Part 5
»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe dahergestolpert kam.
John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen, die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen.
»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen auf.
Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«
»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die grellblauen Augen. »Sag dreihundert und du hast es getroffen.«
Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter noch mal!«
Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer -- und seine Schmerzen. Von denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie er sich ausdrückte.
John stand schwerfällig auf und nahm eins der schönsten Lampions herunter, eine feuerrote Tonne, auf der Kraniche nach dem Mond schwebten. Er versteckte es hinter einem Baum im Gras, um es später mitzunehmen, wenn es sich unbemerkt machen ließ.
Wie strahlend herrlich war der Garten! Welche Fülle von Blumen und Schmetterlingen! John sah sich seufzend um und sank dann wieder auf den Stuhl zurück, die Arme auf die Lehne drückend und den Kopf melancholisch darüberhängend. In seinen Ohren tönte der Vers aus dem Hohen Lied, den er so sehr liebte:
Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ...
Voll Neid dachte er an die, die sich am Nachmittag im Garten vergnügen würden. Das waren seine Eltern, seine Brüder, alle übrigen Verwandten und noch viele, viele Leute, -- nur er nicht, nur er nicht. Sein Kopf sank noch mehr gegen den Wasserspiegel, und eine Träne rann über sein gelbes Gesicht zu den wunderlichen Fischen herab.
Herrlich würde es sein im Garten -- gegen Abend, wenn der Mond erst schien und all die bunten Lampions leuchteten. Lachende Leute würden am Teich sitzen und roten und gelben Wein trinken, Leute, die weder Kummer noch Schmerzen hatten und vor sich ein schönes, langes Leben sahen. Das Mondlicht würde auf ihren fröhlichen, roten Gesichtern glänzen und auf den Weingläsern in ihren Händen. Sie würden anstoßen und scherzen und lachen und singen ...
Und er? Und er? Er lag dann im Bett und lauschte voll Grauen auf die eintönige Musik in seinen Ohren, diese Musik, die immer schauerlicher, immer todestrauriger wurde. Dann die Schmerzen -- und die Träume, die schrecklichen Träume ...
Und das alles, das alles durch eigne Schuld, durch eigne Schuld; er durfte sich nicht beklagen, er durfte niemand dafür verantwortlich machen.
Onkel John war unbemerkt zurückgekommen und stand nun laut lachend da. »Was, wir blasen Trübsal? Heut', an meinem Geburtstag? Noch schöner!«
John machte seine Miene steif und seine Stimme hart. »Fällt mir nicht ein,« brummte er. »Ich seh mir bloß die Biester aus nächster Nähe an.« Und dann lehnte er sich zurück und erzählte dem Onkel, daß Frau Kalnis mitunter in seinen Nußgarten gehe, um dort heimlich junge Sträuchlein auszureißen, die sie dann verkaufe.
Ein verblüffender Junge, dachte der Onkel entzückt, den Neffen mit Hochachtung betrachtend. »Diese Person!« schmetterte er los, sich das Lachen verbeißend. »Na warte! Die kauf ich mir!«
Johns Gesicht war plötzlich noch fahler geworden. »Hörst du das auch?« flüsterte er, in halb entsetztem, halb seligem Lauschen.
»Ich höre nichts,« sagte der Onkel; aber seine Miene widersprach seinen Worten, und seine verlogenen Augen suchten den Boden.
»Da wieder!« schrie John.
»Da wieder! Von dort! Jetzt noch lauter!«
»Laut, lauter, am lautesten!« rief der Onkel, schallend in die Hände klatschend. »Was ist dir, mein Sohn?« fragte er neckisch. »Hast du Halluzinationen? Bist du meschugge geworden? Aber setz dich doch bloß. Ich lasse Wein bringen. Warte!«
Aber John riß sich los und stürzte fort. Er eilte, so rasch er konnte, nach dem Hintergarten. Der Onkel folgte ihm mit steinerner Miene. Mochte kommen, was wollte, er war zu jeder Lüge bereit.
Mit einer Kraft, die ihm niemand mehr zugetraut hätte, riß John die verhakte Tür nach dem Hintergarten auf. Seine Augen fuhren wie Blitze durch den ganzen Garten und blieben rechts an einem Häuschen hängen. Das Häuschen hatte er noch nie gesehen.
»Hab mir da einen Stall bauen lassen. Für meine Ziegen,« sagte nachlässig der Onkel.
»Seit wann hast du Ziegen?« stammelte John, bis zum Wahnsinn enttäuscht.
»Seit Monaten schon.«
»Warum sagtest du denn, du hörtest nichts? Warum sagtest du denn das? Du?«
»Was ist das für ein Ton? Was -- was erlaubst du dir?« schnaubte der Onkel, eine neue Maske auf dem falschen Gesicht.
»Mämämämä ...« tönte es aus dem Stall.
»Das ist Peter!« schrie John, nach dem Stall stürzend. Der Stall war verschlossen; aber sein leichtes Türchen gab unter einem wilden Fußtritt nach -- und wie ein Rasender stürzte ein schwarzundweißer Ziegenbock heraus und auf seinen richtigen Herrn zu.
»Mein Junge!« stammelte John, ihn ganz außer sich an sich drückend.
Der Onkel stand mit angestrengter Heiterkeit daneben. »Na, ist mir die Überraschung gelungen?« fragte er frech.
John sah ihn mit rollenden Augen an. Er trat, die Faust hebend, auf ihn zu -- doch da verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich am Zaun halten.
Peter versuchte, seinem Herrn die Glatze zu lecken, und eine schöne weiße Ziege, seine junge Frau, stand neugierig neben ihm. Der Gärtner kam herbeigeeilt und fragte, was geschehen sei. »Ach nichts,« sagte Herr Zarnosky ganz ruhig, »mein Neffe behauptet, daß es sein Bock sei.«
»Das kann ja stimmen,« erwiderte der Gärtner, »wechjelaufen is er doch von irjendwo.«
»Ich muß einen Bock anschaffen. Zerline hat sich an den Gefährten gewöhnt,« sagte Herr Zarnosky mit Gemüt.
John stieß die Hände des Onkels zurück, als dieser ihm ein Glas Wein hinhielt. Aber als er ihm das Lampion brachte, dessen Verschwinden dem alten Fuchs nicht entgangen war, da lächelte er wie ein Kind und nahm es hastig an sich. Der Onkel schickte ihn in seinem Wagen nach Hause, und der Gärtner ging mit Peter hinterher.
Frau Kalnis mußte das Lampion an die verräucherte Decke hängen, und abends, als John im Bett lag, mußte sie es erleuchten. Der Trinker war im siebenten Himmel mit seinem Peter, seinem eigenartigen Beleuchtungskörper und den geschenkten zehn Mark, für die er »herrlichen« Kognak kaufen wollte. Beneiden tat er jetzt niemand, weder die Gäste im Garten des Onkels, noch sonst wen. Er hielt die weiche Nase seines Peters, der auf dem Bettvorleger lag, in der Hand, und die Augen hielt er entzückt auf die glühende Papiertonne gerichtet: auf die Kraniche, die nach dem Mond schwebten, während er auf das lauschte, was Dore ihm vorlas. Sie las ein Märchen von Andersen: Die Schneekönigin.
Das Märchen schließt mit den Worten:
Rosen, die blühen und verwehen, wir werden das Christkind sehen.
Siebentes Kapitel
John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen, und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun auch wirklich in die Heilanstalt gehen.
Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, »jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert hast.«
»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit schwankender Stimme.
»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor reden, was der zu deinem Plan meint.«
»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort. »Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren warst.«
Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit Vorliebe. Doch selbst heute versäumte er nicht zu fragen, was er danach immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren war?«
Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht, dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...«
John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie Kinder zu trösten.
»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt.
»Nur selten,« log John.
»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so schlimm. -- Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter --! Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit dem Doktor reden, was er dazu meint.«
»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen.
Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn.
Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?« fragte er verschämt.
»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann ist noch alles nicht so schlimm.«
»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker.
Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet. »Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt.
Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben, Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken können, daß John an der Tür lauschte.
»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt.
In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof und begab sich in seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken. Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben sie dir nichts zu essen gegeben?«
»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.
Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß -- der ihm ganz seltsam erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.
Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen.
Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der Mensch für eine Bestie! Aber Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern.
»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«
Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht.
»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John.
Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll ich nich noch was holen?« fragte sie.
John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus.
Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell. Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen. Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John, vielleicht, wenn der Mond rund geworden -- ist das Trauerspiel schon aus. Er schauderte.
Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? Unnütze Frage! Die Toten konnten keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen -- die schönsten Märchen, die die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden.
Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte.
»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend. »Ich will's hören. Ich hab's nötig.«
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Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.
»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod -- das ist ein andrer Kerl!«
Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf übermannte ihn plötzlich.
Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte -- wenn der Tod kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche Musik -- die Musik seiner Nächte --, die ihm das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.
John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und mit ihm ringend.
Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.
»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.
Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht wiederkommen.«
»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.
Achtes Kapitel
Frau Kalnis setzte die Brille auf ihr schlaues, gelbes Chinesinnengesicht und öffnete mit zitternden Händen den großen, blauen Brief, den ihr der Briefträger soeben gebracht hatte. Die Buchstaben verneigten sich vor ihren Augen, tanzten spöttisch hin und her und wollten sich durchaus nicht fangen lassen. Es währte geraume Zeit, bis sie des Inhalts habhaft wurde.
»Herrjeses!« schrie sie da. »Hat ein Mensch schon mal sowas erläbt?! Neineinei! Ich zieh! Ich zieh!« Wie von der Tarantel gestochen, stürzte sie mit dem Brief in Johns Zimmer, um ihn zur Rede zu stellen. John lag mit gefalteten Händen auf dem Sofa.
»Herrr!« brach sie los, mit »Rs« wie Trommelwirbel. »Wer kann mir das einjebrockt haben als Sie?! Wer kann mir das sonst schreiben als Ihr verdrähter Onkel?! Ich kenn seine Handschrift. Da schreibt er: Man beobachtet mich. Und ich soll meine langen Finger doch im Zaum halten, sonst krieg ich's mit der Polizei zu tun ... Gott, das muß ich mir, mir sagen lassen! Für nuscht, für rein gar nuscht! Ich zieh! Ich bleib nich unter solche Menschen! Ich ...« Hier verlor sich ihre Rede in einem heftigen Hustenausbruch.
John versuchte eine scheinheilige Miene zu machen, aber er war viel zu kindisch, um über Dores Zorn nicht lachen zu müssen. Bald kicherte er wie ein dummer Junge.
»Sie Hottentott!« stöhnte Dore. »Ich laß Sie im Stich! Ich werf Ihnen hin! Wer bleibt bei einem Menschen wie Sie?! Was möjen Se doch bloß wieder aufjebracht haben?!«
»Zügle dich,« sagte John vornehm und mit einem sehr spitzen »Ü«.
»Ziejiln Sie sich man lieber!« brauste Dore auf.
»Übrigens,« sagte John, das Sofakissen betrachtend, »möchte ich wissen, weshalb ich Ihnen das gerade eingebrockt haben soll?«
»Kein andrer,« knurrte sie.
»Verklagen Sie doch Onkel John, wenn Sie meinen, daß er den Brief geschrieben hat.«
»Ich? D'n Onkel John verklagen?« Dore lachte grimmig. »Eher nähm ich meine sieben Sachen und mach mir auf die Sohlen. Nei! Mit dem bind ich nich an! Der kann e unschuldjen Menschen durch seine Märchen ins Zuchthaus bringen.«
»Wissen Sie was?« flüsterte der gute Neffe. »Er hat doch ein durchgegang'nes Reitpferd eingefangen und dann vor Gericht geschworen, daß es seins ist.«
»Nanana!«
»Wahrhaftig Gott!«
»Eins, was wahr ist,« sagte Dore feierlich, »daß es mit dem noch mal ein schlechtes Ende nimmt, das steht fest. Sie und d'r Onkel, ihr wißt ja gar nicht, was ihr anjeben sollt? Wozu ihr auf der Welt da seid?!«
»Weißt du vielleicht, wozu du da bist?« näselte er.
»Na, jewiß weiß ich.«
»Das bild'st du dir ein!«
Dore schlug nur stumm mit der Hand, denn der Husten überfiel sie aufs neue. »Was muß e Mensch sich ärjern,« hub sie dann wieder an. »Solche Jemeinheit! Mir zittert alles! Aber der liebe Gott wird ihn schon finden! Der wird ihn schon strafen!«
»Was weißt du von Gott?« sagte John spöttisch.
»Daß er Sie und Ihren Onkel strafen wird,« entgegnete sie wild.
»Dann ist dein Gott ein Teufel!« rief er, gereizt werdend, denn er dachte: bin ich nicht schon elend genug?!
»Mein Gott ist ein Teifel?« wiederholte Dore entsetzt. »Daß Ihnen nich der Blitz erschlächt!«
John lachte. »Er kann nicht blitzen. Er ist doch nur ein Märchen.« -- »Gott,« sagte er und sah zur Decke auf, »das sollte etwas sein, wie Blumenduft, wie Harfenspiel und Sonne; nichts als Süße und Herrlichkeit. Strafe und Gott? Blitz und Gott? Das sollte nicht zusammenpassen.«
Er schloß die Augen und sein ganzes Gesicht arbeitete. »An Gott denken,« stammelte er, »das sollte sein, wie an silberne Quellen denken in tiefen grünen Märchenwäldern, wie an frische Wiesen denken, neben rauschenden blauen Strömen, das sollte sein, wie ein Versinken in etwas himmlisch Weiches und Beruh'gendes.«
»Bring mir Papier und Bleistift,« sagte er dann barsch und verlegen, »ich habe zu schreiben.«
»Sie wollen schreiben?« fragte Dore, die Augen noch weiter aufreißend. »Das haben Se ja noch nie jetan.«
»Das Personal hat seine Meinung für sich zu behalten.«
»Sie werden d's Schreiben verlernt haben.«
Nun lag Papier und Bleistift vor ihm, und John machte ein dummes Gesicht, weil er nicht wußte, wie er anfangen sollte.
»Was wollen Se doch bloß schreiben, mein Lieberche?« fragte Dore, immer neugieriger werdend.
Der Trinker rieb sich mit wichtiger Miene das Kinn und schwieg. »Wie schreibt man Dienstag?« fragte er dann. »Mit langem oder rundem S?«
Frau Kalnis entschied sich mit Energie für das runde.
»Etwas scheinst du ja jelernt zu haben,« bemerkte John herablassend.
Dore fühlte sich geschmeichelt. »Etwas?« wiederholte sie. »O! ich hab scheen jelernt. Ich war immer die Erste in meine Klass'.«
John war müde, als er Dienstag und das Datum geschrieben hatte. »Schwer!« sagte er mit dem Kopfe wackelnd und sich einen Kognak eingießend.
»Ja,« sagte Dore, »d's Schreiberhandwerk is nich so ohne ... Was haben Se doch bloß zu schreiben, Herr Johnche?«
Der Gefragte machte ein verschmitztes Gesicht, indem er die Wärterin leise pfeifend angrinste. Er brannte darauf, das Geheimnis mitzuteilen; aber wiederum war es auch hübsch, die neugierige Dore zappeln zu lassen. »Holen Sie erst das Frühstück,« gebot er gravitätisch.
Frau Kalnis war von Natur so neugierig, wie die Nachtigall es sein soll. Das Frühstück stand in fünf Minuten auf dem Tisch. »Nu?« fragte sie gespannt, den linken Arm in die Seite gestemmt.
»Erst essen,« grinste John.
Dore errötete vor Ärger und Enttäuschung. »Sie sind mir erst e Koboldche,« sagte sie vorwurfsvoll.
»Ich bin Ihnen erst e Koboldche,« spöttelte er.
Die Litauerin wurde noch röter und ging stracks in ihr Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend.
Nach einer Stunde bekam sie das große Geheimnis zu wissen. John beabsichtigte, ein Schriftstück zu verfassen, in dem er die ganze Welt vor dem Trinken warnte. All seine Qualen wollte er darin schildern und all seine Todesangst. »Wer das lesen wird,« sagte er, »der wird nie, nie mehr zuviel trinken, das kannst du mir glauben, Dore. In allen Zeitungen soll es stehen, auch in den kleinsten.«
»Das is mal scheen,« sagte Frau Kalnis, bis zu Tränen gerührt, »Sie werden auch noch im Himmel kommen.«
»Will ich gar nicht,« brummte er. »Hier will ich bleiben und gesund werden. Und was ich zu schreiben beabsichtige, das soll hier, rot gedruckt, über dem Sofa hängen.« Er klatschte mit der Hand auf die Wand. »Du sollst mal sehen, Dore, wie mir das gut tun wird, wenn ich das so tagtäglich vor Augen haben werde. Das wird mir schon das Trinken abgewöhnen.«