Part 18
Am folgenden Tag begaben sich 50000 Tunnelmen nach New York. Sie fuhren in 50 Zügen ab und um 12 Uhr waren sie -- ein Heer! -- in Hoboken angekommen. Die Polizei hatte keinen Anlaß, diesen Massen den Eintritt in New York zu verbieten: jedermann, der nach New York wollte, konnte kommen. Aber die telephonischen Apparate der Polizeistationen waren ununterbrochen in Tätigkeit, um die Bewegung dieses Heeres zu überwachen.
Hudson-River-Tunnel war zwei Stunden lang nahezu für jeden Verkehr gesperrt. Die Tunnelmen durchwanderten ihn, eine endlose Schlange von Menschen, und der Tunnel donnerte von ihren Tritten und Gesängen.
Gleich nach dem Austritt aus dem Tunnel ordnete sich das Heer zur Parade und schwenkte in die Christopher Street ein. Voran schritt eine Musikkapelle, die einen barbarischen Lärm machte. Dann kamen Bannerträger mit einer Flagge, die in roten Lettern die Aufschrift trug: »Tunnelmen.« Hierauf folgten Scharen von roten Bannern der Internationalen Arbeiterliga, dahinter über den Köpfen Hunderte von Flaggen aller Nationen der Welt: voran das Sternenbanner der Vereinigten Staaten, der Union Jack, dann die Flaggen Kanadas, Mexikos, Argentiniens, Brasiliens, Chiles, Uruguays, Venezuelas, Haitis, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Dänemarks, Schwedens, Norwegens, Rußlands, Spaniens, Portugals, der Türkei, Persiens, Hollands, Chinas, Japans, Australiens, Neuseelands.
Hinter dem bunten Wald von Flaggen trotteten Horden von Negern. Diese Neger hatten sich teilweise in eine Wut hineingeschauspielert und rollten die Augen und schrien sinnlos, teilweise aber waren sie gute schwarze Burschen geblieben, die ihre weißen Zähne zeigten und den »~ladies~«, die sich sehen ließen, nicht mißzuverstehende Liebesanträge machten. In ihrer Mitte wanderte ein Plakat mit Riesenlettern: »~Hell-men!~« Dann kam eine Gruppe, die einen Galgen schleppte. An dem Galgen baumelte eine Puppe: Allan!
Er war gekennzeichnet durch eine feuerrote Perücke auf dem runden Kopf, der aus einem alten Sack gemacht war, durch weiße Zähne, die mit Farbe ausgemalt waren. Ferner hatte man aus einer Pferdedecke einen weiten Mantel zusammengeschneidert, der Macs bekanntem rehfarbenen Ulster ähnlich sah.
Ein Riesenplakat wanderte vor dem gehenkten Allan her, worauf stand:
»Mac Allan, Mörder von 5000.«
Über der Flut von Köpfen, Kappen, Mützen und verbeulten steifen Hüten, die durch Christopher- und Washingtonstreet dem Broadway zutrieb, schwankte eine ganze Reihe derartiger Vogelscheuchen.
Hinter Allan baumelte Lloyd am Strick.
Der Kopf der Puppe war nußbraun angestrichen, Augen und Gebiß schreckenerregend aufgemalt. Das Plakat, das diesem indianischen Totem voranwandelte, lautete:
»Lloyd, Milliardendieb.« »Frißt Menschenfleisch.«
Dann kam Hobby mit blonder Strohperücke, so jämmerlich dünn, daß er wie eine Flagge hin- und herwehte. Sein Plakat lautete:
»Hobby.« »Dem Teufel knapp entronnen, gehenkt.«
Es folgte S. Woolf! Er trug einen roten Fez auf dem Kopf, hatte wulstige, rote Lippen und faustgroße schwarze Augen. Um seinen Hals hing eine Anzahl von Kinderpuppen an Bindfäden.
»S. Woolf mit Harem!« »Jude und Champion der Schwindler!«
Dann kamen bekannte Finanzgrößen und die Chefingenieure der verschiedenen Stationen. Unter ihnen erregte besonders der fette Müller von Azora großes Aussehen. Er war rund wie ein Ballon, als Kopf trug er nur einen alten steifen Hut.
»Ein fetter Bissen für die Hölle!«
Zwischen den trottenden Menschenhaufen marschierten Dutzende von Musikbanden, die alle gleichzeitig spielten und die Schlucht des Broadways mit einem Geplärr und Klirren anfüllten, als zerschellten gleichzeitig Tausende von Fensterscheiben auf dem Asphalt. Die Arbeiterhorden johlten, pfiffen, lachten, alle Mäuler waren verzerrt von der Anstrengung, Lärm zu machen. Einzelne Bataillone sangen die Internationale, andere die Marseillaise, andere sangen wirr durcheinander, was sie wollten. Den Unterton des ungeheuren Lärmes aber bildete das Trappen und Stampfen der Schritte, ein dumpfer Takt der schweren Stiefel, der stundenlang das gleiche Wort wiederholte: Tunnel -- Tunnel -- Tunnel ...
Der Tunnel selbst schien nach New York gekommen zu sein, um zu demonstrieren.
Eine Gruppe in der Mitte der Prozession erregte großes Aufsehen. Ihr voran wanderten Flaggen aller Nationen und ein Riesenplakat:
»Macs Krüppel.«
Die Gruppe bestand aus einer Schar von Männern, denen eine Hand oder ein Arm fehlte, oder ein Bein; Stelzfüße, und selbst solche, die sich an zwei Krücken vorwärts schwangen wie Glocken. Hinter ihnen trotteten Männer mit gelben, kranken Gesichtern. Das waren die, die an der »Beuge« litten.
Die Tunnelmänner marschierten in Reihen von zehn zu zehn und die Prozession war über fünf Kilometer lang. Ihr Schwanz schlüpfte gerade aus dem Hudson-River-Tunnel, als der Kopf Wallstreet erreichte. In vollkommener Ordnung wälzte sich das Heer der Tunnelmänner durch den Broadway, und die Straßen, die es passierte, diese von den Reifen der Autos blankgeschliffenen Straßen, waren noch am nächsten Tag getüpfelt mit den Abdrücken von Schuhnägeln. Der Verkehr war unterbunden. Endlose Züge von Trams, Wagen, Automobilen warteten auf das Ende des Zuges. Alle Fenster und Auslagen waren von Neugierigen besetzt. Jeder wollte die Tunnelmen gesehen haben, die mit ihren gelben Grubengesichtern, ausgearbeiteten Händen und gekrümmten Rücken in den schweren Stiefeln dahintrotteten. Sie brachten aus dem Tunnel eine Atmosphäre von Grauen mit. Sie alle waren ja da drinnen in den dunklen Stollen gewesen, wo der Tod ihre Gefährten niedergemacht hatte. Ein Rasseln von Ketten stieg aus ihren Reihen empor, ein Geruch von Sträflingen und Entrechteten.
Die Photographen visierten und knipsten, die Kinematographen drehten die Kurbel. Aus den Läden der Barbiere stürzten eingeseifte Kunden, die Serviette am Kinn, aus den Schuhläden Damen mit einem Schuh, in den Kleidermagazinen standen Kunden in Hemdärmeln und selbst solche in Unterhosen. Die Verkäuferinnen, Arbeitsmädchen und Kontoristinnen der Waren- und Geschäftshäuser lagen rot vor Aufregung und zappelnd vor Neugierde beängstigend weit über die Simse gebeugt in den Fenstern vom ersten bis zum zwanzigsten Stockwerk. Sie schrien und quiekten und schwenkten die Taschentücher. Aber die Woge von Lärm, die von der Straße heraufschlug, trug ihre hellen Schreie mit nach oben, so daß man sie nicht hören konnte.
In einem unscheinbaren Privatauto, das mitten in dem brandenden Menschenstrom unter Hunderten von andern Gefährten wartete, saßen Lloyd und Ethel. Ethel bebte vor Erregung und Neugierde. Sie schrie in einem fort: »~Look at them -- just look at them -- look! look!~« Sie pries den glücklichen Zufall, der sie mitten in die Parade hineingeraten ließ.
»Vater -- sie bringen Allan! Hallo! Siehst du ihn?«
Und Lloyd, der im Hintergrund des Wagens zusammengekauert saß und durch ein Guckloch blickte, sagte gleichmütig: »Ich sehe ja, Ethel!«
Als Lloyd selbst vorbeigetragen wurde, lachte sie hell auf, außer sich vor Vergnügen.
»Das bist du, Papa!«
Sie verließ ihren Sitz am Fenster und umarmte Lloyd. »Du bist es, siehst du denn?«
»Ich sehe, Ethel.«
Ethel klopfte an das Fenster, als die »Höllenmänner« vorbeikamen. Die Nigger grinsten sie an und drückten die abscheulich ziegelroten Innenflächen der Hände gegen die Scheibe. Aber sie konnten nicht stehen bleiben, denn die Hintermänner traten sie auf die Hacken.
»Öffne nur das Fenster nicht, Kind!« sagte Lloyd gleichmütig.
Aber bei »Macs Krüppeln« zog Ethel die Brauen in die Höhe.
»Vater!« sagte sie in verändertem Ton. »Siehst du sie?«
»Ich sehe sie, Kind.«
(Am nächsten Tag ließ Ethel zehntausend Dollar unter »Macs Krüppel« verteilen.)
Ihre Freude war wie weggeblasen. Eine unerklärliche Bitterkeit gegen das Leben stieg plötzlich in ihrem Herzen empor.
Sie öffnete die Klappe zum Chauffeur und herrschte ihn an: »~Go on~!!«
»Ich kann nicht!« antwortete der Chauffeur.
Aber Ethel fand ihre gute Laune bald zurück.
Über ein Bataillon von Japanern, die mit hastigen Schritten wie gelbe Affen dahertrippelten, mußte sie schon wieder lächeln.
»Vater, siehst du die ~japs~?«
»Ich sehe, Ethel,« antwortete Lloyd stereotyp.
Lloyd wußte genau, daß sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten, aber er verriet sich mit keinem Wort. Er befürchtete nicht, totgeschlagen zu werden, nein, aber er wußte, daß, sobald eine Stimme rufen sollte: »Das ist Lloyds Wagen!« folgendes eintreten mußte: die Neugierigen würden seinen Wagen umdrängen und zerdrücken. Man würde sie (ganz ohne Arg!) herausholen und sie würden totgedrückt werden. Im besten Fall hatten Ethel und er das Vergnügen, auf zwei Paar Negerschultern die Prozession durch New York mitzumachen -- und das war keineswegs nach seinem Geschmack.
Er bewunderte Ethel, die er stets bewunderte. Sie dachte gar nicht an Gefahr! Sie war in dieser Beziehung wie ihre Mutter.
Er erinnerte sich an eine kleine Szene, die sich in Australien zutrug, damals, als sie noch kleine Leute waren. Eine wütende Dogge stürzte sich auf Ethels Mutter. Was aber tat sie? Sie bot der Dogge Ohrfeigen an und sagte höchst indigniert: »~You go on, you!~« Und der Hund wich aus irgend einem Grunde tatsächlich zurück. Daran dachte er, und seine Haut legte sich in Falten, weil er lächeln mußte.
Plötzlich aber surrte der Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Lloyd streckte seinen ausgetrockneten Mumienkopf vor und lachte, wobei seine Zunge stoßweise durch die Zähne fuhr. Er klärte Ethel über die Gefahr auf, in der sie eben (eine Stunde lang) geschwebt hatten.
»Ich habe keine Furcht,« erklärte Ethel, und lachend fügte sie hinzu: »Wie sollte ich überhaupt vor Menschen Furcht haben?«
»So ist es gut, Kind. Ein Mensch, der Furcht hat, lebt nur halb.«
Ethel war sechsundzwanzig Jahre alt, vollkommen selbständig, die Tyrannin ihres Vaters, aber Lloyd behandelte sie immer noch als kleines Mädchen. Und sie ließ ihn gewähren, denn am Ende tat er doch, was sie wollte.
Als der rote Flaggenwald das Syndikatgebäude erreichte, fanden die Tunnelmänner die schwere Türe des Gebäudes geschlossen und die beiden ersten Stockwerke mit eisernen Läden versehen. Kein einziges Gesicht zeigte sich an den vierhundert Frontfenstern. Auf der Granittreppe, vor der schweren Eichentüre, stand ein _einziger_ Schutzmann. Ein riesiger fetter Irländer in grauer Tuchuniform, das Lederband des grauen Tuchhelmes unter dem rosigen Doppelkinn. Er hatte ein vollmondrundes Gesicht mit rötlich goldenen Bartstoppeln, betrachtete mit blauen lustigen Augen das heranflutende Arbeiterheer und hob beschwichtigend und gutmütig lächelnd die Hand empor -- eine riesige Hand in einem weißen Wollhandschuh, einer Schaufel voll Schnee ähnlich -- und wiederholte mit einem fetten rasselnden Lachen immerfort: »~Keep your shirt on, boys! Keep your shirt on, boys!~«
Wie zufällig rasselten in langsamem Tempo drei blanke Dampfspritzen (mit dem Zeichen »heimkehrend«) durch Pine Street, und da sie sich aufgehalten sahen, stoppten sie ab und warteten geduldig, während dünner weißer Rauch aus ihren blitzenden Messingkaminen in die klare Luft emporstieg und die Hitze über ihren Stahlleibern zitterte.
Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß der gutmütig lächelnde Irländer mit den großen weißen Händen, der nicht die kleinste Waffe trug, nicht einmal einen Knüttel, eine Pfeife in der Tasche hatte. Sollte er gezwungen sein, diese Pfeife trillern zu lassen, so würden innerhalb einer Minute diese drei blanken, unschuldig und höflich wartenden Dampfspritzen, die sich vor verhaltener Kraft leise auf den Federn wiegten, 9000 Liter Wasser in der Minute in die Menge abschießen; ferner würde sich jene vier Meter breite Rolle, die an den Fenstersimsen des ersten Stockwerkes hing und die niemand beachtete, aufrollen und in großen Lettern in die Straße hinausschreien: »Achtung! Zweihundert Konstabler im Innern des Buildings. Achtung!«
Der riesige rosige Irländer hatte aber keinen Grund, nach der Pfeife zu greifen.
Zunächst brandete ein ungeheures Geschrei an den vierhundert Fenstern des Syndikatbuildings empor, ein wetternder Lärm, in dem der wahnsinnige Radau der Musik glatt versank. Darauf wurde Mac gehenkt! Er wurde unter tobendem Lärm einige Male am Galgen auf und abgezogen. Dabei riß der Strick und Mac stürzte mit einer hilflosen Gebärde über die Köpfe. Der Strick wurde wieder gebunden und die Exekution unter gellenden Pfiffen wiederholt. Dann hielt ein Mann, auf zwei Schultern stehend, eine kurze Ansprache. Keines seiner Worte, auch nicht ein Laut seiner Stimme war in der Brandung von Lärm zu vernehmen. Der Mann aber sprach mit dem verzerrten Gesicht, mit den Armen, die er in die Luft warf, mit den Händen, in deren verkrampften Fingern er die Worte knetete und sie über die Menge schleuderte. Er schüttelte, Schaum auf den Lippen, beide Fäuste gegen das Syndikatbuilding und damit war seine Rede zu Ende und jedermann hatte sie verstanden. Ein Orkan von Geschrei fegte empor. Man vernahm diesen Aufschrei bis zur Battery.
Es wäre am Ende doch möglich gewesen, daß die Dampfspritzen in Tätigkeit hätten treten müssen, denn die Erregung vor dem Building steigerte sich zu wildem Fanatismus. Aber es lag in der Natur der ganzen Demonstration, daß es nicht bis zu einem Ausbruch kommen konnte, der den fetten Irländer plattgedrückt und die drei blanken Dampfspritzen hinweggefegt hätte. Denn während zweitausend vor dem Gebäude demonstrierten, drängten achtundvierzigtausend nach -- mit einer automatischen, gleichmäßigen Energie. So mußte es kommen, daß stets die Zweitausend, die sich angesichts des toten Gebäudes erhitzt hatten, nachdem der höchste Punkt der Kompression erreicht war, wie ein Bolzen in einem Luftdruckgewehr durch Wallstreet hinausgepreßt wurden.
Über zwei Stunden war das Syndikatbuilding von höllischem Lärm umbrandet, so daß die Clerks und Stenotypistinnen es mit der Angst bekamen.
Der Lärm zog durch die Pearlstreet, Bowery hinauf zur 3. und von da zur 5. Avenue, wo die geschmacklosen Paläste der Millionäre stehen. Die Paläste lagen still, ohne Leben. Es war der dampfende, laute Schweiß, der sich an den verschanzten und stillen Millionen vorbeiwälzte. Vor Lloyds gelbem, etwas verwittertem Renaissance-Palast, den ein Gartenstreifen von der Straße trennte, staute sich der Zug wieder, da Lloyd »gehenkt« wurde. Lloyds Haus lag tot wie die andern. Nur im Eckfenster des ersten Stockes stand eine Frau und sah heraus. Das war Ethel. Aber da kein Mensch glaubte, daß jemand den Mut haben könnte, sich zu zeigen, so hielt man Ethel allgemein für ein Dienstmädchen.
Die Prozession bewegte sich am Zentralpark vorbei nach Columbus-Square. Von da zurück zum Madison-Square. Hier wurden die Puppen angezündet und unter fanatischem Geschrei verbrannt.
Das war das Ende der Demonstration. Die Tunnelmen zerstreuten sich. Sie verloren sich in den Saloons am East-River, und nach einer Stunde hatte das große New York sie aufgesaugt.
Es war die Losung ausgegeben worden, sich um zehn Uhr vor der Tunnelstation Hoboken wieder einzufinden.
Hier aber stießen die Tunnelmänner auf eine große Überraschung: die Station war verschanzt hinter breiten Konstablerbrüsten. Da sie aber erst nach und nach zusammenströmten, ihr Unternehmungsgeist durch das lange Wandern, durch Schreien und Alkohol gebrochen war, so hatten sie keine Stoßkraft mehr. Plakate verkündeten, daß unverheiratete Arbeiter nichts mehr in Mac City zu suchen hätten. Nur die verheirateten würden zurückbefördert werden.
Eine Schar von Agenten übte genaue Kontrolle, und in Abständen von einer halben Stunde rollten Züge nach Mac City zurück. Früh um sechs Uhr wurden die letzten abgefertigt.
2.
Während der Lärm das Syndikatgebäude umtobte, hatte Allan eine Konferenz mit S. Woolf und dem zweiten finanziellen Direktor des Syndikats, Rasmussen.
Die finanzielle Lage des Syndikats war keineswegs alarmierend, aber auch nicht befriedigend. Für den kommenden Januar war die zweite Milliardenanleihe vorbereitet gewesen. Unter den momentanen Verhältnissen war natürlich nicht daran zu denken. Niemand würde einen Cent zeichnen!
Das Dröhnen der Explosion im amerikanischen Südstollen, der Lärm des Streiks war in allen Börsen der Welt widergehallt. Die Papiere stürzten in wenigen Tagen um fünfundzwanzig Prozent, denn jedermann wollte sie so rasch wie möglich loswerden und niemand hatte Lust, sich daran die Finger zu verbrennen. Acht Tage nach der Katastrophe schien ein Krach unvermeidlich. Aber S. Woolf warf sich mit einer verzweifelten Anstrengung gegen den wankenden finanziellen Riesenbau -- und er stand wieder! Er zauberte eine verführerische Bilanz vor die Öffentlichkeit, er bestach ein Heer von Börsenberichterstattern und überschüttete die Presse der alten und neuen Welt mit beruhigenden Communiqués.
Die Kurse zogen an, die Kurse blieben fest. Und S. Woolf begann die mörderische Schlacht, die Kurse zu halten und wieder langsam in die Höhe zu schrauben. In seiner Office im zehnten Stock des Buildings arbeitete er mit verbissener Energie, schnaufend und rasselnd wie ein Nilpferd, die Pläne dieser Kampagne aus.
Während die Horde drunten heulte, unterbreitete er Allan seine Vorschläge. Die Kali- und Eisenerzlager des »fetten Müllers« sollten ausgebeutet werden. Die elektrische Energie der Kraftstationen verwertet. Das Submarinium der Unglücksschlucht gefördert. Nach den Bohrresultaten lag es in einer durchschnittlichen Mächtigkeit von zehn Metern -- ein Vermögen! S. Woolf hatte der Pittsburg Smelting and Refining Co. Verträge unterbreitet. Die Company sollte die Erze herausbrechen, das Syndikat würde die Förderung an Tag übernehmen. Dafür forderte S. Woolf 60 Prozent vom Reingewinn. Die Company wußte recht gut, daß das Syndikat »~hard up~« war und bot 30 Prozent. S. Woolf aber schwor, daß er sich eher lebendig einmauern lasse, als auf die Schamlosigkeit einzugehen. Er wandte sich sofort an die »American Smelters« und die Pittsburg Co. kam zurück und bot 40 Prozent.
Woolf ging auf 50 Prozent herab und drohte, daß das Syndikat in Zukunft überhaupt keine Handvoll Erz mehr fördern werde; es würde einfach die Stollen unter den Lagern durchführen oder darüber hinweg, einerlei. Endlich einigte man sich auf 46-1/3 Prozent. Um das letzte Drittel kämpfte S. Woolf wie ein Massaikrieger und die Pittsburg-Leute erklärten, sie hätten lieber mit dem Teufel zu tun als mit diesem »~shark~«.
S. Woolf hatte sich in den letzten zwei Jahren auffallend verändert. Er war noch fetter geworden und noch asthmatischer. Zwar hatten seine dunklen Augen immer noch den leicht schwermütigen, orientalischen Glanz und den Kranz schwarzer langer Wimpern, die stets gefärbt erschienen. Aber ihr Feuer war verdüstert. S. Woolf begann stark zu ergrauen. Er trug den Bart nicht mehr kurz geschnitten, sondern als dicke Zotteln am Kinn und auf den beiden Backen. Mit seiner mächtigen Stirn, den weitstehenden, vorquellenden Augen und der breiten gebogenen Nase hatte er Ähnlichkeit bekommen mit dem amerikanischen Büffel -- ein Einzelgänger und Einsiedler, den die Herde ausgestoßen hatte, weil er zu tyrannisch war. Diesen Eindruck verstärkte das blutunterlaufene Auge. S. Woolf hatte in den letzten Jahren mit einem konstanten Blutandrang gegen den Kopf zu kämpfen.
So oft das Geschrei drunten anschwoll, zuckte S. Woolf zusammen und seine Augen bekamen einen flackernden Blick. Er war nicht feiger als andere Menschen, aber das atemraubende Tempo der letzten Jahre war ihm an die Nerven gegangen.
Und dann: S. Woolf hatte noch ganz andere Sorgen, _ganz andere_, die er wohlweislich vor aller Welt verschwieg ...
Nach der Beratung war Allan wieder allein. Er ging auf und ab in seinem Arbeitsraum. Sein Gesicht war abgemagert und seine Augen trüb und elend. Sobald er allein war, überfiel ihn die Unruhe und er mußte wandern. Tausendmal ging er hin und her und schleppte seinen Gram von einer Zimmerecke in die andere. Zuweilen blieb er stehen und sann nach. Aber er wußte selbst nicht, was er dachte.
Dann telephonierte er ins Hospital nach Mac City und fragte nach Hobbys Befinden. Hobby lag im Fieber und niemand wurde zugelassen. Endlich raffte er sich auf und fuhr aus. Am Abend kam er etwas erfrischt zurück und nahm wieder seine Arbeit auf. Er arbeitete an verschiedenen Projekten für den Ausbau der submarinen Schlucht. Eine große Station, ungeheure Depots und Maschinenräume sollte sie aufnehmen. 80 Doppelkilometer Gestein konnte er in sie stürzen. Recht besehen, war die Unglücksschlucht, in der der Tod Jahrmillionen auf die Tunnelmänner gelauert hatte, von unschätzbarem Wert. Die Projekte beschäftigten ihn und verdrängten düstere Visionen. Keine Sekunde durfte er an die Dinge denken, die hinter ihm lagen ...
Spät in der Nacht legte er sich schlafen und er war froh, wenn er ein paar Stunden ruhte, ohne von entsetzlichen Träumen gemartert zu werden.
Ein einzigesmal speiste er bei Lloyd zu Abend.
Ethel Lloyd sprach mit ihm vor Tisch. Sie zeigte einen solch aufrichtigen Schmerz über den Tod Mauds und Ediths, daß Allan sie fortan mit ganz anderen Augen betrachtete. Sie schien ihm plötzlich um viele Jahre älter und reifer geworden zu sein.
Allan verbrachte einige Wochen ununterbrochen im Tunnel.
Eine Unterbrechung von einigen Wochen, die sich bei regulärem Betrieb nur durch ungeheure finanzielle Opfer hätte ermöglichen lassen, war ihm im Grunde genommen ganz erwünscht. Durch die atemlose jahrelange Arbeit waren alle Ingenieure erschöpft und brauchten Ruhe. Dem Arbeiterausstand legte er keine große Bedeutung bei. Nicht einmal dann, als die Union, die Gewerkschaften der Monteure, Elektriker, Eisen- und Betonarbeiter, Maurer, Zimmerleute die Sperre über den Tunnel verhängten.
Vorläufig galt es, die Stollen zu verwalten, wenn sie nicht in kurzer Zeit verwahrlosen sollten. Für diese Arbeit stand ihm ein Heer von achttausend Ingenieuren und Volontären zur Verfügung, das er über die einzelnen Strecken verteilte. Mit einer heroischen Anspannung der Kräfte verteidigten diese achttausend das riesige Werk.
Monoton gellten die Glocken vereinzelter Züge durch den öden Tunnel. Der Tunnel schwieg, und alle brauchten lange Zeit, um sich an die Totenstille der Stollen zu gewöhnen, die früher dröhnten von Arbeit. Die Truppe der Tiefbautechniker, Eisenkonstrukteure, Elektrotechniker, Maschineningenieure fuhren die europäischen, atlantischen und amerikanischen Stollen ab. Jede Schiene, jede Schwelle, jede Niete und jede Schraube wurde sorgfältig revidiert und notwendige Korrekturen und Verbesserungen gebucht. Geometer und Mathematiker prüften genau Lage und Richtung der Stollen. Die Maße wichen nur um geringes von den berechneten ab. Am größten waren die Abweichungen der atlantischen Strecke des »fetten Müllers«, wo sie drei Meter in der Breite und zwei Meter in der Tiefe betrugen -- Differenzen, die sich auf Ungenauigkeiten der Instrumente, die von den enormen Massen von Gestein beeinflußt wurden, zurückführen ließen.
In der verhängnisvollen Schlucht waren Tag und Nacht tausend halbnackte, schweißtriefende Arbeiter der Cleveland Mining Co. mit dem Bohren, Sprengen und Fördern des lockergelagerten Submariniums beschäftigt. Die tropisch-heiße Schlucht heulte und brandete von Arbeit, ganz als sei nie etwas geschehen. Die Tagesproduktion hatte einen ungeheuren Wert.
Im übrigen aber war alles tot. Die Tunnelstadt war wie ausgestorben. Wannamaker hatte sein Warenhaus geschlossen, das Tunnelhotel die Pforten zugemacht. In den Arbeiterkolonien hausten Weiber und Kinder, die Witwen und Waisen der Verunglückten.
3.
Das gerichtliche Verfahren, das gegen das Syndikat eingeleitet worden war, wurde nach einigen Wochen wieder eingestellt, da es sich bei der Katastrophe ganz offenbar um ~force majeure~ handelte.
Allan war solange in New York zurückgehalten worden. Nun aber war er frei und reiste augenblicklich ab.