Part 4
Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne, als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.
John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme, und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel brennen.
Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf das große Wasser, dem er nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste. Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen.
Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen, lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.
Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.
Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend zu und segelte majestätisch ihren Weg.
Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee! Kaffee!« brummte er.
»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.
John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend, »was ist das hier?«
»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«
Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er mißmutig.
»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.
»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne zeigend.
Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt. »Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!«
»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.
Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er beruhigt.
John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.
»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.
»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.
»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.
Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles Bescheid.
»Weißt du, zu wem?« fragte John.
»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.
»Zum Tode -- Pfarrer.«
Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja --?!« sagte er mit ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er einen Garten? Einen Garten?«
»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.«
»Äpfel? Äpfel im Garten?«
»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«
»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone.
»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was dich geplagt hat.«
»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig.
»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«
»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind.
Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch zu frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel, See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern.
»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen zwischen den Zähnen hervor.
Der Schwachsinnige wieherte kläglich.
»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in herzzerreißendem Tone.
»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.
Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das Finale des kurzen Konzertes.
Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche, und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, über diesen schmalen Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten. Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote Zigarre im Munde.
So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See herunterzuschnellen.
Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«
Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. »Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.
Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.
Fünftes Kapitel
Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden. Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran, in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um seinen Kummer zu betäuben.
Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges mitzuteilen habe.
Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig wie hungrig. Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte.
Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete, die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an:
»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof war bunt von Blumen -- und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön, so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf einmal -- auf einmal sagte er: ›Vater!‹«
Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er ungläubig.
»Er sagte Vater -- ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht mehr um ihn grämen.«
Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend, bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte er demütig.
»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns dann noch einmal -- noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. --
Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens.
Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern hin- und herrollte.
»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm.
»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte.
Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.
Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren -- (große Tränen kamen aufs neue) -- aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut. Peter hatte es ja selbst gesagt.
Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich. »Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof.
Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote Vorhang wie ein breiter Blutstrom.
»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen sein mag. Da kam der Vorhang heraus.«
Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ... Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich vermag es euch auch nicht zu sagen.«
»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.
Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.
Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!« herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,« sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.
Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann entdeckte er, daß das Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte, wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend.
Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein.
Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte.
Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut unter ihrem grünen Thronhimmel.
Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf -- und freute sich, erwachend, daß es nur Trug gewesen.
Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er, seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.
»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.
»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen Vogels.
Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und zierliche Flugversuche zu unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn Mimi einen kleinen Zwitscher tat.
Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich war eingeschlafen.«
Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen. Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie bestürzt.
»Aber doch nicht sehr?« schrie John, an seinen Traum denkend.
»Er ist tot,« flüsterte Dore, aufrichtig betrübt.
John sprang aus dem Bett und packte sie erregt an den Schultern. Dore wollte den Spatz, erschreckt, durchs Fenster werfen, aber John riß ihn an sich und ging mit ihm ins Bett. Dort hielt er Mimi, so still er konnte, auf seiner zittrigen Trinkerhand, und seine Tränen fielen dicht und warm neben den sterbenden Vogel. Mimis kleiner Schnabel stand weit offen, und aus dem Halse quoll Blut. Das eine Auge hing wie ein kleiner, bläulicher Globus ganz und gar aus dem Kopf heraus. Das Körperchen zuckte noch ein paarmal, und dann streckte es sich langsam aus: Mimi war tot. Draußen zwitscherten die Vögel, was sie konnten; aber kein feines, dünnes Stimmchen gab mehr Antwort im Zimmer.
John begrub seinen Vogel eigenhändig in einem schönen Kästchen unter dem Birnbaum. Er tat es selbst, damit es so gut wie möglich geschah. Und ihm war, als begrabe er in dem Kästchen seine allerletzte Freude auf Erden, als sei nun alles, auch alles für ihn zu Ende. Die Sonne schien so schön, und der Birnbaum regnete weiße Blüten -- alles für andere, für ihn nichts mehr; keine Schönheit und keine Freude: seine Zeit war abgelaufen. Mit hängendem Kopf humpelte er in seine Wohnung und legte sich schweigend ins Bett.
Dore kam leise mit der Bibel zu ihm herein. Ohne zu fragen, begann sie mit gedämpfter Stimme sein Lieblingskapitel: das Hohe Lied. John schwieg, das Gesicht nach der Wand gedreht. Aber als Dore den Vers gelesen hatte:
Ich bin hinab in den Nußgarten gegangen, zu schauen die Sträuchlein am Bach, zu schauen, ob der Weinstock grünete, ob die Granatäpfel blüheten ... da sagte er: »Wie schön ist das nur! Das lies mir vor, wenn ich sterbe.«
»Sie werden ja nich sterben.«
»Dumme Trine.«
»Aber Herr Johnche ...«
»Schweig!«
Sechstes Kapitel
Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte. Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der junge, hatten nebst andern Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere behandelten.
Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts; sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall, umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling war.