Part 2
»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin, der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine jeschmickte Braut ihrem Manne.«
»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig.
Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke gerichtet.
»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -- und ich darf aus allen trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«
Die Wärterin lachte und John sprach weiter:
»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen, durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen, Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich hineinsehen, Dore!«
»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung gesucht hatte, setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.« Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.«
»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«
»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser anjeboten wird.«
Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser -- brr ... Aber Wasser des Lebens, Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt vielleicht für immer den Durst.«
»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?«
»Ich kann nicht.«
»Na versuchen Sie's doch man erst.«
»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer den Durst gehabt hätte?«
»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.«
»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.«
»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?« schrie er wild.
»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte.
»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was Unnitzes fragen.«
»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?«
»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e studierter Herr, wie d'r Großvaterche.«
»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...
Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.
»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.«
Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu -- was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.
Zweites Kapitel
John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo, rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.
Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -- es war Sonntag: Palmsonntag -- kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu können.
Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa« auf Besuch war.
Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt »guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«
»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.
»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«
»Nein,« platzte er naiv heraus.
Sie seufzte und verstummte.
»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie, war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage antworten wollte.
In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte. Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war, daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach dem Ausgang.
»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der Herr sieht!?«
»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der sie mir für fünf Pfennige trägt.«
»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie zärtlich.
»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« -- »Her damit!« beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.
Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu tragen.«
Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.
»Adieu, Amalie.«
Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«
Das Zarnoskysche Haus stand =vis-à-vis= einer Querstraße, die sich in langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«
Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle Grimasse, dann trollte er weiter.
Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm, von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«
Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte. Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm ja nachlaufen.
Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust. Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge herausgehängt.
In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte, stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um irgendwo Märchen erzählen zu gehen.
»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig angeregter Phantasie.
Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er konnte.
Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd, und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl sehr schwer?«
»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.
Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« -- Onkel John weitete furchtbar die Augen -- »wenn sie dich noch einmal mit einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann schon finden.«
Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in kläglichem Tone.
»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.
Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen zeigend.
Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst -- mein armer Junge.«
John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.
»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« -- er rollte die Augen -- »wird die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. -- Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme die Verantwortung, verstanden?«
John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.
»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.
»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«
»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.
»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens Rücken) was ich sagen wollte« -- er hob die eine Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel -- »ja, richtig; es gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«
»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.
»Du solltest -- du solltest nicht so zu mir sprechen -- in -- in einer Lage wie der deinigen, mein lieber Richard.«
»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«
»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt, daß« -- --
»Daß?«
»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«
»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.
Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!« rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern armen Bruder Chlodwig!«
»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.
Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«
»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.
Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier hat der Zimmermann das Loch gelassen.«
Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«
»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über. Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«
»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie meiner.«
»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«
Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte, ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand, daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«
»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.
»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone; aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht wollen,« setzte er theatralisch hinzu.
»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«
»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«
Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner Sprung.
»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler, froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen, Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem Truthahn Fritz, meinem Liebling -- ihr kennt ihn ja -- dem armen Tier war das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«
»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch gestern nachmittag gefüttert.«
Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen. »Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast -- gestern nachmittag -- den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«
»Gestern war es.«
Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen -- ich habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge -- aus unsrer Familie hat er das nicht -- das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen, ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis. Ist euch das noch nie aufgefallen?«
»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.
»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater! Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«
Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er grob.
»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«
Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden, so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«
Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung hatte er total vergessen.
Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.
Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst versetzt.
»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?« fragte er Rodenberg.
»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.
»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«
Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und er trollte sich.
Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.
»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.
»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.
Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen. (Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner »eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.) »Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins hinuntergeschluckt?«
»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.