mit nach oben riß. Sie durchschlug den Lichtdom, und eine Fontäne von Funken stieß aus dem Dach empor. Das Building verwandelte sich in einen Vulkan, der brennende Papierfetzen und glühende Briefballen ausspie, die wie Raketen in die Luft stiegen und wie Geschosse über Manhattan dahinsurrten.
Um den glühenden Krater da droben aber kreiste in tollkühner Nähe eine Flugmaschine, wie ein Raubvogel, dessen Horst verbrannte: Photographen der Edison-Bio, die das schneebedeckte Hochgebirge von Wolkenkratzern mit dem aktiven Vulkan in der Mitte aus der Vogelperspektive kinematographisch aufnahmen.
Von dem Liftschacht aus kroch das Feuer durch die Türen in die einzelnen Stockwerke.
Die Fensterscheiben flogen mit einem hellen Knall heraus und zerschellten an den gegenüberliegenden Gebäuden. Die eisernen Fensterstöcke wurden von der Hitze gebogen, herausgeschleudert und wirbelten mit dem hohlen surrenden Geräusch von Aeroplanpropellern durch die Luft. Das Zink, mit dem Fensterbleche und Dachrinnen gelötet waren, schmolz und prasselte als glühender Regen herab. (Für diese Zinkklumpen zahlte man später hohe Preise!)
Kelly schlug eine heroische Schlacht. Er legte fünfundzwanzig Kilometer Schlauchleitungen, aus hundertzwanzig Rohren schoß er Hunderttausende von Gallonen Wasser in das brennende Gebäude. Im ganzen verschlang dieser Brand fünfundzwanzig Millionen Gallonen Wasser und er kostete der Stadt New York hundertdreißigtausend Dollar -- dreißigtausend mehr als der große Brand des Equitable-Buildings 1911.
Kelly kämpfte mit dem Feuer und mit der Kälte zu gleicher Zeit. Die Hydranten froren ein, die Schläuche barsten. Fußdick lag die Eiskruste auf der Straße. Das Eis schlug einen dicken Mantel um das brennende Gebäude. Pinestreet war fußhoch mit Eiskörnern bedeckt, denn der Wind verwehte das Wasser und verwandelte es in Eislapilli, die auf die Straße herabregneten.
Kelly hatte mit seinen Bataillonen den Feind umzingelt und schlug acht Stunden lang alle Ausfälle zurück. Auf den Dächern ringsum fochten Kellys Bataillone, halb erstickt vom Rauch, mit Eisklumpen bedeckt in einer Kälte von zehn Grad Celsius. Zwischen ihnen schossen Journalisten hin und her und die Kinematographen drehten mit erstarrten Händen die Kurbel. Auch sie arbeiteten bis zur Erschöpfung.
Das Gebäude war aus Beton und Eisen und konnte nicht abbrennen, obwohl es glühte, daß Legionen von Fensterscheiben in der Nachbarschaft platzten. Aber es brannte vollkommen aus.
11.
Allan flüchtete über das Dach der Mercantile Safe Co., das acht Stockwerke unter ihm lag.
Er hatte einige Minuten, nachdem ihn die Frechdachse durch ihr Geschrei herausgelockt hatten, den Ausbruch des Feuers bemerkt. Als Lion taumelnd vor Angst und Aufregung zu ihm geeilt kam, hatte er schon den Mantel angezogen und den Hut auf dem Kopf. Er war dabei, Briefschaften von den Tischen aufzuraffen und in die Taschen zu stecken.
»Das Building brennt, Sir!« keuchte der Chinese. »Die Lifts brennen!«
Mac warf ihm Schlüssel zu. »Öffne den Tresor und schreie nicht!« sagte er. »Das Gebäude ist feuersicher.« Allan war gelb im Gesicht, betäubt von dem neuen Unglück, das über ihn hereinbrach. »Das ist das Ende!« dachte er. Er war nicht abergläubisch! Aber nach all den Schicksalsschlägen drängte sich ihm der Gedanke auf, daß ein Fluch auf dem Tunnel liege! Ganz mechanisch, ohne recht zu wissen, was er tat, raffte er Zeichnungen und Pläne und Schriftstücke zusammen.
»Der kleine Stift mit den drei Zacken, Lion, flenne nur nicht!« sagte er, und verwirrt und betäubt wiederholte er ein paarmal: »Flenne nur nicht ...«
Das Telephon schrillte. Es war Kelly, der Allan sagte, er solle über die Ostwand nach dem Dach der Mercantile Safe Co. absteigen. Von Minute zu Minute schrillte das Telephon -- es sei höchste Zeit! -- bis Allan den Apparat abstellte.
Er ging von Tisch zu Tisch, von Gestell zu Gestell und zog Pläne und Schriftstücke hervor und warf sie Lion zu.
»Das muß alles in den Tresor, Lion! Vorwärts!«
Lion war halb irrsinnig vor Angst. Aber er wagte keine Silbe mehr zu sagen, nur seine Lippen bewegten sich, als ob er einen alten Hausgott anrufe. Mit einem Seitenblick hatte er sich überzeugt, daß ein Gewitter im Gesicht seines Herrn stand, ein Hagelwetter, und er hütete sich, ihn zu reizen.
Plötzlich klopfte es. Sonderbar! In der Türe erschien der Deutschrusse Strom. Er stand in der Türe, in einem kurzen Mantel, den Hut in der Hand, nicht unterwürfig und nicht aufdringlich. Er stand, als habe er die Absicht, geduldig zu warten, und sagte: »Es wird Zeit, Herr Allan.« Es war Allan rätselhaft, wie Strom heraufgekommen war, aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Es fiel ihm ein, daß Strom in New York war, um mit ihm über die Verringerung des Heeres von Ingenieuren zu sprechen.
»Gehen Sie voran, Strom!« sagte er unwirsch. »Ich komme schon!« Und er wühlte weiter in den Stößen von Papieren. Draußen quoll der Rauch an den Fenstern vorbei und in der Tiefe winselten die Signale der Wehren.
Da fiel Allans Blick nach einer Weile wieder gegen die Türe: Strom stand immer noch still wartend, den Hut in der Hand.
»Sie sind noch da?«
»Ich warte auf Sie, Allan,« erwiderte der bleiche Strom bescheiden und bestimmt.
Plötzlich drang eine Wolke von Rauch ins Zimmer und mit dem Rauch erschien ein Offizier der Wehr mit einem weißen Helm auf dem Kopf. Er hustete und rief: »Kelly schickt mich. In fünf Minuten können Sie nicht mehr aufs Dach, Herr Allan!«
»Ich brauche gerade noch fünf Minuten,« antwortete Allan und fuhr fort, Papiere aufzuraffen.
In diesem Augenblick wurde das Knipsen eines photographischen Apparates hörbar, und als sie sich umdrehten, sahen sie einen Photographen, der Allan aufs Korn genommen hatte.
Der Offizier mit dem weißen Helm wurde vor Erstaunen einen Schritt zurückgeworfen.
»Wie kommen Sie hierher?« fragte er verblüfft.
Der Photograph knipste den verblüfften Offizier. »Ich bin hinter Ihnen hergeklettert,« antwortete er.
Allan mußte trotz seiner Niedergeschlagenheit laut auflachen. »Lion, Schluß, drehe ab! Nun, kommen Sie!«
Ohne einen Blick in sein Arbeitszimmer zurückzuwerfen ging er durch die Türe.
Der Korridor war eine dicke, finstere Masse von ätzendem Qualm. Es war höchste Zeit. Unter unausgesetzten Zurufen erreichten sie die schmale Eisentreppe und das Dach, auf dem an drei Seiten graue Rauchmauern in die Höhe wirbelten und die Aussicht benahmen.
Sie kamen gerade in dem Augenblick oben an, als der Glasdom einstürzte und sich in der Mitte des Daches ein Krater öffnete, der Rauch, Funkenregen, Feuerklumpen und brennende Papierfetzen ausspie. Dieser Anblick war so entsetzlich, daß Lion laut zu jammern anfing.
Der Photograph aber war verschwunden. Er photographierte den Krater. Er richtete die Linse über New York, hinunter in die Straßenschluchten, auf die Gruppe auf dem Dach. Er geriet in eine Raserei zu photographieren, so daß der Offizier sich schließlich gezwungen sah, ihn am Kragen zu packen und zur Leiter zu schleppen.
»~Stop, you fool!~« schrie der Offizier wütend.
»Was sagen Sie: ~fool~?« antwortete der Photograph entrüstet. »Dafür werden Sie bezahlen. Ich kann hier photographieren, solange ich will. Sie haben gar kein Recht --«
»~Now shut up and go on!~« schrie der Offizier.
»Was sagen Sie: ~shut up~? Auch dafür werden Sie bezahlen. Mein Name ist Harrisson vom Herald. Sie hören von mir.«
»Meine Herren, haben Sie Handschuhe? Das Fleisch bleibt Ihnen an den eisernen Leitern hängen.«
Der Offizier befahl dem Photographen, als erster abzusteigen.
Aber der Photograph wollte gerade den Abstieg aufnehmen und protestierte.
»Vorwärts,« sagte Allan. »Verlassen Sie das Dach. Machen Sie keine Dummheiten!«
Der Photograph warf den Riemen über die Schulter und stieg über die Brüstung.
»Sie haben ja allein das Recht, mich von Ihrem Dach zu weisen, Herr Allan,« sagte er tief gekränkt, während er langsam versank. Und als nur noch sein Kopf sichtbar war, fügte er hinzu: »Aber daß Sie von Dummheiten reden, das bedaure ich, Herr Allan. Von Ihnen hätte ich das nicht erwartet.«
Nach dem Photographen stieg Lion ein, der ängstlich unter sich blickte, dann Strom, hierauf Allan und den Schluß machte der Offizier.
Sie hatten acht Stockwerke abzusteigen, rund hundert Sprossen. Der Rauch war hier gering, aber weiter unten waren die Sprossen so dick mit Eis bedeckt, daß man sie kaum mehr greifen konnte. Unaufhörlich stieb Wasser über sie, das augenblicklich zu Körnern auf den Kleidern und im Gesicht gefror.
Dächer und Fenster der Nachbarschaft waren von Neugierigen punktiert, die dem Abstieg zusahen, der gefährlicher aussah, als er war.
Sie kamen alle wohlbehalten auf dem Dach der Mercantile Safe Co. an, und hier erwartete sie schon der Photograph und kurbelte.
Das Dach sah einem Gletscher ähnlich und ein kleiner spitzer Eisberg näherte sich Allan. Das war der Kommandeur Kelly. Zwischen den beiden, alten Bekannten, wurden folgende Worte gewechselt, die am selben Abend noch in allen Zeitungen standen.
Kelly: »~I am glad I got you down, Mac!~«
Allan: »~Thanks, Bill!~«
12.
Bei diesem Riesenbrande, einem der größten Brände New Yorks, verloren wunderbarerweise nur sechs Menschen das Leben: Joshua Gilmor, Kassendiener, mit Kassierer Reichhardt und Kassenvorstand Webster in der Stahlkammer vom Feuer überrascht. Die Schutzgitter werden durchsägt, gesprengt, Reichhardt und Webster gerettet. Als man Gilmor herausziehen will, verschüttet eine Lawine von Schutt und Eis das Gitter. Gilmor fror am Gitter fest.
Die Architekten Capelli und O'Brien. Springen vom 15. Stock ab und zerspritzen auf der Straße. Feuerwehrmann Riwet, vor dessen Füßen sie zerschellen, erleidet einen Nervenchok und stirbt drei Tage später am Schrecken.
Commander Day. Von einem einstürzenden Fußboden des dritten Stockwerkes mit in die Tiefe gerissen und vom Schutt erschlagen.
Der Groom Sin, Chinese. Bei den Aufräumungsarbeiten in einem Eisklumpen eingeschlossen aufgefunden. Zum nicht geringen Entsetzen aller kommt, als man den Klumpen zerschlägt, der fünfzehnjährige Chinese in seinem hübschen blauen Frack zum Vorschein, die Mütze mit den Lettern ~A. T. S.~ auf dem Kopf.
Heldenhaft war die Handlungsweise des Maschinisten Jim Buttler. Buttler drang in das brennende Gebäude ein und löschte die acht Kesselfeuer in voller Gemütsruhe, während über ihm das Feuer tobte. Er verhütete eine Kesselexplosion, die verhängnisvoll hätte werden können. Jim tat seine Pflicht und verlangte kein Lob. Aber er war nicht so töricht, das Angebot eines Managers zurückzuweisen, der ihn bei einer Monatsgage von 2000 Dollar durch ganz Amerika schleppte und ihn in ~concerthalls~ auftreten ließ.
Drei Monate lang sang Buttler jeden Abend sein kleines Lied:
»Ich bin Jim, der Maschinist vom ~A. T. S.~ »Die Flammen brausen über mir, »Ich aber sage: Jim, lösch deine Feuer ...«
New York war erfüllt von Feuerlärm und Brandgeruch.
Während sich noch der Qualm des Brandes über Downtown wälzte und verkohlte Papierstücke aus dem grauen Himmel herabregneten, brachten die Zeitungen das brennende Building, Kellys kämpfende Bataillone, die Bildnisse der beim Brand Verunglückten, den Abstieg Allans und seiner Begleiter.
Das Syndikat wurde totgesagt. Der Brand war eine Einäscherung erster Klasse. Der Schade war trotz der Versicherungen enorm. Verhängnisvoller aber war die Unordnung, die der rasende Pöbel und das Feuer angerichtet hatten. Millionen von Briefen, Quittungen und Plänen waren zerstört. Nach dem amerikanischen Gesetz müssen Generalversammlungen am ersten Dienstag des Jahres abgehalten werden. Der Dienstag fiel vier Tage nach dem Brand, und das Syndikat erklärte an diesem Tage den Konkurs.
Das war das Ende.
Noch am Abend der Konkurserklärung sammelte sich vor dem Central-Park-Hotel, in dem Allan Wohnung genommen hatte, eine Rotte von Gesindel an und pfiff und johlte. Der Manager fürchtete für seine Fensterscheiben und legte Allan Briefe vor, in denen man drohte, das Hotel auffliegen zu lassen, wenn es Allan noch länger beherberge.
Mit einem bitteren, verächtlichen Lächeln gab Allan die Briefe zurück. »Ich verstehe!« Er siedelte unter fremdem Namen ins Palace über. Am nächsten Tage aber mußte er auch das Palace wieder verlassen. Drei Tage später nahm ihn kein Hotel in New York mehr auf! Dieselben Hotels, die früher jeden regierenden Fürsten an die Luft gesetzt haben würden, wenn Allan die Zimmer gewünscht hätte, verschlossen ihm die Tür.
Allan war gezwungen New York zu verlassen. Nach Mac City konnte er nicht übersiedeln, da man gedroht hatte, die Tunnel-Stadt in Brand zu stecken, sobald er sich dort sehen lasse. So fuhr er mit dem Nachtzug nach Buffalo. Die Mac Allanschen Steel Works wurden polizeilich bewacht. Allans Anwesenheit konnte indessen nicht lange geheim bleiben. Man drohte die Steel Works in die Luft zu sprengen. Um Geld zu schaffen hatte Allan die Werke bis auf den letzten Nagel an Mrs. Brown, jene reiche Wucherin, verpfändet. Sie waren nicht mehr sein Eigentum und er durfte sie nicht in Gefahr bringen.
Er ging nach Chicago. Aber auch in Chicago gab es Hunderttausende, die am Tunnel Geld verloren hatten. Man vertrieb ihn auch hier. Die Fensterscheiben des Hotels wurden in der Nacht eingeschossen.
Allan war in Acht und Bann. Noch vor kurzer Zeit war er einer der mächtigsten Männer der Welt, von allen Souveränen mit Auszeichnungen überschüttet, Ehrendoktor einer großen Anzahl von Hochschulen, Ehrenmitglied aller bedeutenden Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften. Jahrelang hatte man ihm zugejubelt und zuweilen nahm die Begeisterung Formen an, die an den Personenkultus früherer Zeiten erinnerte. Kam Allan zufällig einmal in einen Hotelsaal, so schrie sofort irgendeine begeisterte Stimme: »Mac Allan ist im Saal! ~Three cheers for Mac~!« Eine Meute von Journalisten und Photographen war ihm Tag und Nacht auf den Fersen gewesen. Er konnte kein Wort sprechen, keine Bewegung machen, ohne daß es die Öffentlichkeit hörte und sah.
Nach der Katastrophe hatte man ihn gedeckt. Es handelte sich ja nur um dreitausend Menschenleben! Nun aber handelte es sich um _Geld_, die Öffentlichkeit war ins Herz getroffen und zeigte ihm ihr geschliffenes Gebiß.
Allan hatte dem Volk Millionen und Milliarden gestohlen! Allan hatte für sein irrsinniges Projekt die Sparpfennige des kleinen Mannes geplündert! Allan war nicht mehr und nicht weniger als ein Highway-robber, ein Wegelagerer! Er und der saubere S. Woolf! Er hatte ja die ganze Tunnelfarce lediglich zu dem Zweck inszeniert, seinem Allanit einen Riesenabsatz zu schaffen -- jährlich eine Million Dollar Reingewinn! Sieh dir heute die Allanschen Steel Works in Buffalo an, ~my dear~: eine Stadt! Und gewiß hatte Allan sein Geld in Sicherheit gebracht, bevor es zu krachen begann! Jeder Liftboy und Trambahnkutscher schrie so laut, wie man es nur immer wollte, daß Mac der größte Gauner aller Zeiten war!
Im Anfang gab es noch einzelne Zeitungen, die Allans Partei ergriffen. Aber es regnete Drohungen und nicht mißzuverstehende Winke in die Redaktionen -- und was mehr war: niemand kaufte diese Zeitungen mehr! Ja, Tod und Teufel, man wollte doch nicht lesen, was man persönlich nicht dachte und noch dafür bezahlen! Und die Zeitungen, die sich verritten hatten, schwenkten ab und suchten aufzuholen. Es fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dem die Gabe verliehen war, Trinkgelder von richtiger Höhe in die richtige Hand zu drücken.
Allan tauchte in verschiedenen Städten auf, aber immer mußte er wieder verschwinden. Er war der Gast Vanderstyffts in Ohio, aber siehe da, einige Tage später gingen drei Speicher von Vanderstyffts Musterfarm in Flammen auf. Die Prediger in den Betsälen nützten die Konjunktur aus und nannten Allan den Antichrist und machten gute Geschäfte dabei. Niemand wagte es mehr, Allan aufzunehmen. Auf Vanderstyffts Farm erreichte ihn ein Telegramm Ethel Lloyds.
»~My dear Mr. Allan,~« depeschierte Ethel, »Papa bittet Sie, auf unserm Gut Turtle-River, Manitoba, Wohnung zu nehmen, so lange Sie wollen. Pa würde sich sehr freuen, wenn Sie sein Gast wären. Sie können dort Forellen fischen und finden gute Pferde vor. Besonders Teddy empfehle ich Ihnen. Wir kommen im Sommer zu Ihnen. New York fängt schon an ruhiger zu werden. ~Well, I hope you have a good time. Yours truly Ethel Lloyd.~«
In Kanada fand Allan endlich Ruhe. Niemand kannte seinen Aufenthalt. Er war verschollen. Einige Zeitungen, die von sensationellen Lügen lebten, brachten die Aufsehen erregende Nachricht, daß er sich getötet habe.
»Der Tunnel verschlingt Mac Allan!«
Aber jene, die ihn kannten und wußten, daß er sechs Leben habe wie der Hai, prophezeiten, daß er bald wieder auftauchen werde. Und in der Tat kehrte er früher nach New York zurück, als jemand geahnt hatte.
Der Zusammenbruch des Syndikats hatte noch Hunderte mit in die Tiefe gerissen. Viele Privatleute und Firmen, die der erste Stoß erschüttert hatte, hätten sich zu behaupten vermocht, wenn man ihnen ein paar Wochen Frist gegeben haben würde. Der zweite Stoß rannte sie nieder. Im großen und ganzen aber waren die Folgen des Bankrotts weniger verderbenbringend, als man befürchtet hatte. Der Bankrott kam nicht unerwartet. Sodann: die allgemeine Lage war so schlecht, daß sie kaum noch schlechter werden konnte. Es war die traurigste und elendeste Zeit seit hundert Jahren. Die Welt war um zwanzig Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen worden. Der Streik begann abzuflauen, aber Handel, Verkehr, Industrie lagen noch immer in einer tiefen Ohnmacht. Bis hinauf nach Alaska, bis hinein in die Berge des Baikal und die Wälder am Kongo war die Betäubung gedrungen. Auf dem Missouri-Mississippi, dem Amazonenstrom, der Wolga, dem Kongo lagen Flotten von Dampfern und Leichtern ohne Leben.
Die Asyle für Obdachlose waren überfüllt, ganze Stadtviertel in den großen Städten verarmt. Jammer, Hunger und Elend überall.
Es war Torheit zu behaupten, Allan habe diese Lage verschuldet. Wirtschaftliche Krisen aller Art spielten herein. Aber man behauptete es. Die Zeitungen hörten nicht auf, Allan anzuklagen. Sie schrien Tag und Nacht, daß er dem Volk mit falschen Vorspiegelungen das Geld aus der Tasche gelockt habe. Nach siebenjähriger Bauzeit sei noch nicht ein Drittel des Tunnels vollendet! Niemals, niemals habe er daran geglaubt, den Bau in fünfzehn Jahren bewältigen zu können, und das Volk schamlos belogen!
Endlich, Mitte Februar, erschien in den Zeitungen ein Steckbrief hinter Mac Allan, Erbauer des Atlantic-Tunnels. Allan wurde angeklagt, das öffentliche Vertrauen bewußt getäuscht zu haben.
Drei Tage später hallte New York wider von dem Geheul der Zeitungsverkäufer: »Mac Allan in New York! Stellt sich dem Gericht!«
Die Konkursverwaltung des Syndikats bot eine ungeheure Kaution, ebenso Lloyd, aber Allan wies beide Angebote zurück. Er blieb in den »Tombs«, im Untersuchungsgefängnis der Franklinstreet. Täglich empfing er auf einige Stunden Strom, in dessen Hände er die Verwaltung des Tunnels gelegt hatte und konferierte mit ihm.
Strom hatte mit keiner Miene, keinem Wort sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß Allan in diese mißliche Lage gekommen sei, nicht mit einem Lächeln seine Freude, ihn wiederzusehen. Er referierte, nichts sonst.
Allan war angestrengt tätig, so daß ihm die Zeit nicht lang wurde. Er speicherte ein Depot an Gehirn auf, das sich später (später!) in Muskelkraft umsetzen sollte. Während seiner Internierung in den »Tombs« arbeitete er die Baumethode für die einstollige Fortführung des Tunnels aus. Außer Strom empfing er nur seine Verteidiger, sonst niemand.
Ethel Lloyd ließ sich einmal bei ihm melden, aber er wies sie ab.
Der Prozeß Allans begann am 3. April. Schon Wochen vorher war jeder einzelne Platz des Verhandlungssaales belegt. Man bezahlte Unsummen für die Vermittlung eines Platzes. Es kamen die frechsten und schamlosesten Durchstechereien vor. Besonders die Damen gebärdeten sich wie toll: sie alle wollten sehen, wie _Ethel Lloyd sich benehmen würde_!
Den Vorsitz führte der gefürchtetste Richter von New York, Doktor Seymour.
Mac Allan standen die vier ersten Verteidiger der Staaten zur Seite, Boyer, Winsor, Cohen und Smith.
Der Prozeß dauerte drei Wochen, und drei Wochen lang befand sich Amerika in ungeheurer Erregung und Spannung. Der Prozeß war die minuziöse Geschichte der Gründung des Syndikats, der Finanzierung, des Baus und der Verwaltung des Tunnels. Auch sämtliche Unfälle und die Oktober-Katastrophe wurden ausführlich erörtert. Die Damen, die bei der Vorlesung vollendeter Dichtungen einschlafen, blieben bei all diesen Einzelheiten, die niemand verstehen konnte, der nicht mit der Materie genau vertraut war, gespenstisch wach.
Ethel Lloyd fehlte keine Stunde. Während der ganzen Dauer der Verhandlung saß sie, aufmerksam lauschend, fast ohne Bewegung in ihrem Sessel.