Der Trinker: Roman

Part 1

Chapter 13,685 wordsPublic domain

Katarina Botsky

Der Trinker

Roman

Albert Langen, München

=Copyright 1911 by Albert Langen, Munich=

Erstes Kapitel

Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken, lehnte _John_ an einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters, dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut, obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten, bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.«

»_Rodenberg!_« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein Schallrohr gebrauchend.

Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe.

Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt. Ich hab's durch die Tür gehört.«

»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der Schafskopp?« fragte der Kutscher.

»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd.

Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«

John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken. Meinen Se nich auch?«

Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich.

»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster wie aus einem Munde, »jetzt läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.«

»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«

Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte, während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn er doch erst tot wäre!«

»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone.

»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der ältere Junge.

Fast die ganze Familie _Zarnosky_ zeichnete sich durch Roheit und ein ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide; allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater, der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne eben fort, weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander schwirren -- gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen und Erzählungen -- und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber.

Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt, mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.

John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege verdarben seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«. Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern.

Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys. Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt dem Verderben entgegen.

Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer Bruder _Eugen_. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen nicht ganz feindlich gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war. Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als seinem eignen Vater.

Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte; er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn. Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter, eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier.

Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen, voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.

»Her, Rodenberg, her damit!«

»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«

»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.

Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es losmachen.

Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt, zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das Böckchen an sich drückend.

In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein. »Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen. Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.

Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!« sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung' Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.

John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.

»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus seiner nachfüllend.

»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«

»Na ja, die petzen doch immer jleich.«

»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie! Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe -- morgen -- heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.

»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde.

Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen. Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein Leidtragender.

_Dore Kalnis_, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie endlich an die Luft setzen.«

»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend. Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n Abend«.

John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte rhythmisch mit einer Hand. »Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin.

»Peter,« flüsterte John.

»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze Knie.

Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.

John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein Leben.«

Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«

Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?« fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«

Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf. »Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.

»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock. Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama--lie ... Ama--lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.

Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa--as wollen Se, Frau Kalnis?«

Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und Bratkartoffeln.

»Wa--as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.

»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.

»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde phlegmatisch geschlossen.

»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte, der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig. Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden Tisch. =Vis-à-vis= an der linken Wand stand nichts als ein brauner Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche, aus der es auf die Treppe ging.

Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,« sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln nieder.

Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden -- bei den reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.

Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für Sie.«

Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich zum Narren machen?« fragte sie zuerst.

John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.

»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.

»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem Lachen.

Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am Halsband nehmen.

John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin, sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.

Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu. »Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen, stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.

Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu suchen -- und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte sie resigniert.

Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und kräftiger wurde:

»Fest jemauert in der Erde steht die Form aus Lehm jebrannt. Heute muß die Glocke werden, frisch, Jesellen, seid zur Hand ...«

»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend. »Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«

»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«