Part 12
Die Springflut von Gold rollte über den Atlantik nach Frankreich, England, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, die Türkei, Rußland. Sie übersprang den Ural und rollte hinein in die Wälder Sibiriens, in die Berge des Baikal. Sie flutete über Südafrika, Kapland, Oranje, über Australien, Neuseeland. Sie flutete nach Minneapolis, Chikago und St. Louis, in die Rocky Mountains, nach Nevada, nach Alaska.
S. Woolfs Dollar waren Milliarden rasender kleiner Krieger, die sich mit dem Geld aller Nationen und aller Rassen schlugen. Sie waren alle kleine S. Woolfs, mit S. Woolfschem Instinkt bis zum Hals gefüllt, deren Losung: Money! war. Sie stürzten sich in Heeren durch den Draht auf dem Grund des Meeres, sie flogen durch die Luft. Sobald sie aber den Kampfplatz erreicht hatten, verwandelten sie sich! Sie wurden zu kleinen stählernen Hämmern, die Tag und Nacht prasselten vor Gier, sie wurden zu flinken Weberschiffchen in Liverpool, sie rutschten als Hottentotten über die Sandflächen der Diamantfelder Südafrikas. Sie wurden zu einer Pleuelstange an einer Maschine von tausend Pferdekräften, zu einem Riesenschenkel aus blankem Stahl, der vierundzwanzig Stunden jeden Tag wütend den Dampf besiegte und stets vom Dampf zurückgeschleudert wurde. Sie wurden zu einem Zug voll Eisenbahnschwellen, der von Omsk nach Peking unterwegs ist, zu einem Schiffsbauch voller Gerste, von Odessa nach Marseille. Sie stürzten in Südwales im Förderkorb achthundert Meter in die Tiefe und rasten mit Kohlen herauf. Sie hockten auf tausend Gebäuden der Welt und wucherten, sie mähten Getreide in Kanada und standen als Tabakpflanzen in Sumatra.
Sie kämpften! Auf einen Wink Woolfs wandten sie Sumatra den Rücken und pochten Gold in Nevada. Sie verließen Australien im Fluge und fielen als ein Schwarm in der Baumwollenbörse Liverpools ein.
S. Woolf gönnte ihnen keine Ruhe. Tag und Nacht hetzte er sie durch hundert Verwandlungen. Er saß im Sessel seiner Office, kaute Zigarren, schwitzte, diktierte gleichzeitig ein Dutzend Telegramme und Briefe, den Telephonhörer am Ohr, nebenbei ein Gespräch mit einem Prokuristen führend. Er lauschte mit dem rechten Ohr auf die Stimme im Apparat, mit dem linken auf den Rapport des Beamten. Er sprach mit einer Stimme zu dem Beamten, schrie mit einer zweiten in das Telephon hinein. Er übersah mit einem Auge seine Stenographen und Typewriter, ob sie auf die Fortsetzung warteten, mit dem anderen sah er auf die Uhr. Er dachte, daß Nelly nun schon zwanzig Minuten auf ihn warte und ein Gesicht schneiden würde, wenn er so spät zum Diner käme, er dachte gleichzeitig, daß der Prokurist im Falle Rand Mines ein Idiot sei, im Falle Garnier frères aber weitsichtig denke, er dachte -- ganz im Hintergrund seines haarigen, dampfenden Schädels -- an die große Schlacht, die er morgen an der Wiener Börse schlagen und gewinnen würde.
Jede Woche hatte er über eineinhalb Millionen Dollar flüssig zu machen für Löhne und an den Quartalen für Zinsen und Abschreibungen Hunderte von Millionen. An diesen Zeitpunkten kam er tagelang nicht aus seiner Office heraus. Dann war die Schlacht in vollem Gange und S. Woolf erkaufte sich den Sieg mit einem großen Verlust an Schweiß und Fett und Atem.
Er rief seine Armeekorps zurück. Und sie kamen, jeder Dollar ein kleiner heroischer Sieger, der Beute gemacht hatte, acht Cent oder zehn, zwanzig Cent. Viele kehrten als Krüppel heim und manche waren auf der Walstatt gefallen -- das war der Krieg!
Diesen atemlosen, rasenden Kampf focht S. Woolf seit Jahren aus, Tag und Nacht auf der Witterung nach dem günstigsten Angriff, Überfall und Rückzug. Stündlich gab er seinen Befehlshabern in fünf Erdteilen Befehle und stündlich prüfte er ihre Schlachtberichte.
S. Woolf leistete erstklassige Arbeit. Er war ein Geldgenie, er roch das Geld auf Meilen Abstand. Er hatte ungezählte Millionen Aktien und Anteilscheine nach Europa geschmuggelt, denn des amerikanischen Geldes glaubte er sicher zu sein, wenn er seine goldenen Reservearmeen unter Waffen rufen mußte. Er hatte Prospekte verfaßt, die sich wie Gedichte Walt Whitmans lasen. Er verstand es wie kein anderer, zur rechten Zeit das rechte Trinkgeld in die rechte Hand zu drücken. Dank dieser Taktik machte er in weniger zivilisierten Ländern (wie Rußland, Persien) Geschäfte, die fünfundzwanzig und vierzig Prozent abwarfen und die nur im Finanzleben für erlaubt gelten. Bei den jährlichen Generalversammlungen ging er aufgerichtet durchs Ziel und das Syndikat hatte im Lauf der Jahre sein Gehalt auf dreihunderttausend Dollar erhöht. Er war unersetzlich.
S. Woolf arbeitete, daß seine Lungen rasselten. Jedes Blatt Papier, das er in die Hand nahm, zeigte den fetten Abdruck seines Daumens, trotzdem er hundertmal am Tage die Hände wusch. Er schied ganze Tonnen Talg aus und wurde trotzdem immer fetter. Sobald er aber den schweißfeuchten Kopf unter kaltes Wasser gesteckt, Haare und Bart gebürstet, einen frischen Kragen umgelegt hatte und die Office verließ, war er ein würdevoller Gentleman, der nie Eile und Hast verriet. Er bestieg bedächtig seinen eleganten pechschwarzen Car, dessen silberner Drache wie das Nebelhorn eines Ozeandampfers brummte und rollte den Broadway hinab, um den Abend zu genießen.
Das Diner nahm er gewöhnlich bei einer seiner jungen Freundinnen ein. Er liebte es, gut zu speisen und ein Glas starken, kostbaren Weins dazu zu trinken.
Jeden Abend um elf erschien er im Klub, um zwei Stunden zu spielen. Er spielte besonnen, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, schweigsam, zuweilen mit den roten, wulstigen Lippen in seinen schwarzen Bart plusternd.
Im Klub trank er stets eine Tasse Kaffee, nichts sonst.
S. Woolf war das Muster eines Gentleman.
Er hatte nur ein Laster und er verbarg es sorgfältig vor der Welt. Das war seine außerordentliche Sinnlichkeit. Seinen dunkeln, tierisch glänzenden, schwarzbewimperten Augen entging kein schöner Frauenkörper. Das Blut begann in seinen Ohren zu knacken, sobald er ein junges hübsches Mädchen mit runden Hüften sah. Er kam jedes Jahr viermal mindestens nach Paris und London und in beiden Städten hielt er ein oder zwei hübsche Mädchen aus, denen er luxuriöse Wohnungen mit spiegelverschalten Alkoven eingerichtet hatte. Er gab einem Dutzend junger süßer Geschöpfe Sektsoupers, bei denen er im Frack erschien und die Göttinnen in ihrer schönen schimmernden Haut. Häufig brachte er von seinen Reisen »Nichten« mit, die er nach New York verpflanzte. Die Mädchen mußten schön, jung, schwellend und blond sein; besonders Engländerinnen, Deutschen und Skandinavierinnen gab er den Vorzug. S. Woolf rächte auf diese Weise den armen Samuel Wolfsohn, den die Konkurrenz gutgebauter Tennisspieler und großer Monatswechsel vor Jahren bei allen schönen Frauen aus dem Felde geschlagen hatte. Er rächte sich an jener hochmütigen blonden Rasse, die ihn früher mit dem Fuß ins Gesicht trat, indem er jetzt ihre Frauen kaufte. Und er entschädigte sich vor allem für eine entbehrungsreiche Jugend, die ihm weder Zeit noch Möglichkeit ließ, seinen Durst zu stillen.
Von jeder Reise brachte er eine Anzahl Siegestrophäen mit, Locken und Strähnen, vom kühlen silbrigen Blond bis zum heißesten Rot, die er in einem japanischen Lackschrank in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrte. Aber davon wußte niemand etwas, denn S. Woolf schwieg.
Auch aus einem anderen Grunde liebte er seine trips nach Europa. Er sah seinen alten Vater, an dem er mit einer sonderbaren Sentimentalität hing. Zweimal im Jahre kam er auf zwei Tage nach Szentes und Telegramme flogen vor ihm her. Ganz Szentes war in Aufregung. Der große Sohn des alten Wolfsohn! Der Glückliche! Dieser Kopf! Er kam.
S. Woolf hatte seinem Vater ein hübsches Haus gebaut und einen schönen Garten anlegen lassen. Fast wie eine Villa. Musikanten kamen und fiedelten und tanzten, während ganz Szentes sich gegen das eiserne Gartengitter drängte.
Der alte Wolfsohn wiegte sich hin und her und wackelte mit dem kleinen, abgemagerten Kopf und vergoß Freudentränen.
»Groß bist du geworden, mein Sohn! Wer hätt' gedacht! Groß, mein Stolz! Ich danke Gott jeden Tag!«
S. Woolf aber war ob seines freundlichen Wesens in ganz Szentes beliebt. Mit hoch und niedrig, jung und alt verkehrte er mit der gleichen amerikanisch-demokratischen Einfachheit. So groß und so bescheiden!
Der alte Wolfsohn hatte nur noch einen Wunsch, bevor ihn Gott abrief.
»Ihn möchte ich sehen!« sagte er. »Diesen Herrn Allan! Was für ein Mann!«
Und S. Woolf entgegnete darauf: »Du wirst! Kommt er wieder nach Wien oder Berlin, und er kommt, so telegraphiere ich dir. Du gehst ins Hotel, sagst, du bist mein Vater, er wird sich freuen!«
Der alte Wolfsohn aber streckte die kleinen Greisenhände empor und schüttelte den Kopf und weinte: »Nie werd' ich ihn sehen, diesen Herrn Allan. Nie werd' ich es wagen, bei ihm vorzusprechen. Die Füße trügen mich nicht.«
Der Abschied fiel jedesmal beiden sehr schwer. Der alte Wolfsohn schlürfte noch ein paar kleine Schritte mit eingeknickten Füßen neben dem Salonwagen seines Sohnes einher und jammerte laut, und S. Woolf rannen die Tränen übers Gesicht. Sobald er aber das Fenster geschlossen und die Augen getrocknet hatte, war er wieder S. Woolf, dessen dunkler Rabbinerschädel auf keine Frage Antwort gab.
S. Woolf hatte seine Bahn durchmessen. Er war reich, berühmt, gefürchtet, die Finanzminister großer Reiche empfingen ihn mit Achtung, er war, von dem bißchen Asthma abgesehen, gesund. Sein Appetit und seine Verdauung waren vorzüglich und sein Appetit auf Frauen ebenso. Und doch war er nicht glücklich.
Sein Unglück war, daß er alle Dinge analysieren mußte und daß er Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und die sein Gedächtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Er war klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken herausgefunden, daß er ein _ganz alltäglicher_ Mensch war! Er kannte den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Börsentelegraph, ein Mensch mit Zahlen angefüllt bis unter die Nägel seiner Zehen -- aber was war er sonst? War er, was sie eine Persönlichkeit nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurück war, war trotz allem mehr Persönlichkeit als er. Er aber, er war Österreicher geworden, Deutscher, Engländer, Amerikaner. Bei all diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun -- was war er nun? Ja, der Teufel hätte sagen können, was er nun eigentlich war! Sein Gedächtnis, dieses abnorme Gedächtnis, das auf Jahre hinaus mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedächtnis war wie ein ewig waches Gewissen. Er wußte, woher er diesen Gedanken hatte, den er als originales Produkt vorführte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art, zu sprechen, diese Art, zu lächeln und diese Art, jemanden anzusehen, der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er, weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose geführt hatte, die die sicherste war: Ruhe, Würde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen entlehnt hatte!
Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen! Bis auf Lloyd hielt er sie alle für beschränkt, für Leute, die nur »viereckig« denken konnten, die überhaupt _niemals_ dachten! Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man -- selbst wenn man es nicht definieren konnte -- als selbständige Persönlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Würde. Worin lag sie? Wer konnte sagen, weshalb er würdig erschien? Niemand. Seine Macht, der -- Schrecken, den er einflößte? Worin lag es? Niemand konnte es sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natürlich, einfach, er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges Gesicht beobachtet. Es drückte weder Adel noch Genie aus und doch konnte er seinen Blick nicht sättigen an der Einfachheit, der Klarheit dieser Züge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so genügte das schon. Niemand würde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu ignorieren.
Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen Dingen beschäftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine unbehagliche und gereizte Verfassung.
Bei diesen Betrachtungen stieß er immer auf einen Punkt: das war sein Verhältnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend, kollegial -- aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er, S. Woolf, bemerkte das wohl.
Er hörte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets »Herr Woolf«, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn, dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lächerlich es S. Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wünsche, daß Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: »Hallo, Woolf, ~how do you do~?« -- Aber er wartete seit Jahren darauf.
Dann wurde es S. Woolf stets klar, daß er Allan _haßte_! Ja, er haßte ihn -- ohne jeden Grund. Er wünschte, Allans Sicherheit erschüttert zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal abhängig von ihm sein.
S. Woolf war ganz heiße Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog. Es war ja auch recht wohl möglich! Es konnte ein Tag kommen, da er, S. Woolf --! Weshalb sollte es nicht möglich sein, daß seine Stellung eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkäme?
S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel über seine schwarzen, glänzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.
Das war der kühnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und dieser Gedanke hypnotisierte ihn.
Er brauchte ja nur eine Milliarde Aktien im Rücken zu haben -- und dann sollte Mac Allan sehen, wer S. Woolf war.
S. Woolf zündete sich eine Zigarre an und träumte seinen ehrgeizigen Traum.
7.
Edison Bio machte immer noch glänzende Geschäfte mit ihrem wöchentlich neuen Tunnel-Film.
Sie zeigte die schwarze Wolkenbank, die ewig über dem Materialbahnhof in Mac City steht. Sie zeigte die unübersehbare Armee von Waggons, die von tausend qualmenden Lokomotiven aus allen Staaten Amerikas hierhergeschleppt wurden. Verladebrücken, Drehkrane, Laufkatzen, Hochbahnkrane. Sie zeigte das »Fegfeuer« und die »Hölle« voll rasender Menschen, der Phonograph gab gleichzeitig den Lärm wieder, wie er, zwei Meilen hinter der »Hölle« durch die Stollen tobte. Obwohl durch einen Dämpfer aufgenommen, war der Lärm so überwältigend und entsetzlich, daß das Auditorium sich die Ohren zuhielt.
Edison Bio zeigte die ganze Bibel der modernen Arbeit. Und alles mit einem bestimmten Ziel: dem Tunnel!
Und die Zuschauer, die sich vor zehn Minuten an einem schauerlichen Melodrama ergötzt hatten, fühlten, daß all die bunten, rauchenden und dröhnenden Bilder der Arbeit, die die Leinwand zeigte, nichts anderes waren als Szenen eines weitaus größeren und mächtigeren Dramas, dessen Held ihre Zeit war.
Edison Bio verkündete das Epos des Eisens, größer und gewaltiger als alle Epen des Altertums.
Eisengruben in Bilbao, Nordspanien, Gellivara, Grängesberg Schweden. Eine Hüttenstadt in Ohio, die Luft ein Aschenregen, die Schlöte dicht wie Lanzen. Flammende Hochöfen in Schweden, Feuerzacken ringsum am nächtlichen Horizont. Inferno. Ein Eisenhüttenwerk in Westfalen. Paläste aus Glas, Maschinen, vom Menschen ersonnen, Mammute mit ihrem zwerghaften Erzeuger und Lenker zur Seite. Eine Gruppe dicker Teufel, turmhoch, schwelend, die Hochöfen, umschnürt von Eisengürteln, zuweilen Feuer gegen den Himmel speiend. Die Erzkarren sausen hinauf, der Ofen wird beschickt. Die Giftgase brausen durch die Bäuche der dicken Teufel und erhitzen den Wind auf 1000 Grad, so daß Kohle und Koks von selbst zu glühen beginnen. 300 Tonnen Roheisen schmilzt der Ofen am Tage. Das Stichloch wird angestochen, ein Bach von Eisen schießt in die Gießhalle, die Menschen glühen, ihre Totengesichter blenden. Die Bessemer- und Thomasbirnen, geschwollene Spinnenleiber, Stockwerke hoch, bald stehend, bald liegend, vom Druck des Wassers bewegt, Luft durch das Eisen blasend, Feuerschlangen und Funkengarben weit hinausspeiend. Glut, Hitze, Hölle und Triumph! Die Martinsöfen, die Rollöfen, die Dampfhämmer, die Walzwerke, Rauch, Funkentänze, brennende Menschen, jeder Zoll Genie, Sieg. Der Eisenblock glüht und knistert, läuft über die Walzenstraße zwischen den Walzen hindurch, streckt sich wie Wachs, wird länger, länger, läuft zurück durch das letzte Profil und liegt da, heiß und schwitzend, schwarz, besiegt, fertig: »Krupp, Essen, walzt eine Tunnelschiene.«
Zum Schluß: Ein Stollen in einem Kohlenbergwerk. Ein Pferdekopf, ein Pferd, ein kleiner Junge in hohen Stiefeln, der daneben hergeht, ein endloser Zug von Kohlenkarren dahinter. Ewig nickt das Pferd mit dem Kopf, stapft der Junge, bis er ganz nahe ist und mit seinem geschwärzten, fahlen Gesicht ins Publikum grinst.
Der Konferencier: »Solch ein Kohlenjunge war Mac Allan, der Erbauer des Tunnels, vor zwanzig Jahren.«
Ein ungeheurer Jubel bricht los! Der menschlichen Energie und Kraft jubelt man zu -- sich selbst, seinen eigenen Hoffnungen!
In dreißigtausend Theatern führte Edison Bio die Tunnelfilme täglich vor. Es gab kein Nest in Sibirien und Peru, wo man die Filme nicht sah. So war es natürlich, daß all die Höchstkommandierenden des Tunnelbaus ebenso bekannt wurden wie Allan selbst. Ihre Namen prägten sich dem Gedächtnis des Volkes ein wie die Namen von Stephenson, Marconi, Ehrlich, Koch.
Nur Allan selbst hatte noch nicht Zeit gehabt, sich den Tunnelfilm anzusehen, obgleich die Edison Bio wiederholt versucht hatte, ihn an den Haaren hineinzuziehen.
Denn die Edison Bio versprach sich einen besonderen Erfolg von dem Film: »Mac Allan sieht sich selbst im Edison Bio.«
8.
»Wo ist Mac?« fragte Hobby.
Maud hielt im Schaukeln inne.
»Laß sehen! -- In Montreal, Hobby.«
Es ist Abend und sie sitzen beide auf der Veranda im ersten Stock des Hauses, die auf das Meer hinausgeht. Der Garten liegt schweigend unter ihnen im Dunkel. Die müde Dünung des Meeres rauscht und zischt gleichmäßig, und fern braust und klingt die Arbeit. Sie haben vor Tisch vier Games Tennis geklopft, zu Abend gegessen und nun ruhen sie noch ein Stündchen aus. Das Haus liegt ganz ruhig und dunkel.
Hobby gähnt müde und klopft sich dabei auf den Mund. Das gleichmäßig feine Zischen des Meeres schläfert ihn ein.
Maud aber saß und schaukelte sich und ihre Augen waren ganz wach.
Sie betrachtete Hobby. In seiner hellen Kleidung, mit seinen lichtblonden Haaren, sah er in der Dunkelheit fast weiß aus, und nur sein Gesicht und sein Schlips waren dunkel. Wie ein Negativ. Maud lächelte, denn sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr Hobby beim Essen erzählte -- eine Geschichte von einer der »Nichten« S. Woolfs, die S. Woolf verklagte, weil er sie auf die Straße setzte. Von der Geschichte kam sie aber sofort wieder auf Hobby selbst zurück. Er gefiel ihr. Selbst seine Albernheiten gefielen ihr. Sie waren die besten Kameraden, hatten keine Geheimnisse vor einander. Zuweilen wollte er ihr sogar Dinge erzählen, die sie gar nicht wissen wollte und sie mußte ihn bitten, den Mund zu halten. Hobby und Edith waren so herzlich und vertraut miteinander wie Vater und Kind. Und oft sah es aus, als ob Hobby der Herr des Hauses wäre.
»Hobby könnte ebensogut mein Mann sein wie Mac,« dachte Maud und fühlte, wie sie heiß und rot wurde.
In diesem Augenblick lachte Hobby leise vor sich hin.
»Warum lachst du, Hobby?«
Hobby dehnte sich, daß der Sessel knirschte.
»Ich habe eben gedacht, wie ich die nächsten sieben Wochen leben werde.«
»Hast du wieder verloren?«
»Ja. Wenn ich full hand in der Hand habe, so werde ich doch halten? Ich habe sechstausend Dollar verpulvert. Vanderstyfft gewinnt, die reichen Kerle gewinnen immer.«
Maud lachte.
»Du brauchst ja nur ein Wort zu Mac zu sagen.«
»Ja, ja, ja --« erwiderte Hobby und gähnte wieder und klopfte sich auf den Mund. »So geht es, wenn man ein fool ist!«
Und beide hingen wieder ihren Gedanken nach. Maud hatte einen Trick ersonnen, wie sie mit dem Schaukelstuhl vorwärts und rückwärts wandern konnte, während sie schaukelte. Bald war sie einen Schritt näher, bald einen Schritt ferner. Und immer behielt sie Hobby im Auge.
Ihr Herz war voller Verwirrung, Resignation und Verlangen.
Hobby hatte die Augen geschlossen und Maud fragte plötzlich dicht neben ihm: »Frank, wie wäre es geworden, wenn ich dich geheiratet hätte?«
Hobby öffnete die Augen und war sofort ganz wach. Mauds Frage hatte ihn aufgeschreckt und der Klang seines Vornamens, mit dem ihn seit Jahren niemand mehr angesprochen hatte. Er erschrak, denn Mauds Gesicht war ganz nahe und doch war sie vor einem Augenblick noch zwei Schritt fern gewesen. Ihre weichen, kleinen Hände lagen auf der Lehne seines Stuhles.
»Wie kann ich das wissen?« entgegnete er unsicher und versuchte es mit einem leisen Lachen.
Mauds Augen standen dicht vor ihm. Ein goldener Glanz leuchtete warm und flehend aus ihrer Tiefe. Ihr Gesicht schimmerte bleich und schmal, wie vergrämt, aus dem dunkeln Scheitel.
»Warum habe ich dich nicht geheiratet, Frank?«
Hobby holte Atem. »Weil dir Mac besser gefiel,« sagte er nach einer Weile.
Maud nickte. »Wären wir zusammen glücklich geworden, Frank?«
Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte, ohne Maud zu nahe zu kommen.
»Wer weiß es, Maud?« Hobby lächelte.
»Hast du mich früher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?« flüsterte Maud.
»Ja, wirklich!«
»Wärst du glücklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?«
»Ich glaube es.«
Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich träumerisch in die Höhe. »Ja?« flüsterte sie, noch leiser, voller Glück und Weh.
Hobby ertrug die Situation nicht länger. Wie konnte es Maud nur in den Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rühren? Er wollte ihr sagen, daß das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel ihm immer noch und er hatte seinerzeit böse Tage gehabt ...
»Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr?« fragte er in so harmlosem alltäglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick vermochte.
Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saßen sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Plötzlich geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht länger stillhalten konnte -- ja, wie war es doch gekommen? --: ihre Lippen berührten sich wie von selbst.
Maud fuhr zurück. Sie stieß einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Türe ging.
Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem verwirrten, geistesabwesenden Lächeln ins Dunkle hinein, während er noch Mauds Mund auf seinen Lippen fühlte, weich und warm, und seine Arme vor Müdigkeit abzufallen drohten.
Dann fand er sich zurecht. Er hörte plötzlich die Dünung wieder zischen und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.
»Nie wieder!« dachte er. »~Stop, my boy!~ Maud wird mich sobald nicht wieder sehen.«
Er nahm den Hut vom Nagel, zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarette an und verließ das Haus, immer noch erregt, beglückt, verwirrt.
»Ja, zum Teufel, wie kam es nur?« dachte er immer wieder und hielt den Schritt an.