Der Tunnel: Roman

Part 21

Chapter 213,853 wordsPublic domain

Woolf erhob sich taumelnd, leichengelb, um in einem instinktiven Verteidigungsdrang auf Allan einzuschlagen. Aber er konnte keine Hand heben. Er war am ganzen Körper lahm und zitterte schrecklich. Plötzlich kehrte ihm für Sekunden ganz klar das Bewußtsein zurück. Er stand schwer atmend, das fahle Gesicht mit Schweißtropfen punktiert, und starrte zu Boden. Sein Auge nahm mechanisch die Namen einer Anzahl europäischer Banken auf, die auf den Depeschen da unten standen. Sollte er Allan sagen, weshalb er sich auf diese Spekulationen einließ? Sollte er ihm seine Motive auseinandersetzen? Daß es ihm keineswegs um _Geld_ zu tun gewesen war? Aber Allan war zu einfältig, zu simpel, um zu begreifen, wieso ein Mensch nach _Macht_ verlangen konnte -- er, der die Macht besaß, ohne je nach ihr gestrebt zu haben, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, der sie ganz einfach hatte! Dieser Maschinenkonstrukteur hatte nur drei Gedanken im Kopf und nie über die Welt nachgedacht und verstand nichts. Ja, und selbst wenn er ihn verstand, selbst wenn, so würde er gegen eine Granitmauer rennen, gegen die Mauer des bürgerlichen, hanebüchenen Ehrlichkeitsbegriffes, der im kleinen berechtigt ist, aber im großen Dummheit, gegen diesen Begriff würde er rennen und nicht durchkommen. Allan würde ihn nicht weniger verachten und verdammen. Allan! Ja, wirklich derselbe Allan, der fünftausend Menschen auf dem Gewissen hatte, Allan, der dem Volk Milliarden aus der Tasche nahm, ohne sicher zu sein, ob er je seine Versprechungen einlösen konnte. Auch Allans Stunde würde noch kommen, er prophezeite sie ihm! Dieser Mann aber richtete ihn heute und glaubte ein Recht dazu zu haben! S. Woolfs Kopf arbeitete verzweifelt. Einen Ausweg! Rettung! Eine Möglichkeit! Er erinnerte sich an Allans bekannte Gutmütigkeit. Warum packte er ihn mit Haifischzähnen an? Gutmütigkeit und Barmherzigkeit waren verschiedene Dinge.

So tief dachte dieser verzweifelte Mensch, daß er sekundenlang alles ringsum vergaß. Er hörte nicht, daß Allan seinen Diener rief und ihm befahl, ein Glas Wasser zu bringen, da Herr Woolf sich nicht wohl fühle. Und je länger er dachte, desto leichenfarbener und fahler wurde er.

Er erwachte erst, als ihn jemand am Arm zupfte und eine Stimme sagte: »Sir?« Da sah er, daß Allans Diener, Lion, ihm ein Glas Wasser reichte.

Er trank das ganze Glas aus, dann schöpfte er Atem und sah Allan an. Es schien ihm plötzlich alles weniger schlimm zu sein. Wenn es ihm gelänge, Allans Herz zu packen? Und er sagte, ganz gefaßt und beherrscht, mit tiefer Stimme: »Hören Sie, Allan, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir arbeiten nun seit sieben, acht Jahren zusammen, ich habe dem Syndikat Millionen verdient ...«

»Das war Ihre Arbeit.«

»Gewiß! Hören Sie, Allan, ich gebe zu, es war eine Entgleisung. Es war mir nicht um Geld zu tun. Ich will es Ihnen erklären. Sie sollen meine Motive erfahren ... Aber es kann doch nicht Ihr Ernst sein, Allan! Die Sache läßt sich ordnen! Und ich bin der _einzige_ Mensch, der sie ordnen kann ... Wenn Sie mich fallen lassen, so fällt das Syndikat ...«

Allan wußte, daß S. Woolf die Wahrheit sprach. Die sieben Millionen konnte seinetwegen der Teufel holen, der _Skandal_ aber war eine Katastrophe. Trotzdem blieb er unerbittlich.

»Das ist meine Sache!« entgegnete er.

Woolf schüttelte den zottigen Büffelkopf. Er konnte es nicht begreifen, daß Allan ihn tatsächlich aufgeben, stürzen wollte. Es war unmöglich. Und er wagte es nochmals, sich in Allans Augen zu erkundigen. Aber diese Augen schrien ihm in ihrer stillen Sprache entgegen, daß von diesem Manne keine Nachsicht und Gnade zu erwarten war. Nichts! Gar nichts! Plötzlich erkannte er, daß Allan ein Amerikaner war, ein _geborener_ und er nur ein _gewordener_, und Allan war stärker.

Die leise Hoffnung, die er sich vorgelogen hatte, war eitel. Er war verloren. Und von neuem überfiel ihn sein Elend.

»Allan!« schrie er plötzlich, von Verzweiflung gepackt, »das können Sie nicht wollen. Nein! Sie treiben mich in den Tod! Das können Sie nicht wollen!«

Er kämpfte jetzt nicht mehr mit Allan, er kämpfte mit dem Schicksal. Aber das Schicksal hatte Allan vor die Front geschickt, einen kalten Fechter, der nicht wich.

»Das können Sie nicht wollen, Allan!« wiederholte er wieder und wieder. »Sie treiben mich in den Tod!« Und er schüttelte seine Fäuste unter Allans Gesicht.

»Ich habe Ihnen alles gesagt.« Allan wandte sich zur Türe.

S. Woolfs Gesicht war von kaltem Schweiß wie mit Schleim überzogen, sein Bart klebte.

»Ich werde das Geld ersetzen, Allan --!« schrie er wild und seine Arme fuhren durch die Luft.

»~Tommy rot~!« rief Allan und ging.

Da schlug Woolf die Hände vors Gesicht und sank mit dumpfem Aufschlag in die Knie, wie ein geschlagener Stier.

Eine Türe krachte ins Schloß.

Allan war gegangen.

S. Woolfs fetter Rücken zuckte. Er erhob sich halb betäubt. Seine Brust wurde von einem tränenlosen Schluchzen erschüttert. Er nahm den Hut, strich mit der Hand über den Filz und ging langsam zur Türe.

An der Türe blieb er nochmals stehen. Allan war im Nebenzimmer und mußte ihn hören, wenn er rief. Er öffnete den Mund, aber er brachte keinen Laut hervor. Es war auch einerlei. Denn es hatte keinen Wert!

Er ging. Er knirschte mit den Zähnen vor Zorn, Erniedrigung und Elend. Tränen der Wut traten ihm in die Augen. Oh, wie er Allan jetzt haßte! Er haßte ihn so sehr, daß er Blut auf der Zunge spürte ... Auch Allans Stunde würde noch kommen ...!

Als toter Mann fuhr er im Lift ab.

Er stieg in den Car. »~Riverside-Drive!~«

Der Chauffeur, der kaum das Gesicht seines Herrn mit einem Blick gestreift hatte, dachte: >S. Woolf ist fertig!<

Zusammengeduckt, grau, mit eingesunkenen Augen saß Woolf im Wagen, ohne etwas zu hören, zu sehen. Er fror vor kaltem Schweiß und kroch in seinen Mantel zurück, wie ein Tier in die Muschel. Dann und wann dachte er, bittern Ekel auf dem Mund: »Er hat mich kalt niedergemacht. Er hat mich _geschächtet_!« Etwas anderes vermochte er nicht zu denken.

Es wurde Nacht und der Chauffeur hielt an und fragte, ob er nicht nach Hause fahren solle.

S. Woolf dachte angestrengt nach. Dann sagte er mit tonloser Stimme: »Hundertzehnte!«

Das war die Adresse Renées, seiner momentanen Mätresse. Er hatte niemand, mit dem er reden konnte, keinen Freund, keinen Bekannten, und so fuhr er zu ihr.

Woolf befürchtete, sich vor dem Chauffeur verraten zu haben und riß sich zusammen. Vor Renées Haus stieg er aus und sagte gleichmütig und etwas herrisch wie immer: »Sie warten!«

Der Chauffeur aber dachte: >Trotzdem bist du fertig!<

Renée zeigte mit keiner Miene Freude darüber, daß er zurückgekehrt war. Sie schmollte. Sie tat tödlich gelangweilt, sie tat unglücklich. So sehr war sie mit ihrem hochmütigen, verzogenen und eigensinnigen Persönchen beschäftigt, daß ihr seine Verstörtheit gar nicht auffiel.

Über diesen Grad von weiblichem Egoismus mußte Woolf laut auflachen. Und dieses Lachen, das mit sehr viel Verzweiflung gemischt war, brachte ihn auf den Ton zurück, in dem er mit Renée zu verkehren pflegte. Er sprach Französisch mit ihr. Die Sprache schien einen andern Menschen aus ihm zu machen. Auf Sekunden -- auf ganz kurze Sekunden -- vergaß er zuweilen ganz, daß er ein toter Mann war. Er scherzte mit Renée, nannte sie sein kleines verzogenes Kind, sein böses Püppchen, sein Kleinod und Spielzeug und gab ihr mit seinen feuchten kalten Lippen einen Kuß auf den schönen, schwellenden Mund. Renée war eine außerordentliche Schönheit, eine rotblonde Nordfranzösin aus Lille, die er im vorigen Jahr aus Paris importiert hatte. Er log ihr vor, daß er ihr ein Wunder von einem Schal und die prächtigsten Federn aus Paris mitgebracht habe, und ein Lichtschein glitt über Renées Mienen. Sie befahl den Tisch zu decken und schwatzte von all ihren Sorgen und Launen.

Oh, sie haßte dieses New York, sie haßte dieses Volk von Amerikanern, die eine Dame mit äußerster Rücksicht und äußerster Gleichgültigkeit behandelten. Sie haßte es, auf »ihrer Etage zu sitzen« und zu warten. ~Oh, mon dieu, oui~, sie wäre viel lieber eine kleine Modistin in Paris geblieben ...

»Vielleicht kannst du bald zurückkehren, Renée,« sagte Woolf mit einem Lächeln, das unter Renées niedriger Stirn weiterarbeitete.

Bei Tisch vermochte er keinen Bissen über die Lippen zu bringen, aber er trank große Mengen Burgunder. Er trank und trank, wurde heiß im Kopf, aber nicht betrunken.

»Wir wollen Musik und Tänzer bestellen, Renée,« sagte er. Renée telephonierte an ein ungarisches Restaurant im Judenviertel und nach einer halben Stunde waren die Tänzer und Musiker da.

Der Primas der Kapelle kannte Woolfs Geschmack und hatte ein junges schönes Mädchen, das direkt aus der ungarischen Provinz kam, mitgebracht. Das Mädchen hieß Juliska und sang ein kleines Volkslied, so leise, daß man sie kaum hörte.

Woolf versprach der Truppe hundert Dollar unter der Bedingung, daß auch keine Sekunde Pause entstehe. Ohne Unterbrechung wechselten Musik, Gesänge und Tänze ab. Woolf lag wie eine Leiche im Sessel, nur seine Augen glänzten. Er schlürfte immerzu Rotwein und wurde doch nicht trunken. Renée kauerte mit angezogenen Beinen in einem Fauteuil, in einen prächtigen zinnoberroten Schal eingewickelt, die grünen Augen halb geschlossen, wie ein roter Panther. Sie sah immer noch gelangweilt aus. Gerade ihre beispiellose Indolenz hatte ihn gereizt. Kam man ihr nahe, so wurde sie bösartig wie eine Idiotin, bis endlich die Hölle aus ihr loderte.

Die schöne junge Ungarin, die der smarte Primas mitgebracht hatte, gefiel S. Woolf. Er richtete häufig seinen Blick auf sie, aber sie wich scheu mit den Augen aus. Darauf winkte er den Primas heran und flüsterte mit ihm. Eine Weile später verschwand Juliska.

Punkt elf Uhr verließ er Renée. Er schenkte ihr einen seiner Brillantringe. Renée liebkoste mit ihren Lippen sein Ohr und fragte ihn flüsternd, weshalb er nicht bleibe. Er gebrauchte seine alte Ausrede, er habe zu arbeiten, und Renée runzelte die Stirn und verzog das Mündchen.

Juliska wartete bereits in Woolfs Wohnung. Sie zitterte, als er sie berührte. Ihr Haar war braun und weich. Er goß ihr ein Glas Wein ein und sie nippte gehorsam daran und sagte sklavisch: »Auf Ihre Gesundheit, Herr!« Dann sang sie auf seinen Wunsch ihr kleines melancholisches Volkslied, wiederum so leise, daß man sie kaum hörte.

~Két lánya volt a falunak~ -- sang sie -- ~két virága; mind a kettö úgy vágyott a boldogsagra~ ...

Zwei Mädchen hatte das Dorf, zwei Blumen. Beide sehnten sich nach dem Glück; die eine führte man zum Traualtar, die andere brachte man zum Friedhof.

Hundertmal in seiner Jugend hatte S. Woolf das Lied gehört. Aber heute drückte es ihn nieder. Seine ganze Hoffnungslosigkeit hörte er daraus. Er saß da und trank und bekam Tränen in die Augen. Er weinte aus Mitleid mit sich selbst und die Tränen liefen langsam über seine wächsernen, schwammigen Wangen.

Nach einer Weile schnaubte er sich die Nase und sagte weich und leise: »Das hast du gut gemacht. Was kannst du sonst, Juliska?«

Sie sah ihn mit traurigen, braunen Augen an, die an die Augen eines Lamas erinnerten. Sie schüttelte den Kopf. »Nichts, Herr,« flüsterte sie verzagt.

Woolf lachte nervös. »Das ist nicht viel!« sagte er. »Höre, Juliska, ich will dir tausend Dollar geben, aber du mußt tun, was ich dir sage?«

»Ja, Herr,« antwortete Juliska ergeben und ängstlich.

»So kleide dich aus. Geh ins Zimmer nebenan.«

Juliska neigte den Kopf: »Ja, Herr.«

Während sie die Kleider ablegte, saß S. Woolf regungslos im Sessel und starrte vor sich hin. »Wenn Maud Allan noch am Leben wäre, so hätte ich eine Hoffnung!« dachte er. Und er saß und sein Unglück brütete dunkel über ihm. Als er nach einiger Zeit aufblickte, sah er Juliska ausgekleidet, halb in die Portiere gewickelt, unter der Türe stehen. Er hatte sie ganz vergessen gehabt.

»Komm näher, Juliska.« Juliska trat einen Schritt vor. Die rechte Hand hielt noch immer die Portiere fest, als wolle sie die letzte Hülle nicht aufgeben.

S. Woolf betrachtete sie mit Kennerblicken und der nackte Mädchenkörper brachte ihn auf andere Gedanken. Obwohl noch nicht siebzehn Jahre alt, war Juliska doch schon ein Weibchen. Ihr Becken war breiter, als die Kleider ahnen ließen, ihre Schenkel runde Säulen, ihre Brüste klein und fest. Ihre Haut war dunkel. Wie aus Erde gebacken und in der Sonne getrocknet war sie.

»Kannst du tanzen?« fragte S. Woolf.

Juliska schüttelte den Kopf. Sie sah nicht auf. »Nein, Herr!«

»Hast du nie bei der Weinlese getanzt?«

»Doch, Herr!«

»Hast du Tschardas getanzt?«

»Ja, Herr!«

»So tanze Tschardas!«

Juliska sah sich hilflos um. Dann tanzte sie, mehr aus Angst als um des hohen Lohnes willen. Sie machte ungeschickt die Bewegungen der Arme und Beine. Unbekleidet wußte sie mit ihrem Körper nichts anzufangen. Sie trippelte, als ginge sie auf Scherben. Ihre Augen standen voll Wasser und ihre Wangen brannten vor Scham. Ach, ihre Füße, ihre Füße, die nicht ganz rein waren, wo sollte sie sie denn hin tun?

Sie war herrlich. Viele Jahre lang hatte S. Woolf diese rührende Schamhaftigkeit nicht mehr gesehen. Er konnte sich nicht sättigen an ihrem Anblick. »Tanze, Juliska!«

Und Juliska hob ungeschickt Beine und Hände und die Tränen tropften aus dem zurückgeworfenen Kopf auf ihre Brust herab. Dann stand sie still und zitterte.

»Wovor hast du Angst, Juliska?«

»Ich habe keine Angst, Herr!«

»So komm näher!«

Juliska kroch näher. >Jetzt wird er es tun!< dachte sie und sie dachte an das Geld.

Aber S. Woolf tat es nicht. Er zog sie auf seine Knie. »Habe keine Angst und sieh mich an.« Sie tat es, ihr Blick flackerte und brannte. S. Woolf küßte sie auf die Wange. Er preßte sie an sich in einer Aufwallung von väterlichem Gefühl und Tränen traten in seine Augen. »Was willst du hier in New York tun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wer hat dich hergebracht?«

»Mein Bruder. Aber er ist jetzt nach dem Westen gegangen.«

»Was tust du jetzt?«

»Ich singe mit Gyula.«

»Lasse Gyula fahren und singe nicht mehr mit ihm. Er ist ein Lump. Du kannst auch gar nicht singen.«

»Nein, Herr.«

»Ich will dir Geld geben und du wirst tun, was ich sage?«

»Gewiß, Herr!«

»Gut. Lerne Englisch. Kaufe dir hübsche einfache Kleider und suche dir eine Stellung als Verkäuferin. Gib hübsch acht, was ich dir sage. Ich will dir zweitausend Dollar geben, weil du so _schön_ tanztest. Davon kannst du drei Jahre leben. Besuche einen Abendkursus. Lerne Buchführung, Stenographie und Maschinenschreiben. Das andere findet sich dann von selbst. Willst du das tun?«

»Ja, Herr!« antwortete Juliska ängstlich, denn Woolf kam ihr unheimlich vor. Sie hatte gehört, daß in New York viele junge Mädchen ermordet würden.

»Kleide dich wieder an.« Und S. Woolf streckte Juliska eine Hand voller Scheine hin. Aber sie wagte sie nicht zu nehmen. Sobald ich danach greife, wird er mich niederschlagen, dachte sie.

»Nimm doch!« sagte S. Woolf lächelnd. »Ich brauche das Geld nicht mehr, denn morgen abend Punkt sechs Uhr bin ich tot.«

Juliska erschauerte.

S. Woolf lachte nervös. »Hier hast du noch zwei Dollar. Nimm das erste Auto, das du siehst und fahre nach Hause. Gib Gyula hundert Dollar und sage ihm, mehr hätte ich nicht gegeben. Sage niemand, daß du Geld hast! Die Hauptsache in der Welt ist, Geld zu haben -- aber die andern dürfen nichts davon wissen! Nimm doch!« Er stopfte ihr die Scheine in die Hand.

Juliska ging, ohne Dank zu sagen.

S. Woolf war allein und seine Züge erschlafften sofort. »Ein blödes Frauenzimmer,« murmelte er. »Sie wird ja doch untergehen.« Das Geld reute ihn. Er rauchte eine Zigarre, trank einen Kognak und ging in seinen Zimmern auf und ab. Er hatte sämtliche Lampen eingeschaltet, weil er nicht das geringste Halbdunkel ertrug. Vor einem japanischen Lackschränkchen blieb er stehen und öffnete es. Es war voller Locken, blonder, goldener, roter Mädchenlocken. Jede Locke trug einen Zettel wie eine Arzneiflasche. Ein Datum stand darauf. Und Woolf sah diese Flut von Haaren und lachte voller Verachtung. Denn er verachtete und verabscheute die Frauen, wie alle Männer, die sich viel mit käuflichen Frauen abgegeben haben.

Aber das Lachen machte ihn stutzig. Es erinnerte ihn an ein Lachen, das er einmal irgendwo gehört hatte. Da fiel ihm ein, daß sein Onkel so gelacht hatte, genau so, und diesen Onkel hatte er am meisten gehaßt. Das war merkwürdig.

Und wieder ging er auf und ab. Aber die Wände und Möbel erblaßten immer mehr. Die Zimmer wurden größer, öder. Er ertrug das Alleinsein nicht mehr und fuhr in den Klub.

Es war drei Uhr nachts. Die Straße lag verödet. Aber drei Häuser weit entfernt stand ein Auto, das eine Panne hatte. Der Chauffeur kroch unter dem Motor herum. Sobald aber Woolf abfuhr, rollte das Auto hinter ihm her. Woolf lächelte bitter. Allans Spione? Beim Klub angelangt gab er dem Chauffeur zwei Dollar Trinkgeld und schickte ihn nach Hause.

>Wie fertig er ist, ~Lord~!< dachte der Chauffeur.

Im Klub waren noch drei Pokertische in voller Arbeit und Woolf setzte sich zu Bekannten. Es war merkwürdig, was für Karten er heute in die Hand bekam! Karten, wie man sie sonst nie sah! >Da sind Juliskas zweitausend Dollar wieder!< dachte er und steckte das Geld in die Hosentasche. Um sechs Uhr wurde das Spiel abgebrochen und Woolf ging den ganzen weiten Weg zu Fuß nach Hause. Hinter ihm her trotteten plaudernd zwei Männer mit Schaufeln auf den Schultern. An seinem Hause traf er einen angeheiterten Arbeitsmann, der an den Häusern entlang rollte und leise und falsch wie ein Betrunkener sang.

»~Have a drink~?« redete ihn Woolf an.

Aber der Betrunkene reagierte nicht. Er hatte den Mund voll unverständlicher Worte und torkelte vorbei.

»Allans Verwandlungen!«

Zu Hause trank er einen Whisky, der so stark war, daß es ihn schüttelte. Er war nicht betrunken, aber er war in einen bewußtlosen Zustand geraten. Er nahm ein Bad und schlief im Bad ein und erwachte erst, als der Diener besorgt klopfte. Er kleidete sich vom Kopf bis zum Fuß neu an und verließ das Haus. Nun war es lichter Tag geworden. Gegenüber stand ein Auto und Woolf trat heran und fragte, ob der Wagen frei sei.

»Ich bin bestellt!« sagte der Chauffeur und Woolf lächelte verächtlich. Allan umgab ihn, Allan hatte ihn umzingelt. Aus einer Haustüre trat ein Gentleman mit einer kleinen schwarzen Mappe unter dem Arm und folgte ihm auf der andern Seite der Straße. Da sprang Woolf plötzlich auf eine Tram und glaubte damit den Detektiven Allans entkommen zu sein.

Er trank Kaffee in einem Saloon und wanderte den ganzen Vormittag in den Straßen hin und her.

New York hatte das Zwölfstundenrennen aufgenommen. New York _lag_ im Rennen, von seinem Schrittmacher, der _Tat_, geführt. Autos, Cars, Geschäftswagen, Menschen, alles schwirrte. Die Hochbahnen donnerten. Die Menschen stürzten aus Häusern, Wagen, Tramcars, sie stürzten aus Löchern in der Erde hervor, aus den zweihundertundfünfzig Kilometer langen Stollen der Subway. Sie waren alle rascher als Woolf. >Ich bleibe zurück,< dachte er. Er ging schneller, aber trotzdem überholten ihn alle. Wie in Hypnose zappelten sie dahin. Manhattan, das große Herz der Stadt, saugte sie an, Manhattan schleuderte sie durch tausend Adern von sich. Sie waren Splitter, Atome, glühend durch gegenseitige Reibung, und besaßen nicht mehr Eigenbewegung als die Moleküle aller Dinge. Und die Stadt ging ihren donnernden Gang. Von fünf zu fünf Minuten passierte ihn ein grauer elektrischer Riesenomnibus, der den Broadway hinabfegte wie ein Elefant, der brennenden Zunder unter dem Schwanz hat. Das waren die Frühstücksomnibusse, in denen ein Mensch eine Tasse Kaffee und ein Sandwich hinunterschlingen konnte auf seinem Weg ins Büro. Zwischen den kleinen dahinfliegenden Menschen aber gingen große, freche Gespenster umher und schrien: Verdopple dein Einkommen! -- Warum sollst du fett sein? -- Wir machen dich reich, schreibe Postkarte! -- ~Easy Walker!~ -- ~Make your own terms~ -- ~Stop having fits!~ -- ~Drunkards saved secretly~ -- Doppelte Kraft! --: Plakate! -- Das waren die großen Dompteure, die diese zappelnde Menge beherrschten. Woolf lächelte ein sattes, befriedigtes Lächeln. Er, der die Reklame zur Kunst erhoben hatte!

Von der Battery aus sah er drei zitronengelbe Reklameaeroplane, die hintereinander über der Bai kreuzten, um die Kunden abzufangen, die auf dem Weg nach New York waren. Auf ihren gelben Flügeln stand: »Wannamaker -- Restetag!«

Wer von all den Tausenden von wimmelnden Menschen um ihn her würde auf den Gedanken kommen, daß er vor zwölf Jahren »das fliegende Plakat« gründete?

Er klebte an New York, angesaugt von der Zentripetalkraft des mahlenden Ungetüms. Den ganzen Tag. Er aß zu Mittag, trank Kaffee, nahm ein Gläschen Kognak da und dort. Sobald er stehen blieb, überkam ihn ein Schwindelgefühl und so ging er immer vorwärts. Um vier Uhr kam er in den Centralpark, halb betäubt, ohne zu denken. Er passierte die Luftschiffhallen der Chicago-Boston-New York Airship-Co. und ließ sich von den Wegen ziehen. Es begann zu regnen und der Park war ganz verlassen. Er schlief während des Gehens halb ein, aber plötzlich weckte ihn ein heftiger Schreck: er war über seinen Gang erschrocken. Er ging gebückt, schlürfend, mit eingebogenen Knien, ganz wie der alte Wolfsohn dahinschlürfte, den das Schicksal zur Demut zugeritten hatte. Und eine Stimme hatte in ihm geflüstert -- so deutlich: der Sohn des Leichenwäschers!

Der Schreck weckte ihn auf. Wo war er? Centralpark. Weshalb war er hier? Weshalb war er nicht fort, ja, zum Teufel -- weshalb war er nicht über alle Berge? Weshalb klebte er den ganzen Tag an New York? Wer hatte es ihm befohlen? Er sah auf die Uhr. Es war einige Minuten nach fünf Uhr. Eine Stunde also hatte er noch Zeit, denn Allan hielt Wort.

Sein Kopf begann rasch zu denken. Er hatte fünftausend Dollar in der Tasche. Damit konnte er weit kommen! Er wollte fliehen. Allan sollte ihn nicht bekommen. Er blickte sich um -- niemand weit und breit! Es war ihm also gelungen, Allans Detektive abzuschütteln. Dieser Triumph belebte ihn und er begann blitzschnell zu handeln. In einem Barber-shop ließ er sich seinen Bart abnehmen und während der Barbier arbeitete, überlegte er seinen Fluchtplan. Er befand sich am Columbussquare. Er wollte mit der Subway bis zur Zweihundertsten Straße fahren, etwas gehen und dann irgendeinen Zug besteigen.

Zehn Minuten vor sechs Uhr verließ er den Barbierladen. Er kaufte noch Zigarren und sieben Minuten vor sechs Uhr stieg er zur Subway hinunter.

Zu seiner Überraschung sah er auf dem Perron der Columbussquarestation unter den Wartenden einen Bekannten stehen, einen Mitpassagier der letzten Überfahrt. Der Mann sah ihn sogar an, aber -- Triumph! -- er erkannte ihn nicht! Und doch hatte er mit diesem Mann täglich Poker gespielt im Rauchsalon.

Auf den inneren Geleisen klirrte blitzschnell ein Expreßzug dahin und füllte die Station mit Getöse und Wind. Woolf wurde ungeduldig und sah auf die Uhr. Fünf Minuten!

Plötzlich aber konnte er den Passagier von vorhin nicht mehr sehen. Als er sich umblickte, sah er ihn hinter seinem Rücken stehen, in die Lektüre des Herald vertieft. Und gleichzeitig war Woolf an allen Gliedern gelähmt. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte in ihm! Wenn dieser Passagier einer von Allans Detektiven wäre, der ihm schon -- von Cherbourg herüber gefolgt war --? Es fehlten noch drei Minuten bis sechs. Woolf tat ein paar Schritte zur Seite und sah verstohlen nach dem Passagier hin. Der las ruhig weiter, aber in der Zeitung war ein Riß und durch diesen Riß starrte ein scharfes Auge!

In tiefster Herzensnot sah S. Woolf in dieses Auge hinein. Es war vorbei! In diesem Augenblick flog der Zug herein und S. Woolf sprang zum Entsetzen der Wartenden aufs Geleise hinunter. Eine Hand mit gespreizten Fingern griff nach ihm.

8.

S. Woolf wurde zwei Minuten vor sechs Uhr von den Rädern der Subway zermalmt und eine halbe Stunde später war ganz New York schon erfüllt von erregtem Geschrei.