Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen

Chapter 17

Chapter 173,863 wordsPublic domain

Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken in Verbindung.

»Lachen Sie über mich?« fragte sie beinahe ängstlich.

»Nein, nein!« entgegnete er, »wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als ich fortfuhr.«

»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an.

»Vergiß ja nicht, ›dem Kinde‹ die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube,« unterbrach er sich und griff in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig!« rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, »da ist er! Darf ich es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?«

Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu sehen bekommen, Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?«

»Ja, eine furchtbar öde Ansicht!« wiederholte er mit ganz ernsthaftem Gesicht, »ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu leben!«

»Manchmal,« erzählte sie, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen, über Mittag, wenn das Fräulein schlief.«

»So, so!« lachte er, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!«

»Wir thaten es nicht oft,« entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann, wenn wir gar zu großen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?«

»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht,« neckte er sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?«

»Sie sind aber klassisch!« rief Ilse, »dann hätten wir es doch nicht gedurft! Es war doch nichts Böses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses Vergnügen, Fräulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob wir Kuchen aßen oder nicht.«

»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!« tadelte er sie lachend, »ob Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie handelten gegen ihren Willen – folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie thaten es heimlich – das erschwert das Vergehen!«

Sie lachte höchst vergnügt. »Herrgott, sind Sie aber pedantisch!«

»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.«

»Jurist!« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas mißtrauisch an. »Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus.«

»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?«

Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie hätte ihm keine andre Antwort daraus geben können, als daß die Juristen, die öfters auf Moosdorf zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schön waren sie nicht. Sie sah ihn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist,« widerstritt sie.

»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten,« fragte er höchst amüsiert, »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!«

»Sie sind Künstler – vielleicht Musiker – oder Maler?«

Er lachte laut. »Musiker!« rief er, »ich ein Musiker! Wenn Sie wüßten, gnädiges Fräulein, welch ein großes Wort Sie gelassen aussprachen! Ich verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir leid, daß ich Ihre für mich so schmeichelhafte Illusion zerstören muß, indes was kann es helfen! Ich muß mich Ihnen leider als ein ganz gewöhnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist. Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind Sie nun überzeugt?«

»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Es müssen doch reizende Menschen sein!«

»Nicht immer,« wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven Anschauungen zerstören? Sie war noch so jung und sah so gläubig aus.

»Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab, »die Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort.«

Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das erwachsene Mädchen dafür ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie dasselbe lachend in den Arm.

»Ob groß, ob klein,« sagte sie mit Wärme, »Sie sind mir von Herzen willkommen!«

Und sie führte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat befand. Er saß in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem jungen Mädchen beide Hände entgegen.

»Das ist eine kostbare Ueberraschung!« rief er aus, »eine kostbare Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund Macket mit Absicht getäuscht?«

Ilse lachte und zeigte die weißen Zähne.

»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr er lebhaft fort, »derselbe Mund, die Zähne, das Kinn, es ist auffallend!« Er schob die Lampe näher zu ihr, damit er sie noch besser betrachten könne. »Das Haar haben Sie von der Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt. Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie zornig blicken?« fragte er scherzend.

»Aber lieber Mann,« unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du ein peinliches Examen mit dem Aeußeren unsres lieben Gastes an, nun gehst du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! – Kommen Sie, liebes Kind, ich will Sie erlösen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie sich von der langen Reise etwas erfrischen können. Ich habe Sie dicht neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe höher, und ich dachte, die Kleine fürchte sich, allein dort zu schlafen.«

»O wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß sie im Punkte der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.

»Leo,« redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?«

Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektüre, wenigstens mußte der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort erhielt.

»Ja, ja,« gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz netter, kleiner Backfisch!«

»Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck für ein so liebliches Wesen! Hast du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem ›kleinen Backfisch‹, mehr als du dir träumen läßt! Ein Blick und ich weiß Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir über!«

Leo gab keine Antwort darauf und las andächtig weiter.

Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den lieben Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen Scherz.

»Bleiben Sie einige Tage hier,« redete er ihr zu, »die Zeit ist so kurz bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hier behielten, sie werden nicht böse darüber sein.«

Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen nach dem Stationsgebäude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau unterstützte die Bitte ihres Mannes mit großer Wärme.

»Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben,« sagte sie, »es fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glückliche Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!«

»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht,« bat Ilse, »ich kann nicht bleiben! Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefällt! Meine Eltern erwarten mich morgen und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen und auf den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiß noch gar nicht, daß er eine große Schwester hat!«

Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und natürlich.

Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht die Wange.

»Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen Sie uns bald auf längere Zeit, Leo verläßt uns in einigen Wochen und dann ist es einsam in unsrem großen Hause.«

»Daraus wird doch nichts!« erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund Macket und weiß, daß er so bald sein Töchterchen nicht wieder fortgiebt. Halt, da fällt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll. Ich nehme die Einladung an für uns, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.«

Ilse jubelte vor Vergnügen, »das wär’ zu – zu himmlisch!« rief sie aus. »Aber Sie müssen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf.«

Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.

»Ein Handschlag galt bei uns in der Pension für den höchsten Eid,« sagte sie mit einem ernsten Kindergesicht, »dagegen handeln heißt meineidig sein. – Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo.

»Natürlich,« entgegnete er freudig, »der feierliche Eid gilt auch für mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?«

»O nein,« entgegnete sie leicht errötend, »ich glaube Ihnen schon auf Ihr Wort.«

Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden müde und abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindrücken, liebe Ilse.«

»Ich empfinde gar keine Müdigkeit,« entgegnete diese, »und könnte noch lange aufbleiben!«

Sie hätte es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer gefunden hätte! Wie gerne hätte sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre Reiseerlebnisse erzählt!

Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Frühstück rüstete sich Ilse zur Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thüre, sie hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.

»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mit sich nehmen?« fragte Assessor Gontrau.

Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich,« sagte sie betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen, nun sind sie alle welk!«

»Wissen Sie was, Fräulein Ilse,« riet der Assessor heiter, »wir wollen ein Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt: Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner geliebten sieben Freundinnen in der Pension. – Wie gefällt Ihnen diese Idee?«

»O, Sie sind abscheulich!« rief sie. »Sie wollen sich über mich lustig machen? Trotzdem,« fügte sie echt logisch hinzu, »gefällt mir das Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!«

Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.

Ein Strauß nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. »Halten Sie ein!« rief sie, »der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre ich bis zu meinem Tode auf!«

»Mit in das Grab,« fügte er neckend hinzu.

Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte, erschien jetzt fertig angekleidet in der Thüre und mahnte zum Aufbruch.

Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne wäre er mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort.

»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach, »der Schwur gilt!«

Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo ein kostbares Rosenboukett.

»Die Blumen sind aus der Asche erstiegen,« sprach er, »Sie werden dieselben nicht verschmähen,« fügte er hinzu, als sie vor Ueberraschung vergaß, dieselben in Empfang zu nehmen.

»O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswürdig! Sie glauben nicht, wie ich mich freue!« Mit holdem Erröten reichte sie ihm die Hand. »Ich danke Ihnen tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schön wie diese sah ich noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!« Und sie konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte noch einige Male: »ich freue mich zu sehr!«

Leo lächelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie entzückt über die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken verstand.

Die Stunden vergehen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum Bahnhof war geschwunden, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie im Dampfwagen und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie flogen voraus und träumten vom Wiedersehen – und sie kehrten zurück und führten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen! Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand geküßt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? – »Ach,« seufzte sie laut, zum Glück war sie allein im Koupee, »ach! Es ist doch zu öde, wenn man gar nicht weiß, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt über mich!« Sie errötete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf den Rosenstrauß, und wie sie den süßen Duft desselben einatmete, stand plötzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefühl überkam sie, aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie wollte es nicht!

Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen, dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere Stoppelfelder, das war langweilig.

Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Hände, das Nellie ihr hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im Begriffe, das Buch zu öffnen, fiel ihr etwas ein. »Halt,« sagte sie für sich, »jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat.« Sie schlug drei Kreuze über das Buch und sah gen Himmel dabei, dann öffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hieß:

»Helft mir, ihr Schwestern, Kränze zu winden –«

»Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!« rief sie, »also noch einmal!« Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrückt, dann wieder die drei üblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich geöffnet – und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.

»Sonderbar! furchtbar sonderbar!« dachte sie sinnend und einen Augenblick war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber siegte ihre gesunde Vernunft.

»Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!« Mit diesem vernünftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie schwanden von selbst, je näher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene Ortschaften, die in der Nähe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron standen, um sie in Empfang zu nehmen.

Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den geliebten Eltern zurückkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht geschildert, sondern muß empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glück, wieder daheim zu sein.

»Bist du groß geworden!« rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit stolzer Freude; »ich hätte dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!«

Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht begrüßt, die mit Thränen im Auge daneben stand und ihr die Arme entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.

»Meine liebe Mama!« das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket verstand sie, innig drückte sie ihr Kind an sich, sie wußte, daß sie jetzt sein Herz für immer gewonnen hatte.

»Hier ist noch jemand, der dich begrüßen will, Kleines,« unterbrach der Oberamtmann die kleine rührende Szene, die ihn selbst schon ganz weichmütig machte, »sieh, Onkel Curt, berühmter Maler und Afrikareisender, möchte gern deine Bekanntschaft machen!«

Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Künstler gegenüber. Ob sie ihn »reizend« fand? – Als sie ihn ansah, den mittelgroßen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr bequem als elegant saß, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da drängte sich unwillkürlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. »Die Juristen gefallen mir doch besser als die Künstler,« – so meinte sie still in ihrem Herzen.

Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begrüßt. Zur besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller, ausgelassener Freude seine Herrin begrüßte. Johann vergaß dabei seine Empfangsrede, die er sich mühsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er seine Mütze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.

»Da ist der Hund, Fräulein Ilschen,« sagte er. »Das unvernünftige Vieh hat das Fräulein gewissermaßen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das Fräulein gewissermaßen schön und stattlich geworden sind, wie ein Kürassier.« – Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten, er galt für ihn als höchster Ausdruck des Vollkommnen.

Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.

»Es ist gut, Johann,« sagte der Oberamtmann, »du hast eine schöne Rede gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tüchtig zugreifen, in einer halben Stunde müssen wir in Moosdorf sein.«

Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kränze, Blumen, sogar eine Ehrenpforte mit einem mächtigen »Willkommen!« begrüßten die heimkehrende Tochter. – Aber sie hatte nur einen flüchtigen Blick für alle Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie mußte zuerst das Brüderchen sehen.

Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben entgegen.

»Du süßer, süßer Junge!« rief Ilse im höchsten Entzücken und der prächtige Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.

»Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?« Glücklich lächelnd reichte die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und küßte und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.

Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. »War ich zu wild, Mama?« fragte Ilse bedauernd, »sei mir nicht böse darum! Ich freue mich ja zu furchtbar über ihn! – Was er für dicke Aermchen hat,« fuhr sie zärtlich fort und küßte dieselben. »Ach, und die lieben, schönen Guckäuglein schwimmen in Thränen! Daran ist nur die böse, böse Schwester schuld, mein kleines Herz!«

So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so glücklich wie ein Kind am Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begrüßt. Sie mochte sich gar nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Wärterin übergab.

»Nun ist es genug, Kind,« scherzte Frau Anne, »du verwöhnst mir sonst den Jungen, auch vergißt du uns andre darüber. Sieh! Papa und der Onkel stehen schon wartend da, sie wünschen, daß du sie in das Speisezimmer hinüber begleitest. Oder möchtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?«

Sie ergriff Ilses Arm und führte sie in die obere Etage, die beiden Herren folgten ihnen, und Ilse mußte darüber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb sie es thaten.

Es war eine großartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thüre stehen. Sie erkannte die früheren Räume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schränkchen stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.

Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kühnsten Wünsche erfüllt. – Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch. »O, Papa,« sagte sie schüchtern, »das ist zu schön für mich, ich kann ja noch gar nicht malen.«

»Bedanke dich bei dem Onkel dafür, er ist der Anstifter davon!« entgegnete der Oberamtmann. »Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heißt: solange der Wandervogel bei uns aushalten wird.«

Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie mußte es fast heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen. Johann hatte auf diesen Augenblick längst gewartet und stand schon bereit, das Fräulein zu führen.

Zuerst mußte sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde durch sämtliche andre Ställe gemacht, alle Kühe, Hunde u. s. w. begrüßt hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.

»Schade, schade,« meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht, »ich hätte dem Fräulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist gewissermaßen schön drin, man könnte selbst drin wohnen.«

»Morgen, Johann,« entgegnete Ilse, »heute habe ich keine Zeit mehr dazu, ich muß zu den Eltern.«

Kopfschüttelnd blickte der Kutscher ihr nach. »Früher hätte sie das nicht gesagt,« sprach er für sich und bedenklich setzte er hinzu: »Sollte sie vornehm geworden sein?«

Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer saß, um zur Ruhe zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag war so reich an wechselvollen und freudigen Eindrücken gewesen, was lag nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie wirklich erst heute früh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon so weit hinter ihr zu liegen. –

Es war so süß, mit wachen Augen noch etwas zu träumen, und sie mochte noch nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geöffneten Reisekoffer und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu räumen, dabei mußte sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute, geduldige Nellie! Wäre sie doch gleich bei ihr!

Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der Hand. Was es enthielt, waren nur weiße Blätter, denn nie hatte sie das Bedürfnis gefühlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung schloß sie es auf und legte es geöffnet auf den Schreibtisch. Sie griff nach der Feder, tauchte sie ein und plötzlich – wie von einer inneren Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: »Seit ich ihn gesehen –«

Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide Hände vor ihr heißerglühtes Gesicht. Eine tiefe Beschämung preßte ihr die Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte diktiert?