Part 20
Er bereiste Europa und Rußland, um nach Stellungen auszuspähen, die einen Sturm lohnten. Seine persönlichen Ausgaben schränkte er nach Möglichkeit ein. Weder Extrazüge noch Salonwagen mehr, S. Woolf begnügte sich mit einem regulären Kupee erster Klasse. In London und Paris kündigte er seinen Königinnen, die große Summen verschlangen. Sie verteidigten ihre Festungen mit Schaum vor den bleichen Lippen. Allein sie hatten nicht daran gedacht, daß sie mit S. Woolf kämpften, der mit der Möglichkeit einer plötzlichen Auflösung seines Hofstaates seit einem Jahr gerechnet hatte und die Göttinnen schon seit Monaten durch Detektive beobachten ließ. Er wies ihnen mit vorzüglich gespielter Empörung nach, daß sie am 10. Mai, 15. Mai, 16. Mai -- an dem und jenem Datum -- mit Herrn X. und Z. da und da gewesen seien -- auf kleinen »Erholungsreisen« -- er ließ aus Sprechmaschinen alle Gespräche, die geführt worden waren, vor den Entsetzten wiederholen, er zeigte ihnen, daß Böden und Decken angebohrt waren und an jeder Öffnung Tag und Nacht ein Auge und ein Ohr gelauert hatte -- bis die Königinnen Herzkrämpfe bekamen. Dann setzte er sie auf die Straße.
Er fuhr wie ein Rachegott über Europa hin und entließ eine Schar seiner Befehlshaber und Agenten.
Er verkaufte die Zechen in Westfalen und die Eisenhütten in Belgien, er zog sein Geld von der schweren Industrie zurück, wo immer es anging und warf es auf andere Werte, die momentan mehr Aussichten hatten. Mit brutaler Rücksichtslosigkeit stellte er die Grundstückspekulanten in London, Paris und Berlin, die Bodenwerte in Biskaya und Azora besaßen und infolge der Krise mit den Zahlungen in Rückstand gekommen waren. Sie mußten den tiefen Sturz machen. Eine Menge kleiner Banken ging in Splitter. S. Woolf kannte keine Gnade, er kämpfte um sein Leben. In Petersburg hatte er gegen das hübsche Trinkgeld von drei Millionen Rubel eine hundert Millionen Rubel Holzkonzession in Nordsibirien erhalten, die sich mit zwanzig Prozent rentierte. Er verwandelte das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft und zog die Hälfte des Syndikatkapitals zurück. Aber unter solch gerissenen Bedingungen, daß das Syndikat in Zukunft nahezu das gleiche Einkommen hatte. Die Manipulationen streiften das Gesetzbuch -- aber für den äußersten Fall hatte er seine Trinkgelder bei der Hand. Er schuf Geld, wo immer er konnte.
Ein Mann wie S. Woolf kann sich -- bei einer ununterbrochenen schärfsten Einstellung auf alle Erfahrungen, alles Wissen -- nur auf seinen Instinkt verlassen. Wie ein Mathematiker in dem Wald komplizierter Formeln verloren wäre, wenn er den Gedanken Herr über sich werden ließe, daß am Anfang ein Fehler sei, so wurde ein Mann wie S. Woolf nur durch die Überzeugung aufrecht erhalten, daß alles, was er getan hatte, das einzig Richtige gewesen war. S. Woolf folgte seinem Instinkt. Er _mußte_ siegen, er glaubte es.
Die europäische Hetzjagd ließ ihm zu nichts anderem Zeit. Aber er konnte es nicht übers Herz bringen, nach Amerika zurückzukehren, ohne seinen Vater besucht zu haben. Er gab ein dreitägiges Fest, an dem ganz Szentes teilnahm. Hier in seiner Heimat, in dem gleichen ungarischen Nest, in dem ihn eine arme Frau zur Welt gebracht hatte, sollten ihn die ersten beunruhigenden Telegramme einholen.
Einige seiner kleineren Spekulationen waren mißglückt, die Vorposten seiner Armee geschlagen. Das erste Telegramm schob er gleichmütig in seine weite amerikanische Hosentasche. Beim zweiten hörte er plötzlich die Sänger nicht mehr, als sei er für Momente taub geworden, und beim dritten ließ er anspannen und fuhr zur Station. Er hatte kein Auge für die in der Sonne röstende, wohlbekannte Landschaft, sein Auge sah in die Ferne, bis New York, in Mac Allans Gesicht!
In Budapest erwartete ihn eine neue Hiobsbotschaft: der Baumwollen-Corner war nicht länger ohne Riesenverluste zu halten und der Agent wollte wissen, ob er verkaufen solle. S. Woolf zögerte. Er schwankte, aber nicht aus Überlegung, sondern aus Unsicherheit. Vor drei Tagen noch hätte er Millionen an der Baumwolle gewonnen und doch hatte er keinen Ballen unter seinem Preis abgegeben. Warum? Er kannte die Baumwolle, denn er hatte drei Jahre nur in Baumwolle gearbeitet. Er kannte den Markt, Liverpool, Chikago, New York, Rotterdam, New Orleans -- jeden einzelnen Broker -- er kannte das Gesetz der Kurse, tauchte täglich in die Zahlenwälder der Börsen unter, er lauschte mit seinem feinen Ohr über die Welt und empfing täglich ungezählte drahtlose Telegramme, die durch die Luft gehen und die nur jene aufnehmen und entziffern können, die mit den Chiffern vertraut sind. Er war wie ein Seismograph, das die feinsten Erschütterungen und Beben aufzeichnet, und registrierte jede Schwankung des Marktes.
In Budapest nahm er den Expreß nach Paris und erst in Wien gab er dem Agenten in Liverpool Order zu verkaufen. Er verlor Blut dabei -- es war eine aufgeflogene Festung! -- aber er hatte plötzlich nicht mehr den Mut, alles zu riskieren.
Eine Stunde später schon bereute er diese Order, aber er konnte sich nicht entschließen, sie zu widerrufen. Zum erstenmal in seiner Tätigkeit _mißtraute_ er seinem Instinkt.
Er fühlte sich matt, schlaff wie nach einer Orgie, ohne Entschluß und wartete auf etwas. Es kam ihm vor, als sei schwächendes Gift in sein Blut gekommen. Böse Ahnungen durchschauerten ihn und zuweilen hatte er leichtes Fieber. Er fiel in Halbschlaf, aber bald wachte er wieder auf. Er träumte, er spreche durch seinen Officeapparat mit den Vertretern der großen Städte und alle -- einer nach dem andern -- riefen ihm durch das Telephon zu, daß alles verloren sei. Er erwachte, als die Stimmen sich zu einem lamentierenden Unglückschor vereinigten. Aber was er gehört hatte, war nichts als das Schleifen des Zuges, der bei einer Kurve die Bremsen angeschlagen hatte. Er saß und starrte in die kalte Lampe an der Decke des Abteils. Dann nahm er sein Notizbuch zur Hand und begann zu rechnen. Während er rechnete, schlich sich eine Lähmung durch seine Füße und Arme und kroch auf das Herz zu: er wagte nicht, die Verluste in Liverpool mit nackten Zahlen hinzuschreiben.
>Ich darf nicht verkaufen!< sagte er zu sich. >Ich will telegraphieren, sobald der Zug hält. Warum haben sie kein Telephon im Zug, diese Hinterwäldler? Wenn ich jetzt verkaufe, so bin ich tot, im Fall das Zinn nicht vierzig Prozent bringt und das ist unmöglich! Ich muß alles riskieren, das ist die letzte Möglichkeit!<
Er sprach Ungarisch! Auch das war merkwürdig, denn gewöhnlich machte er seine Geschäfte in Englisch, die einzige Sprache, in der man über Geld richtig reden kann.
Als aber der Zug plötzlich stillstand, hielt ihn eine Lähmung auf dem Polster zurück. Er dachte daran, daß seine ganze Armee mit allen Reserven jetzt im Feuer stand. Und er glaubte nicht an diese Schlacht, nein! Sein Kopf war voller Zahlen. Wo er hinblickte standen Posten, sieben-, achtstellige. Zahlenstaffeln, Summen von enormer Länge. Diese Zahlen waren alle akkurat gedruckt, kalt, aus Eisen geschnitten. Diese Zahlen erschienen ganz von selbst, sie veränderten sich willkürlich, sie schwenkten eigenwillig von der Debet- zur Kreditseite über, oder sie verschwanden plötzlich, als seien sie erloschen. Ein verwirrendes Kaleidoskop, in dem Zahlen rasselten. Wie Schuppenpanzer klirrten sie nieder, winzig klein, oder sie glommen in gigantischer Größe einsam und düster drohend im öden schwarzen Raum. Sie setzten ihn in kalten Schweiß und er befürchtete, irrsinnig zu werden. So groß und grausam war ihre Wut, daß er in seiner Hilflosigkeit weinte.
Totgehetzt von Zahlen kam er in Paris an. Nach einigen Tagen erst fand er seine Ruhe einigermaßen zurück. Es ging ihm wie einem Mann, der ohne jedes Anzeichen von Krankheit plötzlich auf der Straße umsinkt und, obwohl nach einigen Stunden wieder hergestellt, doch nur mit Bangen an dieses Symptom von Verfall denkt.
Eine Woche später erfuhr er, daß sein Instinkt ihn nicht betrogen hatte.
Der Baumwollen-Corner war, sobald er verkaufte, in andere Hände übergegangen. Ein Konsortium hatte ihn an sich gebracht, eine Woche gehalten und mit einem Millionengewinn verkauft.
S. Woolf schäumte vor Wut! Wenn er seinem Instinkt gefolgt wäre, so wäre er jetzt auf solidem Grund!
Das war sein erster großer Fehler. Aber in den nächsten Tagen beging er den zweiten. Er hielt das Zinn zu lange. Drei Tage zu lange und verkaufte dann. Er gewann noch immer, aber vor drei Tagen hätte er das Doppelte gewonnen. Er gewann zwölf Prozent, vor drei Tagen hätte er fünfundzwanzig gewonnen. Fünfundzwanzig! und er wäre in Sicht des Festlandes gewesen! S. Woolf wurde grau im Gesicht.
Was war es, daß er nun Fehler über Fehler machte? Die Baumwolle verkaufte er eine Woche zu früh, das Zinn drei Tage zu spät! Er war unsicher geworden, nichts sonst. S. Woolfs Hände waren fortwährend mit Schweiß bedeckt und zitterten. Er taumelte zuweilen auf der Straße, von einer plötzlichen Schwäche überfallen, und häufig fehlte ihm der Mut, über einen Platz zu gehen.
Es war Oktober. Es war genau der zehnte Oktober, der Jahrestag der Katastrophe. Er hatte noch drei Monate Zeit und es gab noch immer eine geringe Möglichkeit, daß er sich rettete. Aber er mußte ein paar Tage ruhen und sich erholen.
Er reiste nach San Sebastian.
Aber gerade als er drei Tage da war und sich sein Zustand schon soweit gebessert hatte, daß ihn die Damen zu interessieren anfingen, erreichte ihn ein Telegramm Allans: seine persönliche Anwesenheit in New York sei unbedingt erforderlich. Allan erwarte ihn mit dem nächsten Dampfer.
S. Woolf nahm den nächsten Zug.
6.
Eines Tages im Oktober hatte sich zu Allans großer Verwunderung Ethel Lloyd bei ihm anmelden lassen.
Sie trat ein und warf einen raschen Blick durchs Zimmer. »Sind Sie allein, Allan?« fragte sie lächelnd.
»Ja, Fräulein Lloyd, ganz allein.«
»Das ist gut!« Ethel lachte leise. »Haben Sie keine Angst, ich bin kein Erpresser. Pa schickt mich zu Ihnen. Ich soll einen Brief an Sie abgeben, aber nur, wenn Sie allein sind.«
Sie zog einen Brief aus dem Mantel.
»Danke,« sagte Allan und nahm den Brief in Empfang.
»Es ist gewiß etwas merkwürdig,« fuhr Ethel lebhaft fort, »aber Pa ist so sonderbar in manchen Dingen.« Und Ethel begann frisch und ungeniert, wie es ihre Art war, zu plaudern und hatte Allan, der mit den Worten sparsam umging, bald in ein Gespräch gezogen, dessen Kosten sie größtenteils bestritt. »Sie sind in Europa gewesen?« fragte sie. »Ja, wir haben eine wunderbare Sache diesen Sommer gemacht, zu fünft, zwei Herren, drei Damen. Wir fuhren in einem Zigeunerwagen bis nach Kanada hinauf. Immer in frischer Luft. Schliefen im Freien, kochten selbst, es war wunderbar! Wir hatten ein Zelt mit uns und ein kleines Ruderboot auf dem Dach des Wagens. -- Das sind wohl Pläne?«
Mit der ihr eignen Freimut ließ Ethel den Blick durch den Raum gehen, ein nachdenkliches Lächeln auf den schöngeschwungenen, lebhaft rot gefärbten Lippen. (Das war momentan Mode.) Sie trug einen seidenen Mantel von der Farbe angereifter Pflaumen, einen kleinen runden Hut, der eine Nuance heller war und von dem eine graublaue Straußenfeder bis zur Schulter herabhing. Das matte, verwischte Graublau ihres Kostüms ließ ihre Augen viel blauer erscheinen, als sie wirklich waren. Wie dunkeln Stahl.
Allans Arbeitsraum war erschreckend nüchtern. Ein abgetretener Teppich, ein paar Ledersessel, ohne die es nicht geht, ein Tresor. Ein halbes Dutzend Arbeitstische mit Stößen von Schriftstücken, die mit Bruchproben von Stahl beschwert waren. Regale mit Rollen und Mappen. Ein Wust von Papieren, scheinbar willkürlich durch den Raum gefegt. Die Wände des großen Raumes waren vollkommen mit riesigen Plänen bedeckt, die die einzelnen Baustrecken darstellten. Mit den fein eingezeichneten Meerestiefenmaßen und der angetuschten Tunnelkurve sahen sie aus wie Zeichnungen von Hängebrücken.
Ethel lächelte. »Wie hübsch Sie Ordnung halten!« sagte sie.
Die Nüchternheit des Raumes enttäuschte sie nicht. Sie dachte an »Pa's« Bureau, dessen ganze Ausstattung aus einem Schreibtisch, einem Sessel, Telephon und Spucknapf bestand.
Dann sah sie Allan in die Augen. »Ich glaube, Allan, Ihre Arbeit ist die interessanteste, die je ein Mensch ausführte!« sagte sie mit einem Blick voll aufrichtiger Bewunderung. Plötzlich aber sprang sie entzückt auf und klatschte in die Hände.
»Ja, Gott, was ist das!« rief sie begeistert aus. Ihr Blick war durchs Fenster gefallen und sie sah New York liegen.
Aus tausend flachen Dächern stiegen dünne weiße Dampfsäulen empor in die Sonne, schnurgerade. New York arbeitete, New York stand unter Dampf wie eine Maschine, die aus allen Ventilen pfeift. Die Fensterfronten der zusammengerückten Turmhäuser blitzten. Tief unten im Schatten der Broadwayschlucht krochen Ameisen, Punkte und winzige Kärrchen. Von oben gesehen sahen Häuserblöcke, Straßen und Höfe wie Zellen aus, Waben eines Bienenstockes, und man wurde unwillkürlich zu dem Gedanken gedrängt, daß die Menschen diese Zellen aus einem ähnlichen animalischen Instinkt erbauten, wie die Bienen die Waben. Zwischen zwei Gruppen von weißen Wolkenkratzern sah man den Hudson und darauf zog ein winziger Dampfer, ein Spielzeug mit vier Kaminen, ein Ozeangigant von 50000 Tonnen.
»Ist es nicht herrlich!« rief Ethel wieder und wieder aus.
»Haben Sie New York noch nie von der Höhe aus gesehen?«
Ethel nickte. »Doch,« sagte sie, »ich bin zuweilen mit Vanderstyfft darüber geflogen. Aber in der Maschine zieht es so, daß man immer den Schleier festhalten muß und nichts sieht.«
Ethel sprach natürlich und schlicht und ihr ganzes Wesen strömte Einfachheit und Herzlichkeit aus. Und Allan fragte sich, weshalb er sich in ihrer Nähe nie ganz behaglich fühlte. Er vermochte es nicht, ohne Rückhalt mit ihr zu plaudern. Vielleicht irritierte ihn nur ihre Stimme. Im großen und ganzen gibt es in Amerika zwei Arten weiblicher Stimmen: eine weiche, die ganz tief im Kehlkopf klingt (so sprach Maud), und eine scharfe, etwas nasale, die sich keck und aufdringlich anhört. So war Ethels Stimme.
Dann ging Ethel. Unter der Türe fragte sie Allan noch, ob er nicht gelegentlich auf ihrer Jacht einen kurzen Ausflug mitmachen wolle.
»Ich habe gegenwärtig viele Verhandlungen, die meine ganze Zeit beanspruchen,« lehnte Allan ab und riß Lloyds Brief auf.
»Nun, dann ein andermal! ~Good bye!~« rief Ethel fröhlich und ging.
Der Brief Lloyds enthielt nur ein paar Worte. Er war ohne Unterschrift: »Haben Sie ein Auge auf S. W.«
S. W. war S. Woolf. Allan hörte plötzlich das Blut in den Ohren sieden.
Wenn Lloyd ihn warnte, so geschah es nicht ohne Grund! War es Lloyds Instinkt, der Verdacht schöpfte? Lloyds Spione? Schlimme Ahnungen erfüllten ihn. Geldgeschäfte waren nicht seine Sache und er hatte sich nie um S. Woolfs Ressort gekümmert. Das war Sache des Verwaltungsrates und es war all die Jahre ausgezeichnet gegangen.
Er rief sofort Rasmussen, den Vertreter S. Woolfs, zu sich. Ganz unauffällig bat er ihn, eine Kommission vorzuschlagen, die zusammen mit ihm, Rasmussen, den gegenwärtigen finanziellen Stand des Syndikats genau festsetzen sollte. Er wolle die Arbeit bald aufnehmen und wissen, welche Summen sich in nächster Zeit flüssig machen ließen.
Rasmussen war ein distinguierter Schwede, der seine europäischen Höflichkeitsformen während eines zwanzigjährigen Aufenthaltes in Amerika bewahrt hatte.
Er verbeugte sich und fragte: »Wünschen Sie die Kommission noch heute vorgeschlagen zu erhalten, Herr Allan?«
Allan schüttelte den Kopf. »So eilig ist es durchaus nicht, Rasmussen. Aber morgen vormittag. Werden Sie bis dahin Ihre Wahl treffen können?«
Rasmussen lächelte. »Gewiß!«
An diesem Abend sprach Allan mit Erfolg in der Versammlung der Gewerkschafts-Delegierten.
An diesem Abend erschoß sich Rasmussen.
Allan erbleichte, als er es erfuhr. Er rief augenblicklich S. Woolf zurück und ordnete sofort eine geheime Revision an. Der Telegraph spielte Tag und Nacht. Die Revision stieß auf ein unentwirrbares Chaos. Es zeigte sich, daß Veruntreuungen, deren Höhe sich im Moment nicht feststellen ließ, durch falsche Buchungen und raffinierte Manipulationen vertuscht worden waren. Ob Rasmussen oder S. Woolf oder andere dafür verantwortlich waren, ließ sich nicht sofort erkennen. Ferner fand es sich, daß S. Woolfs letztjährige Bilanz eine Verschleierung war und der Reservefonds ein Minus von sechs bis sieben Millionen Dollar aufwies.
7.
S. Woolf fuhr über den Ozean, ohne den leisesten Verdacht zu haben, daß ihn zwei Detektive begleiteten.
Er war zur Überzeugung gekommen, daß es das beste war, Allan von den Verlusten in Kenntnis zu setzen. Allein er fügte hinzu, daß sich diese Verluste durch andere gewinnverheißende Transaktionen bis auf eine Lappalie ausgleichen dürften. Danach fühlte er sich freier. Als er funkentelegraphisch von Rasmussens Selbstmord hörte, überkam ihn das Grauen. Er jagte eine Depesche hinter der anderen nach New York. Er erklärte, daß er für Rasmussen einstehe und sofort eine Revision anbahnen werde. Allan antwortete, er solle nicht weiter telegraphieren, sondern ihn augenblicklich nach seiner Ankunft in New York aufsuchen.
S. Woolf ahnte nicht, daß das Messer für ihn schon bereit lag. Er hoffte immer noch, die Revision persönlich leiten zu können und einen Ausweg zu finden. Vielleicht war der tote Rasmussen sogar seine Rettung! Er war, um sich aufs Trockene zu schwingen, zu allem entschlossen -- wenn es sein müßte, zu einer Schurkerei. Und was er an dem toten Rasmussen sündigte, das konnte er ja an der hinterbliebenen Familie wieder gutmachen.
Der Dampfer hatte in Hoboken kaum festgemacht, als Woolf schon in seinem Car saß und nach Wallstreet fuhr. Er ließ sich sofort bei Allan anmelden.
Allan ließ ihn warten, fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Woolf war befremdet. Und mit jeder Minute sank sein Mut, mit dem er sich bis zum Hals vollgepumpt hatte. Als ihn Allan endlich eintreten ließ, verbarg er seine erschütterte Sicherheit hinter einem asthmatischen Schnaufen, das sich bei ihm ganz natürlich anhörte.
Den steifen Hut im Nacken, die Zigarre im Mund, trat er ein und begann schon unter der Tür zu reden. »Sie lassen Ihre Leute warten, Herr Allan, das muß ich sagen!« rasselte er vorwurfsvoll, mit einem fetten Lachen, und nahm den Hut ab, um sich die Stirn zu trocknen. »Wie geht es Ihnen?«
Allan erhob sich. »Da sind Sie ja, Woolf!« sagte er ruhig, ohne einen verräterischen Klang in der Stimme, und suchte mit den Blicken etwas auf seinem Arbeitstisch.
Der Ton Allans ermutigte Woolf wieder, er sah wieder Licht, aber es fuhr ihm plötzlich wie ein eiskaltes Messer am Rücken entlang, daß Allan ihn nur »Woolf« und nicht »Mr. Woolf« nannte. Diese Vertraulichkeit war einst einer seiner intimen Wünsche gewesen, nun aber schien sie ihm kein gutes Anzeichen zu sein.
Er warf sich ächzend in einen Sessel, biß eine neue Zigarre ab, daß seine Zähne klappten, und setzte sie in Brand.
»Was sagen Sie zu Rasmussen, Herr Allan?« begann er, nach Atem ringend und schwenkte das Streichholz, bis es erlosch, und warf es auf den Boden. »Ein solch außerordentlich begabter Mensch! Schade um ihn! Er hätte uns eine hübsche Sache zusammenmischen können, bei Gott! Wie ich schon telegraphierte, ich stehe für Rasmussen ein!«
Er brach ab, denn Allans Blick hatte ihn getroffen. Dieser Blick war kühl, nichts sonst. Er war so bar aller menschlichen Anteilnahme, alles menschlichen Interesses, daß er beleidigend wirkte und S. Woolf augenblicklich den Mund verschloß.
»Rasmussen ist ein Kapitel für sich,« entgegnete Allan in geschäftsmäßigem Ton und nahm einen Stoß Telegramme vom Tisch, »wir wollen keine Umwege machen und von Ihnen reden, Woolf!«
Um Woolfs Ohren pfiff ein eisiger Wind.
Er beugte sich vor, plusterte mit den Lippen und nickte, wie ein Mensch, der einen Tadel entgegennimmt und seine Blamage zugibt. Dann holte er einen tiefen Atemzug aus der Brust hervor und sagte mit einem ernsten, glühenden Blick: »Ich habe Ihnen schon telegraphiert, Herr Allan, daß ich diesmal keine glückliche Hand hatte. Die Baumwolle verkaufte ich eine Woche zu früh, weil ich mich von meinem Liverpooler Agenten, diesem Idioten, ins Bockshorn jagen ließ. Das Zinn zu spät. Ich bedaure die Verluste, aber sie lassen sich wieder gutmachen. Es ist kein Vergnügen, zugeben zu müssen, daß man Dreck im Kopfe hatte, glauben Sie mir das!« schloß er und richtete sich ächzend im Sessel auf und lachte leise. Aber das Lachen, das selbstanklagend und nachsichtheischend klingen sollte, gelang ihm nicht recht.
Allan machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. Er kochte innerlich vor Wut und Empörung. Vielleicht hatte er nie einen Menschen mehr gehaßt als diesen haarigen, fremdrassigen Asthmatiker in diesem Augenblick. Nun, nach einem Jahre -- einem elendiglich verlorenen Jahre -- da er mit äußerster Anstrengung alles wieder auf solide Geleise gesetzt hatte, mußte dieser verbrecherische Börsenjobber ihm von neuem alles über den Haufen werfen! Er hatte keinen Grund, ihn sanft anzupacken, und so machte er seinen Mann schonungslos und rasch nieder. »Darum handelt es sich nicht,« entgegnete er ruhig wie vorhin und nur seine Nasenflügel blähten sich auf. »Das Syndikat wird keine Minute zögern, Sie zu decken, wenn Sie im Dienste der Gesellschaft Verluste erleiden. Aber --« und Allan ließ den Arbeitstisch los, an dem er lehnte und stand aufrecht und sah Woolf mit Augen an, die nichts waren als Pupille und beherrschte Mordgier -- »Ihre vorjährige Bilanz war Humbug, mein Herr! Humbug! Sie haben auf eigene Rechnung spekuliert und sieben Millionen Dollar unterschlagen!«
S. Woolf sank wie ein Baum. Er wurde grau wie Erde. Seine Züge vermoderten. Er griff mit der fleischigen Hand an sein Herz und fiel, nach Luft schnappend, zurück. Sein Mund stand fassungslos und läppisch offen und seine blutunterlaufenen Augen quollen aus dem Kopf.
Allan wechselte die Farbe; er wurde blaß und rot vor Anstrengung, sich zu beherrschen. Dann fügte er mit der gleichen Ruhe und Kälte hinzu: »Sie können ja selbst nachsehen!« Und er warf den Stoß von Telegrammen nachlässig vor Woolfs Füße, daß sie über den Boden flatterten.
S. Woolf lag noch immer nach Luft ringend im Sessel. Der Boden sank unter ihm, seine Füße wurden zu Wolken, sein rasselnder Atem klang ihm in den eigenen Ohren wie das Brausen eines Wasserfalls. Er war so überrumpelt, so betäubt von diesem turmhohen Sturze, daß er für die Beleidigung, die in dem nachlässigen Hinwerfen der Telegramme lag, gar keine Empfindung hatte. Die grauen Lider senkten sich wie Deckel über seine Augen. Er sah nichts. Er sah Nacht, kreisende Nacht, dachte, er würde sterben, flehte den Tod herbei ... und dann erwachte er wieder und fing an zu begreifen, daß es keine Lüge mehr gab, die ihn aufs Trockene trug.
»Allan --?« stammelte er.
Allan schwieg.
S. Woolf tauchte wieder in den Strudel hinab, keuchte wieder empor und schlug endlich die Augen auf, eingesunkene Augen, verfault wie bei Fischen, die lange liegen. Dann setzte er sich keuchend aufrecht. »Unsere Lage war verzweifelt, Allan,« stammelte er und seine Brust warf sich stoßweise vor Luftmangel, »ich wollte Geld schaffen -- Geld um jeden Preis --!«
Allan fuhr empört auf. Das Recht der Lüge hat jeder Verzweifelnde. Aber er hatte kein Mitleid mit diesem Mann, er empfand nichts für ihn, _nichts_, nichts als Haß und Wut. Er wollte kurzen Prozeß mit ihm machen und dann fort mit ihm! Seine Lippen waren schneeweiß vor Erregung, als er entgegnete: »Sie hatten bei der Budapester Bank eineinhalb Millionen auf den Namen Wolfsohn deponiert, in Petersburg eine Million und vorübergehend in London und an belgischen Banken zwei bis drei Millionen. Sie haben Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht und sich zuletzt das Genick gebrochen. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend um sechs Uhr. Keine Minute früher und keine Minute später lasse ich Sie verhaften.«