Part 19
Er verbrachte den Winter auf den Bermudas und Azoren und blieb einige Wochen in Biskaya. Zuletzt erschien er auf der Kraftstation Ile Ouessant, dann verlor sich seine Spur.
Allan verlebte den Frühling in Paris, wo er unter dem Namen C. Connor, Kaufmann aus Denver, in einem alten Hotel der Rue Richelieu wohnte. Niemand erkannte ihn, obwohl jeder hundertmal sein Porträt gesehen hatte. Er hatte dieses Hotel absichtlich gewählt, um jener Klasse von Menschen zu entgehen, die er am meisten haßte: die reichen Müßiggänger und lauten Schwätzer, die sich von Hotel zu Hotel durchschlagen und die Mahlzeiten mit einer lächerlichen Feierlichkeit einnehmen.
Allan lebte ganz allein. Er saß täglich nachmittags vor dem gleichen Boulevard-Café an seinem runden Marmortischchen, trank seinen Kaffee und blickte still und gleichgültig in den lauten Strom der Straße. Von Zeit zu Zeit wandte er den Blick empor zu einem Balkon im zweiten Stock des gegenüberliegenden Hotels: dort hatte er vor Jahren mit Maud gewohnt. An manchen Tagen erschien dort oben eine hellgekleidete Frau; dann konnte Allan den Blick nicht von dem Balkon abwenden. Täglich begab er sich in den Jardin de Luxembourg, in jenen Teil, wo die Kinder zu Tausenden spielen. Dort stand eine Bank, auf der er einmal mit Maud und Edith gesessen hatte. Und auf dieser Bank saß Allan jeden Tag und sah zu, wie sich die Kinder um ihn her tummelten. Jetzt, nach einem halben Jahre, begannen die Toten und der Schmerz allmählich eine merkwürdige Macht über ihn zu bekommen. Im Laufe des Frühlings und Sommers absolvierte er die gleiche Reise, die er mit Maud und Edith vor Jahren unternommen hatte. Er war in London, Liverpool, Berlin, Wien, Frankfurt, begleitet von düsteren und schmerzlich-süßen Erinnerungen.
Er wohnte in den gleichen Hotels und häufig sogar in den gleichen Räumen. Oft hielt er den Schritt an vor Türen, die Mauds Hand einst öffnete und schloß. Es fiel ihm nicht schwer, sich in all den fremden Hotels und Korridoren zurechtzufinden. Die vielen Jahre, die er in den finstern unterirdischen Labyrinthen der Bergwerke verbrachte, hatten seinen Ortsinn geschult. Die Nächte verbrachte er schlaflos in einem Sessel, im dunkeln Zimmer. Da saß er mit offenen, ausgetrockneten Augen, ohne sich zu regen. Zuweilen richtete er an Maud halblaut kleine Ermahnungen, wie er es zu tun pflegte, als sie noch lebte. »Geh jetzt schlafen, Maud!« -- »Verdirb dir die Augen nicht.« Er quälte sich mit Vorwürfen, daß er Maud an sich gefesselt habe, obgleich er doch damals schon sein großes Werk plante. Es schien ihm, als habe er ihr niemals seine Liebe ganz enthüllt, als habe er sie überhaupt nicht genügend geliebt -- nicht so, wie er sie jetzt liebte. Voller Pein und Selbstanklage erinnerte er sich daran, daß ihm Mauds Vorwürfe, er vernachlässige sie, sogar lästig geworden waren. Nein, er hatte es nicht verstanden, seine kleine süße Maud glücklich zu machen. Mit brennenden Augen, überschattet von seinem Gram, saß er in den toten Räumen, bis es Tag wurde. »Es wird schon Tag, die Vögel zwitschern, hörst du?« sagte Maud. Und Allan erwiderte raunend: »Ja, ich höre sie, Liebe.« Dann warf er sich aufs Bett.
Schließlich verfiel er auf den Gedanken, Gegenstände aus diesen geheiligten Räumen zu erwerben, einen Leuchter, eine Uhr, ein Schreibzeug. Die Hotelbesitzer, die Mr. C. Connor für einen spleenigen reichen Amerikaner hielten, forderten schamlos hohe Summen, aber Allan bezahlte, ohne zu feilschen, jeden Preis.
Im August kehrte er von seiner Rundreise wieder nach Paris zurück und stieg wieder in dem alten Hotel in der Rue Richelieu ab, noch stiller, trüber, ein düsteres Feuer in den Augen. Er machte den Eindruck eines gemütskranken Mannes, der das Leben ringsum nicht mehr bemerkt und in seine eigenen Grübeleien versunken ist. Wochenlang sprach er kein Wort.
Eines Abends ging Allan im Quartier latin durch eine krumme, geschäftige Straße und plötzlich blieb er stehen. Jemand hatte seinen Namen gerufen. Aber ringsum hasteten fremde gleichgültige Menschen. Da sah er plötzlich seinen Namen, seinen früheren Namen, in riesigen Lettern dicht vor den Augen.
Es war ein grellfarbiges Plakat der Edison-Bio: »~Mac Allan, constructeur du »Tunnel« et Mr. Hobby, ingenieur en chef conversant avec les collaborateurs à Mac City.~«
»~Les tunnel-trains allant et venant du travail.~«
Allan sprach nicht Französisch, aber er verstand den Sinn der Affiche. Von einer merkwürdigen Neugierde getrieben, trat er zögernd in den dunklen Saal. Er kam gerade mitten in ein Rührstück hinein, das ihn langweilte. Allein in diesem Stück trat ein kleines Mädchen auf, das ihn entfernt an Edith erinnerte und dieses Kind vermochte ihn eine halbe Stunde in dem überfüllten Raume festzuhalten. La petite Yvonne hatte die gleiche Art, wichtigtuerisch und mit dem Ernst erwachsener Leute zu plaudern ...
Plötzlich hörte er den Conférencier seinen Namen nennen und in diesem Augenblicke stand auch schon »seine Stadt« vor ihm. Flimmernd in Staub und Rauch und Sonne. Eine Gruppe von Ingenieuren stand vor der Station, lauter bekannte Gesichter. Sie wandten sich alle wie auf ein Signal um, um ein Automobil zu erwarten, das langsam heranrollte. In dem Automobil saß er selbst und neben ihm Hobby. Hobby richtete sich auf und schrie den Ingenieuren etwas zu, worauf alle lachten. Allan wurde von einem dumpfen Schmerz erfaßt, als er Hobby sah: frisch, übermütig -- und jetzt hatte ihn der Tunnel vernichtet wie viele andere. Das Automobil rollte langsam weiter und plötzlich sah er sich aufstehen und zurücklehnen über den Wagen. Ein Ingenieur griff an den Hut, zum Zeichen, daß er verstanden habe.
Der Conférencier: »Der geniale Konstrukteur gibt seinen Mitarbeitern Befehle!«
Der Mann aber, der an den Hut griff, sah unvermutet forschend ins Publikum, gerade auf ihn, Allan, als habe er ihn entdeckt. Da erkannte er ihn: es war Bärmann, den sie am 10. Oktober erschossen hatten.
Plötzlich sah er die Tunnelzüge laufen: sie flogen die schiefe Ebene hinab, sie jagten herauf, einer hinter dem anderen und eine Wolke von Staub fegte über sie hin.
Allans Herz pochte. Er saß gebannt, unruhig, mit heißem Gesicht, und sein Atem kam so gepreßt aus der Brust, daß man neben ihm lachte.
Die Züge aber flogen ... Allan stand auf. Er ging augenblicklich. Er nahm ein Auto und fuhr ins Hotel. Hier erkundigte er sich bei dem Manager nach dem nächsten auslaufenden Amerika-Schnelldampfer. Der Manager, der Allan stets mit der zartesten Rücksicht behandelte, wie einen Schwerkranken, nannte ihm den Cunardliner, der am nächsten Vormittag von Liverpool in See ging. Der Abendschnellzug sei aber schon abgegangen.
»Bestellen Sie augenblicklich einen Extrazug!« sagte Allan.
Der Manager sah Mr. C. Connor an, überrascht von Allans Stimme und Ton. Was hatte diesen Menschen seit heute mittag so verändert? Ein ganz neuer Mensch schien vor ihm zu stehen.
»Gerne,« erwiderte er. »Allerdings muß ich Mr. Connor um bestimmte Garantien bitten ...«
Allan trat an den Lift. »Wozu? Sagen Sie, Mac Allan aus New York bestellt den Zug!«
Da erkannte ihn der Manager und trat verblüfft zurück und verbarg sein Erstaunen in einer Verbeugung.
Allan war wie umgewandelt. Er sauste dahin in einem vorwärtsstürmenden Zug, der alle Stationen in einem Tempo passierte, daß die Luft klirrte, und die Schnelligkeit der Bewegung allein brachte ihn wieder auf sich selbst zurück. Er schlief vorzüglich in dieser Nacht. Zum erstenmal seit langer Zeit. Nur einmal wachte er auf. Als der Zug durch den Kanaltunnel donnerte. >Sie haben die Stollen viel zu klein gebaut,< dachte er und schlief weiter. Am Morgen fühlte er sich frisch und gesund, voller Entschlossenheit. Er sprach vom Zug aus telephonisch mit dem Kapitän des Dampfers und der Direktion der Gesellschaft. Um zehn Uhr erreichte er den Cunardliner, der, fiebernd vor Ungeduld, pfeifende Wolken von Wasserdampf durch die Kamine ausstoßend, auf ihn wartete. Er stand erst mit einem Fuß auf dem Schiff, als die Schrauben schon das Wasser zu flüssigem Marmor peitschten.
Nach einer halben Stunde wußte das ganze Schiff, daß der verspätete Passagier kein anderer als Mac Allan war.
Auf hoher See begann Allan fieberhaft zu depeschieren. Über Biskaya, Azora, Bermuda, New York und Mac City ging ein Regen von Depeschen nieder. Durch die finsteren Stollen unterm Meer zuckte ein belebender Strom: Allan hatte das Steuer wieder in die Hand genommen.
4.
Allans erster Besuch galt Hobby.
Hobbys Landhaus lag etwas abseits von Mac City. Es bestand in der Hauptsache aus Loggien, Balkonen und Veranden und stieß an ein Wäldchen junger Eichen.
Niemand öffnete, als Allan klingelte. Die Klingel schien nicht zu funktionieren. Das Haus machte den Eindruck, als sei es schon seit langer Zeit verlassen. Aber alle Fenster standen weit offen. Auch die Gartentüre war verschlossen, so daß Allan sich kurz entschlossen über den Zaun schwang. Er stand kaum im Garten, als ein Schäferhund angestürzt kam und ihn wütend kläffend stellte. Allan sprach auf den Hund ein, und der Hund gab schließlich den Weg frei, wenn er ihn auch nicht aus den Augen ließ. Der Garten war voll welker Eichenblätter und verwahrlost wie das Haus. Hobby schien ausgegangen zu sein.
Um so größer war Allans Freude und Überraschung, als er Hobby plötzlich vor sich sah. Er saß auf den Stufen, die in den Garten führten, das Kinn in die Hand gestützt, in Gedanken versunken. Er schien nicht einmal gehört zu haben, daß der Hund anschlug.
Hobby war elegant wie immer gekleidet, aber die Kleidung wirkte stutzerhaft, denn es war die Kleidung eines jungen Mannes, und der sie trug, war ein Greis. Hobby trug teure Wäsche mit farbigen Streifen, Lackschuhe mit breiten Sohlen und koketten Seidenschleifen, gelbseidene Strümpfe und eine hechtgraue Hose mit Bügelfalten und Hüftenschnitt. Eine Jacke hatte er nicht an, obschon es empfindlich kühl war.
Er saß in der Haltung eines gesunden, intelligenten Menschen und Allans Freude wallte schon auf. Aber als Hobby den Blick zu ihm emporhob und er seine entstellten kranken Augen sah und sein runzeliges fahles Greisengesicht, wußte er, daß es mit Hobbys Gesundheit noch nicht zum besten stand.
»Da bist du ja wieder, Mac,« sagte Hobby, ohne Allan die Hand zu geben und ohne sich zu regen. »Wo warst du?« Und um seine Augen und seinen Mund ordneten sich die Falten zu kleinen Fächern. Er lächelte. Seine Stimme klang immer noch fremd und unrein, wenn auch Allan deutlich Hobbys alte Stimme heraushörte.
»Ich war in Europa, Hobby. Und wie geht's, mein Junge?«
Hobby sah wieder vor sich hin wie vorhin. »Es geht besser, Mac. Auch mein verfluchter Kopf arbeitet schon wieder!«
»Wohnst du denn ganz allein, Hobby?«
»Ja, ich habe die Dienstboten hinausgeworfen. Sie machten zu viel Lärm.«
Nun aber schien Hobby plötzlich zu begreifen, daß Allan da war. Er stand auf und drückte ihm die Hand und sah erfreut aus. »Komm herein, Mac! Ja, so geht es, siehst du!«
»Was sagt der Arzt?«
»Der Arzt ist zufrieden. Geduld, sagt er, Geduld.«
»Weshalb sind alle Fenster offen? Es zieht ja schauderhaft, Hobby.«
»Ich liebe den Luftzug, Mac!« entgegnete Hobby mit einem fremden Lachen.
Er flatterte am ganzen Körper und seine weißen Haare flogen, als sie in sein Arbeitszimmer hinaufstiegen.
»Ich arbeite schon wieder, Mac. Du wirst sehen. Es ist etwas ganz Ausgezeichnetes!« Und Hobby blinzelte mit dem rechten Auge, ganz als ob er den alten Hobby nachahme.
Er zeigte Mac einige Blätter, die mit zitternden wirren Strichen bedeckt waren. Die Zeichnungen sollten alle seinen neuen Hund darstellen. Aber sie waren kaum besser als Zeichnungen von Kindern -- und ringsum an den Wänden hingen Hobbys großartige Entwürfe von Bahnhöfen, Museen, Warenhäusern, die alle die Hand des Genies zeigten.
Allan machte ihm die Freude, die Skizzen zu loben.
»Ja, sie sind wirklich gut,« sagte Hobby stolz und goß mit bebenden Händen zwei Gläser ~black and white~ zusammen. »Es beginnt wieder, Mac. Nur werde ich rasch müde. Bald wirst du Vögel zu sehen bekommen. Vögel! Wenn ich so dasitze, so sehe ich häufig die sonderbarsten Vögel in meinem Kopf -- Millionen, und alle bewegen sich. Trink, mein Junge! Trink, trink, trink.«
Hobby ließ sich in einen abgeschabten Ledersessel fallen und gähnte.
»War Maud mit in Europa?« fragte er plötzlich.
Allan schrak zusammen und erbleichte. Ein leichtes Schwindelgefühl überkam ihn.
»Maud?« sagte er halblaut, und der Name klang merkwürdig in seinen Ohren, als sei es ein Unrecht, ihn auszusprechen.
Hobby blinzelte und dachte angestrengt nach. Dann stand er auf und sagte: »Willst du noch Whisky haben?«
Allan schüttelte den Kopf. »Danke, Hobby! Ich trinke nichts am Tage.« Mit trüben Blicken sah er durch die herbstlichen Bäume hindurch hinaus aufs Meer. Ein kleiner schwarzer Dampfer zog langsam südwärts. Er beobachtete ganz mechanisch, daß der Dampfer plötzlich zwischen einer Astgabel stehen blieb und sich nicht mehr rührte.
Hobby setzte sich wieder und eine lange Zeit waren sie ganz still. Der Wind blies durch das Zimmer und schüttelte das Laub von den Bäumen. Über die Dünen und das Meer liefen rasche Wolkenschatten hintereinander und erweckten ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und ewig neuer Qual.
Dann begann Hobby wieder zu sprechen.
»So ist es zuweilen mit meinem Kopf,« sagte er, »siehst du? Ich weiß natürlich alles, was geschehen ist. Aber manchmal verwirren sich meine Gedanken. Maud, die arme Maud! Hast du übrigens gehört, daß Doktor Herz in die Luft geflogen ist? Mit seinem ganzen Laboratorium. Er hat ein großes Loch in die Straße gerissen und dreizehn Menschen mitgenommen.«
Doktor Herz war ein Chemiker, der an Sprengstoffen für den Tunnel arbeitete. Allan hatte die Nachricht schon auf dem Dampfer erhalten.
»Es ist zu schade,« fügte Hobby hinzu, »diese neue Sache, die er da hatte, muß sicher gut gewesen sein!« Und er lächelte grausam. »Zu schade!«
Allan brachte hierauf das Gespräch auf Hobbys Schäferhund und eine Zeitlang folgte Hobby. Dann sprang er wieder ab.
»Was für ein süßes Mädchen Maud doch war!« sagte er unvermittelt. »Ein Kind! Und doch tat sie immer, als sei sie klüger als alle Menschen. Sie war in den letzten Jahren nicht sehr zufrieden mit dir.«
Allan streichelte, in Gedanken versunken, Hobbys Hund.
»Ich weiß es, Hobby,« sagte er.
»Ja, sie klagte zuweilen, daß du sie so allein hier sitzen ließest. Nun, ich sagte ihr: sieh, Maud, es geht nicht anders. Einmal haben wir uns auch geküßt. Ich weiß es wie heute. Zuerst spielten wir Tennis und dann fragte Maud alle möglichen Dinge. Gott, wie deutlich ich ihre Stimme jetzt höre! Sie sagte >Frank< zu mir ...«
Allan starrte Hobby an. Aber er fragte nichts. Hobby sah in die Ferne und sein Blick war erschreckend glänzend.
Nach einer Weile erhob sich Allan, um zu gehen. Hobby begleitete ihn bis zur Gartentür.
»Nun, Hobby,« sagte Allan, »willst du nicht mit mir kommen?«
»Wohin?«
»In den Tunnel.« Da verfärbte sich Hobby und seine Wangen zitterten.
»Nein -- nein ...« erwiderte er mit einem scheuen, unsicheren Blick. Und Allan, der seine Frage bereute, sah, daß Hobby am ganzen Körper zitterte.
»Adieu, Hobby, morgen komme ich wieder!«
Hobby stand unter der Gartentür, den Kopf leicht geneigt, fahl, mit kranken Augen, und der Wind spielte mit seinen weißen Haaren. Gelbe, dürre Eichenblätter wirbelten um seine Füße. Als der Hund Allan wütend nachbellte, lachte Hobby -- ein krankes, kindisches Lachen, das Allan noch am Abend in den Ohren klingen hörte.
Schon in den nächsten Tagen trat Allan wieder mit der Arbeiter-Union in Verbindung. Er hatte das Empfinden, als ob man jetzt zu einer Verständigung geneigter sei. In Wirklichkeit konnte die Union die Sperre über den Tunnel nicht länger aufrecht erhalten. Die »Farmhands« kamen mit dem Eintritt des Winters zu Tausenden vom Westen und suchten Beschäftigung. Die Union hatte im vorigen Winter ungeheure Summen für Arbeitslose ausgeschüttet und dieser Winter würde sie noch teurer zu stehen kommen. Seit die Arbeit im Tunnel still stand, war auch die Beschäftigung in den Bergwerken, Eisenhütten und Maschinenfabriken unerhört zurückgegangen und ein Heer von Menschen war auf die Straße geworfen worden. Die Löhne sanken infolge des großen Angebots von Arbeitskräften, so daß selbst die Beschäftigten nur ein karges Auskommen fanden.
Die Union berief Meetings und Versammlungen ein, und Allan sprach in New York, Cincinnati, Chicago, Pittsburg und Buffalo. Er war zäh und unermüdlich. Seine Stimme rauschte wie ehedem durch den Brustkorb und seine Faust sauste gewaltig durch die Luft, während er sprach. Nun, da sich seine elastische Natur wieder aufgerichtet hatte, schien auch jene alte Macht wieder von ihm auszuströmen wie früher. Die Presse hallte wider von seinem Namen.
Seine Sache stand günstig. Allan hoffte die Arbeit im November, spätestens Dezember wieder aufnehmen zu können.
Da aber zog sich -- für Allan ganz unerwartet -- ein zweites Ungewitter über dem Syndikat zusammen. Ein Ungewitter, das weitaus verheerendere Folgen haben sollte als die Oktober-Katastrophe.
Durch den finanziellen Riesenbau des Syndikats ging ein böses Knistern ...
5.
S. Woolf fuhr mit der gleichen Würde wie früher in seinem 50 ~HP~.-Car den Broadway entlang. Er erschien wie sonst Punkt elf Uhr im Klub zum Poker und trank seine Tasse Kaffee. Er wußte recht wohl, daß nichts die Welt argwöhnischer macht als eine Änderung der Lebensführung, und so spielte er nach außen hin seine Rolle in allen Einzelheiten weiter.
Aber er war nicht mehr der alte. S. Woolf hatte seine Sorgen, die er ganz allein tragen mußte. Das war nicht leicht! Es genügte ihm nicht mehr, zur Erholung mit einer seiner Nichten und Göttinnen zu Abend zu speisen. Seine überreizten Nerven brauchten Orgien, Exzesse, Zigeunermusik und Tänzerinnen zur Betäubung. Nachts, wenn er zuckend vor Übermüdung auf dem Bett lag, brannte sein Hirn lichterloh. Es kam dahin, daß er sich Abend für Abend an schwerem Wein berauschte, um Schlaf zu finden.
S. Woolf war ein guter Haushalter. Sein enormes Einkommen genügte vollkommen zur Deckung seiner Extravaganzen. Das war es nicht. Aber er war vor zwei Jahren in einen Mahlstrom ganz anderer Art geraten und trotz seinen gewaltigen Schwimmstößen, mit denen er wieder das glatte Wasser zu erreichen suchte, trieb er Monat für Monat dem kreisenden Strudel näher.
S. Woolfs zottiger Büffelschädel hatte einen napoleonischen Gedanken ausgebrütet. Er hatte mit diesem Gedanken gespielt, er war verliebt um ihn herumgeschlichen. Er hatte ihn gepflegt und großgefüttert. Zu seinem Vergnügen, in seinen Mußestunden. Der Gedanke war gewachsen wie der Dschinn aus der Flasche, die der arabische Fischer fand, ein Phantom aus Rauch. S. Woolf konnte ihm befehlen, wieder in die Flasche zurückzukriechen und ihn in der Westentasche mit sich tragen. Aber eines Tages sagte der Dschinn: »Stop!« Der Dschinn hatte sich ausgewachsen zur normalen Größe, er stand da wie ein Wolkenkratzer, blitzte mit den Augen und donnerte und wollte nicht mehr in die Flasche zurück.
S. Woolf mußte sich entscheiden!
S. Woolf pfiff auf Geld. Die kläglichen Zeiten waren längst vorüber, da ihm das Geld an sich etwas bedeutete. Er konnte es aus dem Schmutz der Straße schöpfen, aus der Luft, es lag in seinem Hirn zu Millionen angehäuft und er brauchte es nur herauszuschlagen. Ohne Namen, ohne einen Pfennig in der Tasche, verpflichtete er sich, in einem Jahr ein Vermögen zu schaffen. Das Geld war nichts! Nur Mittel zum Zweck. S. Woolf war ein Trabant, der um Allan kreiste. Er wollte ein Mittelpunkt werden, um den die andern kreisten! Das Ziel war erhaben, würdig, und S. Woolf entschied sich.
Weshalb sollte er nicht dasselbe tun, was all die andern getan hatten, diese Lloyds und Großmächte ringsum? Es war nichts anderes, es war genau das gleiche, was der junge Wolfsohn vor zwanzig Jahren getan hatte, als er alles auf eine Karte setzte, sich elegant kleidete, dreißig Mark in sein Gebiß steckte und nach England abdampfte. Es war sein Gesetz, das ihm eingeborene Gesetz, das ihn zwang, in bestimmten Perioden gleich zu handeln.
S. Woolf wuchs in diesem Moment über sich hinaus, sein Dämonium streckte ihn ins Überlebensgroße.
Sein Plan war fertig, eingraviert in seinen Schädel, haarscharf, unsichtbar für andere Menschen. In zehn Jahren würde es eine neue Großmacht geben, die Großmacht S. Woolf. In zehn Jahren würde die Großmacht S. Woolf den Tunnel annektieren.
Und S. Woolf machte sich ans Werk.
Er tat, was Tausende vor ihm taten, niemals aber tat es jemand in seinem ungeheuren Maßstab! Er ging nicht auf ein Vermögen. Er hatte berechnet, daß er 50 Millionen Dollar für seinen Plan nötig hatte. Und so ging er auf 50 Millionen Dollar. Er handelte kühn, kalt, von Gewissensbissen und Vorurteilen verschont.
Er spekulierte auf eigene Rechnung, obgleich sein Vertrag ihm das ausdrücklich untersagte. Nun, sein Vertrag war ein Stück Papier, tot und nichtig, und diese Bedingung war gerade von jenen andern Großmächten eingefügt worden, um ihm die Hände zu binden. Er kümmerte sich nicht darum. Er kaufte die gesamte Baumwolle Südfloridas und verkaufte sie eine Woche später und verdiente zwei Millionen Dollar. Mit dem Syndikat im Rücken machte S. Woolf seine Geschäfte, ohne daß er einen Dollar des Syndikats dazu benötigte. In einem Jahre brachte er fünf Millionen Dollar auf seine Seite. Mit diesen fünf Millionen ging er in geschlossener Reihe auf den westindischen Tabak los. Aber ein Zyklon zerstörte die Tabakkulturen und die fünf Millionen waren bis auf ein Bataillon von Krüppeln aufgerieben. S. Woolf gab den Kampf nicht auf. Er versuchte es wieder mit der Baumwolle und siehe da, die Baumwolle blieb ihm treu. Er gewann. Er geriet in eine Gewinnserie, gewann immerzu und lieferte erstklassige Schlachten. Dann aber fiel er unerwartet in einen Hinterhalt. Das Kupfer schlug ihn, das er umzingelt hatte. Es waren unbekannte Kupfervorräte da, die ihm in den Rücken fielen und ihn total aufrieben. Er verlor viel Blut und war gezwungen, eine Anleihe bei den Reserven des Syndikats zu machen. Der Strudel hatte ihn erfaßt. S. Woolf pumpte sich die Brust voller Luft und stach in See -- aber der Strudel saugte. S. Woolf schwamm großartig, aber er kam nicht von der Stelle. Blickte er zurück, so mußte er konstatieren, daß er Terrain zugesetzt hatte. S. Woolf schwamm verzweifelt und schwor sich, wenn er wieder ins glatte Wasser käme, vorläufig Luft schöpfen und sich von weiteren Abenteuern fernhalten zu wollen.
Das waren S. Woolfs Sorgen, die ihm niemand abnehmen konnte.
Im vorigen Jahre war es ihm noch gelungen, eine befriedigende Bilanz hinzuzaubern. Noch genoß er das volle Vertrauen des Syndikats.
Die Zeiten waren schlecht, die Oktober-Katastrophe hatte den Markt verwüstet, und S. Woolf ergraute, wenn er an den kommenden Januar dachte.
Es ging auf Leben und Tod.
Geld! Geld! Geld!
Es fehlten ihm drei bis vier Millionen Dollar. Eine Kleinigkeit verhältnismäßig. Zwei, drei gelungene Coups und er hatte wieder Boden unter den Füßen.
Es galt, und S. Woolf verteidigte sich heroisch.
Er stürzte sich vorerst in einen weniger gefährlichen Kleinkrieg, aber als der Sommer kam und er nur schrittweise Boden gewonnen hatte, war er gezwungen, ein großes Treffen anzunehmen. S. Woolf zögerte nicht, ins Feuer zu gehen. Er versuchte es nochmals mit der Baumwolle und legte seine Hand gleichzeitig auf das Zinn. Wenn diese Riesenspekulationen nur einigermaßen gelangen, so war er gerettet.
Monatelang lebte er in Schlafwagen und Schiffskabinen.