Der Trinker: Roman

Part 7

Chapter 73,804 wordsPublic domain

Der Zarnoskysche Landauer rollte lautlos die gerade, sonnige Chaussee entlang, die nach einem Gasthaus im Walde führte. Die neuen Rappen waren angespannt, und Rodenberg ließ sie mit stolzer Miene dahinbrausen. Sein langer, roter Bart glänzte in der Sonne wie ein Feuerchen auf seinem engen, schwarzen Mantel. John saß neben Dore auf dem Rücksitz des Wagens gegenüber seinen Eltern, zwischen denen sein Bruder Paul einen bescheidenen Platz einnahm. Diese Ausfahrt nach dem Walde war Johns sehnlichster Wunsch gewesen, und sein Vater erfüllte ihm seit einer Woche jeden Wunsch, weil es ihn noch immer reute, daß er sich dem Kranken gegenüber im Zorn vergessen hatte. Zudem war John auch sein Liebling, trotz allem und allem.

Nun blickte er stumm und schläfrig, den Strohhut ins Gesicht gezogen, auf die grünen Felder, die wie stille Seen zu beiden Seiten der Chaussee lagen. Frau Kalnis interessierte sich für die Häuschen hier und dort, Paul für die Windmühlen. Herr und Frau Zarnosky interessierten sich für ihre Mittagsruh, indem sie die Augen geschlossen hielten und schwiegen. Halbnackte Landkinder warfen Kornblumensträuße in den Wagen und liefen dann mit offnen Mäulern und ausgestreckten Händen nebenher, auf die Bezahlung erpicht. Es machte John Spaß, sie recht lange darauf warten zu lassen. »Wie heißt ihr? Wie alt seid ihr?« fragte er zunächst. Erst als seine Fragen beantwortet waren, ließ er langsam Pfennige regnen.

Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume rollte.

»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend.

»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde.

»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend.

Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen.

Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter Garten mit zwei Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch.

»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd.

»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John.

»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky in unwirschem Ton.

»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte.

»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.

Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte, krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen.

»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.

»Wer?« fragte John erschreckt.

»Der Wirt,« brummte der Junge.

»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend.

»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau Kalnis.«

»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen.

»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater.

Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen, sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John, da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie.

Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und her, zur Aufbesserung seiner Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.

Wie einem Todkranken wohl zumute war?

Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen, wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können. Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang, bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd.

»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter fühlte, mit zuckenden Lippen.

»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.

»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.

Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer Stimme, »benimm dich vernünftig! -- Denkt der Bengel denn gar nicht an seinen Bruder?!«

John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh.

Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du kannst auch noch gesund werden.«

John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit zutraute.

»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht wenigstens bei dir bleiben?«

»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!«

»Wir ärgern dich?«

»Ja!!!«

»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar nervös.«

John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten. Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.

Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und wiederholte sie dann immer aufs neue.

»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene.

»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise hervor, doch die Eltern gaben keine Antwort und gingen wie im Traume weiter.

Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um.

Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.

»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.«

Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen, hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald zu liegen schien.

Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als ein Klagelaut durch die Stille zurück.

Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so langweilig!«

»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie rasch zu ihrem Mann.

»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«

»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die Verbannung. -- Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!«

»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso gern umkehrte wie sie und der Junge.

Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater, Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch die Seitentür gehen.«

Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab.

Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der Tannenlaube wähnend.

»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.

Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?« wiederholte sie erbleichend.

Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«

John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern, unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier unter ehrlichen Menschen.

Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen, als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten, und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.

Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten. Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch. Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da. Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf; aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.

Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.

Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder, der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.

Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden. Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter, und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die um Beifall baten.

»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend.

»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.

Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder.

John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,« stotterte er.

Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er gehört ganz einfach in eine Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd.

»Ja, du!« blubberte John gekränkt.

»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky.

»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau Rodenberg.«

Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte nichts als Feinde.

Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase, weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas. Sie verstummte.

Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den Rücken.

Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.

»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.

»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr erschreckte.

Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen, die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen, das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben -- und die andern auch nicht; es wird nichts passieren.

John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen: seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.

Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war, als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen Ereignis -- Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.

»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen, weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.

Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz, nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit -- wie beruhigend das war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem Tode kam.

Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.

Elftes Kapitel

Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht, und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,« murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann war es auch oben zu heiß für ihn geworden.

Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende. Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen, es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.

Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites, dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet er niemand, dazu war er viel zu stolz.

Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen. John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin, die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.

Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler und Verleumder wußte es.

Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen, wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.