Der Trinker: Roman

Part 9

Chapter 91,924 wordsPublic domain

Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.

Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser als tot sein.

Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete, war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.

Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte tröstete?

Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!

Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«

Vielleicht kam er von Gott.

Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte -- und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.

Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen. Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm -- denn wer konnte die Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.

Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an -- und verstand. »Du ziehst zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.«

»Aber Herr Johnche trautstes ...«

»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«

Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand, herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht. »Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere.

John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf.

»Champagner, wie?«

»Ich kann nicht mehr.«

»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte. »Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung unsicher hervor.

»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend.

Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter, verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.

Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm ans Bett.

»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun sterben?«

»Wie meinen Se, Herr Johnche?«

»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?«

»Na--e ...« und mehr wußte sie nicht.

»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den Zähnen hervor.

»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts -- -- Vielleicht ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«

»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.

John hatte die Augen geschlossen und schwieg.

»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile.

»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.

»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern -- -- Wie von großen Wäldern -- -- Wie von Stürmen -- -- So schwer und so tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt hätte, Dore?«

»Na?«

»Ich hätte Musik machen können.«

»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n Flohwalzer spielen.«

John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.

Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam.

»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.

Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer. Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig werdenden Augen -- ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde friedlicher -- starr: John war tot.

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Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim

Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig

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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

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Seite 80: "erikafarbenen" geändert in "erikafarbenem" (mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof)

Seite 92: "sie" geändert in "Sie" (Da täten Sie recht!)

Seite 95: "uud" geändert in "und" (ließ er den Kopf hängen und weinte) ]