Part 17
Der Gerettete nickte. »Ja,« sagte er, »ich habe zuweilen Gelächter gehört.«
»Gelächter??« Sie sahen einander entsetzt an.
»Ja, Gelächter. Ganz deutlich.«
Allan verlangte telephonisch Züge und Ablösungen.
Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine mörderische Arbeit und der Rauch trieb sie häufig zurück. Gegen Mittag gelang es ihnen, bis in die Nähe des 380. Kilometers vorzudringen und hier vernahmen sie plötzlich ein schrilles, fernes Lachen. Dieser Laut in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie je gehört hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig, so wie es die Taucher zuweilen aus verunglückten Unterseebooten gehört haben, in denen die Besatzung erstickte.
Schließlich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden wälzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwährend ein schrilles, delirierendes Gelächter ausstießen. Die Luft pfiff aus der Wetterführung in die Station, so daß die Unglücklichen am Leben geblieben waren. In ihrer nächsten Nähe befanden sich Sauerstoffapparate -- unberührt.
Die Unglücklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurück, als sie plötzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag, beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.
»Ist hier jemand, der italienisch spricht?« fragte Allan. »Nehmen Sie die Masken ab.«
Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen zu sprechen.
»Was sagen sie?«
Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.
»Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der Hölle!« sagte er mit Anstrengung.
»So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den Himmel zu führen,« rief Allan.
Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.
Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hände aus. Als man sich ihnen aber näherte, begannen sie zu rasen. Sie mußten einzeln überwältigt und gebunden werden. Einer starb auf der Ausfahrt, zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war gesund.
Allan kehrte von dieser Expedition halb bewußtlos nach Smiths Station zurück. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er saß da, rasch atmend, vollkommen erschöpft. Er war nun sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf.
Aber die Ärzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.
8.
Der Rauch kroch vorwärts. Langsam, schrittweise, wie ein bewußtes Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die Querschläge hinein, in die Stationen, schlüpfte an der Decke entlang und füllte alle Räume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen preßten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich, ganz unmerklich, begann der Rauch dünner zu werden.
Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzündeten Augen in den milchigen Dunst hinein. Er wußte nicht sofort, wo er war. Dicht vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es länger betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, daß es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte im Nebel.
»Sind Sie es, Smith?«
Die Gestalt kam näher und er erkannte Robinson.
»Ich habe Smith abgelöst, Allan,« sagte Robinson, ein langer, magerer Amerikaner.
»Habe ich lange geschlafen?«
»Nein, eine Stunde.«
»Wo sind die andern?«
Robinson berichtete, daß die andern die Strecke freizumachen versuchten. Der Rauch verteile sich und werde erträglicher. In der neunzehnten Station (380. Kilometer) befänden sich noch sieben Menschen am Leben.
Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch Menschen?
Und Robinson berichtete weiter, daß in der neunzehnten Station ein Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen aufgenommen und alle befänden sich wohl. Die Ingenieure hätten sie noch nicht erreichen können, die telephonische Verbindung aber hergestellt und mit der Station gesprochen.
»Ist Hobby unter ihnen?«
»Nein.«
Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: »Wer ist das -- Strom?«
Robinson zuckte die Achseln.
»Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein Tunnelingenieur.«
Da erinnerte sich Allan, daß Strom ein Elektrotechniker war, der auf einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Später stellte sich folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er war zur Zeit der Explosion in Bärmanns Bezirk gewesen und hatte die neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte er vor einer Stunde besichtigt, und da er der Bedienungsmannschaft dieser Station kein großes Vertrauen schenkte, so war er sofort zurückgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnel _hinein_ wanderte, anstatt auswärts zu fliehen.
Ein paar Stunden später traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschöpfung an. Es fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt war. Strom war nicht groß, schmalbrüstig, kaum dreißig Jahre alt, ein Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.
»Ich wünsche, daß wir Freunde werden, Strom!« sagte Allan zu dem jungen Mann, dessen Kühnheit er bewunderte, und drückte ihm die Hand.
Aber Strom veränderte keine Miene und machte nur eine kleine höfliche Verbeugung.
Strom hatte sechs verzweifelte Läufer in seiner Station aufgenommen. Die Türritzen gegen den Stollen hatte er mit ölgetränktem Werg verstopft, so daß die Luft verhältnismäßig erträglich war. Strom hatte ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er hätte seine Position aber höchstens noch drei Stunden halten können, dann wäre er elend erstickt -- und er wußte es ganz genau!
Von dieser vorgeschobenen Station aus mußten sie zu Fuß vordringen. Über entgleiste, umgestürzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und geknickte Pfosten kletterten sie Schritt für Schritt vorwärts, in den Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie Strecke und sie schritten rasch aus.
Plötzlich blieb Allan stehen.
»Horch!« sagte er. »War das nicht eine Stimme?«
Sie standen und lauschten. Sie hörten nichts.
»Ich hörte deutlich eine Stimme!« wiederholte Allan. »Lauschen Sie, ich werde rufen.«
Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.
»Es ist jemand im Stollen!« sagte Allan erregt.
Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.
Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt stießen sie in einem Querschlag, in den die Wetterführung wie ein Sturmwind hineinpfiff, auf einen _Greis_, der am Boden saß und den Kopf gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden offenen Mund voller Zähne. Der Greis lächelte schwach. Er machte den Eindruck eines Hundertjährigen, abgemagert, welk, mit schneeweißen dünnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatürlich aufgerissen, so daß rings um die Pupillen die weiße Hornhaut sichtbar war. Er war zu erschöpft, um sich noch bewegen zu können, er vermochte nur noch zu lächeln.
»Ich wußte ja, Mac, daß du kommen würdest, um mich zu holen!« flüsterte er kaum verständlich.
Da erkannte ihn Allan.
»Das ist ja Hobby!« rief er erschrocken und erfreut aus und zog den Greis empor.
»Hobby?« sagten die andern ungläubig, denn sie erkannten ihn nicht wieder.
»Hobby -- --?« fragte Allan, der seine Freude und Rührung kaum verbergen konnte.
Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. »~I am all right~,« flüsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: »Der Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch gestorben.«
Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn seine kräftige Natur durchriß. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.
Hobbys Gedächtnis war gestört und er konnte nie sagen, wie er bis zu diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, daß er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war übrigens nicht erstickt, sondern vor Hunger und Entkräftung gestorben.
Vereinzelt kamen die Züge aus dem Tunnel, vereinzelt stürzten sie sich hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefährlich. Dutzende erkrankten schwer an Rauchvergiftung und fünf starben, drei Amerikaner, ein Franzose und ein Japaner.
Die Arbeiterheere selbst blieben untätig. Sie hatten die Arbeit niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie standen und regten keine Hand. Die großen Lichtmaschinen, Ventilatoren und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermüdung kaum die Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphäre des Schreckens angezogen hatte. Stündlich spien die Züge neue Scharen aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glänzende Geschäfte. Sie nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte sofort die Fahrpreise erhöht. Das Tunnelhotel war angefüllt mit Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einen Blick auf die Stätte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwätzten und brachten reichhaltige Frühstückskörbe mit. Alle aber starrten mit geheimem Grauen auf die vier Rauchsäulen, die unausgesetzt aus den Glasdächern dicht über der Tunnelmündung in den blauen Oktoberhimmel emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden nur in der Nacht herausgebracht. Ein süßlicher Geruch von Chlorkalk drang aus dem Stationsgebäude.
Die Aufräumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum größten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten. Man konnte nur schrittweise vorwärtsdringen. Die Leichen lagen hier in Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstümmelt und zuweilen war es schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren überall. Sie lagen unter dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst überkam Furcht und Grausen in dieser entsetzlichen Totenkammer.
Allan war immer an der Spitze, unermüdlich.
In der Totenhalle und in den Sälen der Hospitäler spielten sich jene erschütternden Szenen ab, die sich nach jeder Katastrophe ereignen. Weinende Frauen und Männer, halb wahnsinnig vor Schmerz, suchen nach ihren Angehörigen, erkennen sie, schreien, werden ohnmächtig. Die meisten Verunglückten konnten aber nicht festgestellt werden.
Das kleine Krematorium abseits von Mac City arbeitete Tag und Nacht. Priester der verschiedenen Religionen und Sekten hatten sich zur Verfügung gestellt und erfüllten abwechselnd das traurige Zeremoniell. Viele Nächte hindurch war das kleine Krematorium im Wald tageshell erleuchtet und noch immer standen endlose Reihen von Holzsärgen in der Halle.
Bei der zerschmetterten Bohrmaschine allein waren vierhundertachtzig Tote gefunden worden. Im ganzen verschlang die Katastrophe zweitausendachthundertsiebzehn Menschenleben.
* * * * *
Als die Trümmer der Bohrmaschine weggeräumt waren, wurde plötzlich ein gähnendes Loch sichtbar. Die Bohrer hatten einen ungeheuren Hohlraum angeschlagen. Im Lichte des Scheinwerfers zeigte es sich, daß der Hohlraum etwa hundert Meter breit war; die Höhe war gering; ein Stein brauchte fünf Sekunden bis er aufschlug, was einer Tiefe von fünfzig Metern entsprach.
Die Ursache der Katastrophe ließ sich nie sicher feststellen. Aber die bedeutendsten Autoritäten waren der Ansicht, daß der durch chemische Zersetzung entstandene Hohlraum mit Gasen angefüllt gewesen sei, die in den Stollen eindrangen und beim Sprengen explodierten.
Allan ging noch an diesem Tage an die Erforschung des angeschlagenen Hohlraumes. Es war eine Schlucht von knapp tausend Meter Länge, vollkommen trocken. Grund und Wände bestanden aus jenem unbekannten, lockeren Erz, das die Geologen Submarinium getauft hatten und das stark radiumhaltig war.
Die Stollen waren in Ordnung gebracht, die Ingenieure befuhren regelmäßig die Strecke.
Die Arbeit aber stand still.
9.
Allan veröffentlichte eine Bekanntmachung an die streikenden Arbeiter. Er gab ihnen drei Tage Bedenkzeit, die Arbeit wieder aufzunehmen, andernfalls seien sie entlassen.
Ungeheure Meetings fanden auf den Schuttfeldern von Mac City statt. Sechzigtausend Menschen drängten sich Kopf an Kopf und von zehn Tribünen (Waggons) wurde zu gleicher Zeit gesprochen.
Unaufhörlich schallten die gleichen Worte durch die kalte dunstige Oktoberluft: der Tunnel -- der Tunnel -- Mac -- Katastrophe -- dreitausend Mann -- das Syndikat, und wieder der Tunnel -- der Tunnel ...
Der Tunnel hatte dreitausend Menschen verschlungen und flößte den Arbeiterheeren Schrecken ein! Wie leicht hätten sie selbst drinnen in der glühenden Tiefe verkohlen und ersticken können -- und wie leicht war es möglich, daß sich eine ähnliche Katastrophe, eine größere vielleicht noch, ereignete! Der Tod konnte auf noch gräßlichere Art über sie herfallen. Sie schauderten zusammen, wenn sie an die »Hölle« dachten. Eine Massen_angst_ trat ein. Diese Angst griff auf die Baustellen auf den Azoren, Bermudas und in Europa über. Auch dort ruhte das Werk.
Das Syndikat hatte einzelne Arbeiterführer gekauft und schickte sie auf die Rednertribünen.
Die Gekauften traten für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit ein. »Wir sind sechzigtausend!« schrien sie. »Mit den andern Stationen und Nebenwerken sind wir hundertachtzigtausend! Der Winter steht vor der Tür! Wo wollen wir hin? Wir haben Frauen und Kinder. Wer wird uns zu fressen geben? Wir werden sämtliche Löhne des ganzen Arbeitmarktes drücken und man wird uns verfluchen!« Das sah jeder ein. Sie wiesen auf die Begeisterung hin, die man dem Werke entgegengebracht habe, auf das gute Verhältnis zwischen den Arbeitern und dem Syndikat, auf die relativ hohen Löhne. »Im >Fegfeuer< und in der >Hölle< hat mancher seine fünf, sechs Dollar täglich verdient, der sonst kaum zum Schuhputzen und Straßenkehren taugte. Lüge ich oder nicht?« Sie deuteten in die Richtung der Arbeiterkolonien und schrien: »Seht eure Häuser, eure Gärten, eure Spielplätze. Bäder habt ihr und Lesehallen. Mac hat Menschen aus euch gemacht und eure Kinder wachsen rein und gesund auf. Geht nach New York und Chikago und die Wanzen und Läuse fressen euch auf.« Sie betonten, daß sich in sechs Jahren kein größeres Unglück ereignet habe und die allergrößten Vorsichtsmaßregeln vom Syndikat ergriffen werden würden, um einer zweiten Katastrophe vorzubeugen.
Dagegen war nichts zu sagen, nein! Aber plötzlich kam die Angst wieder über sie und keine Worte der Welt konnten etwas ausrichten. Man schrie und pfiff und bewarf die Redner mit Steinen und erklärte ihnen ins Gesicht hinein, daß sie vom Syndikat bestochen seien.
»Niemand soll mehr eine Hand rühren für den _verfluchten_ Tunnel!« Das war der Tenor der übrigen Redner. »Niemand!« Und ein donnernder Beifall, der meilenweit hörbar war, drückte die allgemeine Zustimmung aus. Diese Redner zählten alle Gefahren des Baus auf. Sie sprachen von all den Opfern, die der Tunnel schon vor der Katastrophe gefordert hatte. 1800 rund in sechs Jahren! War das nichts? Dachte niemand an die 1800, die überfahren, zerschmettert, zerdrückt worden waren? Sie sprachen von der »Beuge«, an der Hunderte wochenlang gelitten hätten und manche ihr ganzes Leben lang leiden würden.
»Mac ist durchschaut!« heulten diese Redner. (Zum Teil waren sie von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen, die die Vollendung des Tunnels möglichst hinausschieben wollten.) »Mac ist kein Freund der Arbeiter! Nonsens und Lüge! Mac ist der Henker des Kapitals! Der größte Henker, den die Erde je trug! Mac ist ein Wolf im Schafspelz! 180000 Mann beschäftigt er! 20000 in seiner höllischen Arbeit niedergebrochene Menschen pullt er jährlich in seinen Hospitälern auf, um sie dann zum Teufel zu jagen -- Krüppel, fertig für immer! Mögen sie auf den Straßen verfaulen oder in Asylen verrecken, Mac ist das egal! Ein ungeheures Menschenmaterial hat er in diesen sechs Jahren vernichtet! Schluß! Mac soll sehen, woher er Leute bekommt! Er soll sich Schwarze aus Afrika kommen lassen, Sklaven für seine >Hölle< -- er soll die Sträflinge und Zuchthäusler von den Regierungen kaufen! Seht euch die Reihe von Särgen da drüben an! Zwei Kilometer lang ist die Reihe, Sarg an Sarg! Entscheidet euch!«
Tosen, Toben, Heulen! Das war die Antwort.
Tagelang tobte der Kampf in Mac City hin und her. Tausendmal wurden dieselben Argumente wiederholt, für und wider.
Am dritten Tage sprach Allan selbst.
Er hatte vormittags Maud und Edith eingeäschert und am Nachmittag -- noch betäubt von Trauer und Schmerz -- sprach er stundenlang zu den Tausenden. Je länger er sprach und je lauter er durch das Sprachrohr schrie, desto mehr fühlte er seine alte Kraft und seinen alten Glauben an sein Werk zurückkommen.
Seine Rede, die von meterhohen Plakaten angekündigt worden war, wurde gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Schuttfeldes in deutscher, französischer, italienischer, spanischer, polnischer und russischer Sprache ausgeschrien. In hunderttausenden von Exemplaren wurde sie über den Erdball geschleudert. Sie wurde zur selben Stunde in sieben Sprachen in Bermuda, Azora, Finisterra, Biskaya durch das Sprachrohr über die Arbeiterheere ausgetutet.
Allan wurde mit Schweigen empfangen. Als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte, machte man ihm Platz und manche griffen sogar an die Mützen. Kein Laut war vernehmbar und eine Gasse eisiger Stille, in der jedes Gespräch erfror, zeigte seinen Weg an. Als er auf dem Eisenbahnwaggon inmitten des Meers von Köpfen erschien -- derselbe Mac, den sie alle kannten, mit dem jeder schon gesprochen hatte, dem jeder schon die Hand gedrückt hatte, dessen starkes, weißes Gebiß jeder kannte -- als er erschien, der _Pferdejunge von Uncle Tom_ -- ging eine ungeheure Bewegung durch das Feld, eine elementare Verschiebung der Massen, ein Krampf des großen Heeres, das sich zusammenzog, wie Keile, die von hydraulischen Pressen nach einem Mittelpunkt getrieben werden: aber kein Laut wurde hörbar.
Allan schrie durch das Megaphon. Er tutete jeden Satz in die vier Richtungen der Windrose. »Hier stehe ich, um mit euch zu reden, Tunnelmen!« begann er. »Ich bin Mac Allan und ihr kennt mich! Ihr schreit, ich hätte dreitausend Menschen getötet! Das ist eine Lüge! Das Schicksal ist stärker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend getötet! Die Arbeit tötet täglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist eine Schlacht und in einer Schlacht gibt es Tote! Die Arbeit tötet in New York allein, das ihr kennt, täglich fünfundzwanzig Menschen! Aber niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben! Das Meer tötet jährlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, die Arbeit auf dem Meer aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich weiß es! Auch ich habe Freunde verloren -- genau wie ihr! Wir sind quitt! Wie in der Arbeit sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ...« Er versuchte wieder die Begeisterung zu entfachen, die die Arbeiterheere sechs Jahre lang zu einer für unmöglich gehaltenen Arbeitsleistung angetrieben hatte. Er sagte, daß er den Tunnel nicht zu seinem Vergnügen baue. Daß der Tunnel Amerika und Europa verbrüdern solle, zwei Welten, zwei Kulturen. Daß der Tunnel Tausenden Brot geben würde. Daß der Tunnel nicht zur Bereicherung einzelner Kapitalisten geschaffen werde, sondern dem Volk ebensogut gehöre. Gerade das sei seine Absicht gewesen. »Euch selbst, Tunnelmen, gehört der Tunnel da drunten. Ihr seid selbst alle Aktionäre des Syndikats!«
Allan spürte, wie der Funke von ihm auf das Meer von Köpfen übersprang. Ausrufe, Geschrei, Bewegung! Der Kontakt war da ...
»Ich selbst bin ein Arbeiter, Tunnelmen!« tutete Allan. »Ein Arbeiter wie ihr. Ich hasse Feiglinge! Fort mit den Feiglingen! Die Mutigen aber sollen bleiben! Die Arbeit ist nicht ein bloßes Mittel, satt zu werden! Die Arbeit ist ein Ideal. Die Arbeit ist die Religion unserer Zeit!«
Geschrei.
Alles stand gut für Allan. Als er sie aber aufforderte, die Arbeit wieder aufzunehmen, da wurde es plötzlich wieder eisig still ringsum. Die Angst kam wieder über sie ...
Allan hatte verloren.
Am Abend hielten die Führer der Arbeiter ein Meeting ab, das bis zum frühen Morgen dauerte. Und am Morgen erklärten ihre Abgesandten, daß sie die Arbeit nicht wieder aufnehmen würden.
Die ozeanischen Stationen und die europäischen schlossen sich den amerikanischen Kameraden an.
An diesem Morgen entließ Allan hundertachtzigtausend Mann. Die Quartiere sollten innerhalb achtundvierzig Stunden geräumt werden.
Der Tunnel ruhte. Mac City war wie ausgestorben.
Nur da und dort standen Milizsoldaten, das Gewehr im Arm.
Fünfter Teil
1.
Edison-Bio verdiente in diesen Wochen ein Vermögen. Sie zeigte sogar die Katastrophe im Tunnel selbst(!), das Laufen ums Leben in den Stollen. Sie brachte die Versammlungen. Mac spricht. Alles.
Auch den Zeitungen fielen unschätzbare Summen in den Schoß und die Verleger blähten die Bäuche. Katastrophe, Bergungsarbeiten, Riesenmeetings, Streik -- das waren Kanonenschüsse, die das nach Schrecken und Sensationen lüsterne Riesenheer der Zeitungsleser, das den Globus bevölkerte, aufschreckte. Man riß sich um die Blätter.
Die Arbeiterpresse der fünf Kontinente zeichnete Mac Allan als das blut- und schmutzbesudelte Gespenst der Zeit mit Menschenköpfen im Maul und gepanzerten Geldschränken in den Händen. Er wurde täglich von den Rotationspressen aller Länder zerfleischt. Sie brandmarkten das Tunnelsyndikat als die schamloseste Sklaverei aller Zeiten, als die unerhörteste Tyrannei des Kapitalismus.
Die entlassenen Arbeiter nahmen eine drohende Haltung an. Aber Allan hielt sie in Schach. An allen Baracken, Straßenecken und Kabelmasten erschien eine Proklamation, die folgenden Wortlaut hatte: »Tunnelmen! Das Syndikat wird sich keine Schraube nehmen lassen, ohne sie zu verteidigen. Wir erklären, daß in allen Syndikatgebäuden Maschinengewehre aufgestellt sind! Wir erklären ferner, daß wir nicht spaßen!«
Woher hatte dieser Mac plötzlich Maschinengewehre? Es kam heraus, daß diese Geschütze schon seit Jahren im geheimen aufgestellt worden waren -- für alle Eventualitäten! Dieser Mac war ein Bursche, dem nicht beizukommen war!
Genau achtundvierzig Stunden nach der Entlassung gab es in den Arbeiterkolonien weder Licht noch Wasser mehr. Es blieb nichts anderes übrig als zu gehen, wenn man es nicht zu einer Schlacht mit dem Syndikat kommen lassen wollte.
Aber so ohne Sang und Klang wollten die Tunnelmänner nicht abtreten! Sie wollten der Welt zeigen, daß sie da waren, sie wollten sich sehen lassen, bevor sie gingen.