Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen

Chapter 19

Chapter 192,021 wordsPublic domain

Zögernd und auf den Fußspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geöffnete Thüre erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spähte nach beiden Seiten; als sie die Veranda völlig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus. Der Frühstückstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen, horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kämen. Sie blieben recht lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewußt hätte, daß sie mit dem Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie würde sie zu ihnen geeilt sein.

Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein Schritt, auch würde er nicht durch die Hausflur und von außen herum auf die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blätterwerk und erkannte zu ihrem Schrecken – Leo.

Das Blut schoß ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust. Unmöglich konnte sie ihm jetzt gegenüberstehen! Sie würde nicht im stande gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor ihm stand, was sollte er von ihr denken?

Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien konnte, aber es war zu spät, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie ihren eiligen Rückzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten hatte, holte er sie ein.

»Jetzt müssen Sie bleiben, gnädiges Fräulein,« sprach er scherzend, »ich lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf ›später‹ vertröstet und jetzt ist es ›später‹, und Sie werden sich allergnädigst herablassen, mir Miß Nellies Brief vorzulesen! eine Frau – ein Wort!«

Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es wäre zu einfältig gewesen. Sie drückte die Hand fest auf das stürmisch klopfende Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.

Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefühle brachte er sie mit leichtem Scherze darüber hinweg. Er bot ihr den Arm und führte sie zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei Stühle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub und neckte das junge Mädchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre Strahlen hinein, so daß sie dieselben schließen mußte.

»Die Sonne blendet,« bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgültiges Wort gefunden zu haben. »Es ist auch so warm hier,« fuhr sie fort und erhob sich.

»Die böse Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!« Und er führte sie auf die entgegengesetzte Seite.

Hier war es schattig und kühl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar den früheren scherzhaften Ton.

»Sie sind ein Quälgeist,« sagte sie. »Was kann es Sie interessieren, ›wie‹ – und ›was‹ Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darüber spotten und das dürfen Sie nicht!«

»Wie können Sie mich in so bösem Verdacht haben!« wehrte er ab. »Sie haben mir Ihre Freundin so liebenswürdig geschildert, daß mein Wunsch, von ihr zu hören, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Glücke schreibt, ganz natürlich ist.«

Ilse sah ihn noch etwas ungläubig an, doch, da sie den spottenden Zug um seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn für sich.

»Nun?« fragte er.

»Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muß ich die Stellen aussuchen, die Sie hören dürfen! Der ganze Inhalt ist nicht für Ihre Ohren bestimmt!«

»Das wäre grausam!« protestierte er dagegen, »das ist gerade so, als ob Sie einem Kinde ein Stückchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund.«

Sie lachte lustig über seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte, fröhliche Laune zurück. »Nun hören Sie zu, aber nicht spotten!« drohte sie ihm mit dem Finger.

Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schönen Menschenkinder boten. Dicht nebeneinander saßen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestützt und sah auf Ilse herab, die den Kopf etwas vornübergebeugt hielt. Plötzlich hielt sie inne.

»Lesen Sie weiter, bitte! Warum hören Sie auf? Denken Sie an das Stück Zucker?« Sie schwieg, wie mit sich selbst überlegend.

Warum eigentlich wollte sie ihm das Schönste im ganzen Briefe verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemütvoll geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.

Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst etwas zögernd, dann aber las sie fließend, ohne nur einmal zu stocken, zu Ende.

Warum saß er so stumm? Sein Schweigen mußte sie verletzen. Sie hatte so fest erwartet, daß er sein Entzücken laut äußern würde! Nun sagte er gar nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie mußte an Doktor Althoffs ›sonderlicher‹ Blick denken.

»Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden,« bemerkte er endlich, aber es kam gezwungen heraus. Er fühlte das selbst und brach ab.

»Fräulein Ilse,« fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang fort, »was würden Sie antworten, wenn – wenn jemand Sie fragen würde: Haben Sie mich lieb?«

Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heißes Blut wallte auf bei dem Gedanken, daß er sie verspotten könne.

Fast hastig erhob sie sich. »Nein, würde ich sagen!« fuhr sie heraus, »ich habe niemand lieb! Niemand!« wiederholte sie, als ob sie erst noch einen Trumpf darauf setzen wollte.

Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen hätte, wie bald würde sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzücken an ihr, der Widerstand verlieh ihren Zügen einen neuen Reiz für ihn.

»Ilse,« sagte er zärtlich und ergriff ihre Hand. »Wenn ich es wäre, der Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Würden Sie auch dann so sprechen?«

Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhüllte das Gesicht.

»Hast du mich lieb, Ilse?« – Seine Stimme klang weich und innig und traf ihr Herz – ein »Ja« aber brachte sie nicht über die Lippen. Ihr spröder Sinn ließ es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in ihr?

»Nein! Niemals!« sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.

»Nein! – niemals?« wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung an, »o Ilse! nehmen Sie das Wort zurück, es hängt das Glück meines Lebens davon ab! – Ich war zu schnell mit meiner Frage – nicht wahr? Ich habe Sie erschreckt! – Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger sein werden, dann –«

Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.

Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kämpften die widerstreitendsten Gefühle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte die Brücke nicht finden, die über den breiten Strom führte, der sie noch von ihm trennte. Da war es plötzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf, als vernähme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: »Willst du ihn verlieren? – Denke an mein Geschick!«

»Leo,« sagte sie schüchtern und trat ihm einen Schritt näher, aber erschreckt über ihre Kühnheit blieb sie hocherrötend und mit niedergeschlagenen Augen stehen.

Wie ein Hauch fast war sein Name über ihre Lippen gekommen, aber er hatte ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.

»Nun bist du meine Ilse!« rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als er den ersten Kuß auf ihre Lippen drücken wollte, da wendete sie den Kopf zur Seite und die spröde, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.

»Küssen ist nicht erlaubt,« erklärte sie mit aller Entschiedenheit, »wie könnte ich mich von einem fremden Manne küssen lassen?«

»Aber die Hand,« bat er lachend, »die Hand darf ich küssen!«

Das wurde ihm gnädig bewilligt.

Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren die ersten, die das Brautpaar begrüßten, beglückt nahmen sie Ilse als ihr Töchterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke gerührt.

Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. »Siehst du, Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?« fragte sie zärtlich.

»Ilse! Meine kleine Ilse!« brachte er endlich mühsam hervor und seine Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. »Ist es wahr? Willst du mich verlassen?«

Da flog sie an seinen Hals und küßte ihn stürmisch, dabei rief sie unter Weinen und Lachen: »Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so lieb!«

* * *

Nun ist eigentlich meine Erzählung zu Ende, denn die überraschten Gesichter der Gäste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste. Eins aber muß ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie nämlich Onkel Curt an demselben Tage plötzlich verschwunden war. Während alle fröhlich bei der Tafel saßen, hatte er sich von Johann still und ohne Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.

Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder als einen unstäten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. – Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte ein Brief aus München von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darüber ganz außer Rand und Band. Sie klatschte in die Hände, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: »Ich bin die Ursache ihres Glückes, durch mich haben sie sich gefunden! Was wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!« – Doch ich will nicht vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.

»Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur niemals davon gesprochen. – Im Frühjahr kehren wir zurück, ich werde Euch dann meine junge Frau vorstellen. – Dem Fischchen besonderen Gruß – sie weiß schon warum. Soll übrigens fleißig weitermalen, wenn der Brautstand ihr die Zeit dazu läßt.« –

»Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer hätte das gedacht!« schrieb seine Frau, ehemals Fräulein Güssow, unter den Brief. »Wie gern hätte ich Dir längst die ganze wunderbare Geschichte, – und wie alles gekommen ist, mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, daß ich aufhöre.

»Denkst Du noch an Lucies Geschichte? – Jene Lucie hieß Lotte und war ich selbst – und der Maler? – Nun, Du errätst schon, wer es war, ohne daß ich ihn nenne.

»Wenn wir zurückkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich mich gefreut über dein sonniges Glück, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!«

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