Der Tunnel: Roman

Part 14

Chapter 143,618 wordsPublic domain

»Hobby!« stöhnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen. »Mister Hobby, ~the Lord bless your soul~ -- verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht hier! O, ~Lord, mercy~ --! Ich habe eine Frau und zwei kleine Kinder draußen -- verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O Barmherzigkeit!«

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, böse Lichtzacken und schwarze flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mußte darauf achten, nicht auf Gliedmaßen und Köpfe zu treten, die aus dem Geröll hervorragten. Plötzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarren eine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurück. Da sah er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

»Was willst du?« fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

»Hinaus!« keuchte das Gesicht.

»Geh weg!« antwortete Hobby. »Das ist die falsche Richtung!«

Der Ausdruck des Gesichts änderte sich nicht. Aber es zog sich langsam zurück. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber sonst war er heil. Er erinnerte sich, daß Allan ihn zu O'Niel mit einem Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch bei den Gesteinskarren mit O'Niel, dem roten Irländer, gesprochen. Dann war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wußte er nicht mehr. Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fühlte, wie plötzlich der Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen -- dann sah er nichts mehr. Soweit wußte er alles, aber es war ihm rätselhaft, wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die Explosion herausgeschleudert?

Während er den stöhnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte, überdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein. Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate, Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, daß Allan die Lampen probiert hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen, fünf Meilen? Das wußte er nicht. Gelang es ihm nicht, so mußte er ersticken, denn der Rauch wurde mit jeder Minute stärker. Und Hobby kroch verzweifelt vorwärts.

Da hörte er dicht in der Nähe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

»Hierher!« keuchte die Stimme. »Ich bin es. O'Niel!«

Ja, O'Niel, der große Irländer war es. Er, dessen Knochen sonst soviel Platz wegnahmen, saß eingerammt zwischen Pfosten, die rechte Gesichtshälfte von Blut überströmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

»Ich bin fertig, Hobby!« keuchte O'Niel. »Was ist geschehen? Ich bin fertig und leide schrecklich. Erschieße mich, Hobby!«

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft zusammen, stürzte aber plötzlich auf unerklärliche Weise zu Boden.

»Es hat keinen Wert, Hobby,« fuhr O'Niel fort. »Ich bin fertig und leide! Erschieße mich und rette dich!«

Ja, O'Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den Arm kaum heben.

»Mach' die Augen zu, O'Niel!«

»Warum sollte ich, Hobby --?« O'Niel lächelte ein verzweifeltes Lächeln. »Sage Mac, ich habe keine Schuld -- danke, Hobby!«

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwächer, so daß Hobby hoffte, er werde erlöschen. Dann gab es keine Gefahr mehr. Da aber ertönten zwei kurze, heftige Detonationen. »Das sind die Sprenghülsen,« dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne sich auswühlten und andere langsam, Schritt für Schritt vorwärts kletterten, nackte, schmutzige Rücken und Arme, schwefelgelb im Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hände ragten heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der Boden ruckweise in die Höhe, aber die Schuttlage sank immer wieder herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schweiß tropfte aus seinem Gesicht und er war halb bewußtlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fuß festhalten wollte, apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen Weg direkt über einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen küßte er seine Haare und flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

»Mein Name ist Washington Jackson,« keuchte der Neger, »ich stamme aus Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steinträger. Ich habe zwei Kinder, sechs und fünf Jahre alt.«

»Halt's Maul, Boy!« schrie Hobby. »Klammere dich nicht so fest.«

»O, Mister Hobby,« schmeichelte Jackson, »Sie sind gut, man sagt es -- o, Mister Hobby --« und er küßte Hobbys Haar und Ohr. Plötzlich aber, da ihn Hobby auf die Hände schlug, überfiel ihn eine wahnsinnige Wut: er glaubte, Hobby wolle ihn abschütteln. Mit aller Kraft schraubte er die Hände um Hobbys Hals und keuchte: »Du meinst, du kannst mich hier verrecken lassen, Hobby! Du meinst -- ach!« Und er fiel mit einem lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen gedrückt.

»Hobby, Mister Hobby,« flehte er winselnd und weinte und streckte die Hände aus, »verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten, alten Mutter --«

Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.

»Komm!« sagte er, als er wieder Atem bekam. »Du verfluchter Teufel! Wir müssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag ich dich nieder!«

»Hobby, guter Mister Hobby!« Und Jackson kroch wimmernd und stöhnend, mit einer Hand an Hobbys Riemen hängend, hinter Hobby her.

»~Hurry up you idiot~!« Hobbys Schläfen waren nahe am Zerspringen.

* * * * *

Der Stollen war in einer Länge von drei Meilen nahezu vollkommen zerstört, von Pfosten und Gestein verschüttet. Überall kletterten Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und keuchten so rasch wie möglich vorwärts. Sie kletterten über Gesteins- und Materialzüge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen Schutthaufen hinauf und hinunter, zwängten sich zwischen Balken hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefährten begegneten sie, die alle vorwärts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwärts, beizend, und sobald sie ihn in der Nase spürten, schlugen sie ein verzweifeltes Tempo an.

Sie stiegen brutal über die Leiber der langsam kriechenden Verletzten hinweg, sie schlugen einander mit den Fäusten zu Boden, um einen einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein Messer und stieß jeden blind nieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer engen Passage zwischen einem umgestürzten Waggon und einem Gewirr von Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die Spalte und die Verwundeten krochen stöhnend nach.

Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Züge im Wege und die Explosion hatte nicht sämtliche Pfosten eingerissen. Aber hier war es vollkommen dunkel. Keuchend, zähneknirschend, schweiß- und blutüberströmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwärts. Sie rannten gegen Balken und schrien auf, sie stürzten von einem Waggon und suchten. Vorwärts! Vorwärts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes ließ langsam nach und allmählich erwachte wieder ein Gefühl der Kameradschaft.

»Hierher, hier ist der Weg frei!«

»Geht es hier durch?«

»Rechts an den Waggons!«

* * * * *

Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus dem zerstörten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die Lichtleitung zerstört. Es war finstere Nacht und alle stießen ein Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des Parallelstollens waren längst geflüchtet und alle Züge fort.

Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.

Die Rotte glitt, lief, stürzte eine Stunde lang durch die Finsternis vorwärts, dann brachen die ersten erschöpft zusammen.

»Es hat keinen Sinn!« schrien sie. »Wir können nicht vierhundert Kilometer laufen!«

»Was sollen wir tun?«

»Warten, bis sie uns holen!«

»Holen? Wer soll kommen?«

»Wir verhungern!«

»Wo sind die Depots?«

»Wo sind die Notlampen?«

»Ja, wo sind sie?«

»Mac --!«

»Ja, warte Mac --!«

Und plötzlich flammte ihre Rachegier auf. »Warte Mac! Wenn wir hinauskommen --!«

Aber der Rauch kam und sie stürzten wieder vorwärts, bis abermals ihre Knie wankten.

»Hier ist eine Station, hallo!«

Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war von der Panik hinausgerissen worden.

Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie vertraut. Sie wußten, daß hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln standen, die man nur zu öffnen brauchte.

Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber inmitten der Vorräte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den Magen anzufüllen, und sie stürzten sich wie Wölfe auf die Kisten. Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor Entsetzen und Wut verstreuten sie Säcke von Zwieback und getrocknetem Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.

»Hier sind die Lampen!« schrie eine Stimme.

Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten hatte.

»Halt, nicht andrehen, ich schieße!«

»Warum nicht?«

»Es könnte eine Explosion geben!«

Dieser Gedanke allein genügte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst wurden sie ganz still.

Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.

Plötzlich hörten sie Geschrei und Schüsse. Licht! Sie stürzten durch einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch, wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon kämpften, mit Fäusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: »Mac! Mac! Warte, wenn wir kommen!«

3.

Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreißigtausend Menschen fegte sie durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschädigten Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brüllen der Explosion vernahmen, die Arbeit eingestellt.

»Das Meer kommt!« schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurück. Als aber eine Wolke von Staub hereinblies und verstörte Menschen angestürzt kamen, hielt sie keine Drohung mehr zurück.

Sie schwangen sich auf die Gesteinszüge und jagten davon.

Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Züge waren plötzlich aufgehalten.

Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Züge auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die Züge waren aber schon gehäuft voller Menschen und es gab erbitterte Kämpfe um einen Platz.

Die Panik war um so größer, als niemand wußte, was sich ereignet hatte -- man wußte nur, daß etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber immer mehr Züge voll entsetzter Menschen heranwälzten, die schrien: »Der Tunnel brennt!« -- und als der Rauch aus den finstern Stollen hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Züge rollten auswärts. Die einfahrenden Züge mit Material und Ablösungsmannschaften wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswärts zu fahren.

So kam es, daß zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurückgeblieben.

Ingenieur Bärmann verteidigte den letzten Zug.

Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des »Fegfeuers«, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fünfundzwanzig Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier zerstört. Aber Bärmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in den Rauch hineinblendeten.

Dreitausend Mann hatten im »Fegfeuer« gearbeitet, zweitausend etwa waren schon fort, die letzten tausend wollte Bärmann mit seinem Zug befördern.

Sie kamen in Truppen angekeucht und stürzten sich toll vor Schrecken auf die Waggons. Immer mehr kamen. Bärmann wartete geduldig und zäh, denn manche »Fegfeuerleute« hatten drei Kilometer bis zum Zug zurückzulegen.

»Fahren! Abfahren!«

»Wir müssen auf sie warten!« schrie Bärmann. »~No dirty business now!~ Ich habe sechs Kugeln im Revolver!«

Bärmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und verstand keinen Spaß.

Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den Köpfen und Fäusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.

»Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!«

Bärmann hatte den Revolver schußbereit in der Hand. (Bei der Katastrophe zeigte es sich, daß alle Ingenieure mit Revolvern ausgerüstet waren.)

Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben dem Maschinisten der Führungsmaschine auf und drohte ihm, ihn niederzuschießen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer, jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: »Fahren, fahren!«

Aber Bärmann wartete immer noch, obschon der Rauch unerträglich wurde.

Da krachte ein Schuß und Bärmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.

Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.

Und dann machten sich diese Horden der Zurückgebliebenen auf den vierhundert Kilometer langen Weg über Schwellen und Schutt. Und je weiter sie sich wälzten, desto drohender wurde der Ruf: »Mac, du bist ein toter Mann!«

Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr, immer andere.

Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das Leben, von dem später die Zeitungen voll waren.

Die Horden wurden wilder und toller, je länger sie liefen, sie zerstörten die Depots, die Maschinen, und selbst dann, als sie die Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der alle, für die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte, kämpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu kommen.

* * * * *

Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war es noch Nacht in Mac City. Es war düster. Das schwere massige Gewölk des Himmels glomm düsterrot im hellen Nachtschweiß der schlaflosesten Stadt dieser schlaflosen Zeit.

Mac City fieberte und lärmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die Erde bedeckt von ewig bewegten glühenden Lavaströmen, aus denen Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdächer der Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie grünes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien gierig und ringsum hämmerte das Eisen und die Erde bebte.

Die Züge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen, Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken Hallen.

Es war kühl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel kamen, rückten frierend zusammen und stürzten, sobald der Zug hielt, zähneklappernd in die Kantine, um heißen Kaffee oder Grog zu trinken. Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie nach ihren Kasernen und Häusern brachten.

Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gerücht um, daß im Tunnel ein Unglück passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman aufgeweckt und erschien verschlafen und fast zusammenbrechend vor Müdigkeit im Zentralbüro.

Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht über geweint. Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, daß sein Sohn, das Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schließlich eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu können. Er schlief jetzt noch, während er in den Tunnel hineintelephonierte, um näheres über die Katastrophe zu erfahren. Niemand wußte etwas und Harriman saß apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von Arbeiterhäusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den Straßen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten Schlaf hört. Weiber liefen zusammen. Von der Süd- und Nordkolonie her bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Männern den funkelnden Glasdächern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.

Sie sammelten sich vor dem nüchternen, hohen Gebäude an und als sie ein großer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu rufen. »Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!«

Ein Clerk mit aufreizend gleichgültiger Miene erschien.

»Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.«

»Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! -- Harriman!!«

Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln Bündel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Bürogebäude.

Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, müde und verschlafen und Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen und Tonarten: »Was ist passiert?«

Harriman machte ein Zeichen, daß er sprechen wollte, und es wurde ganz still.

»Im Südstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden. Mehr wissen wir nicht.« Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge lag ihm wie ein metallner Klöpfel im Mund.

Ein wildes Geheul antwortete ihm. »Lügner! Schwindler! Du willst es uns nicht sagen!«

Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete nicht. Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.

Da flog ein Stein durch die Luft und zertrümmerte eine Scheibe im Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.

»Harriman! Harriman!«

Harriman erschien wieder in der Türe. Er hatte sich kalt gewaschen und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den grauweißen Haaren aus.

»Was für ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeißen?!« schrie er laut. »Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernünftig!«

Stimmen schrien durcheinander.

»Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!«

»Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber!« schrie Harriman zornig. »Wie soll ich das jetzt schon wissen.« Und Harriman drehte sich langsam um und ging wieder ins Haus zurück, einen Fluch zwischen den Zähnen.

»Harriman! Harriman!«

Die Weiber drängten nach.

Es hagelte plötzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus eingeborenem Rechtsgefühl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich an Ort und Stelle in Anwendung.

Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.

»Zeig uns das Telegramm!«

Harriman blieb stehen. »Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine telephonische Nachricht hatte ich.«

»Her damit!«

Harriman verzog keine Miene. »Gut, ihr sollt sie haben.« In einer Minute kam er wieder zurück, mit einem Zettel von einem Telephonblock in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er hervorhob: »Bohrmaschine -- Südstollen -- Explosion beim Schießen -- 20 bis 30 Tote und Verletzte. -- Hobby.«

Und Harriman übergab den Zettel den Zunächststehenden und ging ins Haus zurück.

Im Nu war der Zettel in hundert Stücke zerrissen, so viele wollten ihn gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich für einige Zeit. 20 bis 30 Tote -- das war gewiß schrecklich, aber keine große Katastrophe. Man konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, daß gerade _er_ bei der Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, daß Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.

Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwürdig! Ihre alte Unruhe kam zurück, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.

Wenn Harriman log --?

Sie fluteten hinüber zur Station, wo die Züge heraufkamen, und warteten zitternd, frierend, in Tücher und Decken eingehüllt. Von der Station aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmündung sehen. Die nassen Geleise glänzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dünnen Linien zusammenschmolzen. Ganz unten gähnten zwei graue Löcher. Ein Licht erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr heraus und plötzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die Trasse herauffliegen.

Die Züge verkehrten noch ganz regelmäßig. In gleichen Abständen liefen die Materialzüge hinab, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie gewöhnlich, jagten die Gesteinszüge herauf, oft nur einer, oft drei, fünf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Züge, die heraufkamen.

Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrängt, mit Fragen bestürmt. Aber sie wußten nichts, sie waren ja schon auf der Ausfahrt gewesen.

Es ist unerklärlich, wie das Gerücht kaum zehn Minuten nach der Katastrophe schon über Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort eines Ingenieurs, ein unwillkürlicher Ausruf am Telephon -- es war bekannt geworden. Nun aber hörte man gar nichts mehr, gar nichts, die Nachrichten wurden sorgfältig gehütet.

Bis sechs Uhr fuhren die Materialzüge und Mannschaften regelmäßig ein. (Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer geführt!)

Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, daß ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst geräumt werden müsse. Sie hätten sich aber bereitzuhalten. Da nickten die erfahrenen Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mußte da drinnen bös aussehen! Lord!

Den Weibern wurde befohlen, die Station zu räumen. Aber sie kamen dem Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab. Immer größere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwüchsige Burschen, Arbeiter, Neugierige.

Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhören.

Plötzlich beobachtete die Menge, daß die Materialzüge seltener einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann fuhren überhaupt keine Materialzüge mehr ein und die Menge wurde noch unruhiger. Niemand glaubte das Märchen, daß ein entgleister Zug die Strecke blockiert habe. Alle wußten, daß es täglich vorkam und die Züge sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstürzten.

Nun war es Tag.

Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschäfte: »Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!«

* * * * *