Der Trotzkopf: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen
Chapter 13
Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: »O ja, sie wird gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen.« Der Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. –
Miß Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafür Sorge zu tragen, daß die Mädchen still und geräuschlos ihre Gemächer aufsuchten, das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische Lehrerin sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, da huschten sie alle noch auf eine kurze Zeit zu Rosi hinüber, deren Stübchen ganz am Ende des Korridors lag. Sie mußten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.
Melanie brachte ihre duftigen Sträuße, die sie im Cotillon erhalten hatte, mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmütiger Freude betrachtete sie den reichen Segen. »Ach!« rief sie aus, »wie schade, daß alles vorbei ist!«
»Alles Schöne ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt!« entgegnete Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche verborgen hielt. – Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafür das ihrige eingetauscht.
»Ach, Kinder, es war doch zu schön!« brach Annemie in plötzlicher Begeisterung aus. »O, was ich euch alles erzählen könnte!«
»Und ich! Und ich!« klang es durcheinander.
»Ihr würdet staunen, wenn ich sprechen wollte!« rief Melanie stolz und schlug ihr Auge kokett gen Himmel, »ich habe viel erlebt!« – In ihrem Eifer vergaß sie ganz, ihre Stimme zu dämpfen.
»Nicht so laut, Melanie,« ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. »Wir wollen zu Bett gehen,« riet sie ernstlich, »denn wenn ihr erst anfangt, eure Erlebnisse zu erzählen, dann können wir bis zum hellen Morgen hier sitzen.«
»Morgen ist Sonntag, da können wir ausschlafen!« meinte Grete, die darauf brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hören. »Wo sind denn aber Ilse und Nellie?« unterbrach sie sich plötzlich und sah sich um; »ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!«
Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausführung. Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miß Lead wie ein Nachtgespenst vor ihnen.
»Wo wollt ihr hin?« fragte sie erzürnt. »Habe ich euch nicht Ruhe geboten? Sofort legt euch nieder, – und morgen werde ich euren Ungehorsam der Vorsteherin melden!«
So wurde es denn still in den oberen Räumen. Die plaudernden Lippen verstummten nach und nach – die Augen schlossen sich zu süßem Schlummer und ein gütiger Traumgott führte die Schlafenden zurück in den festlichen Saal. Noch einmal ließ er die Musik erklingen und die junge Schar im lustigen Tanze dahinfliegen. –
»O wie öde ist die Wirklichkeit!« war Melanies erstes Wort, als sie erwachte.
* * *
In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an glückliche Träume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr, aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr seine Befürchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr so schwer, sich zu beherrschen.
»Geh zu Bett, Ilse,« sprach Fräulein Raimar sanft zu ihr, »du darfst nicht länger hier verweilen.«
Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge Mädchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.
»Du bist ein gutes Kind,« sagte sie weich und ihre Stimme klang wie verhaltene Thränen, »aber ich darf deinen Wunsch nicht erfüllen. Ein längerer Aufenthalt hier könnte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem Kinde auch nicht helfen, – sieh hin – es kennt dich – uns alle nicht mehr!«
Bevor sie das Zimmer verließ, trat Ilse noch einmal zögernd und leise an Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheiße Hand, beugte sich nieder und drückte einen Kuß darauf. »Gute Nacht, Liebling,« hauchte sie leise, »gute Nacht!«
Und mit einem langen, thränenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen nahm sie Abschied, ach, sie fühlte es, es war ein Lebewohl für immer. Dann eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepreßt, damit sie vor Herzeleid nicht laut aufschreie.
Draußen, dicht vor der Thür, stand Nellie. Unbemerkt war sie der Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den Hals und Nellie führte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut weinend in die Kissen.
»Ist sie so sehr krank?« fragte Nellie.
»Sie stirbt, Nellie!« schluchzte Ilse außer sich, »unser süßer, kleiner Liebling stirbt!«
Nellie wurde blaß und ein heftiges Zittern überfiel ihren Körper, aber sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut herauszujammern, die ungestüme Art Ilses war ihr fremd. War das zu verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen, ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, – wie anders Nellie! So mancher trübe Schatten hatte bereits ihr junges Dasein verdunkelt! Sie mußte an den Tod des geliebten Vaters denken, der sie so jung als Waise zurückließ!
Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff deren Hand.
»Komm,« sagte sie mit unsichrer Stimme, »setze dir hoch. Du machst dir auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir machen doch der arm’ klein’ Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt: ›Ich will der klein’ Engel zu mich nehmen,‹ was können wir da machen? – O Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer weiß, welch’ traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht besser, da tot zu sein? – Ich wär’ sehr glücklich, wenn mich der liebe Gott als klein’ Kind zu sich genommen hätte!«
Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Mädchengestalten in ihren duftigen Ballgewändern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen Freundschaftsbund für das ganze Leben. Der Mond trat plötzlich hinter dem dunklen Gewölk hervor und verklärte mit seinem blassen Schimmer die lieblichen, thränenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute Rosen, die an einem Stengel erblüht sind. –
* * *
Es war ein trübseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge Schar, noch ganz erfüllt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee saß, trat Fräulein Güssow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das fröhliche Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkündete nichts Gutes. Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin seitwärts gestanden; es war ihnen unmöglich, an der Fröhlichkeit der andern teilzunehmen.
»Ist es besser?« fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.
Traurig schüttelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Nein,« sagte sie, »es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich gesteigert und ihr müßt euch auf das Schlimmste gefaßt machen. Ich teile euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn –« Sie konnte den Satz nicht vollenden, Thränen erstickten ihre Stimme.
Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eröffnung ein. Als aber Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling für immer hergeben zu müssen.
Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.
»Lassen Sie mich zu ihr,« bat sie dringend und erhob die Hände. »Bitte!«
Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. »Du darfst sie nicht wiedersehn, Ilse,« sagte sie fest und entschieden. »Sie hat sich so verändert, daß deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild für lange Zeit nicht vergessen würde. Sie ist nur noch ein Schatten des schönen, fröhlichen Kindes.«
Und sie küßte die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurück, das Fräulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.
Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miß Lead fertig zum Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.
»Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miß Lead,« entgegnete Orla, die ganz gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefühle übermannen ließ und heftig weinte; »ich kann es nicht!«
»Ich auch nicht! – Ich auch nicht!« erklärten die übrigen. Selbst Rosi, die stets Sanfte und Gefügige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls zurückbleibe. »Ich bin so aufgeregt und könnte nicht andächtig auf die Predigt hören,« fügte sie hinzu.
»Ich begreife euch nicht,« sprach die Engländerin höchst erstaunt von einer zur andern sehend. »Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort für ein gequältes Herz? Sagt nicht der Herr: ›Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!‹ Ich gehe und will für die Kranke beten, vielleicht erhört mich der Herr.«
Und sie ging, und die englischen Pensionärinnen schlossen sich ihr an. Sie teilten in ihrem strenggläubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur Nellie blieb zurück. Nicht weil sie weniger gläubig war – o nein! Sie hatte ein kindlich frommes Gemüt, aber sie hatte auch ein tiefempfindendes, warmes Herz; es wäre ihr unmöglich gewesen, das Haus, das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen, wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.
»Ich will auch beten,« sagte sie leise wie für sich. Und sie trat in den Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Hände auf einen Stuhl und beugte den Kopf darüber. In dieser andächtigen Stellung verbrachte sie lange Zeit und betete heiß und innig zu Gott, daß er Lilli am Leben erhalten möge. –
Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend öffnete die Vorsteherin plötzlich weit die Fensterflügel im Krankenzimmer – Lilli war tot.
Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn geküßt und sie hinweggetragen in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches Lächeln lag über den leise geöffneten Lippen.
Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Händen am Bette der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die Abendsonne verklärte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches Abendlied – draußen erwachendes Frühlingsleben – hier die junge Menschenknospe – gebrochen, ehe sie sich zur Blüte entfalten konnte.
»So früh und in der Fremde mußtest du sterben, armes Kind!« unterbrach Fräulein Güssow die feierliche Stille.
»Sie fühlte sich glücklich und heimisch bei uns,« entgegnete Fräulein Raimar tief ergriffen. »Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. – Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt.«
»Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen müßte. O, sie ist glücklich!« Und in einem plötzlich überwallenden Gefühle beugte sich die junge Lehrerin laut weinend über Lilli und küßte ihr die kalte Stirn. »Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm er dich zu sich!«
»Fassen Sie sich, liebe Freundin,« ermahnte Fräulein Raimar, indem sie die Hand auf der Erregten Schulter legte, »uns bleibt jetzt die schwere Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig als möglich müssen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin erregten Gemüter nicht ganz außer Fassung kommen.«
Aber sie kamen doch außer Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur sich dem Schmerze zügellos hingab. Sie glaubte vergehen zu müssen. Noch nie hatte sie sich so unglücklich gefühlt, als in der ersten Nacht nach Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der den geliebten Vater entführte, und sie fremd und verlassen an der Pforte dieses Hauses stand.
* * *
Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneeglöckchen und Veilchen schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Frühlingskindern über und über bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen, die mit ihm in nähere Berührung gekommen, und es hatte allgemein schmerzliche Verwunderung erregt, daß die Mutter fern geblieben war.
Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, daß sie erst am Dienstag abend eintreffen könne. Es sei ihr unmöglich, früher zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stücke die Hauptrolle zu spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde, kam umgehend ein Brief voll überschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern. Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, für des Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem Sockel eingegraben werden: ›Teures Kind, bete für mich.‹
Aeußerlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen pomphaften Kundgebungen.
»Meine Mama wäre gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewußt hätte,« bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so herzlich und tröstend geschrieben hatte.
»O sicher, sie wär von der Welten Ende zu dich gereist,« beteuerte Nellie lebhaft.
»Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter,« fuhr Ilse nachdenklich fort. »Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekränkt! Glaubst du wohl, daß sie mir vergeben wird?«
Ilses Herz war so weich und empfänglich durch den Schmerz geworden und eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren ihr bis dahin ähnliche Gedanken gekommen, und wäre es der Fall gewesen, hätten sie früher einmal bei ihr angeklopft, sie würden keinen Einlaß gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Bedürfnis, sich gegen ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.
»O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche Herz, kein Titelchen Bosheit für dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du warst ja auch noch ein ungezogen, dumm’ Baby, als du bei sie warst, jetzt aber bist du eine sehr anständige (sie meinte verständige) junge Dame.«
»Ist das dein Ernst, Nellie?« fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen Nellie zweifelnd an.
»Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner Mutter ein lang’ Brief und bitte ihr um Verzeihung.«
Ilse überlegte einen Augenblick. »Du hast recht, Nellie,« sagte sie dann entschlossen, »ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde nicht eher ruhig sein!«
Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszuführen, trat Flora mit strahlenden Augen ein.
»Ich muß euch meine neuesten Gedichte vorlesen,« sagte sie erregt, »sie sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr müßt mich anhören!«
Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.
_Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_
begann sie zu lesen.
Nellie hielt sich die Ohren zu. »Schweig still! Ich mag dir nicht anhören mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!«
Ilse stimmte ihr bei. »Laß uns zufrieden, Flora,« sagte sie, »wir sind noch zu traurig, als daß wir lachen möchten! Und du weißt doch, daß alle deine Gedichte uns lustig machen.«
Tief verletzt schloß Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit großen Buchstaben zu lesen stand: »Floras Klagelieder!« – »Ihr habt keinen Sinn für erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!«
Sie verließ die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige Zuhörerin. »Das rechte Verständnis freilich fehle ihr,« meinte Flora mit einem ergebungsvollen Seufzer.
Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt darüber. Nellie, ihre einzige Vertraute, tröstete sie.
»Es ist ja noch kein’ Ewigkeit vorbei, seit du schriebst,« sagte sie. »Es scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du ein schön, lang Brief haben. Mich ahnt das!«
Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint war, ging in Erfüllung. Es kam ein Brief an Ilse.
»Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Mit diesen Worten empfing Fräulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der Kirche kam.
Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Mädchen, sich den Kopf zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. –
»Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkünden. Ahnst du nicht, was es sein könnte?«
»Nein,« entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend an.
»Dir ist ein Brüderchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa hat für dich einen Brief eingelegt.«
Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoß ihr heiß in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort über die Lippen bringen konnte, flog sie dem Fräulein an den Hals und küßte dieselbe. Sie mußte an jemand ihre jubelnde Freude auslassen.
Als sie zur Besinnung kam, schämte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte sie allen Respekt außer acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin umarmen!
»Verzeihen Sie,« sagte sie befangen und trat bescheiden zurück. Aber Fräulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich in den Arm.
»Komm her, mein Kind,« sagte sie warm, »und laß mich die erste sein, die dir von ganzem Herzen Glück wünscht.« – Später äußerte sie gegen Fräulein Güssow, daß Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis für deren kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt, daß Ilses trotzige Natur sich jemals zügeln lassen werde.
Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzögerung schuld, er hatte noch einige Zeilen hinzufügen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.
»Lies erst, was sie schreibt!« bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das Zimmer gestürzt war, »lies erst, nachher sprechen wir von die Baby.«
Und Ilse las:
»Mein teures Kind!
Dein letzter Brief hat mich sehr glücklich gemacht! Ich kann den Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit einem herzlichen Kuß zu sagen, daß ich Dir niemals böse war. Ich wußte immer, daß mein Trotzköpfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir nur keine Sorgen um vergangene kleine Sünden, sie sind längst in alle Winde verweht, denke lieber an die zukünftige Zeit, in der wir wieder beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zärtlichen Küssen
_Deine Mama_.«
Und der Papa hatte gestern flüchtig dazu geschrieben:
»Hurra! Wir haben einen prächtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch, ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu können. Er sieht Dir ähnlich, hat gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr.«
»O!« jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, »wenn ich doch gleich dort sein könnte! Ich habe so große Sehnsucht, die Mama, den Papa und das kleine Brüderchen zu sehen!« Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als Fräulein Güssow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie hätte in ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! –
Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurück. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!
»Komm, Nellie,« sagte sie, »laß uns im Garten Veilchen pflücken zu einem Kranz auf Lillis Grab.«
Fräulein Güssow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder und legte den Kranz auf den frischen Grabhügel. Noch lagen die vielen andern Kränze von dem Begräbnisse darauf, aber sie waren verwelkt und trocken, und in den langen, weißen Atlasbändern spielte der Abendwind. –
Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thür. Die Prüfungen waren bereits vorüber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie für die Betreffenden ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner Fächer, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und Lehrerinnen rühmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloß sich dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, daß Ilse nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre englische Aussprache.
»Laß dir nix vormachen, Ilse,« sagte Nellie, als sie allein waren. »Du sprichst schon ganz nett englisch und drückst dir stets sehr fein aus. Uebrigens tröste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben,« – und sie reichte betrübt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere Bemerkung: ›Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen Sprache.‹ – »Ist das nicht unrecht?« fragte sie. »Ich gebe mich so furchtbar große Mühe mit eure schwere Sprache.«
Nun war die Reihe zu trösten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an, keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte täglich eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.
Flora war in höchster Aufregung. Sie fand es geradezu großartig, daß Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. »Mir das!« rief sie aus, sobald er sich entfernt hatte, »mir das! die ich selbst schon so lange litterarisch thätig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor, Sie werden sich wundern!«
Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr jüngstes Werk. Sie hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit bescheidenem Selbstbewußtsein hatte sie hinzugefügt, sie rechne darauf, daß ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgeführt werde. Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen für notwendig finden, so würde sie sich gern seinem Rate fügen. –