Der Tunnel: Roman

Part 13

Chapter 133,642 wordsPublic domain

Unterdessen saß Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hände im Schoß, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und flüsterte: »Die Schande -- die Schande -- o Mac, Mac!« Und sie weinte still und zerknirscht. Nie mehr würde sie Mac in die Augen sehen können, nie mehr. Sie mußte es ihm sagen, sie mußte sich scheiden lassen, ja, das mußte sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf ihre Mutter sein, in der Tat!

Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen, rufen: »Hobby, komm --!« Ihr Gesicht glühte und sie rang die Hände. O Himmel, nein -- die Schande -- was war über sie gekommen? Den ganzen Tag über hatte sie schon törichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend die Augen nicht von Hobby losreißen können und gedacht -- ja, nun wollte sie schon ganz ehrlich sein! -- wie es wäre, wenn er sie küßte ...

Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger und faßte sich. »Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten, mir zu verzeihen, ihm schwören ... Laß mich nicht so allein, Mac, werde ich sagen. Übrigens war es doch schön -- Gott, Hobby erschrak bis ins tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!«

Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, spürte sie nur noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht an den gestrigen Abend dachte. Es würde alles wieder gut werden, gewiß. Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heißer geliebt. Aber er sollte sie nicht so vernachlässigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heißen, raschen, unruhigen Gedanken erfüllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?

Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.

Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, daß sie ihn bestimmt erwarte am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.

Hobby kam. Maud errötete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und lachend.

»Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby!« sagte sie. »Hörst du? O, ich habe mir solche Vorwürfe gemacht! Ich habe nicht geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich lüge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich müsse es Mac beichten, nun aber bin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich sollte?«

»Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich --«

»Nein, du nicht, hörst du, Hobby! Ja, gelegentlich -- du hast recht. Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!«

»~All right!~« sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hübsch ihr Haar glänze und wie hübsch ihr diese leichte Röte und Verwirrtheit stehe und wie gut und treu sie sei, und daß ihn dieser Kuß viertausend Dollar gekostet habe. ~Never mind!~

»Die Balljungen sind da, willst du spielen?«

So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, daß sie ein Geheimnis zusammen hätten.

Vierter Teil

1.

Mac Allan stand wie ein geißelschwingendes Phantom über der Erde und peitschte zur Arbeit an.

Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingeführt, auf die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem Kriegschauplatz.

In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die große Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefährdete.

Kleinere Unglücksfälle und Störungen waren alltäglich. Es wurden Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschüttet, beim Sprengen in Stücke gerissen, von Zügen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause und holte sich die Tunnelmänner ohne viele Umstände heraus. In allen Stollen waren wiederholt große Mengen Wasser eingebrochen, die die Pumpen nur mit Mühe bewältigen konnten, und Tausende von Menschen liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend heiß und dampften wie Geiser. Allerdings ließen sich große Wassermengen in den meisten Fällen vorherbestimmen, so daß man seine Maßnahmen treffen konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der drahtlosen Telegraphie ähnlich, wurden nach einem von Doktor Lövy, Göttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren, reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschüttet worden und bei diesen Unfällen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten Sekunde nicht flüchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung, Anämie waren alltägliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine neue Krankheit hervorgerufen, ähnlich jener, die man bei den Arbeitern in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk »~the bends~«, die »Beuge«, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes Erholungsheim für diese merkwürdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr Opfer gefordert als andere technische Großbetriebe. In Summa 1713 Menschenleben, eine verhältnismäßig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer Tag ...

Allan pflegte alljährlich im Oktober eine Generalinspektion der amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hieß sie das »jüngste Gericht«. Am 4. Oktober inspizierte er die »City«. Er besuchte die Arbeiterhäuser, Schlachthäuser, Bäder und Hospitäler. Er kam auch in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag über in Aufregung und wurde purpurrot über das Kompliment, das er ihrer Leitung machte. Er besuchte in den nächsten Tagen die Bürogebäude, Materialbahnhöfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die Dynamos schwangen und knisterten, die Expreß- und Drillingspumpen, Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nächsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Bärmann in den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein Stück weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwärme vorbei: Eisengerüste, Menschenleiber, die in den Gerüsten hingen; eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten flüchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zügen, die dahinflogen. Sie knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wölfe, es blies und schnob wie ein Nilpferd, das auftaucht, dann hörte man mächtige, rauhe Stimmen von Zyklopen wütend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich zu verstehen. Ein Gelächter kollerte durch die Stollen und schließlich vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der Tunnel mahlte, rauschte, gröhlte und ganz plötzlich fuhr der Zug in ein Donnerwetter von Gellen und Getöse hinein, daß man sein eigenes Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine dröhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hölle stieß. Hier gleißten die Arbeitsstätten von Licht und Scheinwerfern wie weißglühende Schmelzöfen.

Die Nachricht, daß Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Wo er hinkam -- unkenntlich von Staub und Schmutz und doch sofort erkannt -- begannen die Rotten »das Lied vom Mac« zu singen:

»~Three cheers and a tiger for him!~ Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann! Mac ist ein Bursche, der alles kann, ~God damn you, yes~, solch ein Kerl ist Mac, ~Three cheers and a tiger for Mac!~«

Auf den Gesteintransporten saßen die abgelösten Mannschaften und die Züge ließen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang zurück.

Mac war populär und -- soweit es der fanatische Haß zwischen Arbeiter und Kapital zuließ -- bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie, aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfältiger Kraft.

»Mac --!« sagten sie, »ja, Mac ist ein Bursche --!« Das war alles, aber es war das höchste Lob.

Besonders seine »Sonntagsaudienzen« hatten viel zu seiner Popularität beigetragen. Auch über sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte: »Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehört zu haben. Er versteht das Herz des Arbeiters.«

Im »Fegfeuer« prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen, wie Propeller bei Vollgas, das Eisen dröhnte. Auch hier sangen die Leute. Das Weiße der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die Mäuler öffneten sich gleichmäßig, aber man hörte keinen Ton.

Die letzten dreißig Kilometer des vorgeschobenen Südstollens mußten sie fast ganz zu Fuß zurücklegen oder auf langsam rollenden Materialzügen. Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerüst von Balken, erschüttert von einem unfaßbaren Getöse, dessen Wucht man immer wieder vergaß und stets neu erlebte. Die Hitze (48° ~C.~) zerriß Pfosten und Balken, trotzdem sie häufig mit Wasser bespritzt wurden und die Wetterführung unaufhörlich frischen, gekühlten Wind hereinschleuderte. Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.

In einem kleinen Querschlag lag ein ölbeschmutzter halbnackter Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von Arbeit lag er da und eilige Füße stiegen über ihn hinweg. Nicht einmal seine Augen hatte man geschlossen.

Dann kamen sie in die »Hölle«. Mitten in den heulenden Staubwirbeln stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und gab die optischen Befehle. Bald rot, bald weiß, blendete der Lichtkegel seines Reflektors und zuweilen schoß er einen grasgrünen Lichtstrahl in eine Rotte wühlender Menschen hinein, so daß sie wie Leichen, die noch schufteten, aussahen.

Hier beachtete sie niemand. Kein Gruß, kein Gesang, völlig erschöpfte Menschen, die halb bewußtlos rasten. Vielmehr mußten sie hier auf die andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Männer übers Geröll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige, zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu werden.

Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Die glühende Atmosphäre, von Staubsplittern erfüllt, riß die Luftwege wund. Hobby gähnte unaufhörlich aus Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme Luft gewöhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstürzenden Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkürlich bekamen seine Augen einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her, schrie, gestikulierte und sein muskulöser Rücken glänzte von Schweiß.

Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hände vor den Mund und heulte in Allans Ohr: »Das ist das unbekannte Erz!«

»Erz?« tutete Allan auf dieselbe Art zurück. Es war ein rostbraunes, amorphes Gestein, das sich leicht brechen ließ. Geologisch die erste Entdeckung während des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and Refining Co. erwartete jeden Tag, daß man auf große Lager stoßen würde. Harriman heulte das Allan ins Ohr.

Allan lachte: »Das könnte ihnen passen!«

Aus der Bohrmaschine schlüpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Säule von Dreck und Öl, grauen Staubbrei auf den schläfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans, ein Irländer namens O'Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter überspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O'Niel drehte und bückte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irländer schüttelte den Kopf und strich mit den großen Händen das Wasser aus den Haaren.

»Der Gneis wird grauer und grauer!« tutete er Allan ins Ohr. »Grauer und härter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir müssen jede Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!«

»Wir gehen bald wieder in die Höhe!«

O'Niel grinste. »In drei Jahren!« heulte er.

»Habt ihr kein Wasser voraus?«

»Nein.«

Plötzlich wurden sie alle grün und gespenstisch fahl: der Japaner hatte seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O'Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurück.

Allan wartete drei Ablösungen ab, dann kletterte er auf einen Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurück. Sie schliefen augenblicklich erschöpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief, noch lange Zeit jede Störung, der der Zug auf seiner vierhundert Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an, die Waggons stießen zusammen, daß Steine auf die Geleise rollten. Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug schleppte sich über eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte halb und sah dunkle Gestalten, die über ihn stiegen.

»Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.«

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Plötzlich aber begann er zu rasen und es schien Allan, als flögen sie dahin und er fiel in einen tiefen Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein gleißendes Messer nach seinen Augen stieß.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebäude und Mac City atmete auf: Das »jüngste Gericht« war vorüber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte und zischte wie ein Nilpferd.

»Kommst du mit zum Frühstück, Hobby?« fragte Allan. »Maud wird schon wach sein. Es ist sieben Uhr.«

»Ich muß schlafen,« erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. »Heute nacht muß ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.«

»Schade, dann bin ich nicht hier.«

»New York?«

»Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette Müller erfunden hat.« Hobby interessierte sich nicht sehr für Bohrer und so sprang er auf den fetten Müller über. Er lachte leise. »Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac,« sagte er schläfrig, »dieser Müller soll ja schrecklich saufen!«

»Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere,« warf Allan ein und behandelte seine Füße mit der Bürste.

»Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und säuft alle unter den Tisch.«

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei, geschniegelt und gebügelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter sich. Er grüßte höflich.

Hobby öffnete ein Auge. »~Good morning, Jap!~« rief er.

»Das ist ein tüchtiger Kerl!« sagte Allan, als der Japaner die Türe hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden später war der tüchtige Kerl schon längst tot.

2.

Am nächsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Südstollens an diesem unglückseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau vierhundertundzwanzig Kilometer von der Mündung des Tunnels entfernt. Dreißig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreideweiß in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer die Arme empor, ein zweiter stürzte hintenüber, ein dritter versank urplötzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwärts, Leiber, Köpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine. Der tobende Lärm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen Brummen, so ungeheuer, daß das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm. Ein Druck umklammerte den Kopf, daß die Trommelfelle zerrissen. Der kleine Japaner versank plötzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand von all den »Höllenmännern« hatte mehr gesehen als einen taumelnden Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte etwas gehört. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwärts bewegte, wurde wie eine Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert und zerdrückt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblöcken wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich, was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick später war es totenstill und das Dröhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fünfundzwanzig Kilometern Verwüstungen an und der Tunnel brüllte achtzig Kilometer weit auf -- als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrüll aber, das wie eine große eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die Stille, eine _fürchterliche_ Stille -- dann Staubwolken -- und hinter dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Züge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fuß angestürzt, in der Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglücklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfünfhundert Menschen zusammengedrängt. Mehr als die Hälfte war in einer Sekunde zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschüttet und niemand hatte einen Schrei gehört.

Dann aber -- als das Dröhnen der Explosion in der Ferne verhallte -- wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelächter, von hohen winselnden Tönen des letzten Schmerzes, von Hilferufen, Verwünschungen, Röcheln und tierischem Gebrüll. An allen Ecken begann es zu wühlen und sich zu regen. Geröll rieselte, Bretter splitterten, es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und kauerte betäubt auf dem Schutthaufen.

»Wo seid ihr?!« schrie er, »In Gottes Namen!!« Fortwährend schrie er dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches Stöhnen. Der Mensch aber brüllte lauter und lauter vor Entsetzen und Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Plötzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines hausähnlichen Trümmerhaufens und plötzlich schoß eine schwelende Feuergarbe empor. Der Mensch, ein Neger, stieß einen Schrei aus, der in ein entsetztes Röcheln überging: denn -- Gott sei mir gnädig! -- mitten in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die Flamme empor, ein qualmendes Bündel mit gelbem Chinesengesicht, ein schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos höher und höher, so daß es haushoch oben zu hängen schien, dann rutschte es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem verstörten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

»Hobby!« brüllte er. »Hobby!«

Aber Hobby hörte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, stürzte in die Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, röchelte und schnappte nach Luft. Eine Weile kauerte er betäubt am Boden, ein dunkler Klumpen im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf beide Hände und begann nun langsam, mechanisch, vorwärts zu kriechen, instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhörlich seinen Namen schrie. Unerwartet stieß er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger hockte mit blutüberströmten Gesicht da und brüllte. Bald blinkten ihn zwei weiße Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer wieder ein Auge des Negers anfüllte und er es krampfhaft aufreißen mußte.

Sie hockten einander eine Weile gegenüber und sahen sich an.

»Fort!« flüsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch auf.

Der Neger griff nach ihm.

»Hobby!« heulte er entsetzt. »Hobby, was ist geschehen?!«

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

»Fort!« flüsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch betäubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, stürzte aber schreiend zu Boden. »Mein Fuß!« heulte er. »Großer Gott im Himmel -- was ist mit meinem Fuß --?!«

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut, wenn ein Mensch niederfällt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber sie stürzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, daß sein Schädel krachte. Der Schmerz rüttelte ihn auf. In seiner Betäubung war es ihm, als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete sich, halb bewußtlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber -- da aber ging etwas Merkwürdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner, seine Hände hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Plötzlich _wußte_ er, daß er im Stollen war und daß etwas Furchtbares geschehen sein mußte --! Er begann zu zittern, all seine Rückenmuskeln, die sich nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

»Katastrophe ...« dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, daß die Bohrmaschine brannte. Zu seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle regten sich nicht. Er sah, daß sie überall lagen, neben ihm, rings umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten Köpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespießt, in Stücke zerfetzt. Überall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschüttet bis zum Kinn, zusammengerollt zu einem Knäuel, und soviele Steinblöcke, Balken, Pfosten und Karrentrümmer es hier gab, ebenso viele Köpfe, Rücken, Stiefel, Arme und Hände starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte ein vor Grauen, es schüttelte ihn, daß er sich festhalten mußte, um nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die nah und fern den halbdunklen Stollen füllten. Dieses Miauen, Greinen, Winseln, Schnauben und Brüllen wie von Tieren -- diese unerhörten, nie gehörten Laute --: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und seine Hände erstarrten wie vor Kälte, seine Füße waren gelähmt. In seiner nächsten Nähe saß ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er hielt die hohle Hand darunter und Hobby hörte das Blut plätschern und rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Plötzlich sank seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

»Fort, fort!« flüsterte Hobby, vom Grauen geschüttelt. »Wir müssen fort von hier!«

Der Neger griff nach Hobbys Gürtel und half mit seinem unverletzten Fuß nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten entgegen.