Der Tunnel: Roman

Part 15

Chapter 153,718 wordsPublic domain

Kalt, blinkend, kam das Licht übers Meer her. Die elektrischen Lampen erloschen mit einem Schlage. Nur weit draußen auf dem Kai, wo plötzlich der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile erlosch es auch. Schrecklich nüchtern lag die blitzende Märchenstadt plötzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zügen, Kabelmasten und vereinzelten hohen Häusern, über die sich graue Wolken schleppten. Die Gesichter sahen alle gelb und übernächtig aus, erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein eisiger Luftstrom und kalter Sprühregen. Die Weiber schickten ihre Kinder nach Hause, Röcke, Tücher, Decken zu holen. Sie selbst aber rührten sich nicht von der Stelle!

Die Gesteinszüge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen Material- und Arbeiterzüge kamen wieder zurück.

Die Erregung wuchs und wuchs.

Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren völlig im unklaren über die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle hinter ihnen ausfuhren.

Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst auf die zwei kleinen schwarzen Löcher da unten, die in die Höhe blickten wie zwei heimtückische zerfressene Augen, aus denen das Unheil und das Grauen selbst starrte.

Gegen neun Uhr kamen die ersten Züge, auf denen _Mann neben Mann_ saß, die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken geworfen hatte. Sie schrien und heulten: »Der Tunnel _brennt_!«

Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wälzte sich vorwärts, hin und her.

Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie. Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und jedermann führte sein Aussehen auf das Unglück zurück.

»Harriman! Ruhe, er will reden!«

»Ich schwöre, daß ich die Wahrheit spreche!« schrie Harriman, als sich die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stießen bei jedem Wort aus seinem Mund hervor. »Es ist ein Unsinn, daß der Tunnel brennt! Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin ist eine _Panik_ entstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der Arbeit zu löschen! Ihr braucht nicht --«

Aber man ließ Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom Waggon und kehrte in die Station zurück. Er sank kraftlos in einen Stuhl.

Er fühlte, daß alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe hier oben verhindern konnte.

Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!

Der nüchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, Ärzten und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung bereitzuhalten.

Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich übergeben und war zweimal ohnmächtig geworden.

Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernünftige, was er gehört hatte, war eine Botschaft Bärmanns, von einem Ingenieur in Bärmanns Namen von der sechzehnten Station aus telephoniert.

Nach Bärmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die Sprenghülsen zur Explosion gebracht. Das war vernünftig, aber dann konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, daß man sie bis zur zwölften Station hörte?

Harriman hatte Rettungszüge hineingeschickt, aber sie waren zurückgekommen, da die Züge aller _vier_ Gleise nach auswärts liefen und sie zurückpreßten.

Harriman hatte dreißig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert, den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan hatte geantwortet, daß er mit einem Extrazug zurückeilen werde. Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch äußerst gering. Rettungszüge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen! Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!

Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht möglich, vorläufig einen einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich die reguläre Ableitung der Züge auf die nach außen führenden Geleise angeordnet hatte.

Niemand telephonierte mehr, nur in der fünfzehnten, sechzehnten und achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, daß alle Züge vorbei seien.

Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte vier Rettungszüge hintereinander in den Tunnel.

Die Menge ließ die Züge finster passieren.

Einzelne Weiber stießen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus. Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn Uhr, kamen die ersten Züge mit Arbeitern aus dem »Fegfeuer« an.

Nun bestand kein Zweifel mehr, daß die Katastrophe schrecklicher war, als jemand hätte ahnen können.

Immer mehr Züge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: »Alles in den letzten dreißig Kilometern ist tot!!«

4.

Die Männer mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestürmt, die sie nicht beantworten konnten. Hundertmal mußten sie erzählen, was sie von dem Unglück wußten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewißheit schwebten. Die Angst irrte in ihren Zügen, sie wiederholten hundertmal die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still, sie liefen hin und her und schrien und stießen Verwünschungen aus, und wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die Angst von neuem umhertrieb.

Man hoffte noch immer; denn daß »alle in den letzten dreißig Kilometern tot waren,« hatte sich schon als Übertreibung herausgestellt.

Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Bärmann so lange verhindert hatte, bis man ihn niederschoß. Dieser Zug brachte den ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht bei der Katastrophe sein Leben eingebüßt. Er hatte mit einem Landsmann, einem ~amico~, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem Waggon geführt und den Landsmann niedergestochen. Der stürzende ~amico~ hatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben. Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.

Als der Tote in das Stationsgebäude getragen wurde, ereignete sich eine seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und plötzlich schrien alle (genau wie die Leute im Tunnel): »Wo ist Mac? Mac muß bezahlen!« Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch die Weiber und rannte dem Toten nach, während sie sich die Haare in Büscheln ausriß und den Bettkittel zerfetzte.

»Césare! Césare --!« Ja, es war Césare.

Als die erregten Arbeiterhorden des Bärmannschen Zuges (zumeist Italiener und Neger) aber erklärten, daß kein Zug mehr käme -- wurde es ganz still ...

»Kein Zug mehr?«

»Wir sind die letzten!«

»Was seid ihr?«

»Die letzten!! Wir sind die letzten!«

Es war, als sei ein Hagel von Kartätschen über die Menge niedergegangen. Alle stürzten hin und her, sinnlos, verstört, die Hände an den Schläfen, als seien sie in den Kopf getroffen.

»Die letzten!! Sie sind die letzten!!«

Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern flammte aber sofort die Rachgier auf. Und plötzlich setzte sich die ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lärm zog über ihr her.

Ein dunkelhäutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg auf einen Steinblock und brüllte: »Mac hat sie in einer Mausefalle gefangen -- in einer Mausefalle -- Rache für die Kameraden!«

Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich plötzlich ein Stein, die Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Gründe, weshalb man in Großstädten gerne asphaltierte Straßen anlegt!)

In den nächsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebäudes mehr ganz.

»Heraus mit Harriman!«

Aber Harriman ließ sich nicht mehr sehen.

Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der Tunnelstadt waren machtlos. Nun saß er bleich und keuchend in einer Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.

Man stieß Schmähungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu stürmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Häuser über dem Kopfe anzünden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!

»Tausende, Tausende sind tot!«

»Alle müssen sie hin werden!« schrie die Italienerin, deren Mann erstochen worden war. »Alle! Rache für Césare!« Und sie rannte voran, eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.

Die Menge wälzte sich über das Schuttfeld in den grauen Regen hinein, umheult von wirrem Lärm. Die Gatten, die Ernährer, die Väter tot -- Not, Elend! Rache! Aus dem Lärm klangen Fetzen von Gesang, Rotten sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die Internationale, die Union-Hymne. »Tot, tot, Tausende tot!«

Eine blinde Wut zu zerstören, niederzureißen und zu töten war in dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen, Telegraphenstangen niedergemäht, die Wächterhäuser weggefegt. Sobald es krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten wurden mit Steinblöcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als hätten alle in der Wut plötzlich ihren Schmerz vergessen.

Voran aber stürmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische Weiber, den Villen und Landhäusern der Ingenieure entgegen.

Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter. Alle, die das stürzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen hatten, rannten unaufhörlich vorwärts, vor den Zehen des Todes her, der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da drinnen, die zähneklappernd, mit gesträubten Haaren vorwärtsstolperten, Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krüppel, die um Barmherzigkeit bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelähmt von der Angst, daß niemand diese ungeheure Strecke zu Fuß zurücklegen könne. Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber gute Läufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern überholten, beneidet, verflucht von den Erschöpften, deren Knie wankten.

Die Rettungszüge ließen die Glocken gellen, um zu signalisieren, daß sie kämen. Aus der Dunkelheit stürzten Menschen auf sie zu, schluchzend vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel _hineinfuhr_, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschüttelt und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fuß zu erreichen, der, wie man ihnen sagte, fünf Meilen entfernt wartete.

Der Rettungszug kam nur langsam vorwärts. Denn die entsetzten Mannschaften der letzten ausfahrenden Züge hatten, um Platz in den Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so daß die Strecke erst freigelegt werden mußte. Und dann kam der Rauch! Er ätzte, beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwärts, bis die Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten. Auf diesem Rettungszug befanden sich kühne Ingenieure, die ihr Leben in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschöpfte Truppe, die schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch tausend Meter bis zum Zug zurückzulegen, anzupeitschen.

Dann mußte auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben über Tag im Hospital.

5.

Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe gegangen. Als sie erwachte, saß die kleine Edith schon aufrecht in ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hübsches blondes Haar zu dünnen Zöpfchen.

Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und Maud ein Telegramm überreichte. Im Tunnel habe sich ein großes Unglück ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.

»Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt?« fragte Maud etwas unwillig.

»Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.«

Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete: »Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr abends.«

Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend hatte er sich von ihr verabschiedet ...

»Was ist, Mami?«

»Es ist ein Unglück im Tunnel geschehen, Edith.«

»Sind viele Menschen tot?« fragte die Kleine leichthin, mit singender Stimme, mit schönen kindlichen Gesten die Zöpfchen flechtend.

Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit tief drinnen in den Stollen gewesen?

Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte tröstend:

»Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!«

Und Edith lachte, um Maud zu überzeugen, daß Papa in Sicherheit war.

Maud schlüpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbüro. Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschluß. Aber sie wußten nichts oder wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht da.

Tränen traten in Mauds Augen, rasche Tränen, die niemand sehen durfte. Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergnügen genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie Edith, im Wasser zu plätschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer, wo die Stimmen so voll und merkwürdig widerhallten, die dampfende Brause sprühen zu lassen -- und dann wurde sie kälter und kälter und die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frühstück. Das war Mauds schönste Stunde, die sie sich nicht nehmen ließ. Edith ging nach dem Frühstück in die »Schule«. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit einer schwarzen Tafel -- so wünschte sie es -- und einer richtigen kleinen Schulbank, denn sonst wäre es ja keine Schule gewesen.

Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergnügen war es nichts. Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und ihre kindlichen Bemühungen rührten Maud fast zu Tränen. Nach dem Bad telephonierte sie wieder ins Zentralbüro. Endlich gelang es ihr, Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, daß das Unglück leider größer sei, als man bis jetzt angenommen habe.

Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwürdige Weisung auf. »Das Haus nicht verlassen!« Weshalb? Sie verstand Mac nicht. Sie ging durch die Gärten ins Hospital hinüber und unterhielt sich flüsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und Bestürzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie war so zerstreut, daß ihr nichts Rechtes einfiel. Schließlich kehrte sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurück.

»Warum soll ich das Haus nicht verlassen?« dachte sie. »Es ist nicht recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!«

Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.

Dann nahm sie ein Tuch. »Ich will nachsehen,« sagte sie halblaut zu sich. »Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben? Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt jemand, der ihnen zuredet.«

Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.

Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?

War die Katastrophe so groß?

Ja, aber gerade dann durfte sie unmöglich zurückstehen! Es war ihre Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen. Sie wurde geradezu zornig über Mac und entschloß sich zu gehen. Sie wollte wissen, was eigentlich geschehen war. Aber doch zögerte sie noch immer, Macs sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in ihr, sie wußte nicht warum. Endlich schlüpfte sie entschlossen in den gelben Gummimantel und band das Tuch übers Haar.

Sie ging.

Aber an der Türe überkam sie plötzlich ein unerklärliches Angstgefühl, daß sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen dürfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen Depesche!

Nun holte sie Edith aus der »Schule«, hüllte sie in ein Cape und stülpte der vergnügten Kleinen die Kapuze über das blonde Haar.

»Ich komme in einer Stunde wieder!« sagte Maud und sie gingen.

Über den nassen Gartenweg hüpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie beinahe auf ihn getreten wäre.

Edith jauchzte. »Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie naß er ist! Warum geht er aus, wenn es regnet?«

Der Tag war elend, mißmutig und häßlich.

Auf der Straße wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob schräg und kalt herab. »Und gestern war es noch so heiß,« dachte Maud. Edith amüsierte es, mit großen Schritten über die Pfützen wegzustapfen. Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren Bürohäusern, Schlöten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und öde im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, daß keine Gesteinszüge liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlöte qualmten wie immer.

Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, daß er gerade am Ort der Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so groß! Trotzdem aber irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.

Plötzlich blieb sie stehen.

»Horch!« sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.

Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute, eine graue tausendköpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.

»Warum schreien die Leute?« fragte Edith.

»Sie sind wegen des Unglücks beunruhigt, Edith. Wenn die Väter all der kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natürlich in großer Sorge.«

Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: »Es ist wohl ein _großes_ Unglück, Mama?«

Maud schauerte zusammen.

»Ich glaube, ja,« antwortete sie, in Gedanken. »Es muß ein großes Unglück sein! Wir wollen rascher gehen, Edith.« Maud schritt aus, sie wollte -- ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...

Plötzlich sah sie einigermaßen erstaunt, daß die Leute näher kamen! Das Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, daß eine Telegraphenstange, die im Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die Drähte über ihr zitterten.

Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch und erregt vorwärts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz heiß im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich ins Haus einzuschließen, wie Mac ihr befohlen hatte.

Aber es erschien ihr feige, unglückliche Menschen zu fliehen aus Angst vor dem Anblick fremden Unglücks. Wenn sie auch nicht viel nützen konnte, so konnte sie doch gewiß etwas tun. Und alle kannten sie ja, die Weiber und die Männer und grüßten sie und erwiesen ihr kleine Dienste, wo immer sie erschien! Und Mac? Was würde Mac getan haben, wenn er hier wäre? Mitten unter ihnen würde er stehen ...! dachte Maud.

Die Menge wälzte sich heran.

»Weshalb schreien sie denn nur so?« fragte Edith, die ängstlich zu werden begann. »Und warum singen sie, Mama?«

Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit ihnen näher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein ganzes _Heer_, verstreut über das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und Maud sah, daß eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwürfen demolierte.

»Mama --?«

»Was war das? Ich hätte nicht ausgehen sollen,« dachte Maud und blieb erschrocken stehen. Nun aber war es zu spät umzukehren ...

Man hatte sie entdeckt. Sie sah, daß die vorderen die Arme gegen sie reckten und plötzlich ihren Weg verließen und auf sie zukamen. Zu ihrem Schrecken bemerkte sie, daß sie liefen und rannten. Aber sie faßte wieder Mut, als sie sah, daß es meistens Frauen waren. »Es sind ja nur Frauen ...«

Sie ging ihnen entgegen, plötzlich von grenzenlosem Mitleid für diese Armen erfüllt. Oh, Gott, es mußte etwas Grauenhaftes geschehen sein!

Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.

»Was ist denn geschehen?« rief Maud und ihre Anteilnahme war ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstört, triefend vom Regen, nur halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.

Man hörte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Mäuler heulten triumphierend und schrill.

»Alle sind tot!« gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in allen Sprachen. Und plötzlich schrie eine Frauenstimme: »Das ist Macs Weib, schlagt sie tot!«

Und Maud sah -- sie traute ihren Augen nicht -- daß ein zerlumptes Weib mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob. Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.

Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich auf.

»Was hat euch denn Mac getan?« rief sie und ihre Augen irrten voller Angst umher. Niemand hörte sie.

Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete empor. Steine schwirrten plötzlich von allen Seiten durch die Luft und Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Körper. Nun sah sie, daß es Ernst war! Sie wandte sich um, aber überall waren sie, alle in zehn Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut: Haß und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schweiß schlug aus ihrer Stirn: »Mein Gott -- mein Gott -- beschütze mein Kind!«

Unaufhörlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal: »Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!«

Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, daß sie wankte.

Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.

»O Gott, was tut ihr?« schrie Maud und kauerte sich nieder und umschlang Edith. Und die Tränen stürzten ihr vor Angst und Verzweiflung aus den Augen.

»Mac soll bezahlen!«

»Mac soll wissen, wie es tut!«

Ho! Ho! O, all diese rasenden Körper und unbarmherzigen Augen. Und die Hände schwangen Steine ...

Wäre Maud feige gewesen, hätte sie sich in die Knie geworfen und die Hände ausgestreckt, vielleicht hätte sie im letzten Augenblick noch in diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefühl entfachen können. Aber Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde plötzlich mutig! Sie sah, daß Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.

Sie richtete sich plötzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und schrie mit funkelnden Augen in all diese haßerfüllten Gesichter hinein: »Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich meinen Revolver hätte -- niederschießen würde ich euch, wie Hunde! O, ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!«

Da traf Maud ein mit großer Wucht geschleuderter Stein an die Schläfe und sie stürzte, mit den Händen ausgreifend, ohne Laut über Edith hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein Pfahl niedergestürzt und das Wasser spritzte empor.

Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelächter, wirre Rufe: »Mac soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fühlen -- in der Falle fing er sie -- Tausende --«