Der Tunnel: Roman

Part 22

Chapter 223,492 wordsPublic domain

»~Extra! Extra! Here you are! Hýa! Hýa! All about suicide of Banker Woolf! All about Woolf!~«

Die Zeitungsverkäufer rasten wie wilde Pferde dahin, und die Straßen, die Woolf heute durchwandert hatte, hallten wider von seinem Namen.

»Woolf! Woolf! Woolf!«

»Woolf in drei Teile geschnitten!«

»Der Tunnel verschlingt Woolf!«

»Woolf! Woolf! Woolf!« Jedermann hatte hundertmal seinen 50 ~PS~-Wagen den Broadway entlangrollen sehen, mit dem silbernen Drachen, der wie ein Ozeandampfer brummte. Jedermann kannte seinen zottigen Büffelschädel. S. Woolf war ein Teil von New York und nun war er tot! S. Woolf, der das größte Vermögen verwaltete, das je ein Mensch unter sich hatte! Die dem Syndikat günstig gesinnten Blätter schrieben: »Unglücksfall oder Selbstmord?« Die feindlichen: »Erst Rasmussen! -- Jetzt Woolf!!«

»Woolf, Woolf, Woolf!« Die Zeitungsboys bellten den Namen hinaus und stießen Rauchwolken in die neblige Straße. Es hörte sich an wie das heisere Heulen von Wölfen, die ihre Beute zerfleischen.

Allan erfuhr Woolfs schrecklichen Tod fünf Minuten nach dem Vorfall. Ein Detektiv sprach ihn durchs Telephon.

Verstört, unfähig zu arbeiten ging er in seinem Arbeitsraum hin und her. Die Straßen waren angefüllt mit Nebel und nur die Wolkenkratzer ragten über das Nebelmeer hinaus, von der sinkenden Sonne düster beleuchtet. New York tobte und heulte in der Tiefe: _der Skandal war im Gang_! Erst nach geraumer Zeit war es ihm möglich, mit dem Chef des Pressebüros und dem interimistischen Leiter des finanziellen Ressorts beraten zu können. Die ganze Nacht hindurch verfolgte ihn der letzte Eindruck Woolfs, wie er leichenfarben, nach Atem ringend, im Sessel lag ...

»Es ist der Tunnel!« sagte Allan zu sich. Er fühlte sich von Drohung und Unglück umringt und fröstelte. Er sah eine hoffnungslose Zeit kommen. »Nun wird es _Jahre_ dauern --!« dachte er und wanderte schlaflos auf und ab.

Der Tod Woolfs hielt Tausende in dieser Nacht wach. Als Rasmussen sich erschoß, war man nervös geworden, Woolfs Tod aber erschreckte die ganze Welt. Das Syndikat wankte! Alle großen Banken der Welt waren mit Milliarden am Tunnel beteiligt, die Industrie mit Milliarden, das Volk, bis herab zu den Zeitungsverkäufern, mit Milliarden. Die Erregung fieberte von San Franzisko bis Petersburg, von Sidney bis Kapstadt. Die Presse aller Kontinente schürte die Besorgnis. Die Papiere des Syndikats fielen nicht, sie stürzten! Woolfs Tod war der Beginn des »großen Erdbebens«.

Die einberufene Versammlung der Großaktionäre des Syndikats dauerte zwölf Stunden und glich einer erbitterten, höllischen Schlacht, in der sich früher besonnene Menschen zerfleischten. Das Syndikat hatte am 2. Januar Hunderte von Millionen Zinsen und Teilzahlungen zu entrichten, Riesensummen, für die keine genügende Deckung vorhanden war.

Die Versammlung veröffentlichte ein Communiqué, worin sie erklärte, daß die finanzielle Situation momentan wenig günstig sei, die Hoffnung einer Sanierung aber nicht von der Hand gewiesen werden könne. Dieses Communiqué enthielt in notdürftig verschleierter Form die ganze fatale Wahrheit.

Am nächsten Tage konnte man Zehn-Dollar-Shares für einen Dollar kaufen. Ein Heer von Privatpersonen, vor Jahren von der allgemeinen Spekulationswut fortgerissen, war ruiniert. Über ein Dutzend Opfer forderte dieser erste Tag. Die Banken wurden gestürmt. Nicht nur jene, deren hohe Beteiligung am Syndikat bekannt war, auch viele, die gar nichts damit zu tun hatten, wurden vom Morgen bis zum Abend belagert und die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Eine ganze Reihe von Instituten sah sich gezwungen, die Schalter zu schließen, da die Barmittel erschöpft waren. Die Krise von 1907 war ein Scherz gegen diese. Einige kleine Bankhäuser krachten schon beim ersten Ansturm zusammen. Aber selbst die Großbanken erzitterten von unten bis oben in der Brandung, die gegen sie anlief. Vergebens versuchten sie die Öffentlichkeit durch Bekanntmachungen zu beruhigen. New York City-Bank, Morgan Co., Lloyd, American zahlten im Laufe von _drei_ Tagen Summen von schwindelnder Höhe aus. Die Telegraphisten sanken um vor Erschöpfung. Die Bankpaläste waren die ganze Nacht taghell erleuchtet, Direktoren, Kassierer, Sekretäre kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Das Geld wurde immer teurer. Hatte die Panik von 1907 den Zinsfuß für tägliches Geld auf 80 bis 130 Prozent getrieben, so kostete es heute 100 bis 180 Prozent! Es war zuweilen überhaupt unmöglich, tausend Dollar zu leihen. »New York City« wurde von Gould gehalten, Lloyds Bank verteidigte sich selbst bis aufs Messer, American erhielt Unterstützungen von der Bank of London. Abgesehen von dieser Bank war kein Cent von europäischen Banken zu erhalten: diese Banken setzten sich selbst in fieberhafter Hast in Verteidigungszustand. An den Börsen von New York, Paris, London, Berlin, Wien trat eine beispiellose Deroute ein. Ein Heer von Firmen stellte die Zahlungen ein. Kein Tag verging ohne Bankerotte, kein Tag ohne Opfer. Woolfs Todesart wurde epidemisch, täglich warfen sich Ruinierte vor die Räder der Subway. Der Finanzkörper von fünf Erdteilen hatte eine klaffende Wunde erhalten und drohte sich zu verbluten. Handel, Verkehr, Industrie, die große Maschine der modernen Welt, die mit Milliarden geheizt wird und Milliarden ausspeit, schwang nur noch langsam und mühselig, so daß es den Anschein hatte, als werde sie plötzlich, jede Stunde, ganz stehen bleiben.

Die Tunnel-Terrain-Gesellschaft, die sich mit dem Kauf und Verkauf von Baugeländen der Tunnelstationen befaßte, krachte über Nacht zusammen und erschlug Ungezählte.

Die Zeitungen waren in diesen Tagen Schlachtberichte.

»Der Tunnel verschlingt mehr und mehr!«

»Mr. Harry Stillwell, Bankier, Chikago, erschießt sich. -- Broker Williamson, 26. Straße, ruiniert, vergiftet sich und seine Familie. -- Fabrikant Klepstedt, Hoboken, wirft sich unter die Subway.« -- Die Nachricht, daß sich der alte Jakob Wolfsohn in Szentes erhängte, verhallte vollkommen unbeachtet.

Es war die _Panik_! Sie sprang über nach Frankreich, England, Deutschland, Österreich und Rußland. Deutschland wurde zuerst von ihr ergriffen und war innerhalb einer Woche, wie die Vereinigten Staaten, in Unruhe, Angst und Schrecken getaucht.

Die Industrie, die sich kaum von den Folgen der Oktoberkatastrophe erholt hatte, geriet auf Grund. Ihre Papiere, vom Tunnel zu unerhörter Blüte getrieben -- Eisen, Stahl, Zement, Kupfer, Kabel, Maschinen, Kohle -- wurden von den stürzenden Tunnelaktien mit in die Tiefe gerissen. Die Kohlenkönige und Hüttenbarone hatten am Tunnel enorme Vermögen verdient, nun aber wollten sie keinen roten Heller riskieren. Sie setzten die Löhne herab, führten Feierschichten ein und warfen Tausende von Arbeitern auf die Straße. Die Beschäftigten erklärten sich mit den Kameraden solidarisch. Sie traten in Ausstand, gesonnen, diesmal bis zum letzten Atemzug zu kämpfen und sich nicht wieder durch Versprechungen verlocken zu lassen, die diese Meineidigen brachen, sobald die Sonne wieder schien. Waren die Zeiten gut, so waren sie gut genug, die Millionen vermehren zu helfen, waren die Zeiten schlecht, so warf man sie hinaus. Sollten die Zechen ersaufen und die Hochöfen verschlacken!

Der Streik begann wie jeder andere. Er entflammte in den Becken von Lille, Clermond-Ferrand und St. Etienne, wälzte sich hinüber ins Mosel-, Saar- und Ruhrgebiet und nach Schlesien. Die englischen Bergarbeiter und Hüttenleute von Yorkshire, Northumberland, Durham und Südwales erklärten den Sympathiestreik. Kanada und die Staaten schlossen sich an. Der gespenstische Funke sprang über die Alpen nach Italien und über die Pyrenäen nach Spanien. Tausende der blutroten und leichengelben Fabriken aller Länder standen still. Ganze Städte waren tot. Die Hochöfen wurden gelöscht, die Grubenpferde aus den Schächten gebracht. Die Dampfer lagen in ganzen Flotten, Schlot an Schlot, in den Friedhöfen der Häfen. Jeder Tag kostete Unsummen. Aber da die Panik auch den übrigen Industrien das Geld entzog, so schwoll das Millionenheer der Arbeitslosen von Tag zu Tag mehr an. Die Lage wurde kritisch. Eisenbahnen, elektrische Kraftzentralen, Gasanstalten waren ohne Kohle. In Amerika und Europa lief nicht ein Zehntel der Züge mehr und der atlantische Dampferverkehr war fast gänzlich unterbunden.

Es kam zu Ausschreitungen. In Westfalen prasselten die Maschinengewehre und in London lieferten die Dockarbeiter der Polizei eine blutige Schlacht. Das war am 8. Dezember. Die Straßen bei den West India Docks waren an diesem Abend mit Toten, Arbeitern sowie Polizisten bedeckt. Am 10. Dezember erklärte die englische Arbeiter-Union den Generalstreik. Die französische, deutsche, russische und italienische folgten und zuletzt schloß sich die amerikanische Union an.

Das war der moderne Krieg. Nicht kleine Vorpostengefechte, es war die Schlacht in vollem Umfang! In geschlossenen Fronten standen sich Arbeiter und Kapital gegenüber.

Schon nach wenigen Tagen zeigten sich die Schrecken dieses Kampfes. Die statistischen Ziffern der Verbrechen, der Kinder- und Säuglingssterblichkeit stiegen ins Grauenhafte. Die Nahrung für Millionen von Menschen verfaulte und verdarb in Eisenbahnwaggons und Schiffsbäuchen. Die Regierungen nahmen das Militär zu Hilfe. Aber die Truppen, aus Proletariern zusammengesetzt, leisteten passiven Widerstand, sie arbeiteten und kamen nicht von der Stelle, und das war nicht die Zeit zu strengen Repressalien. Gegen Weihnachten waren die großen Städte, Chicago, New York, London, Paris, Berlin, Hamburg, Wien, Petersburg, vollkommen ohne Licht und in Gefahr, ausgehungert zu werden. Die Menschen froren in den Wohnungen und was schwach und elend war ging zugrunde. Täglich gab es Feuersbrünste, Plünderungen, Sabotage, Diebstähle. Das Gespenst der Revolution drohte ...

Die internationale Arbeiterliga aber gab keinen Fuß breit nach und forderte Gesetze, die den Arbeiter vor der Willkür des Kapitals schützten.

Inmitten dieser Unruhen und Schrecken stand das Tunnelsyndikat immer noch aufrecht. Es war ein Wrack, durchlöchert, krachend in allen Fugen, aber es stand!

Das war Lloyds Werk. Lloyd hatte eine Versammlung der Großgläubiger einberufen und war persönlich erschienen, um zu sprechen, was er seit zwanzig Jahren wegen seines Leidens nicht mehr getan hatte. Das Syndikat durfte nicht fallen! Die Zeiten waren verzweifelt und der Fall des Syndikats würde namenloses Unheil in die Welt bringen. Der Tunnel sei zu retten, wenn man weise vorgehe! Würde man jetzt einen taktischen Fehler machen, so sei sein Schicksal entschieden, ein für allemal, und die Entwicklung der Industrie würde um zwanzig Jahre zurückgeworfen werden. Der Generalstreik könne keine drei Wochen mehr dauern, da die Arbeiterheere am Hungertod seien, das Geld käme zurück, die Krise würde im Frühjahr ein Ende haben. Es müßten Opfer gebracht werden. Die Großgläubiger müßten stunden, Geld vorschießen. Die Aktionäre und Shareinhaber aber müßten am 2. Januar ihre Zinsen bei Heller und Pfennig ausgezahlt erhalten, wollte man nicht eine zweite Panik heraufbeschwören.

Lloyd selbst brachte als erster große Opfer. So gelang es ihm, das Syndikat zu halten.

Diese Beratung war geheim. Die Zeitungen verkündeten am anderen Tag, daß die Sanierung des Syndikats in die Wege geleitet sei und die Gesellschaft am 2. Januar wie immer ihren Verpflichtungen gegen Aktionäre und Shareinhaber nachkommen würde.

Der berühmte 2. Januar kam heran.

9.

Am 1. Januar pflegen alle Theater, Konzerthallen, Restaurants in New York überfüllt zu sein.

Dieser 1. Januar aber war tot. Nur in einigen großen Hotels herrschte Leben wie gewöhnlich. Die Trambahnen verkehrten nicht. Die Hochbahnen und die Subway ließen nur vereinzelte Züge laufen, die von Ingenieuren geführt wurden. Im Hafen lagen die verödeten Ozeanriesen mit gelöschten Feuern in den Docken, eingepackt in Nebel und Eis. Die Straßen waren am Abend dunkel, nur jede dritte Lampe brannte, und die Reklametableaus, die sonst mit der Regelmäßigkeit von Leuchtfeuern aufblitzten, waren erloschen.

Schon um Mitternacht stand eine dichtgedrängte Menschenkette vor dem Syndikatgebäude, bereit die Nacht zu durchwachen. Sie alle wollten ihre fünf, zehn, zwanzig, hundert Dollar an Zinsen retten. Es ging das Gerücht, daß das Syndikat am 3. Januar die Pforten schließen werde, und niemand war geneigt, sein Geld zu riskieren. Immer mehr kamen.

Die Nacht war sehr kalt, zwölf Grad Celsius unter Null. Ein feiner Schnee siebte wie weißer Sand aus dem tiefschwarzen Himmel herab, der die oberen Stockwerke der schweigenden Turmhäuser verschlang. Frierend und zähneklappernd schoben sich die Wartenden zusammen, um sich zu wärmen, und erregten einander durch Befürchtungen, Vermutungen und Gespräche über das Syndikat, Aktien und Shares. Sie standen so eng, daß sie recht gut im Stehen schlafen hätten können, aber niemand machte ein Auge zu. Die Angst hielt sie wach. Die Türen des Syndikats könnten am Ende doch geschlossen bleiben! Dann waren ihre Shares plötzlich vollkommen wertlos! Mit blaugefrorenen fahlen Gesichtern, die Augen voll von Angst und Besorgnis, harrten sie auf ihr Schicksal.

Das Geld! Das Geld! Das Geld!

Die Arbeit ihres Lebens, Schweiß, Mühe, Demütigungen, schlaflose Nächte, graue Haare, eine vernichtete Seele! Noch mehr: ihr Alter, ein paar Jahre Ruhe bis zum Tod! Wenn sie verloren, so war alles vorbei, zwanzig Jahre ihres Lebens fortgeworfen, Nacht, Elend, Schmutz und Armut ...

Die Angst und Erregung wuchs von Minute zu Minute. Wenn sie ihre Ersparnisse einbüßten, so wollten sie Mac Allan, diesen Champion aller Schwindler, lynchen.

Gegen den Morgen kamen immer größere Scharen. Die Kette stand bis hinauf zur Warrenstreet. So kam der graue Tag heran.

Um acht Uhr ging eine plötzliche Bewegung durch die Menge: im schweigenden, von rauchender Kälte umhüllten Syndikat-Building leuchteten die ersten Lampen auf!

Um neun Uhr -- mit dem Glockenschlage! -- öffneten sich die schweren Kirchentüren des Gebäudes. Die Menge wälzte sich hinein in das prunkvolle Vestibül und von da aus in die gleißend hellen Kassenräume. Ein Heer von frischgewaschenen, ausgeschlafenen Beamten wimmelte hinter den kleinen Schalterfenstern. Die Einlösung der Kupons ging blitzschnell vonstatten. An allen Schaltern wurden von fliegenden Händen die Dollarnoten auf die Marmorplatte geblättert, das Kleingeld klirrte. Alles wickelte sich ruhig ab. Wer bedient war, wurde von selbst durch die nachschiebende Menge zum Ausgang hinausgepreßt.

Etwas nach zehn Uhr aber gab es eine Stockung. Drei Schalter schlossen gleichzeitig, da ihnen das Wechselgeld ausgegangen war. Das Publikum wurde unruhig und die Beamten der übrigen Schalter wurden von zehn und zwanzig Ungeduldigen gleichzeitig bestürmt. Da ließ der Kassenvorstand verkünden, daß die Schalter auf fünf Minuten geschlossen würden. Die Herrschaften möchten Kleingeld bereithalten, da sich die Auszahlung sonst zu sehr verzögere. Die Schalter schlossen.

Die Situation der Wartenden im Schalterraum war keineswegs angenehm. Denn die Menge, von den Zeitungen auf 30000 geschätzt, drängte von draußen gleichmäßig nach. Wie ein Baumstamm vom Mechanismus eines Sägewerks in die Säge geschoben wird, so gleichmäßig wurde die Menschenkette in das Syndikat-Building hineingepreßt und -- in Teile aufgelöst -- durch den Ausgang nach Wallstreet gedrückt. Ein Mann setzt den Fuß auf die erste Granitstufe. Nach einer Minute hebt ihn die nachdrängende Menge in die Höhe, er steht mit beiden Füßen auf der ersten Granitstufe. Nach zehn Minuten ist er oben und wird langsam durchs Vestibül gemahlen. Nach weiteren zehn Minuten wird er in den Schalterraum gedrückt. Er ist eine mechanische Figur ohne Eigenbewegung geworden, und Tausende vor ihm und hinter ihm absolvieren genau die gleichen Bewegungen in genau der gleichen Zeit.

Infolge der Stockung aber war der riesige Schaltersaal in wenigen Minuten gedrückt voll. Die Leute im Vestibül wurden zum Teil die Treppe zu den oberen Stockwerken hinaufgeschoben.

Die Wartenden an den Schaltern aber konnten die Position nicht länger halten und hatten die hübsche Aussicht, nach zehnstündigem Warten an den Schaltern vorbeigepreßt und gegen den Ausgang gedrückt zu werden. Dann konnten sie sich wieder hinten anreihen.

Sie alle hatten die Nacht schlaflos verbracht, gefroren wie Hunde, nicht gefrühstückt, sie versäumten Zeit, hatten Unannehmlichkeiten in ihren Büros und Geschäften zu erwarten -- ihre Laune war die denkbar schlechteste. Sie schrien und pfiffen, und der Lärm setzte sich durchs Vestibül auf die Straße hinaus fort.

Eine ungeheure Erregung ging durch die Menge.

»Die Schalter werden geschlossen!«

»Das Geld ist ihnen ausgegangen!«

Und das Drängen wurde ungeduldiger und gewaltsamer. Kleider wurden abgerissen, und Menschen, die keine Luft bekamen, schrien und fluchten. Manche aber, die getragen wurden und bis zur Brust über die Köpfe hinausragten, heulten laute Verwünschungen.

An den Schaltern stauten sich die Massen zum Ersticken. Schreie, Flüche wurden laut. Ein Chauffeur schlug mit der Faust die Scheibe des Schalters ein und schrie, dunkelrot vor Atemnot im Gesicht: »Mein Geld, ihr Schwindler. Ich habe hier dreihundert Dollar! Gebt mir meine dreihundert Dollar, ihr hundsgemeinen Diebe und Halsabschneider!«

Der Beamte drinnen sah den Schreihals bleich und abweisend an: »Sie wissen genau, daß die Shares unkündbar sind. Sie haben Ihre Zinsen zu fordern, das ist alles!«

Die Scheiben klirrten plötzlich an allen Ecken und Enden und die Clerks begannen nunmehr wieder fieberhaft rasch Geld auszuzahlen. Allein es war zu spät. Das Geschrei, das sich erhob, als die Auszahlung wieder begann, wurde von dem zusammengepreßten Menschenhaufen im Saal und Vestibül mißdeutet, und das Gedränge wurde noch schrecklicher.

Wer den Ausgang erreichen konnte, machte sich so rasch wie möglich davon. Aber auch das gelang nur einzelnen. Plötzlich krachten die Schaltertüren und die Menge wurde in den Kassenraum gepreßt. Die Clerks und Beamten flüchteten, Bücher und Kassetten und Geld zusammenraffend, so gut es ging. Die Menge brandete hinein und im Nu waren die eichenen Schalterwände eingedrückt. Auf diese Weise war Luft entstanden. Die Menge rannte durch alle denkbaren Türen hinaus. Aber nun wirkte der Druck von hinten um so stärker, die Menschenhaufen wurden hineingeschossen. Hier aber fanden sie zu ihrer größten Verblüffung eine zerstörte und geplünderte Bank vor. Umgeworfene Pulte, verstreute Papiere, ausgeschüttete Tinte und Haufen von Kleingeld und zertretenen Dollarscheinen.

Eines aber war klar für sie: ihr Geld war verloren! Hin! Kaputt! Ihr Geld, ihre Hoffnungen, alles!

Das ganze Gebäude heulte vor Wut und Empörung. Man begann zu demolieren, was zu demolieren war. Fenster klirrten, Tische, Stühle zerkrachten und ein fanatischer Jubel brauste auf, so oft es Trümmer gab.

Das Syndikat-Building wurde gestürmt!

Dreißigtausend Menschen -- und nach manchen mehr -- drängten hinein und wurden die Treppen empor in die oberen Stockwerke geworfen. Die wenigen Schutzleute, die zur Ordnung da waren, waren vollkommen machtlos. Die friedlich Gesinnten suchten irgendwo einen Ausweg, die Wütenden aber suchten sich festzukeilen, wo immer es ging, und ihren Zorn zu befriedigen.

Das Gebäude war an diesem zweiten Januar fast vollkommen verlassen und die meisten Stockwerke gänzlich leer. Um Geld zu sparen hatte man beschlossen, nur die notwendigsten Räume beizubehalten und die frei werdenden Etagen zu vermieten. Die meisten Ressorts waren schon nach Mac City übergesiedelt, andere im Umzug begriffen, die an Anwälte und Firmen vermieteten Etagen aber heute noch nicht im vollen Betrieb.

Das zweite und dritte Stockwerk war angefüllt mit Ballen von Briefschaften, Rechnungen, Quittungen, Plänen, die in den ersten Tagen des Jahres nach den neuen Büros transportiert werden sollten.

Sinnlos in seiner Wut begann der Pöbel diese Ballen durch die Fenster auf die Straße zu werfen und das Treppenhaus damit anzufüllen.

Bis hinauf zum siebenten Stockwerk sah man plötzlich Gesichter an allen Fenstern.

Drei junge, freche Burschen, Mechaniker, kamen sogar bis zu Allan im 32. Stockwerk hinauf!

»Mac muß uns unser Geld geben! Hallo!« Das war eine bestrickende Idee!

»~Go on boy~ -- wir wollen zu Mac!«

Der Liftboy weigerte sich, die lauten Frechdachse zu fahren. Da warfen sie ihn zum Lift hinaus und fuhren ab. Sie lachten und schnitten dem Liftboy, der vor Wut heulte, Grimassen. Der Lift stieg und stieg -- und plötzlich wurde es ganz ruhig! Vom zwanzigsten Stock an hörte man das Getöse nur noch wie fernen Straßenlärm.

Der Lift flog an verödeten Korridoren vorbei. Sie sahen nur wenig Menschen, aber die wenigen, die sie sahen, schienen nicht zu ahnen, was da drunten, zwanzig und fünfundzwanzig Stockwerke tiefer vor sich ging. Ein Beamter schloß gleichmütig die Tür seines Büros auf, im 30. Stockwerk saßen zwei Herren mit der Zigarre im Mund auf einem Fenstersims und unterhielten sich lachend.

Der Lift hielt, und die drei Mechaniker stiegen aus und brüllten: »Mac! Mac! Mac, wo bist du! Heraus mit Mac!«

Sie gingen an alle Türen und pochten dagegen.

Plötzlich aber erschien Allan in einer Tür und sie starrten ihn, den sie im Bild so oft gesehen hatten, eingeschüchtert an und konnten kein Wort herausbringen.

»Was wollen Sie?« fragte Allan ungehalten.

»Unser Geld wollen wir!«

Allan hielt sie für betrunken.

»Geht in die Hölle!« sagte er und warf die Tür ins Schloß.

Da standen sie und starrten die Tür an. Sie waren gekommen, um aus Mac unter allen Umständen ihr Geld herauszuschlagen, und nun hatten sie keinen Cent erhalten und wurden noch dazu in die Hölle geschickt.

Sie berieten und entschlossen sich abzufahren.

In die Hölle gingen sie nicht, nein, aber durchs Fegfeuer mußten sie doch! Im zwölften Stockwerk stürzten sie durch Rauch und im achten sauste ein brennender Lift voller Feuer und Flammen an ihnen vorbei.

Verstört und halb wahnsinnig vor Schrecken erreichten sie das Vestibül, wo die Woge der nach außen fliehenden Menschen sie mit auf die Straße riß.

10.

Niemand wußte, wie es geschehen war. Niemand wußte, wer es tat. Niemand sah es. Aber es war doch geschehen ...

Im dritten Stock stieg plötzlich ein Mann auf das Fenstersims. Dieser Mann hielt beide Hände als Schalltrichter vor den Mund und gellte unaufhörlich mit voller Kraft der Lungen auf das immer noch ins Gebäude drängende Menschenheer hinab: »Feuer! Das Building brennt! Zurück!«

Der Mann war James Blackstone, ein Bankclerk, den die Menschenmasse in den dritten Stock emporgedrückt hatte. Im Anfang hörte ihn niemand, denn alles ringsum schrie. Aber als das Gellen sich automatisch wiederholte, wandten sich mehr und mehr Gesichter in die Höhe und plötzlich verstand die Straße, was Blackstone im dritten Stock schrie. Sie verstand nicht alles, nur das einzige alarmierende Wort: »Feuer!« Die Straße sah auch plötzlich, daß das, was wie neblige Kälte aussah, dieser graue Dunst, in dem Blackstone stand, nicht Kälte war, sondern Rauch. Der Rauch verdichtete sich und zog in breiten, trägen Streifen zum Fenster hinaus, um über Blackstones Kopf rasch in die Höhe zu wirbeln. Dann aber begann der Rauch rasch dichter zu werden, zu rollen, zu puffen, und Blackstone verschwand fast gänzlich. Blackstone aber verließ seinen Posten nicht. Er war ein mechanisch gellendes Warnungssignal, das die mit enormer blinder Energie vorwärtsdrängende Masse langsam zum Stillstand und endlich zum Rückzug zwang.