Der Trinker: Roman

Part 6

Chapter 63,805 wordsPublic domain

»Vel--leicht« ... zerrte sie unter krampfhaftem Gähnen heraus.

»Aber für heute wollen wir es genug sein lassen,« sagte er dann, das Papier mit dem schief und zittrig geschriebenen Datum von sich schiebend. »Sowas will erst ordentlich überlegt sein.«

»O -- ja!« erwiderte Dore, langsam mit dem Kopfe nickend, und warf sich einen geheimnisvollen Blick im Spiegel zu.

Neuntes Kapitel

Die Fenster des Eßzimmers standen offen, und der Regen trommelte eintönig auf den Blechen. Die vielen Blumentöpfe, die Frau Zarnosky auf der Veranda stehen hatte, erweckten im Zimmer den Glauben, daß draußen ein schöner Garten sei. John hockte fröstelnd am kalten Ofen, drehte die Daumen umeinander und ließ keinen Blick von der halbvollen Flasche Kognak, die auf dem Büffet stand. Außer ihm war niemand in der Wohnung als Amalie, die in der Küche saß und Kartoffeln schälte. Frau Zarnosky war aus, und die Jungen waren in der Schule. John drehte die Daumen umeinander, wie gebannt auf die Flasche starrend. Was für eine Seligkeit müßte es sein, dachte er, jene Flasche auf einen Zug leeren zu dürfen!

Alles, was er an Spirituosen besaß, stand jetzt in Dores Schrank; so hatte er es haben wollen. Frau Kalnis hatte ihm schwören müssen, fest und unerbittlich zu bleiben, wenn er mehr Alkohol von ihr verlangte, als er sich selbst zum langsamen Abgewöhnen zudiktiert hatte. Den Schlüssel zum Schrank mußte sie entweder bei sich tragen oder so verwahren, daß er ihn nie entdecken konnte. Auch sein Taschengeld wanderte jetzt in jenen Schrank, und Dore sollte das Ganze behalten dürfen, wenn es ihr gelang, ihrem Herrn das Trinken abzugewöhnen.

Es war ein stiller, kühler Sommertag. Der Regen klopfte eintönig auf den Blechen, und langsam und feierlich begannen die Glocken der nahen Kirche zu läuten. »Trink, trink ...« sagte der Regen. »Nein -- nein ...« sagten die Glocken. John glaubte, den größten Durst seines Lebens zu verspüren. Langsam erhob er sich.

Doch dann ging er zur Verandatür, um angestrengt hinauszustarren. Aber er sah kaum, was vor ihm lag, er sah immer nur die Flasche; sie schien überall zu stehen, wohin er auch blickte.

Das war eine Versuchung, wie sie schlimmer nicht auszudenken war. Wenn er nicht unterliegen wollte, so mußte er sich schleunigst aus dem Staube machen, fliehen. Doch er floh nicht. Ja, er blickte sich um und lächelte die Flasche an, wie ein krankes Kind.

Ach, es war ja schon einerlei, ob er jenen Kognak austrank oder nicht, sterben mußte er ja doch. Mit einem Satz war er am Büffet und riß die Flasche an sich.

»Nein -- nein ...« sagten die Glocken. Sie klangen so furchtbar ernst, so düster warnend. John merkte, daß sie zu einem Begräbnis läuteten und setzte die Flasche wieder hin.

Er wollte nicht sterben -- nein, nein! -- -- Wie der Kognak glänzte! -- -- Nur einen Schluck ...

»Trink, trink ...« sagte der Regen.

Die Flasche glich einem Magnet, der seine Hand unwiderstehlich an sich zog. Ehe er sich's versah, hatte er sie schon wieder in der Hand.

»Nein -- nein ...« sagten die Glocken.

»Still!« brummte John. »Ich will doch bloß mal riechen.« Mit zitternden Händen bemühte er sich, die Flasche zu entkorken, nicht merkend, daß jemand ins Zimmer trat.

»John, was machst du da?« rief lachend Onkel Chlodwig.

Der Ertappte zuckte heftig zusammen. »Nichts,« stammelte er in nervöser Bestürzung. »Ich zähl' nur die Gläser -- ob alle da sind. Hier wird jetzt so viel gestohlen. Amalie will ja nächstens heiraten.«

»Amalie will heiraten?« kicherte der Onkel. »Wen denn?«

»Einen -- einen Bierkutscher.«

»Amalie!« rief Onkel Chlodwig, die Tür nach dem Korridor öffnend. »Sie wollen einen Bierkutscher heiraten? Das nenn ich mir eine treffende Wahl.«

»Was? E Bierkutscher soll ich heiraten?« brummte es in der Küche. »Lieber Ihnen, Herr Zarnosky,« grunzte die Köchin.

Der kleine Junggeselle klatschte vor Vergnügen laut in die Hände. »Da täten Sie recht!« rief er heiter. Dann ging er zum Büffet und goß sich einen Kognak ein. »Du willst wohl keinen, John?« fragte er mit zwinkernden Augen.

»Nein, danke,« sagte dieser fromm. Bei dem Schreck war seine Gier verflogen.

»Da tust du recht,« lobte Onkel Chlodwig und zog seinen Schnurrbart zur Säuberung durch die Lippen, um dann erst das Taschentuch zu benutzen.

Es regnete nicht mehr, und die Sonne schimmerte schon gelb durchs Gewölk. John ging auf den Hof, um nach Peter zu sehen. Der Ziegenbock kniete wie ein Götzenbild am Rande des Torwegs, als habe er den Eingang zu bewachen. Seine Miene war die eines alten Philosophen, der über rätselhafte Dinge nachdenkt. Als er John erblickte, erhob er sich gelassen und kam mit Würde auf ihn zu. Mit derselben Würde nahm er die drei violetten Orden aus seines Herrn Knopfloch zu sich.

»Schmeckt's?« fragte dieser.

Peter nickte fortwährend gemessen mit dem Kopf, was er immer tat, wenn er etwas zu sich nahm. Seine Kiefer bewegten sich dabei wie Mahlhölzer gegeneinander. »Er setzt das Mühlchen in Bewegung,« sagten Paul und Leo, wenn Peter zu fressen begann. -- --

Gegen Abend ging Frau Kalnis, ausnahmsweise, zu einer Verwandten, die Geburtstag hatte. John begann Andersens Märchen zu lesen, weil er nicht beständig an die halbe Flasche Kognak denken wollte; aber er konnte sie durchaus nicht vergessen. Seine Augen versagten auch bald den Dienst, und die immer größer werdende Unruhe in seinem ganzen Körper machte ihm das Sitzen unerträglich. Er stand auf und nahm Baldriantropfen.

Um sieben brachte Amalie das Abendbrot. Sie sah sehr ärgerlich aus, denn man hatte sie den ganzen Tag mit ihrer Heirat aufgezogen. Mit dieser Heirat, von der sie doch nichts wußte.

»Warum machen Sie ein so böses Gesicht?« fragte John sofort.

»Ach,« brummte sie, »der Onkel Chlodwig läßt mich heite gar nich zufrieden.«

»Heiraten Sie ihn doch, Amalie.«

»Ach, heren Se schon auf mit das Ganze!«

»Aber der Onkel Chlodwig schwärmt Ihnen an! Sie können mir's glauben, Amalie! Wahrhaftig Gott!«

Die Köchin verzog ihren dicken Mund zu einem breiten, halbverschämten, schweigenden Grinsen. Ihre steifen Wangenhügel, die so ruppig waren wie ein Hahnenkamm, glühten um die Wette mit ihrer Nase, die einer feurigen Kräuterbirne nicht unähnlich sah. Amalie war eine Freundin von Bier und Schnäpsen, und gegen Abend konnte man ihr diese Freundschaft nur zu sehr vom Gesicht ablesen. »Sie knirbelt kräftig,« pflegte John zu sagen.

»Na, wie ist's?« fragte er, durch ihr Schweigen gereizt. »Wollen Se meine Tante werden oder nich?«

»Uzen Se mir auch noch?«

»Ich denk' gar nicht dran! Onkel Chlodwig geht schon lange mit der Absicht um, Ihnen zur linken Hand zu heiraten.«

Amalies dicker Mund weitete sich noch einmal, und dann verschwand sie mit einer großen, ganz neuen Hoffnung im Herzen.

Das Abendbrot wollte John nicht schmecken; ihm war noch schlechter als gewöhnlich. Die eine Flasche Bier, die vor ihm stand, reizte ihn so lange mit ihrer Kümmerlichkeit, bis er sie wütend vom Tisch stieß. John fühlte sich plötzlich so furchtbar unglücklich, daß er sich am liebsten das Leben genommen hätte. Sein ganzes Wesen verzehrte sich in Sehnsucht nach Alkohol: nach jener halben Flasche Kognak. Er konnte sich nicht länger beherrschen und er wollte es auch nicht. Nicht länger zögernd, eilte er zu Dores Schrank, in dem seine Flaschen standen. Er bearbeitete die verschlossene Tür mit Fußtritten, um zu seinem Eigentum zu gelangen; aber das alte Möbel war aus gutem Holz, es widerstand allen Stößen. Auch das Schloß widerstand, als er es mit dem Taschenmesser aufzubrechen versuchte. Nun zerfetzte er vor Wut Dores Fächerpalme, ihr Stuhlkissen, ihre Nachtmütze. Aber als ihm das grüne Staubtuch in die Hände fiel, aus dem er einst für Mimi ein Nestchen gemacht hatte, da ließ er den Kopf hängen und weinte.

Er weinte über sein verfehltes Leben, das ihm ebenso zerfetzt schien wie die Fächerpalme. Wie anders hätte er jetzt dastehen können! Er bereute, er bereute ... Zu spät! Nun war nichts mehr zu ändern.

Ach, er fühlte sich so unsagbar verlassen, so kalt dem Tode preisgegeben. Rodenberg war sein einziger wahrer Freund. Durfte er sich überhaupt noch zu den Lebenden rechnen? Er fühlte sich schon so fern von allem, was lebte und lachte und genoß. Der Tod war seine einzige Aussicht.

Nur jene halbe Flasche Kognak wollte er noch leeren.

Der Glanz der Abendsonne war ihm aufs tiefste zuwider. Er stach ihm so mitleidslos in die Augen. John stieß eine Verwünschung aus und drohte mit der Faust nach der Sonne. Er trocknete sich mit dem Staubtuch die Augen und beroch es dann von allen Seiten wie ein armer, hungriger Hund.

Es roch nicht nach Mimi, es roch nach Petroleum. Trotzdem stopfte er es in die Tasche, um es öfters ansehen zu können. Mimi war doch eine hübsche Erinnerung, trotz ihres schrecklichen Todes.

Und nun ging er sich den Kognak holen; er hielt es nicht mehr aus ohne Alkohol, er hielt es einfach nicht mehr aus. Seine Mütze war nicht zu finden. Er setzte den kleinen, steifen Hut auf, den er auf jenem Ausflug mit Johannes getragen.

Die Hand auf die linke Seite gepreßt, arbeitete er sich langsam und atemlos die Treppe herunter. In seinen Ohren war ein dumpfes Sausen, und sein Herz schien sehr weit und ganz still. Die Treppe war immer ein Kunststück für ihn. Bis zu seiner Haustür hatte er die feste Absicht, in die elterliche Wohnung zu gehen, um sich den Kognak zu holen; aber an der Tür besann er sich anders. Er wollte doch lieber in die Kneipe gehen und sich dort etwas geben lassen, als etwa im Eßzimmer Paul und Leo antreffen, die ihn vielleicht daran hindern würden, die Flasche zu nehmen. Und sicherlich würden sie ihre Bemerkungen machen, ihn verspotten. Nein, nein, er ging lieber in die Kneipe.

Sein Herz arbeitete jetzt wie wild nach der Treppe, es zitterte und sprang in seiner Brust, daß ihm vor Angst der Schweiß ausbrach. Öfters stehen bleibend, um Atem zu schöpfen, begab er sich über den Hof nach der kleinen Kontortür im Torweg und öffnete sie. »Vater!« rief er herein, »gib mir doch etwas Geld, ich will zum Barbier gehen.«

»Jetzt abends noch?« brummte Herr Zarnosky.

»Komm herein, Kronensohn!« rief Onkel John, der dasaß und Märchen erzählte. »Wir wollen mal sehen, was dein Bart für eine Farbe hat.«

John trat ein und wiederholte seine Bitte. Herr Zarnosky knurrte, daß der Gang zum Barbier eine Finte sei. Er kenne das. Johns Barbier hieße Suttkus. Der Märchenerzähler hatte schon das Portemonnaie in der Hand; aber dann steckte er es rasch wieder ein. Es war ihm noch rechtzeitig eingefallen, daß sein lieblicher Neffe in einer Kneipe erzählt haben sollte, daß er, der Onkel, ein Reitpferd eingefangen und dann geschworen habe, daß es seins sei. Und es war doch nur ein weggelaufener Ziegenbock gewesen, dem er um Zerlines willen freundliche Aufnahme gewährt hatte, weil er doch nicht wissen konnte, wem er gehörte. Tiere sind sich ähnlich, hatte Onkel John gedacht, und es war seiner Phantasie bald gelungen, aus dem Bekannten einen Fremdling zu machen. Ganz im tiefsten hatte er auch noch gedacht: Er schenkt ihn mir ja sowieso, ehe er stirbt.

»Der Vater hat hier zu entscheiden,« bemerkte er würdevoll, nachdem er das Portemonnaie wieder eingesteckt hatte. Und dann mit selbstgefälliger Anzüglichkeit: »Man muß sich auch hüten, seine Wohltaten an Leute zu verschwenden, die es einem mit Undank lohnen.« Darauf mußte er lachen, weil er diesem seiner Neffen nun einmal nicht böse sein konnte.

»Junge, halt' die Ohren stramm!« rief Onkel Chlodwig vergnügt, indem er eine Bewegung mit den Armen machte, als wolle er John, wie einst als Kind, an den Ohren in die Höhe heben.

Der Trinker ging schweigend hinaus und warf schmetternd die Tür zu. Und die Brüder lachten und ließen ihn ruhig gehen. In ihren Köpfen war die Finsternis der Unbildung und der Gedankenlosigkeit.

John begab sich stracks in den nächsten Gewürzladen und ließ sich einen Kognak geben. Und noch einen, und immer wieder noch einen. Nach einer Weile wurde der Verkäufer in die Bierstube gerufen und ließ ihn im Laden allein. John stand vor der Tombank und lächelte dumm. Seine Stimmung begann sich zu heben. Er fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre voll von Käse- und Biergeruch, in dieser sauren Luft, die so wertlos war wie er selbst. Hier wäre er gern für immer geblieben.

Der Laden war nicht groß. Ein gemütlicher, alter Laden mit ausgetretenen Dielen und kleinem Schaufenster. Unter der niedrigen, rauchgeschwärzten Decke brauste ein Heer von Fliegen. Fette Brummer segelten gemächlich über die drei Käseglocken des düsteren Repositoriums. Auf der klebrigen Tombank stand in einsamer Schönheit eine Flasche Rum.

John studierte aus der Ferne die Etikette: Jamaika-Rum. Er trat einen Schritt näher: Jamaika-Rum. Noch näher: Jamaika-Rum. Dann verwirrten sich seine Gedanken; er glaubte, wieder, wie am Vormittag, zu Hause vor dem Büffet zu stehen, und nahm die Flasche in die Hand.

Läuteten nicht die Glocken? Ihm war so. Er stellte die Flasche wieder hin.

Das Summen der Fliegen klang ihm jetzt wie fernes Meeresbrausen, und der Fußboden schien sich langsam hinter ihm in die Höhe zu heben. John klammerte sich an die Tombank. Nun schien sich auch die Flasche in Bewegung zu setzen, schien langsam davongleiten zu wollen. Da packte er das lockende, glitzernde Ding voller Angst mit beiden Händen und stolperte damit nach der Tür.

»Möchten Sie wohl die Flasche zurückgeben?!« erscholl eine grobe Stimme aus dem Gang zur Bierstube, und ein großer, stiernackiger Handwerker, ein geschworener Feind der Familie Zarnosky, der John heimlich beobachtet hatte, sprang vor und zischte: »Schämen Sie sich nicht?! Ich werd' Sie anzeigen!«

John ließ die Flasche fallen und sank vor Schreck halb in die Knie. Und der wütende Tischler riß ihn in die Höhe und hielt ihn fest. »Wer holt den Schutzmann?« brüllte er.

»Machen Sie keinen Unsinn!« flüsterte der herbeieilende junge Mann. »Er hätte sie schon bezahlt. Oder wir hätten die Rechnung geschickt. Ein guter Kunde ...«

»Ein Dieb!« schmetterte der Sargtischler. »Schutzmann! Schutzmann!«

John begriff nicht ganz, was um ihn vorging; aber das Festgehaltenwerden unter Rufen nach dem Schutzmann flößte ihm ein solches Entsetzen ein, daß er sich wie ein Rasender losriß und davonstürzte.

Mit dem schrecklichen Gedanken, er müsse sich jetzt etwas Entsetzlichem wegen das Leben nehmen, rannte er die Straße herunter. Sie war nicht lang und lag am Ende der Stadt. Bald stand der arme Dieb am Rande des tiefen Teiches, zu dem er ganz instinktiv geeilt war. Jenseits des Wassers war ein dunkles Wäldchen, in dem sehr laut die Nachtigallen sangen. Auch über dem Kopf des Verzweifelten flöteten die Vögel in den Zweigen der Kastanien, mit denen der Weg zu beiden Seiten besetzt war. Hinter seinem Rücken flammte die Abendsonne in ihrer ganzen Glorie. Sie thronte gleich einer mächtigen Feuerkugel dicht über dem langen, flachen Dach eines alten, hölzernen Getreideschuppens, der wie ein riesengroßer schwarzer Sarg auf grünem Wiesenlande stand, unter einem rostgelben Himmel. Doch John sah in das glitzernde Wasser und beriet sich flüsternd mit seinem Schicksal.

»Muß ich? Muß ich?« fragte er, voller Angst an seine Eltern denkend.

»Aber sofort!« schien der Tischler zu rufen.

John sah sich furchtsam um; aber es war niemand außer ihm auf dem Wege. Er setzte sich auf die Erde, weil er vor Müdigkeit nicht länger zu stehen vermochte, und sein Denken wurde allmählich klarer.

»Was hab' ich denn getan?« stammelte er wie ein Kind. »Ich hab' doch nichts getan. Ich hatte sie auf einmal in der Hand, ich weiß nicht wie. Ich hätte sie doch bezahlt.«

Der Tischler hatte ihm das eingebrockt -- dieser gehässige, heimtückische Kerl. John wußte: der Tischler ging jetzt von Haus zu Haus und erzählte.

Es bohrte ein Wort in seinem Kopf, dessen Klang und Bedeutung er auf dem ganzen Weg gesucht hatte. Nun war es da; es hieß: Schande.

»Schande,« flüsterte er, »Schande,« wiederholte er laut, und schon wurde es ihm zur Gewißheit, daß das etwas war, was ihm nicht mehr viel anhaben konnte. Seine Rolle auf Erden ging zu Ende. Was tat ihm noch Schande?

Aber seine Familie, seine Familie und die Leute -- -- --?

Seine Angehörigen sollten sich damit abfinden -- sie durften ja leben, während er -- --

Ja, was tat ihm noch Schande? Ihm? Er kicherte mit zuckendem Munde. Und auf einmal warf er sich vornüber und krallte die Hände in die warme Erde.

Er wollte alle Schande der Welt tragen -- wenn er nur leben durfte! Er liebte das Leben trotz allem und allem, trotz seiner Schmerzen, trotz seiner qualvollen Nächte. Er wollte alle Schande der Welt tragen -- nur nicht sterben!

Die Frösche quakten, und die Vögel flöteten, und ein Wagen kam gefahren. John richtete sich langsam auf; er wollte nach Hause. Es war nicht notwendig, daß er dem Schicksal vorgriff: das Ende des Trauerspiels kam schon von selbst. Und alles Auflehnen war vergebens.

Der sich nähernde Wagen, ein gewöhnlicher Einspänner, hielt an, als John dem Kutscher ein herrisches »Halt!« zurief. »Helfen Sie mir herauf,« befahl er ihm. »Ich will in die Stadt.«

»Ach, Sie sind es, Herr Zarnosky,« sagte der Kutscher.

»Hab' jefischt,« bemerkte John sehr hochmütig.

»Und wo haben Sie Ihre Angel?«

»Fortgeworfen. Kann mir eine neue kaufen.«

Kurz vor der Stadt, da, wo es in das dunkle Glaciswäldchen hineinging, sah man jetzt hurtig Liebespaare verschwinden. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und machte seine Bemerkungen. John saß ganz still da und wunderte sich. Er wunderte sich, daß es noch immer Liebespaare gab, daß die Welt noch immer so war wie damals, als er mit seiner ersten und einzigen Flamme, einer jungen Putzmacherin, dort spazieren ging -- vor hundert Jahren. So lange schien ihm das wenigstens her. Wie ein Greis sah er den Paaren nach und drehte verwundert die Daumen umeinander.

Er hätte den gewöhnlichsten Kognak der hübschesten Putzmacherin vorgezogen.

Am alten Stadttor leuchtete eine Gasflamme wie ein grüner Stern durch die helle, rote Dämmerung. Als der Wagen durch das Tor rollte, begann John vor Angst zu frieren. Beim Auftauchen eines Schutzmannes zuckte er heftig zusammen. Der Mann grüßte freundlich und ging vorüber.

Nun überkam ihn ein wilder Trotz. Erstens hatte er nichts begangen, und selbst wenn er etwas begangen hatte, so war ihm das ganz gleichgültig. Mochte man ihn anzeigen. Ihm war schon alles gleich. Nur um die Mutter tat es ihm leid. Um die tat es ihm leid, um die andern nicht ... Seine Zähne schlugen zusammen, als sich der Wagen dem väterlichen Hause näherte.

Rodenberg stand, nach ihm ausspähend, am Torweg und half ihm vom Wagen herunter. »Geben Sie ihm was,« sagte John, nachlässig über die Schulter zeigend. Der Kutscher nahm seinen Herrn unter den Arm, weil dieser allein nicht zu gehen vermochte. »Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte ihn John. »Lachen Sie doch, Rodenberg! Ich hab keine Angst! Für was soll ich auch Angst haben?«

»Der Beese war hier,« erzählte der Kutscher, »und nu is der Herr fuchswild.«

»Pah!« sagte John. »Was ich mir daraus mach!«

»Er sitzt oben und wartet auf Ihnen.«

»Der Vater?«

Rodenberg nickte.

John wurde kreidebleich. Er versuchte zu lachen; doch plötzlich bekam er einen Krampfanfall. Rodenberg schleppte ihn in seine Wohnung hinauf.

Herr Zarnosky saß mit der Reitpeitsche in der Hand. Sein sonst so frisches, großzügiges Gesicht war blaß, und seine Zähne bearbeiteten unablässig die starken Lippen. Als die Tür geöffnet wurde, stand er auf.

»So betrunken?« fragte er den Kutscher.

»Krank,« sagte Rodenberg rauh, indem er seinen jungen Herrn mit liebevoller Ungeschicklichkeit aufs Bett trug.

Herr Zarnosky setzte sich wieder aufs Sofa und räusperte sich erregt. Frau Kalnis kam in diesem Augenblick nach Hause, wie eine erschreckte Fledermaus ins Zimmer schwirrend, und schlug stumm die Hände zusammen.

»Herr Zarnosky trautstes, was is los? Was is jeschähn? Ich will man bloß rasch d'e Umnahme abnähmen ...« sie huschte in ihr Zimmer. »Herrjeh, herrjeh, mein Palmbaum! Und d's Kissen! Jerechster Vater, was is hier jeschähn? Nu hatte er sich doch schon einije Tage so scheen jehalten.«

Herr Zarnosky räusperte sich schweigend weiter. Rodenberg schlich still hinaus, weil er meinte, daß John in Dores Gegenwart keine Prügel bekommen werde. Frau Kalnis kam mit einer Decke angeflogen, die sie mit zitternden Händen über den unbedeckten Tisch warf. Dann ging sie zu John. »Wasser,« murmelte er leise.

Herr Zarnosky trat mit der Reitpeitsche ans Bett. »Besinne dich,« sagte er heiser, »was hast du heute abend getan?«

»Nichts,« stammelte John angstvoll, »nichts.«

»Da geht doch dieser Lümmel hin und stiehlt!« stieß der Vater erbittert hervor, und die Reitpeitsche sauste nieder.

Ehe sich's der Alte versah, war der Junge plötzlich aufgesprungen und hatte ihn an der Kehle gepackt. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Rodenberg -- durch Dore und den Lärm herbeigerufen -- sich nicht des Wütenden bemächtigt hätte. Er schaffte ihn wieder ins Bett und beruhigte ihn, so gut er konnte. Herr Zarnosky rang keuchend nach Atem. So träge und ruhig er für gewöhnlich war, so wild und zügellos konnte er im Zorn werden.

»Warte!« knirschte er, sobald er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Du wirst dich an mir vergreifen? An deinem Vater?« Und nun begann er John erst recht zu züchtigen.

Doch die meisten Schläge bekam Rodenberg, der sich mit ausgebreiteten Armen über seinen Liebling legte, und der nicht von ihm wich, so wütend es ihm auch befohlen wurde. Zu sagen wagte er nichts, ja, er wagte nicht einmal zu stöhnen. Die Zähne zusammenbeißend hielt er tapfer stand, bis sein Herr mit Schlagen aufhörte.

Als Herr Zarnosky ohne ein Wort gegangen war, richtete sich der Kutscher auf und sah Dore an, und dieser Blick war die einzige Kritik, die er sich über seinen Herrn erlaubte.

Dore probierte, ob sie noch sprechen konnte. »Gott! -- nei! -- pfui ...« Das war anfänglich alles, was sie herausbekam. Sie schüttelte den Kopf und schlug stumm mit der Hand, und dann sagte sie: Das sei von jeher die Zarnoskysche Erziehungsmethode gewesen.

John lag ganz still da, und seine langen Wimpern drückten sich so tief in die Wangen, als ob sie sich nie mehr heben wollten. Doch mit der Zeit begann er aufgeregt zu flüstern, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu fuchteln. Frau Zarnosky kam heraufgestürzt und setzte sich weinend an sein Bett. Sie nannte ihn bei seinem Kindheitsnamen, sie glättete sein Kissen, sie streichelte ihn. Wohl eine Stunde saß sie an seinem Bett und weinte; aber ihr Weinen, dieses monotone Weinen, vermehrte nur seine Unruhe. »Nicht, nicht,« flüsterte er von Zeit zu Zeit. Doch Frau Zarnosky ließ sich nicht stören; sie war es nicht gewohnt, ihren Gefühlen Zwang anzutun, und sie wäre empört gewesen, wenn ihr jemand diese Tränen zum Vorwurf gemacht hätte.

John schlief ein und ging im Traum unzählige Male in den Laden und wurde dort unzählige Male von Schutzleuten umringt, weil er jedesmal eine Flasche mitgenommen haben sollte. Doch es gelang ihm immer noch zu entkommen. Und einmal stellte es sich heraus, daß er die Flasche bereits bezahlt hatte. Die Schutzleute verneigten sich vor ihm, und er schritt stolz wie ein Triumphator davon --: um an der Tür auf den Tischler zu prallen, der ihm, »Dieb!« brüllend, eine ungeheure Flasche aus der Tasche zog. Die Schutzleute packten ihn, soviel Rodenberg auch für ihn bat; aber er riß sich los und stürzte sich, von seinem Vater verfolgt, in ein großes, schwarzes Wasser. Das schlug dumpf über ihm zusammen, sein Herz setzte aus, und dann sank er ohne Ende in die Tiefe.

Zehntes Kapitel