Der Tunnel: Roman

Part 10

Chapter 103,427 wordsPublic domain

Er nahm ihren Plan für eine Laune, eine Spielerei. Er zweifelte an ihrer Ausdauer. Er begriff gar nicht, daß es für sie eine Notwendigkeit geworden war, zu arbeiten. Es kränkte sie, daß er sich so geringe Mühe gab, sie zu verstehen.

>Früher kränkte mich so etwas ganz und gar nicht,< dachte sie am folgenden Tag. >Demnach muß ich anders geworden sein.< Und Maud, die sich Tag und Nacht quälte, aus dem einfachen Grunde, weil sie die Gewißheit ihres Glückes verloren hatte, fing an zu verstehen, daß eine Frau mehr wünscht als Liebe und Anbetung.

Am Abend war sie allein, es regnete herrlich und frisch draußen und sie machte Eintragungen in ihr Journal.

Sie notierte einige Aussprüche der kleinen Edith, die deutlich die naive Grausamkeit und den kindlichen Egoismus ihres vergötterten Töchterchens verrieten. Eigenschaften, die allen Kindern eigen sind, was Maud nicht vergaß hinzuzufügen. Dann spann sie ihre Gedanken weiter aus: »Es scheint mir,« schrieb sie, »daß nur Mütter und Gattinnen wahrhaft selbstlos sein können. Kindern und Männern ist diese Eigenschaft nicht gegeben. Die Männer haben vor den Kindern nur das eine voraus: sie sind selbstlos und aufopferungsvoll in kleinen, äußerlichen, ich möchte sagen, unwesentlichen Dingen. Ihre tiefsten und wesentlichen Regungen und Wünsche werden sie aber nie zugunsten einer geliebten Person aufgeben. Mac ist ein Mann und ein Egoist wie alle Männer, ich kann ihm diesen Vorwurf nicht ersparen, obgleich ich ihn von ganzem Herzen liebe.«

Sie überzeugte sich, daß Edith schlief, nahm einen Schal und trat auf die Veranda. Hier setzte sie sich in einen Korbsessel und lauschte dem Rauschen des Regens. Im Südwesten stand eine düstere Feuersbrunst: New York.

Als sie in ihr Schlafzimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf das aufgeschlagene Buch am Schreibtisch. Sie las ihr Aperçu, und während sie vorhin im Grunde ihres Herzens sogar ein wenig stolz gewesen war auf all ihre Weisheit, schüttelte sie jetzt den Kopf und schrieb darunter: »Eine Stunde später, nachdem ich dem Rauschen des Regens gelauscht habe. Mache ich Mac nicht ungerechte Vorwürfe? Bin nicht ich es, die egoistisch ist? Verlangt Mac etwas von mir? Oder verlange nicht ich von Mac, daß er Opfer bringt? Ich glaube, daß alles, was ich vorher geschrieben habe, kompletter Nonsens ist. Heute kann ich das Rechte nicht mehr finden. Schön rauscht der Regen. Er gibt Frieden und Schlaf. -- Maud, Macs kleiner Narr.«

Dritter Teil

1.

Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fünf Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen. Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabführen, sahen diese Tunnelmündungen aus.

Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszüge im Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne Pause, stürzten sich Arbeiter- und Materialzüge in rasendem Tempo hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden, die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!

Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte, sie war Raserei, ein höllischer Kampf um Sekunden. Er _rannte_ sich den Weg durchs Gestein!

Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt, hätte Allan mit den Arbeitsmethoden früherer Zeiten zur Vollendung des Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden täglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage. Bei den »Vortrieben« arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in acht Stunden geleistet haben würden. Auf diese Weise erzielte er eine sechsfache Arbeitsleistung.

Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hieß bei den ~tunnelmen~ die »Hölle«. Der Lärm war hier so ungeheuer, daß fast alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken und endlich donnerte er wie große Wasserfälle. Durch den kochend heißen Stollen heulten fünf Meilen weit schreckliche, unerhörte Töne und Interferenzen, so daß niemand es gehört haben würde, wenn der Berg in Wirklichkeit zusammengestürzt wäre. Da das Getöse Kommando und Hornsignale verschluckt hätte, so mußten alle Befehle auf optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre grellen Lichtkegel bald gleißend weiß, bald blutrot in das Chaos von schweißüberströmten Menschenknäueln, Leibern, stürzenden Steinen, die selbst wieder Menschenleibern ähnlich sahen, und der Staub wälzte sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein graues, staubbedecktes Ungetüm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich im Schlamm gewälzt hatte: Allans Bohrmaschine.

Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schädel, einen Schwanz von Drähten und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwärts, betastete mit seinen Fühlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen Maules den Berg, während er helles Licht aus den Kiefern spie. Bebend in urtierischem Zorn, hin- und herschwankend vor Wollust des Zerstörens fraß er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins Gestein. Er zog die Fühler und Lefzen zurück und spritzte etwas in die Löcher, die er gefressen hatte. Seine Fühler und Lefzen waren Bohrer mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekühlt, und was er durch die hohlen Bohrer in die Löcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch des Meeres, so änderte er plötzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern dampfte Blut, seine Rückennarbe funkelte böse drohend, und unheimlich wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurück, in roten Dunst eingehüllt -- und wieder kroch er vorwärts. Vor und zurück, Tag und Nacht, jahrelang, ohne Pause.

Sobald er die Farbe wechselt und sich zurückzieht, stürzt sich eine Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drähte zusammen, die aus den Bohrlöchern hängen. Und wie vom Grauen gepeitscht jagt die Rotte zurück. Es grollt, donnert, dröhnt. Der zerschmetterte Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub wälzen sich dem roten Glutatem entgegen. Plötzlich blendet er wieder grellweiß und Horden halbnackter Menschen stürmen in die brodelnde Staubwolke hinein und stürzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.

Das gierig vorwärtsrollende Ungetüm aber streckt Freßwerkzeuge schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen stählernen Unterkiefer vor und in die Höhe und _frißt_ Gestein, Felsen, Schutt, den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glänzend von Schweiß, ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.

Die hundert schweißtriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien, brüllen und der Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Füßen zusammen. Fort, das Gestein muß aus dem Wege, das ist die Losung!

Schon aber meißeln und bohren und wühlen schmutzgetigerte Menschenklumpen unter den Freßwerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den Weg zu ebnen. Männer mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das Ungeheuer wälzt sich vorwärts.

An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem gewölbten Rücken hängen winzige Menschen. Sie bohren Löcher in Decke und Wände, den Boden, in hervorstehende Blöcke, so daß sie jederzeit im Augenblick mit Patronen gefüllt und abgesprengt werden können.

So fieberhaft und höllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wütete, so fieberhaft und höllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde später mußte die Maschine zweihundert Meter rückwärts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten zu können.

Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und versicherten sich der großen Blöcke, die Menschenkraft nicht heben konnte. Während sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die großen Blöcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rückwand der Maschine starrten und die Blöcke hoben.

Der ewig wandernde Rost aber schüttete die Gesteinsmassen prasselnd und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den Kohlengruben ähnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisförmigen Verbindungsgeleises geführt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten, als nötig war, um Gestein und Blöcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen, taumelten um Rost und Hunde, wühlten, wälzten, schaufelten und schrien, und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie hernieder, während die Luft der Wetterführung wie ein Sturmwind in sie hineinpfiff.

Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mörderisch und täglich gab es Verwundete und häufig Tote.

Nach einer vierstündigen Raserei wurden die Mannschaften abgelöst. Vollkommen erschöpft, gekocht in ihrem eigenen Schweiß, bleich und halb bewußtlos vor Herzschwäche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst über Tag zu erwachen.

Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet hatte. Dieses Lied begann:

Drinnen, wo der Tunnel donnert In der heißen Hölle, Brüder, Gee, wie ist die Hölle heiß! Einen Dollar extra für die Stunde, Für die Stunde einen Dollar extra Zahlt dir Mac für deinen Schweiß ...

Zu Hunderten flohen sie die »Hölle« und viele brachen nach kurzer Zeit für immer zusammen. _Aber es kamen immer neue_!

2.

Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons standen, die die Hunde an Kranen in die Höhe zogen und entleerten. Waren die Waggons gefüllt, so fuhren die Züge ab -- in jeder Stunde ein Dutzend und mehr -- und neue, mit Material und Menschen standen an ihrer Stelle.

Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres fünfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze mächtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan peitschte unaufhörlich zur größten Kraftanspannung an, täglich, stündlich. Rücksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre geforderten Kubikmeter nicht bewältigen konnten, rücksichtslos entließ er Arbeiter, die den Atem verloren.

Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub, Steinsplittern und einem donnernden Getöse erfüllt ist, sind Bataillone von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschäftigt, Balken und Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen Kabel und provisorischen Schläuche und Röhren für Wasser und zugepumpte Luft.

Bei den Zügen stürzen Horden von Menschen hin und her, um das Material abzuladen und über die Strecke zu verteilen, so daß man nur hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern, Eisenträger, Schrauben, Röhren, Kabel, Bohrer, Sprenghülsen, Ketten, Schienen, Schwellen.

Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wütet ein Trupp schmutziger Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein Zug gellend vorbeikommt, flüchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber ist die Nische so tief, daß sie sich nicht mehr um die Züge zu kümmern brauchen, und nach einigen Tagen klingt die Wand hohl, sie stürzt ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Züge vorbeifliegen wie drüben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.

Diese Querschläge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.

Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin besteht, diese schmalen Verbindungsgänge kunstgerecht auszumauern. Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten Querstollen lassen sie stehen wie er ist.

Weiter, vorwärts!

Ein Zug rauscht heran und hält bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine Schar geschwärzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer, Spitzhacken, Eisenträger, Zementsäcke, Schienen, Schwellen wandern über ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, während hinten schon die Glocken der aufgehaltenen Züge ungeduldig gellen. Weiter! Die Züge rollen. Der Querstollen hat die geschwärzten Burschen verschluckt, die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird breiter und breiter, er steht schräg zu den Tunneltrassen, Eisen und Beton sind seine Wände, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise führt durch ihn hindurch: eine Weiche.

Diese Weichen haben den ganz unschätzbaren Wert, daß man von sechs zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und Gesteinszüge des einen Stollens auf den anderen überführen kann.

Auf diese höchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern isoliert für den Ausbau.

Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln, Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus Eisenrippen und Eisenfachwerk.

Wo es eine Hölle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim Tunnelbau »~hellmen~« gab, so gab es »purgatorymen«, denn diese Baustelle hieß »~purgatory~«.

Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wälzt sich in diesen Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hängen an den Waggons. An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschüsse, Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur erforderlichen Breite und Höhe ausgesprengt. Es dröhnt, wie wenn Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisenträger und Schienen, die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen überschwemmt den Stollen, Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln. Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Mäuler, geschwollene Muskeln, zuckende Schläfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib: sie schleppen die Sohlenstücke heran, mächtige Doppel-~T~-Träger, die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzüge (denn die Tunnelbahn wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren mit Meßinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit Anspannung all ihrer Nerven, während der Schweiß ihre halbnackten Körper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstück, vier Meter lang, achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwärts gebogen, wird in Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich Sohlenstück an Sohlenstück und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so daß sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm schleppen, so schleppen hundert keuchende Männer mit eingeknickten Knien die mächtigen, dreißig Meter langen Schienen heran, die auf den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den schweren Teilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk umschnüren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrückt ist. Vier Teile bilden eine Rippe: ein Sohlenstück, zwei Seitenstücke (die Widerlager) und ein Deckenstück, die Kappe. Diese Stücke sind aus zolldickem Eisen, und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen prasseln, der Stollen dröhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk von mennigrotem Eisen umschnürt den Stollen. Schon aber, da hinten, klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck der Welt sprengen kann.

Zu beiden Seiten der mächtigen Schiene werden in angemessenem Abstand Röhren in allen Dimensionen gelegt, verschweißt, verschraubt. Röhren für Telephon- und Telegraphendrähte, für Stromkabel, ungeheure Röhren für Wasser, mächtige Röhren für die Luft, die die Maschinen draußen über Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Röhren für die pneumatische Expreßpost. Sand, Schotter bedeckt die Röhren; Schwellen und Schienen für die gewöhnlichen Materialzüge werden darüber gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszügen erlauben, mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.

Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon die Geleise für die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Züge werden hereingeleitet und fliegen dahin, während die Maurer noch im Eisenfachwerk hängen.

Dreißig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte, war der Stollen schon fertig ausgebaut.

3.

Das aber war nicht alles. Tausend Dinge mußten vorgesehen werden! Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstießen, die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraßen, mußte die ganze Strecke betriebsfähig sein.

Allans Pläne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig vor.

Von zwanzig zu zwanzig Kilometern ließ er kleine Stationen in den Berg schlagen, in denen die Streckenwärter hausen sollten. Alle sechzig Kilometer plante er größere Stationen und alle zweihundertvierzig Kilometer große Stationen. All diese Stationen waren Depots für Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die größeren und großen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Kühl- und Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen nötig, in denen abgeleitete Züge Platz fanden.

Für alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone ausgebildet worden und all diese Horden fraßen sich in den Berg und schlugen Lawinen von Gestein heraus.

Wie ein Vulkan in höchster Raserei spien die Tunnelmündungen Tag und Nacht Gestein aus. Unaufhörlich, dicht hintereinander flogen die vollen Züge aus den gähnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit, die das Auge entzückte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das bewegte sich plötzlich auf den Waggons und geschwärzte, beschmutzte, unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich über hundert Weichen und schoß davon. Er fuhr in einem großen Bogen durch »Mac City« (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hieß), bis er auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die »leichte Woche«.

Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft, genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besaß den größten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelände zweckmäßig nivelliert. Er hatte das Gestade, das mählich abfiel, geebnet und das seichte Meer kilometerweit hinausgedrängt. Dort draußen aber, wo das Meer schon tiefer war, versanken täglich Tausende von Waggonladungen Gestein im Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der Zukunftsstadt so verblüfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten seine Ingenieure den größten und gleichmäßigsten Badestrand, den irgendein Ort der Welt besaß. Hier sollten riesige Badehotels errichtet werden.

Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte. Es flimmerte in der Sonne, daß die Augen schmerzten. Weithin war diese Wüste mit Geleisen bedeckt, übersponnen mit fächerförmig sich nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren ähnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets ordnet. Überall schossen Züge dahin, elektrische, Dampfzüge, überall qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es. Draußen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh, Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport, Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebracht hatten. Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich: der Materialbahnhof.

Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des Trasseneinschnittes blitzten Glasdächer: Maschinenhallen, Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebäude stießen. Mitten in der Steinwüste erhob sich ein zwanzigstöckiges Hotel: »Atlantic-Tunnel«. Es war kalkweiß, nagelneu und diente als Absteigequartier für die Scharen von Ingenieuren, Agenten, Vertretern großer Firmen, und für Tausende von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herüberkamen.

Gegenüber hatte Wannamaker ein vorläufig zwölf Stockwerke hohes Warenhaus errichtet. Breite Straßen, vollkommen fertig, liefen schnurgerade durch das Schuttfeld, Brücken spannten sich über den Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwüste aber lagen freundliche Arbeiterstädte mit Schulen, Kirchen, Spielplätzen, mit Bars und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergföhren, stand einsam, vergessen und tot ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sah: ein Krematorium mit langen leeren Kreuzgängen. Nur ein Gang enthielt schon Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen, französischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen Namen: Verunglückt beim Bau des Atlantic-Tunnels -- beim Sprengen -- verschüttet -- von einem Zug überfahren: wie die Inschriften gefallener Krieger.

Nahe am Meere lagen die weißen neuen Hospitäler, nach modernsten Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.

4.

Maud hatte soviel Macht als möglich in ihren kleinen Händen zusammengerafft.

Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims für Frauen und Kinder von Mac City geworden. Ferner gehörte sie einem aus Ärzten und Ärztinnen gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die Pflege von Wöchnerinnen und Säuglingen oblag. Aus eigener Initiative hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule für junge Mädchen gegründet, einen Kindergarten und einen Klub für Frauen und junge Mädchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische Vorträge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre »Office«, genau wie Mac, und beschäftigte eine Privatsekretärin und eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen -- übrigens Töchter der ersten Familien New Yorks -- stand ihr zur Seite.

Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rücksichtsvoll, freundlich, sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam es, daß alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.