Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen

Chapter 8

Chapter 83,735 wordsPublic domain

»Ja,« entgegnete Orla, »deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich könnte darauf schwören, daß sie von zwei langen, weißen Armen in Nellies Zimmer gezogen wurde.«

»Liebe, liebe Orla!« bat Melanie kläglich und mit gerungenen Händen, »wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor Angst!«

Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand, und läutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, für den Fall, daß ein plötzliches Unwohlsein eine Pensionärin des Nachts befiel. Sämtliche Schnüre führten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fräulein Raimars Schlafzimmer angebracht war.

Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, tönte ihr Klang, der noch niemals die Ruhe gestört, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten, als ob sie ihr Sterbeglöcklein hörten.

Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die eben noch dunkel und wie träumend in den Garten geblickt hatten, erhellten sich. Thüren wurden geöffnet, Stimmen laut.

Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fräulein Güssow. Als beide den Korridor passierten, schoß Miß Lead aus ihrer Zimmerthür, ängstlich fragend blickte sie die Damen an.

Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miß, der Glockenschall war ihr in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und hatte nach ihren Kleidungsstücken gesucht. Im Dunkeln tappte sie vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzünden wollen, aber die Schachtel mit Streichhölzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervöser Hast ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spärliches Haar, das sie jeden Abend eine gute Viertelstunde kämmte und bürstete, hing gelöst auf ihre Schulter herab.

Sie machte einen höchst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen Kostüme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie möge sich wieder niederlegen, aber Miß Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab.

»Nein, nein!« Und sie hing sich an Fräulein Güssows Arm so fest, als ob sie bei ihr Schutz und Beistand suche.

Auch mehrere Pensionärinnen waren von dem ungewohnten Lärm erwacht und aufgestanden. Angstvoll stürzten sie aus ihren Zimmern und folgten den Lehrerinnen dicht auf dem Fuße, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der Vorsteherin erfaßt.

Orla hörte Stimmen auf der Treppe und öffnete die Thür.

»Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?« fragte Fräulein Raimar schnell in das Zimmer tretend.

Statt Orla antwortete Melanie: »Etwas furchtbar Schreckliches haben wir erlebt!« rief sie. »Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir gesehen!«

»Du hast geträumt,« sagte die Vorsteherin, »es giebt keine Gespenster!«

»Ich sah es mit offenen Augen, Fräulein!« entgegnete Melanie mit voller Ueberzeugung. »Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz dicht am Fenster vorbei.«

»Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte,« beruhigte die Vorsteherin. »Hast du auch etwas gesehen, Orla?«

»Ja,« sagte sie. »Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob etwas in Nellies Zimmer verschwand –«

Die Pensionärinnen, sogar Miß Lead, drängten sich im dichten Knäuel ängstlich um Fräulein Raimar. Gespenster – Spitzbuben! das war ja um sich tot zu fürchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand sie dieses Erlebnis höchst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem nächsten Romane dasselbe zu verwerten.

Fräulein Güssow hatte kaum vernommen, daß der Spuk in Nellies Zimmer verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich zu den beiden Mädchen begab. Sie öffnete die Thür und leuchtete in das Zimmer. Ihr Blick glitt prüfend durch dasselbe, es war nichts Verdächtiges zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen.

Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der Lehrerin.

»O, was giebt es?« fragte sie. »Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir so erschreckt.«

»Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein,« antwortete Fräulein Raimar, die mit den übrigen Fräulein Güssow gefolgt war.

Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit gestehen? Unmöglich! Es wäre zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der Pension gewesen. Und lügen? Sie wäre nicht dazu im stande gewesen. Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.

Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es für eine Folge des plötzlichen Schreckens an.

»Nun, nun,« beruhigte sie, »du darfst dicht nicht weiter ängstigen. Orla und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehört haben und Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen und hier in eurem Zimmer verschwunden.«

»O, eine Gespenst! Wie furchtbar!« wiederholten Nellies zitternde Lippen und ihr blasses Gesicht – die Angst, die sich in ihren Zügen malte, erweckten Mitleid in Fräulein Raimars Herzen.

»Beruhige dich nur,« sagte sie, »die Mädchen werden geträumt haben. Das ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. – Ich denke, wir legen uns wieder nieder,« wandte sie sich zu Fräulein Güssow, »es ist das beste Mittel, die aufgeregten Gemüter zur Ruhe zu bringen.«

Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat an das Bett derselben und beugte sich leicht darüber. »Ist denn Ilse gar nicht erwacht von dem Spektakel?« fragte sie erstaunt.

Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fußende des Bettes streifte – dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette – o Entsetzen! sah eine Spitze von Ilses fürchterlichem Stiefel vor.

»Sie hat immer ein so fester Schlaf,« brachte Nellie mühsam hervor und plötzlich – im Augenblicke der höchsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart zurück.

»Bitte, bitte, Fräulein Güssow,« sagte sie und erhob flehend die Hände, »sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt.«

Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fräulein Raimar schüttelte unwillig den Kopf.

»Sei nicht kindisch, Nellie,« verwies sie dieselbe, »du wirst in deinem Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!«

Und Miß Lead, die bis dahin mit den Pensionärinnen vor der äußeren Thür gestanden, trat zu ihrer Landsmännin und schalt sie wegen ihrer Furchtsamkeit.

Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach. »O, Miß Lead!« rief sie aus. »Sie haben die Aussicht wie eine Räuberhauptmann! Seien Sie nicht böse, aber ich muß lachen!« Und die übrigen Mädchen stimmten fröhlich ein in das Gelächter, sie hatten bis jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet.

Miß Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen ernsten Verweis über ihr unartiges Benehmen. Es wurde darüber die Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch?

Fräulein Güssow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell aus der Thür – hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt?

»Wir wollen Ilses Ruhe nicht stören,« sagte sie, »warum soll die Aermste auch noch ermuntert werden?«

»Sie haben recht, wir wollen sie nicht stören. Aber sie hat einen wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel gefangen hat. Ihr könnt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht wiederkehren.«

Damit hatte der nächtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um keinen Preis würde sie im Dunklen geblieben sein.

Als Nellie sich vollkommen überzeugt hatte, daß alles wieder still im Hause war, da kehrte mit dem Gefühle der Sicherheit auch ihre frohe Laune wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an, gemütlich zu essen, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Was machst du denn?« fragte Ilse, als sie das knirschende Geräusch hörte. Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu rühren, und lag wie im Schweiße gebadet da.

»Ich speise Aepfel,« entgegnete Nellie sorglos.

»Aber, Nellie, wie kannst du das nur!« rief Ilse ganz entrüstet. »Ich zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlägt wie ein Hammer – und du kannst essen! Wirf die Aepfel fort – sie gehören ja gar nicht uns. Ach, Nellie, ich ärgere mich über meinen dummen Streich!«

»O was!« sagte Nellie ruhig weiter essend, »man muß thun, als ob man zu Haus ist! Gräm’ dir nicht mit unnütze Gedanke, zieh’ dir lieber aus und pack’ deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein Darling, morgen weiß kein’ Seel’ von unser lustiges Abenteuer und du wirst sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen.«

Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die Vorsteherin hintergangen zu haben, drückte sie schwer. Schweigend entkleidete sie sich und verschloß ihre Sachen sorgfältig in den Koffer. Dann legte sie sich nieder.

Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmäßige Atemzüge verrieten längst, daß dieselbe sanft und süß eingeschlummert war, als sie noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Höhe. Endlich schlief sie ein, aber selbst im Traum quälten sie die schrecklichsten Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte sie sich in einen Vogel verwandelt und eine große Eule wollte sie fressen. –

Früh am andern Morgen, als Fräulein Raimar ihren Spaziergang durch den Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schüttelte den Kopf und rief den Gärtner.

»Es müssen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange,« sagte sie, »sehen Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben mögen. Machen Sie doch, solange das Obst noch nicht abgenommen ist, öfters des Nachts eine Runde durch den Garten.«

»Es ist mir ein Rätsel, wie sie hereingekommen sind,« bemerkte der Gärtner kopfschüttelnd, »die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie müssen geradezu über die Mauer geklettert sein.«

»Wohl möglich,« stimmte Fräulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte sie, daß Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben.

Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Mädchen und hatten jedes Wort vernommen. Ilse war es heiß und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie eine arme Sünderin ertappt und beschämt gefühlt. Nellie dagegen lachte so recht vergnügt in sich hinein und nahm alles wie einen köstlichen Scherz hin.

»Das ist eine spaßige Sach’,« sagte sie übermütig, »ich kann mir totlachen! Wenn sie wüßte, daß die böse Spitzbuben mit sie unter eine Dach wohnen. – Wie würde sie sich staunen!«

Ilse hielt ihr den Mund zu. »Du darfst nicht darüber lachen, Nellie,« gebot sie entschieden, »ich schäme mich so sehr! Spitzbuben hat uns Fräulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran gedacht, und das war recht dumm von mir.«

»Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit,« tröstete Nellie. »Was man in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fräulein Raimar bekommt auch so große Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige Apfel alle mit. – Komm, gieb mir ein Kuß und sieh nicht so trübe aus, du klein Spitzbube!«

Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so schelmisch dabei aus, daß Ilse, wenn sie auch nicht überzeugt wurde, sich wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie mußte ihr die Hand darauf geben, daß niemals wieder ein ähnlicher Streich von ihnen ausgeführt werden solle. – –

* * *

Die Tage wurden kürzer und kürzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die Bäume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blättern. Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schöne Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Mädchen waren mehr und mehr auf die Zimmer angewiesen.

In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da fühlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe schreiben, oder nähen. Sich die Zeit verkürzen mit Romanschreiben, das konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die Sonntagnachmittage möchten ewig dauern.

»Ich komme heute auf euer Zimmer,« sagte sie eines Sonntagmorgens zu den Freundinnen. »Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natürlich nur den Anfang und den Schluß, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzückt sein, Kinder! Ich selbst fühle, wie entzückend mein neuestes Werk mir gelungen ist!«

Nellie lächelte. »Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!« sprach sie neckend. »Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige Mitte laßt sie aus! O, sie ist ein großer Dichter!«

Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als höre sie Nellies Neckereien nicht.

»Also auf heute nachmittag!« sagte sie und drückte Ilse die Hand.

Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Mädchen auf ihr Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie mit wichtiger Miene mehrere lose Blätter aus ihrer Kleidertasche hervor.

»Fang doch an dein’ Novelle, warum besinnst du dir?« fragte Nellie, als Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte.

»Entschuldigt einen Augenblick,« entgegnete Flora, »das ist mir alles so durcheinandergekommen. – Seite 5–10–11–3–« zählte sie. »Halt! hier ist Blatt I. So, nun will ich beginnen! – Und Nellie, thue mir den einzigen Gefallen, unterbrich mich nicht fortwährend mit deinen witzigen Einfällen, du schwächst wirklich den ganzen Eindruck damit. – Nun hört zu. Meine Novelle heißt:

_Ein Schmerzensopfer._

Das Meer brauste und der Sturm tobte. – Weiße Möwen flogen krächzend darüber hinweg. – Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken hervor – traurig – einsam. – –

Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und nähert sich dem Strande. Ein junges Mädchen sitzt allein darin. Leichtfüßig schwingt sie sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstück, das von den Wellen des Meeres umspült wird und hart am Strande liegt.

Tief seufzt sie auf und ihre großen Vergißmeinnichtaugen füllen sich mit Thränen.

›Was soll ich beginnen?‹ flöten ihre Lippen und in ihrem süßen Blumenangesichte drückt sich ein schmerzliches Entsagen aus. ›Er liebt mich – und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte Schwester! Kann ich sie leiden sehen? – Nein – nimmermehr! Und sollte ich darüber an gebrochenem Herzen sterben!‹

Sie seufzte tief. ›O sterben! Aber ich fühl’s, ich werde nicht sterben – mein Herz wird nicht brechen, – es wird weiter schlagen, – – wenn es auch besser wäre, das zähe Ding stände zur rechten Zeit für ewig still!‹ – –«

Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht unterlassen, sie zu unterbrechen.

»O wie furchtbar traurig!« rief sie aus, »das arme Blumenangesicht mit die Vergißmeinnichtsauge und das zähe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf ihres kleines Schiff, – so allein auf die brausende Meer?«

Und sie lachte mit ihren Schelmengrübchen so herzlich über Floras Unsinn, daß ihr die Thränen in die Augen traten.

»Wie abscheulich von dir, Nellie,« fuhr Flora sehr erzürnt auf, »daß du mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen schlummerte, würdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nüchtern vom Scheitel bis zur Sohle!«

»O, o!« lachte Nellie ausgelassen, »o, wie komisch bist du, Flora! Lies nur weiter dein ›Schmerzensopfer‹, ich will nun artig hören und kein Laut mehr lachen.«

Aber Flora nahm schmollend ihre Blätter zusammen. Das heißt, es war ihr nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie möge doch nun auch den Schluß ihrer Novelle vorlesen, da ließ sie sich erweichen. Schon hatte sie die Lippen geöffnet, um fortzufahren, da wurde sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt.

»Kinder!« rief diese aufgeregt, »es ist etwas furchtbar Interessantes passiert! Denkt euch, eben ist eine höchst elegante Dame vorgefahren mit einem reizend netten, kleinen Mädchen. Fräulein Raimar empfing sie schon an der Thür und Orla hat deutlich gehört wie sie sagte: ›Sie bringen das Kind selbst, gnädige Frau!‹ – Es bleibt also hier in der Pension, und wir haben nichts davon gewußt! Warum wird nun die ganze Geschichte so furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewußt, wenn eine neue Pensionärin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!« –

Die Mädchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergaß das Weiterlesen. Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Mädchen, das so plötzlich hereingeschneit kam?

»O, welch eine klassische Geschichte!« rief Nellie. »Kommt, wir wollen gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!«

Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie mußte die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm.

Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorläufig verweilten die Fremden in Fräulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Straße und Nellie schloß daraus, daß die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde.

»Sehen müssen wir ihr,« sagte Nellie, »kommt, wir stellen uns an der großen Glasthür im Speisesalon und warten, bis sie kommt.«

Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thür belagert. Es gab noch andre Neugierige in der Pension.

»Ihr kommt zu spät!« rief Grete, die natürlich den besten Platz hatte. »Dahinten könnt ihr nichts sehen!«

Nellie aber wußte sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte sich darauf. Ilse natürlich kletterte ihr nach.

Die Geduld der Mädchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute halbe Stunde mußten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. – Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den Lauschenden vorüber. Zum Glück war es bereits dämmerig und die Damen waren so in der Unterhaltung begriffen, daß sie nicht auf die vielen Mädchenköpfe hinter der Glasthür achteten, Fräulein Raimar würde die kindische Neugierde ernstlich gerügt haben.

»O, wie sie hübsch ist!« bemerkte Nellie halblaut.

»Sei doch still, Nellie,« gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thür hielt, um einige Worte zu erlauschen.

»Was sagt sie?« fragte Flora, »ich glaube, sie spricht französisch.«

»Nein, italienisch,« behauptete Melanie, die nämlich seit einigen Tagen angefangen hatte, diese Sprache zu treiben.

»Sie spricht deutsch,« erklärte Grete. »Eben hat sie gesagt: Meine kleine Lilli.«

»Gott bewahre, was du gehört hast!« widerstritt Orla, »sie spricht englisch.«

»O, eine Landsmann von mir!« rief Nellie laut und erfreut.

Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz böse darüber und hielt ihr den Mund zu.

»Fräulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame,« flüsterte sie, »wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert.«

In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Müller. Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthür. Die Mädchen mußten zurücktreten, um sie einzulassen.

»Wie könnt ihr euch nur so kindisch benehmen,« sagte sie sanft und vorwurfsvoll. »Ich begreife eure Neugierde nicht.«

»Du bist auch unsre ›Artige‹,« meinte Grete.

Rosi überhörte diese vorlaute Bemerkung. »Kommt, setzen wir uns an die Tafel mit unsren Handarbeiten,« fuhr sie fort, als das Gas angezündet war, »wir haben die Erzählung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehört. Willst du heute vorlesen, Orla?«

Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fräulein Güssow mit der kleinen Lilli an der Hand ein.

Sofort sprangen die Mädchen von ihren Plätzen auf und umringten dieselbe.

»Sieh’, Lilli,« sagte die junge Lehrerin, »nun kannst du gleich deine zukünftigen Freundinnen kennen lernen.«

Die Kleine schüttelte den Kopf. »Die Madel sind schon so groß,« antwortete sie im süddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, »die können doch nit meine Freundinnen sein!«

Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und sagte: »Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich spielen.«

Lilli lachte. »Nein, du bist groß,« sagte sie, »aber du gefallst mir. Und du auch,« wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. »Du hast halt so schöne Lockerl wie ich. Weißt, du sollst meine Freundin sein, mit dir will ich spielen.«

Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren großen Augen treuherzig an. Das junge Mädchen war ganz entzückt von der Zutraulichkeit der Kleinen und küßte und liebkoste sie.

Natürlich waren sämtliche Pensionärinnen ganz hingerissen von dem Kinde, das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen ihm über die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darüber bildeten einen wunderbaren Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weiße Kleidchen ließ Hals und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schärpe vervollständigte den höchst eleganten Anzug.

»O du süßes, entzückendes Geschöpfchen!« »Du Engelsbild! Kleine Fee!« und mit ähnlichen überschwenglichen Ausdrücken überschütteten die Pensionärinnen das Kind. Fräulein Raimar war unbemerkt eingetreten und hörte diese Ausrufe kopfschüttelnd an.

Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. »Komm,« sagte sie zu ihr, »du sollst erst umgekleidet werden. Du möchtest dich erkälten in dem leichten Anzuge.«

»Bitt’ schön, laß mich hier, Fräulein,« bat das Kind. »Ich hab’ gar nit kalt. Schau, ich geh’ halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir hier!«

Fräulein Raimar ließ sich nicht erbitten. »Komm nur, Kind,« sagte sie gütig, »du wirst die Mädchen alle wiedersehen zum Abendessen.«

Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. »Laß Ilse mit mir gehen, Fräulein,« bat sie.

Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden Worten an ihre Zöglinge.

»Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so große Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflächlich machen? Sie ist ein sehr schönes Kind und wird bereits manche Aeußerung hierüber gehört haben, es giebt ja unvernünftige Leute genug. Wir wollen nicht in diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in Zukunft vorsichtiger sein. – Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest beschlossen war.«

»Wo wohnen Lillis Eltern?« fragte Flora.

»In Wien,« entgegnete das Fräulein. »Der Vater ist tot und die Mutter ist eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die Erziehung ihres Kindes kümmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben.«

»Lillis Mutter ist ein schönes Frau,« bemerkte Nellie.

»Wo hast du sie gesehen?« fragte die Vorsteherin etwas erstaunt.

»O, ich habe ihr vorbeigehen sehen,« entgegnete Nellie leicht errötend.

»Sie konnte leider nicht länger verweilen,« wandte sich Fräulein Raimar an die junge Lehrerin, »mit dem Schnellzuge fährt sie heute abend wieder fort.«