Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen
Chapter 16
»Leb’ wohl denn, mein geliebtes Kind!« entgegnete diese und schloß ihr den Mund mit einem innigen Kusse.
Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick für Ilse. »Behalt’ mir lieb,« bat sie kaum hörbar und sah dabei so unglücklich aus, als ob das Glück für immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, – dann riß sie sich los und stieg ein.
Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weißen Locken ein. Sie war ganz außer Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas ängstlich und unbeholfen zu sein. Fräulein Güssow war ihr beim Einsteigen behilflich und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer großen Freude, daß die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete die herzliche Bitte an dieselbe, daß sie das junge Mädchen unter ihren Schutz nehmen möge. Mit größter Liebenswürdigkeit versprach dies die Dame.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus und grüßte mit dem Tuch die Zurückbleibenden. – Schmerzlich bewegt blickte Fräulein Güssow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stück von ihrem Herzen mit sich nähme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und Hingebung sich der Erziehung einer Schülerin gewidmet, noch nie hatte sie sich durch den glücklichen Erfolg so belohnt gefühlt. – Nun ging sie fort und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?
»Komm,« wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, »wir wollen gehen!« Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach tröstende Worte zu ihr – und hatte doch selbst ein so tiefbetrübtes Herz.
* * *
Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu bringen.
Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie ein Gespräch mit ihr an.
»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, – aber Kind, so gar trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es ist wohl schön in Ihrer Heimat?«
Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken kehrten in das Elternhaus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht an dasselbe.
»Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!« fuhr die Dame fort, die großes Wohlgefallen an dem jungen Mädchen fand.
»O sehr, sehr!« entgegnete Ilse, »und besonders freue ich mich auf den kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir, darf ich es Ihnen zeigen?«
Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, öffnete dieselbe und nahm ein Album daraus hervor.
»Das ist er!« sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken Buben, der im Hemdchen photographiert war.
»Ein schönes Kind!« bewunderte die Dame, »und ist das Ihre Mama, die den Kleinen auf dem Schoße hält?«
Ilse bejahte. »Hier ist mein Papa,« fuhr sie fort und holte sein Bild aus dem Saffiantäschchen. Was war natürlicher, als daß sie bei dieser Gelegenheit erzählte, daß ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle, wenn Gontraus sie empfangen würden.
»Gontrau?« fragte die alte Dame, »Landrat Gontrau? Das sind ja liebe Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitätsrat Lange, ist seit langen Jahren Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die nächste Station von Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr nötig; jetzt werde ich Sie meinen Freunden zuführen! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen Aufenthalte!«
Ilse war sehr erfreut über diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit der liebenswürdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee öffnete und hineinrief: »Station M.! Sie müssen aussteigen, meine Damen!«
»Schon!« rief Ilse und griff nach ihren Sachen.
Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepäck zusammen. Es geschah alles mit ängstlicher Hast, ihre Hände zitterten etwas in nervöser Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer Hand. Das Schloß an derselben sprang auf und verschiedene kleine Gegenstände kollerten auf den Boden.
»O Gott!« rief sie erschrocken, »was habe ich da gemacht!« – Sie wollte sich bücken und ließ eine Schachtel dabei fallen.
»Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!« beruhigte sie Ilse. Schnell hatte sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand, steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloß dieselbe vorsichtig und gab sie der geängsteten Dame in die Hand.
»So,« sagte sie, »nehmen Sie das an sich, für Ihre übrigen Sachen werde ich Sorge tragen.«
Sie legte sämtliches Handgepäck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus, ließ sich dasselbe von der Dame zureichen, übergab es einem bereitstehenden Packträger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die hohen Stufen hinabsteigen.
»Danke, danke, liebes Kind,« sagte diese. »Wie umsichtig und verständig Sie alles besorgen! Ich hätte das bei Ihrer Jugend kaum erwartet.«
Ilse wunderte sich selbst darüber, wer weiß aber, ob ihre Selbständigkeit sich so plötzlich entwickelt hätte, wenn die hilflose Art und Weise ihrer Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert hätte. – Ganz stolz hob sie den Kopf bei diesem Lobe und wünschte: wenn Fräulein Güssow doch gleich dasselbe hören könnte! Sie hatte so große Besorgnisse gehabt, und jetzt war sie Beschützerin, anstatt daß sie beschützt wurde! – Es war wirklich ein recht erhebendes Gefühl für sie, leider nicht von langer Dauer!
Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebäude zuschritt, hörte sie laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein flüchtiger Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz ängstlich ergriff sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe Sicherheit geschwunden und sie fühlte sich recht eines Schutzes bedürftig.
»Leb wohl – leb wohl – du süße Maid! – Nur einen Abschiedsblick, reizendes Lockenköpfchen!« riefen die Uebermütigen, und als der Zug schon im Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie fiel gerade zu ihren Füßen.
Ilse wandte sich ab, sie wußte vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie den Blick wenden sollte.
»Kannten Sie die jungen Herren?« fragte Frau Rat. –
Ilse verneinte und erzählte, daß sie dieselben zum ersten Male bei ihrer Abreise gesehen.
»Ja, das ist lustiges Blut!« meinte Frau Rat. »Die ganze Welt gehört ihnen und man darf es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen als andre. – Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?«
Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schüttelte doch den Kopf. »Ich darf nicht,« sagte sie, und Fräulein Güssows Worte: »keine Aufmerksamkeit von einem Herrn anzunehmen,« standen mahnend vor ihrer Seele. – Der Werfer fuhr freilich auf und davon und niemals hätte er erfahren, ob sie die Rose nahm oder nicht, – trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit und das eigne Bewußtsein waren die Wächter, die sie zurückhielten.
Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich über ihr Taktgefühl. »Sie haben recht, Kind,« sagte sie, »und eigentlich beschämen Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir leid um die unschuldige Rose.«
Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit benützt, eine Korrespondenzkarte an Fräulein Güssow zu schreiben. Als sie schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar einige Thränen die frische Schrift; aber sie meldete, daß ihr die Reise bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat wäre eine zu entzückende Frau.
Die Erwähnte dachte ungefähr ebenso von ihrer jungen Reisegefährtin. Sie hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefaßt. Ilse war so ganz anders als all die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Sie verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf den klaren Grund sehen läßt. Wahr und offen und doch nicht geschwätzig, natürlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie hübsch war die Kleine! – Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie traurig und thränengefüllt, fröhlich und schelmisch aufleuchten sah, und deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als übermütige Studenten ihr huldigen wollten.
»Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und müssen uns trennen,« sagte Frau Rat. »Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie in die Nähe von L. führen sollte.«
Ilse versprach das gern und gestand, daß auch ihr das Scheiden schwer werde. Frau Rat hätte so ›himmlisch‹ verstanden, sie zu trösten.
»Da sind wir schon!« rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken. Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkörben da, sie wollten mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. – Ilse hatte auch hinausgeschaut und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht bange.
»Ach!« seufzte sie, »was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier! Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie mich für die eine Nacht auf. Bitte, bitte!«
»Wie gern thäte ich das, mein Kind; aber das wäre gegen die Bestimmung Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich etwas verspätet, Sie können es glauben. Was würden sie sagen, wenn Fräulein Ilse davongeflogen wäre?«
Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepäck, auch die Blumen, die trotz des häufigen Besprengens mit frischem Wasser die Köpfchen traurig hängen ließen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, – nun stand sie da und sah sich hilflos nach beiden Seiten um.
»Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind,« beruhigte die alte Dame, »es wäre ja noch immer kein Unglück, wenn Gontraus durch irgend ein Mißverständnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen Sie einen Wagen im Stationsgebäude und fahren nach Lindenhof hinaus. In einer guten Stunde sind Sie dort, und daß Sie bei den lieben Menschen mit offnen Armen empfangen werden, dafür stehe ich ein.«
»Nein, nein! das thue ich nicht! Das würde ich nicht wagen!« rief Ilse ganz erschrocken. »Ich weiß ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!«
Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die Oberlippe kräuselte sich in verdächtiger Weise. Frau Rat lächelte über den jugendlichen Ungestüm.
»Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie kommen, kleine Ungeduldige,« sprach sie scherzhaft. »Der Landrat ist ein sehr guter Freund Ihres Vaters.«
Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch niedergeschlagener.
Als Frau Rat bemerkte, daß sie nur noch fünf Minuten beisammen sein würden, füllten sich ihre Augen mit Thränen.
»Gehen Sie einmal schnell um das Gebäude, dort können Sie die ganze Chaussee überblicken, die nach dem Rittergute führt. Vielleicht sehen Sie den Wagen kommen.«
Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen öffnete sie das Saffiantäschchen und nahm Papas Bild heraus. »Es ist zwar doch vergeblich,« dachte sie, »aber ich will es für alle Fälle in die Hand nehmen.«
Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem, elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend über den Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spähte forschend in jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Züge verklärten sich, – der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. »Leo! Leo!« rief sie ihn an, »komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren – sie ist ein reizendes, junges Mädchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus gegangen!«
»Was für eine Waldblume meinst du, Tante Rat?« fragte der junge Mann etwas erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. »Von wem sprichst du?«
»Von ihr – von ihr!« rief sie zurück. »Von Ilse, die ihr erwartet,« wollte sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das betäubende Läuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie nervös und verwirrte sie, es kam noch hinzu, daß der junge Mann ihren Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie zu verlassen.
»Ich muß dich verlassen, Tante!« sagte er denn auch, »ich muß mich nach einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte –«
»Sie ist es! Sie ist es!« rief sie lebhaft, aber er hörte ihre Worte nicht mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.
»Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt – und ist dasselbe vielleicht hier ausgestiegen?« fragte er einen Schaffner.
»Nein!« antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf, denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
Als Frau Rat an ihm vorüberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider vergeblich, er verstand sie nicht.
Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, daß er sofort bei Ilses Ankunft telegraphieren möge, ob sie glücklich angekommen sei. Was sollte er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres übrig, als eine Depesche abzusenden mit den Worten: »Nicht angekommen!«
Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn auf und las die Aufschrift auf dem geöffneten Kouvert. Nicht wenig erstaunte er, als er die Adresse las: »Fräulein Ilse Macket,« – sonderbar! Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch muß es angekommen sein!
»Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?« wandte er sich an eine Frau, die einen kleinen Obststand in der Nähe hatte.
»Gesehen habe ich es gerade nicht,« meinte die, »aber ein junges Fräulein mit Locken hat ihn gewiß mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, daß sie etwas herausnahm. Die dort war es,« unterbrach sie sich plötzlich und zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.
Ihre alte Freundin grüßte noch einmal zärtlich zum Fenster hinaus, machte auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu Leo hinüber, – Ilse verstand nichts von allem.
Höchst unglücklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre einzige Bekannte hier in die Ferne führte. »Nun bin ich verlassen!« sprach sie für sich, »was soll ich nun anfangen!« Es war merkwürdig, wie ihre mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. – Wie recht hatte Fräulein Güssow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten hätte sie wie ein kleines Kind angefangen zu weinen, sie schämte sich nur vor dem jungen, blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie neugierig beobachtete.
Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte um einen Augenblick!«
Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen Mannes streifte, erfaßte sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr – warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhören! – Als ob sie nichts gehört habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, daß sie verfolgt wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst und Aufregung!
»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht die Güte haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken!« rief er dringend.
Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er benützte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten, spöttischen Lächeln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so ängstlich und blöde vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrückte, als er in das liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in ängstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. – ›Wie eine Waldblume‹ hatte Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint.
»Ich fand diesen Brief dort,« sprach er, »gehört er vielleicht Ihnen?«
Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Papas in der Hand hielt. »Ja,« sagte sie, ziemlich beschämt über ihr albernes Davonlaufen, »er gehört mir.« – Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen Mann anzusehen.
»Ich danke Ihnen,« fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen Verbeugung weitergehen.
»Und war die Adresse an Sie gerichtet?« fragte er weiter, so daß sie zögernd still stand.
Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er plötzlich erfreut und lachend zugleich: »Sie – Sie sind Fräulein Ilse Macket! ich sehe die Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spaß!«
Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das hübsche, von der Sonne etwas gebräunte Gesicht des jungen Gontrau.
»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen,« entschuldigte er sich, »aber Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. – Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau.« – Er hob den weichen Filzhut ab und begrüßte sie in liebenswürdiger, ehrerbietiger Weise.
»Gontrau!« rief Ilse strahlend vor Freude, »ist’s wahr, Gontrau? Aber Sie sind doch nicht – doch nicht –«
»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein Sohn.«
»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief,« sprach sie errötend, »aber ich wußte nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie für einen fremden Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind kam ich mir vor, das nicht weiß woher und wohin. Nun bin ich froh, furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?« plötzlich fiel es ihr ein, daß dieselben nicht anwesend waren. »Bitte, führen Sie mich zu ihnen.«
»Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begrüßen,« entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzückte. »Meinem Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß und zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, ›die Kleine‹ in Empfang nehmen zu können! Ja, ja, ›die Kleine‹,« wiederholte er und amüsierte sich über ihr verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa trägt die Schuld an dem Irrtum, in dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner ›Kleinen‹, oder von ›seinem Kinde‹, das er allein und schutzlos die weite Reise machen lassen müsse, er fürchtete, daß dem ›kleinen Mädchen‹, das die Pension verließ, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens dreizehn Jahren.«
»Nein, aber der Papa!« rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei wie gewöhnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm, daß der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. »Papa ist zu komisch! Er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse! Wie wird er sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!«
»Bewahre!« stimmte der Assessor ihr bei, »mit siebzehn Jahren ist ein junges Mädchen eine vollendete Dame.«
Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die »vollendete« Dame.
Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher eben hinein.
»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau und diesmal lächelte er wirklich etwas. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last gewesen sein?«
»O nein, nein!« sprach sie eifrig dagegen, »es sind ja lauter Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!«
»So viele Freundinnen!« meinte er und sah in den Korb.
»Es sind sieben Sträuße,« belehrte ihn Ilse, die nämlich glaubte, er wolle dieselben zählen.
»Sie waren schön,« meinte er, »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.«
Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche Rührung überkam sie, als sie der Geberin gedachte.
»Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin,« sagte sie innig – »von Nellie Grey.«
»Nellie Grey?« fragte er. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu.
»Sie ist reizend!« rief Ilse und geriet förmlich in Feuer, als sie von der Freundin erzählte.
Er hörte ihr stillschweigend zu und amüsierte sich über die Begeisterung, mit der sie lobte, und besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die dabei ihren Lippen entschlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als: furchtbar reizend! himmlisch! entzückend! süß! u. s. w. u. s. w. ihr ebenso geläufig waren als Melanie und den übrigen Backfischen.
»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung einnehmen?« fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu führen.
Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern angenommen hätte. Sie war nämlich hungrig und ihr Magen trug rechtes Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine vollendete Dame aber durfte den Hunger nicht merken lassen, es wäre doch geradezu kindisch gewesen.
»Es ist kühl,« bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, »und mein Auftrag lautet: Hülle ›das Kind‹ gut ein, damit es sich nicht erkältet in der halboffenen Chaise.« Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre Füße.
Sie ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren Felder; sie lachte sogar über seine Fürsorge; aber hinterher kamen die Bedenken. War es recht, daß sie sich von ihm einhüllen ließ? War es nicht eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Würde Fräulein Güssow ihr Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben würde, wie sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen hätte! Sie konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.