Der Traum ein Leben

Chapter 4

Chapter 43,793 wordsPublic domain

Laß uns sehen diese Schrift, Die zerstreuten einzlen Blätter, Die dein Sohn aus der Verbannung, Nebst der Schutzschrift, die wir lasen, Schrieb dem tiefgekränkten Vater. Hier stehn Namen, die ich kenne. Horch! und--schweig! sagt' ich beinah, Doch du schweigst ja jetzt und immer.

(Rustan ist, den übrigen folgend, bis zu des Zeltes Ausgang gekommen, dort bleibt er stehen und tut, lauschend, einige Schritte zurück. Der König liegt lesend auf dem Sofa, an dessen Seite der alte Kaleb, auf den Knien niedergekauert, zuhört. Die Lichter auf dem Tische erhellen die Gruppe. Der übrige Teil der Bühne ist dunkel.)

Der König (liest). "An den Quellen des Wahia Leb ich einsam, ein Verbannter, Nah des alten Massud Hause." Also schreibt dein armer Sohn In dem ersten seiner Blätter. "Sah dort Mirza, seine Tochter, Sie, die einz'ge, die vergleichbar, Nahe mindstens kommt Gülnaren, Meines Herrn erlauchter Tochter." Wohl erlaucht! Hättst du's bedacht, Dein Geschick wär' leicht und milde.

(Weiterlesend.)

"Rustan, Rustan, wilder Jäger! Warum quälst du deine Liebe, Suchst auf unbetretnen Pfaden Ein noch zweifelhaft Geschick?"

(Die hintern Vorhänge werden durchsichtig und zeigen in heller Beleuchtung Mirza mit in dem Schoße liegenden Händen vor der Hütte ihres Vaters sitzend. Vor ihr steht ein Greis, in Gestalt und Kleidung ganz dem alten Kaleb ähnlich. Er hält eine kleine Harfe im Arm. Rustan, der zusammenfahrend einige Schritte zurückgewichen ist, macht, mit beiden Händen auf die beiden Greise zeigend, ihre Ähnlichkeit bemerkbar.)

König (lesend). "Schau, sie kommt dir ja entgegen, Sorgt um dich mit frommen Blick,

(Mirzas Gestalt erhebt sich.)

Kehr zurück auf deinen Wegen, Wenn nicht hier, wo ist das Glück?"

Rustan. Mirza! Mirza!

(Die Erscheinung verschwindet.)

König. Wer ist hier?

Rustan (vortretend). Ich, mein Fürst.

König. Und was führt her dich?

Rustan. Nennen hört' ich meinen Namen, Und ich glaubte, Herr, du riefst.

König. Nicht nach dir; doch rief ich Rustan; War's ein andrer gleich, der fern wohnt An den Quellen des Wahia. Doch, da hier, magst du nur bleiben. Manches steht wohl hier geschrieben, Das du deuten kannst und sollst.

(Rustan zieht sich zurück.)

Der König (liest weiter). "Rustan, Rustan! wilder Jäger"--

(Einhaltend.)

Wird's mir dunkel doch und wirre! Alter, rück die Leuchte näher, Schlummer, scheint's, trübt meinen Blick. Noch ein Schluck.

(Er trinkt.)

Nun, so scheint's besser.

(Er liest.)

"Rustan, Rustan, wilder Jäger, Kehr zurück auf deinen Pfaden! Was ist Ruhm, der Größe Glück? Sieh auf mich! Weil ich getrachtet Nach zu Hohem, nach Verbotnem, Irr ich hier in dieser Wüste, Freigestellt das nackte Leben Jedes Meuchelmörders Dolch."

(Die Wand des Zeltes wird von neuen durchscheinend. Es zeigt sich, hell beleuchtet, der Mann vom Felsen. Der braune Mantel hängt nachschleppend über die rechte Schulter. An der linken entblößtem Brust nagt eine Natter, die er in der Hand hält.)

König (liest). "Und wenn ich ihn auch zermalme, Wie der Hirt die Schlange tritt, Bin ich minder tot?"

(Der Mann vom Felsen macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte er die Schlange nach Rustan schleudern.)

Rustan (niederstürzend). Entsetzen!

(Die Erscheinung verschwindet.)

König. Was ist hier?

(Die Umhänge des Ruhebettes zurückschlagend.)

Rustan am Boden? Was geschah? Sieh, Alter, hin!

(Der alte Kaleb nähert sich dem Hingesunkenen.)

Rustan (sich emporrichtend). Ist er fort? Ha, Zauberkünste! Und doch nur der Sinne Traum.

(Nach rückwärts gewendet.)

Kommst du immer, wenn's zu spät? Immer, wenn's bereits geschehen? Sieh den Becher halb geleert, Ganz erfüllt schon mein Geschick.

König. Mir wird schwül, mein Innres brennt. Aufwärts bäumen sieh die Fluten, Alle Tropfen meines Blutes. Böser Trank.--Was war im Becher? Rustan! Rustan! Was im Becher?

Rustan (bebend). Herr, weiß ich's?

König. Und das Gefäß! Was nur trübte meine Augen? Das ist nicht derselbe Becher! Fremde Zeichen stehen drauf, Sinnlos wilde, wirre Zeichen. Wo mein Becher? Rustan, Rustan!

Rustan (in die Knie sinkend). Herr, weiß ich's?

Die Alte (kommt hinter den Umhängen des Ruhebettes hervor. Sie rollt den mitgenommenen Becher mit dem Fuße vor sich her, dem Vorgrunde zu). Hi, hi, hi! Lauf mein Rädchen, Spinn dein Fädchen! Nun und nie! Hi, hi!

(Sie verschwindet hinter den Vorhängen.) (Rustan hat sich bemüht den rollenden Becher aufzuhalten und unter dem am Boden liegenden Mantel zu verbergen.)

König. Welch Geräusch?--Das ist mein Becher; Dieser hier ein unterschobner.

(Er ist vom Bette aufgestanden.)

Rustan, Rustan! Heil'ge Götter! Ist denn niemand hier? Kein Helfer? Alter, komm, sei du mir Stütze!

(Zu Rustan, der noch immer mit dem Becher beschäftigt ist.)

Ha, umsonst verhüllst du es! Ewig sichtbar dein Verbrechen! Alter, hilf! Ach, ich vergehe! Hört denn niemand? Eilt nach Ärzten! Rettung! Beistand! Rache! Hilfe!

(Er sinkt am Eingange des Zeltes den dort Entgegenkommenden in die Arme. Die Vorhänge schließen sich über der Gruppe.)

Rustan (nachdem er einige Male nach dem vor ihm liegenden Becher gegriffen hat, ihn endlich fassend). Endlich! Endlich!--Ha, und dort!

(Er hebt auch den zweiten neben dem Ruhebette liegenden Becher auf, die Becher in beiden Händen wechselweise betrachtend.)

Eins und eins!

(Mit den Augen am Boden suchend.)

Wo ist der zweite? Eins und eins! Der zweite, wo? Wo der andre, andre Becher?

(Er sinkt erschöpft mit dem Haupt gegen das Ruhebette.)

Zanga (kommt). Herr! ach, alles ist verloren!

Rustan (fährt empor).

Zanga. In den Armen drauß der Seinen Liegt der alte Fürst vergehend. Seine Lippen stammeln Worte, Er enthüllt wohl, was geschehn, Was hier vorging, spricht er aus.

Rustan (den Tisch neben dem Sofa von der Stelle rückend). Fort den Tisch hier und das Bette! Dort hinaus entkam die Alte; Da hinaus entflieh auch ich.

Zanga. Fruchtlos, denn hier grenzt die Halle An des Schlosses innre Räume; Hier im Wege feste Mauern, Dort verwehrt's ein tobend Volk.

Rustan. Hier hinaus! Mit meinen Zähnen Will ich an der Mauer brechen, Hier mit diesen meinen Armen Einen Rettungsweg zur Flucht.

Zanga. All umsonst! Denn horch! man kommt.

Rustan. Nun, so halt bereit dein Messer, Und wenn sie mich greifen, Zanga, Stoß von rückwärts mir's in Leib. Hörst du wohl? von rückwärts, Zanga, Und wenn alles erst verloren.

(Er steht, auf Zanga gestützt, mit vorhängendem Haupte.) (Die Vorhänge des Zeltes teilen sich nach beiden Seiten. Die Stadt ist vom Monde hell beleuchtet. Volk erfüllt den äußern Raum.)

Gülnare (von ihren Frauen gefolgt, kommt von der linken Seite und eilt nach dem Vorgrunde). Hier ist der, den ich genannt!

Rustan. Zanga! Deinen Dolch! Gib Waffen!

Gülnare. Herr, zu dir gehn meine Schritte. Tot im Staube liegt mein Vater, Und die wutentbrannten Mörder--

Rustan. Wer? Wer sah's? Wer weiß? Weiß ich's?

Gülnare (fortfahrend). Jener greise, stumme Mann, Der, den Tod des Sohnes rächend, Ausgestreckt die frevle Hand Nach des edlen Fürsten Leben, Seine Helfer und Genossen Ruhen nicht, bis sie dem Vater Mich, die Tochter, nachgesandt. Zwar, der Frevler ist gefangen, Aber mächtig sind die Seinen, Man befreit ihn, er kehrt wieder, Und vollendet sein Geschäft.

Rustan. Zanga! Zanga! Spricht sie? Hör ich?

Gülnare (kniend). Herr, o stoß mich nicht zurück! Deinen Namen auf den Lippen, Starb der gute, alte Vater, Gleich, als wollt' er seine Liebe, Sein Vertraun auf deinen Beistand Noch im Abschied von dem Leben Mir als letzte Erbschaft geben. "Rustan", sprach er, und verschied. Und so fleh ich denn im Staube: Nimm die Einsame, Verlaßne, Einst bestimmt zu nähern Banden, Nimm sie auf in deinen Schutz!

(Trompeten.)

Gülnare (aufstehend). Hörst du? Auch das Heer in Aufruhr. Es rückt an auf diese Mauern. Deinen Namen nennen sie, Ihren Führer, dich, als Herrn. Und das Volk schart sich zu ihnen, Alle gegen mich gerichtet, Ohne deinen, deinen Schutz.

(Von der linken Seite, außer den Vorhängen, bringen einige Gewaffnete den alten Kaleb.)

Gülnare. Siehst du dort den grauen Mörder? Wie er funkelt, wie er glüht! Weh!

Zanga (die Hand an den Säbel gelegt). Auf ihn! Haut ihn in Stücke!

(Von der rechten Seite, aus dem Hintergrunde, ziehen in Reihen bewaffnete Krieger und schwenken sich gegen die Mitte zu halb auf.)

Gülnare. Dort das Heer! Ich bin verloren!

Rustan (gegen Zanga und die Bewaffneten, die den alten Kaleb bedrohen). Halt!

(Gegen die Reihen der Krieger.)

Und ihr!

(Auf Kaleb.)

Was er verbrochen, Ob er schuldig, ob er's nicht, Übergebt ihn meiner Obhut Und bestellet ein Gericht.

(Gegen das Heer.)

Und ihr andern, wackre Krieger, Aber schuldig jetzt--gleich mir!

(Er wirft sich vor Gülnaren nieder.)

Werft, gleich mir, euch hin im Staube. Eure Herrscherin steht hier!

(Die vordersten des Heeres knien, die übrigen senken die Lanzen.)

Gülnare. Habe Dank!--Euch sei verziehen! Allzu glücklich, als Empörer, Daß, was ihr mit Trotz begehrt, Eure Fürstin frei gewährt.

(Man hat den Turban des Königs gebracht und die Krone davon abgelöst.)

Dieses Landes Herrscherschmuck, Er bleibt mein, ich geb ihn niemand, Sollte Tod mich übereilen, Niemand, keinem, auch nicht dir! Geben nie--wohl aber teilen!

(Sie hebt die Krone in der Rechten hoch empor, während Rustan mit den Zeichen wilder Verzweiflung die Stirne gegen den Boden drückt.)

Das Volk. Hoch Gülnare, unsre Fürstin! Hoch Gülnare, Rustan! Rustan!

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

(Saal im Königlichen Schlosse, links und rechts Seitentüren. Im Hintergrunde links der Haupteingang, daneben ein alkovenartiger Raum, durch einen Vorhang bedeckt. Rechts im Vorgrunde ein Tisch und Stuhl. Rustan, kostbar gekleidet, einen goldenen Reif im Haar, kommt hastig durch den Haupteingang. In demselben Augenblicke tritt Zanga durch die Seitentüre links ein. Rustan bedeutet ihm mit auf den Mund gelegtem Finger, umzukehren. Zanga zieht sich durch die Tür zurück. Rustan selbst tritt in den durch den Vorhang abgeschlossenen Raum. Karkhan und zwei seiner Verwandten kommen durch den Haupteingang.)

Karkhan. Hierher kommt, und folgt mir, Freunde! Was ich längst bei mir beschlossen, Jetzt und jetzo führ ich's aus. Könnt ihr länger es mit ansehn, Wie der eingedrungne Fremde Eurer und der Euren spottet? Jeden Tag an Kühnheit wachsend, Jede Stunde an Gewalt? Schwinden täglich nicht die Besten, Denen seine Furcht mißtrauet, Unbemerkt aus unsrer Mitte? Wie? Wohin? Wer kann es wissen? Und sein Helfer, jener Schwarze, Den der Abgrund ausgespien, Stachelt tückisch seine Kühnheit Bis zu selbstvergeßner Wut. Wo ist Recht noch und Gericht? Schmachtet nicht mein alter Ohm, Er, der sprachlos Unglücksel'ge, Schwarzer Frevel falsch beschuldigt, Ungehört und unvernommen, Rechtlos hinter schwarzen Mauern, Überwiesen, weil verklagt? Oh, daß ein gerechter Richter Mit den Augen, statt den Ohren, Hörte seine stumme Sprache, Die er spricht, der Unglücksel'ge, Statt mit Lippen, mit der Hand; Manche Zweifel würden schwinden, Manche Rätsel würden klar; Die jetzt, richtend, andre binden, Stellten selbst sich schuldig dar. Ha, ihr schweigt? Blickt auf den Boden? Seid ihr Männer, wagt's zu sein! Folgt mir! Hier der Fürstin Zimmer, Wir zu drei, wir treten ein, Klagen ihr des Landes Nöten, Klagen ihr die eigne Not, Zeigen ihrem Schamerröten, Wie so machtlos ihr Gebot. Oh, ich weiß, sie seufzet selber Unter jener Ketten Last, Die der Fremde um sie herschlingt Wie um eine Sklavin fast. Laßt uns auf die Hohe richten, Meinem Oheim werde Recht; Frei und laut vor allem Volke Tue sich Verborgnes kund, Und wer schuldig, und wer schuldlos, Richte weiser Richter Mund. Einen Schritt schon tat ich selber, Einen schon hab ich gewagt-- Doch ein Tor, der früher sagt, Was getan erst nützt und frommt. Kommt und folget mir zur Fürstin, Dort allein ist Schutz und Halt; Dieser Tag, er sei der letzte Eingedrungner Machtgewalt.

(Sie gehen auf die Seitentüre rechts zu.)

Rustan (der während der letzten Worte hinter dem Vorhange hervorgetreten ist, verstellt ihnen den Weg). Halt noch erst! Gebt euch gefangen!

Karkhan. Welchen Rechtes?

Rustan. Hochverräter! Zanga! Wachen! Wachen! Zanga!

(Die drei ziehen die Dolche.)

Rustan. Zieht nur aus die feigen Waffen, Nicht ein Heer von euresgleichen Fürcht ich, einzeln, wie ich bin.

(Aus der Seitentüre links kommt Zanga, durch die Mitteltüre ein Hauptmann mit Soldaten.)

Rustan. Schafft sie fort, die Hochverräter!

Karkhan. Hochverräter? Wir?

Rustan. Ihr leugnet's? Blinkt nicht noch in euren Händen Der Empörung frecher Stahl? Oh, ich kenne euer Treiben! In dem Innern eurer Häuser Lauern meine wachen Späher, Was ihr noch so leis gesprochen, Reicht von fern bis an mein Ohr. Fort mit ihnen, ohne Zaudern! Ich will dieses Land durchflammen Wie ein reinigend Gewitter, Niederschmettern seine Stämme, Aus dem Grund die Wurzeln haun Und dem Boden, wenn gereutet, Neuen Samen anvertraun! Fort mit ihnen!

(Der Hauptmann hat sich Karkhan genähert, der mit einer bittenden, stummen Gebärde, auf die Tür der Königin zeigend, ihn einzuhalten bittet.)

Rustan (zu Zanga im Vorgrunde, leise). Aber du Geh zum Kerker jenes Alten, Den ich selbst dem Licht erhalten, Die Notwendigkeit gebeut: Schaff ihn fort!

Zanga. Wohl, Herr, doch wie?

Ein Kämmerer (kommt aus der Seitentür rechts). Herr, die Königin läßt fragen, Welch Geräusch in ihren Zimmern--?

Rustan. Früh genug soll sie's erfahren, Wenn getan, was not zu tun.

(Der Kämmerer geht wieder ab.)

Rustan (zu Zanga leise). Schaff ihn fort aus diesen Mauern! Laß mit vorgehaltnem Dolch Ihn geloben teure Eide; Aber, von Gefahr bedrängt, Besser er, als--merk--wir beide!

(Zanga zieht sich zurück, während des Folgenden geht er leise fort.)

Rustan (die Gefangenen erblickend). Ihr noch hier? Fort mit den Frevlern!

Hauptmann. Herr, die Königin naht selber.

(Er zieht sich zurück.)

(Zwei Kämmerlinge haben die Seitentüre geöffnet. Gülnare tritt heraus mit Begleitung.)

Gülnare. Man verweigert die Erklärung Dem von mir gesandten Diener. Hier bin ich, mein eigner Bote, Um zu fragen, was geschah.

Rustan (auf Karkhan zeigend). Führt sie fort!

Gülnare. Wer sind die Leute?

Rustan. Hochverräter.

Karkhan. Unterdrückte, Die zu deinen Füßen flehn.

(Die drei knien.)

Gülnare. Laßt sie sprechen.

Rustan. Einverstanden Mit dem alten grauen Frevler, Der nur allzu leicht gebüßt--

Karkhan. Einverstanden, wenn er schuldlos, Doch sein Feind, wenn er der deine. Nicht Verzeihung und nicht Schonung, Nur Gehör bitt ich für ihn; Was Verbrechern selbst zuteil wird, Eines Richters Aug' und Ohr.

Gülnare. Billig scheint, was sie begehren.

Rustan. Wär' es so, würd' ich's gewähren.

Gülnare. Und wenn ich's nun selber wünsche?

Rustan. Wünsche! Wünsche!

Gülnare. Und befehle.

Rustan. Ließe gleich sich mancherlei Noch entgegnen diesem Spruche, Der ein Wunsch und ein Befehl; Doch, gefällig gegen Damen, Füg ich gern mich unbedingt. Und schon sandt' ich meinen Diener, Der den vielbesprochnen Alten Hin vor seinen Richter bringt.

Karkhan. Trifft ihn der, ist er verloren. Sende selbst nach seinem Kerker, Leih ihm selbst ein gnädig Ohr.

Gülnare (zum Kämmerer). Geh denn hin, und führ ihn vor.

Rustan. Halt!

(Dem Kämmerer den Weg vertretend.)

Gülnare. Ich sprach!

(Der Kämmerer geht ab.)

Rustan. Nun wohl, ich sehe, Was ein Bund mir schien der Kleinen, Und ein Anschlag in geheim, Ist ein offenkundig Bündnis Zwischen Hohen, zwischen Niedern, Gift von Schlangen und Insekten Auf des Leuen Untergang. Und auf nichts Geringres zielt man, Als den überläst'gen Vormund, Der mit seines Armes Walten Weiberhafter Launen Willkür Fern von diesem Reich gehalten, Einzuschüchtern, wenn nicht mehr.

Gülnare. Was es sei, es wird sich zeigen, Bringt man erst den Alten her.

Rustan. Eines nur hast du vergessen: Daß des weiten Landes Beste Meinem Arm ihr Heil vertraun. Meinem Rufe folgt dein Krieger, Und dein Höfling meinem Wort; Zutraunsvoll der stille Bürger Sieht nach mir, als seinem Hort. Ja, der Diener, den du sandtest, Jenen Alten zu befrein, Kehrt erfolglos von der Pforte, Läßt nicht mein Geheiß ihn ein. Denn des festen Turmes Wache Steht in meiner Fahnen Eid, Mit dem Kopf bezahlt der Schwache, Der ihn ohne mich befreit. Längst schon dieses Tags gewärtig, Sah ich so mich weise vor: Wer von Gnade lebt, ist zaghaft, Wer auf Dank zählt, ist ein Tor.

Gülnare. Wie nur allzu schnell enthüllst du, Was die Ahnung längst befürchtet. Vater, Vater! Welchem Schützer Gabst dein Liebstes du in Haft!

Rustan. Er wohl wußte, wem zu trauen: Nicht der blöden Scheu, der Kraft.

Karkhan. Fürstin, sei du nicht beklommen, Noch ist alles nicht verloren, Mancher Helfer bleibt dir noch. Meine Freunde stehn in Waffen, Und was lange still beschlossen, Frei und offen künd ich's nun. Während hier zu dir ich spreche, Sprechen sie zu deinem Volke, Schütteln ab das feige Joch. Und schon, dünkt mich, hat's begonnen, Denn der Helfer seiner Taten, Sieh, verschüchtert, stumm, beklommen, Wie nach schlecht vollbrachtem Auftrag, Kehrt er wieder, ist er da.

Zanga (ist mit allen Zeichen der Verwirrung eingetreten und hat sich in Rustans Nähe gestellt).

Karkhan. Und herauf die weiten Stiegen Dringt ein bunt verworrnes Rauschen, Wie von Tritten, wie von Stimmen. Ja, dein Volk führt deine Sache, Und es kam der Tag der Rache. Siehst du dort? Mein Ohm ist frei!

(Der alte Kaleb erscheint an der Türe. Bewaffnetes Geleite hinter ihm.)

Rustan (zu Zanga). Tor und Schurke!

Zanga. Herr, gar alt Ist der Spruch: vor Recht Gewalt.

(Der alte Kaleb ist eingetreten. Da er Rustan erblickt, will er wieder zurück.)

Gülnare. Bleib du nur und fürchte nichts. Ich bin hier zu deinem Beistand. Ja, man braucht dein einfach Zeugnis Über einen wicht'gen Punkt, Den noch Nebel dicht umwallen, Und nur dir bekannt von allen: Deut uns deines Königs Tod.

Rustan. Er ihn deuten? Raserei! Er, der selbst der Tat verdächtig, Überwiesen wohl sogar, Der in jener grausen Stunde Schuldig hieß in jedem Munde, Stellt sich jetzt, ein Kläger, dar?

Gülnare. Der Verdacht der ersten Stunde Ist darum nicht immer wahr. Wohl hab ich seitdem vernommen, Daß der König, als er hinging In den letzten, tiefen Schlaf, Diesen hier als Freund umfangen, Ihm vertraut die letzten Worte; Und er wußte, wer ihn traf.

(Der alte Kaleb ist auf die Knie gesunken, und streckt flehend die Hände empor.)

Rustan. Ha, vortrefflich ausgesonnen, Nur nicht auch so leicht vollbracht. Du vergißt, daß hier dein Zeuge, Daß er lautlos wie die Nacht, Und mit Blicken und mit Mienen, Die ihr schlau ihm beigebracht, Kann vor Kindern er bestehen, Nicht vor der Gesetze Macht.

Gülnare. Und du selber hast vergessen, Daß der Mensch in seiner Weisheit Längst ein Mittel ausgedacht, Zu verkörpern seine Laute, Festzuhalten, was gedacht. Dort ein Tisch, Papier und Feder, Mit zwei Zügen ist's vollbracht, Und ein ärmlich Blatt erhellet Des Geschehnen dunkle Nacht. Setzt ihn hin und laßt ihn schreiben, Ihn beschützet meine Macht.

(Der Alte ist von seinen Verwandten an das Tischchen rechts im Vorgrunde gesetzt worden. Man hat ihm Schreibgeräte gegeben.)

Rustan. Mag er schreiben, mag er lügen, Gleichviel wen, ob mich es trifft.

(Den Säbel in der Scheide emporhaltend.)

Meine Feder birgt die Scheide, Blut'ge Wunden meine Schrift. Geifre Wurm! ich geh, zu ordnen, Was unschädlich macht dein Gift.

(Er geht nach dem Hintergrunde zu, bleibt aber in der Mitte, halb gegen den Alten gewendet, erwartend stehen.)

Karkhan (zu dem Alten). Zittre nicht, sei nicht beklommen, Ist es doch schon halb vollbracht! Silben bilden sich und Worte.

(Lesend.)

"Eures Königs Mörder--"

Rustan (mit heftiger Bewegung, den Säbel halb aus der Scheide gezogen). Halt!

(Der Alte fährt erschreckt empor und hält sich zitternd am Tische fest, die Feder entsinkt seiner Hand und fällt auf der rechten Seite des Tisches zur Erde.)

Rustan. Ich verbiete, daß er schreibe!

Gülnare. Ich befehle, daß er's soll!

Rustan. Stellt ihn mir! Mir fest ins Auge Mag er schauen und vergehn! Oder ihr, die ihr so eifrig Seine Meuterkünste fördert. Ist hier Landes denn nicht Sitte, Daß in Fällen dunklen Rechts, Wo's an Licht fehlt und Beweisen, Beide Teile sich zum Zweikampf Stellen mit geschärften Eisen? Auf! Wer ficht für diesen Alten? Ich will Gegenpart ihm halten.

Gülnare. Nicht wer stärker, wer im Recht, Zeige Einsicht, statt Gefecht! Schreib du nur! Wo ist die Feder? Er verlor sie, bringt ihm neue.

Zanga (der während des Vorigen, in Absätzen sich von seinem Herrn entfernend, von rückwärts auf die rechte Seite des Vorgrundes gekommen ist). Neu ist gut, doch alt ist besser.

(Er hebt die am Boden liegende Feder auf.)

Hier die Feder!

(Rasch nach dem Eingange blickend.)

Doch wer naht?

(Die Blicke der Nächststehenden folgen den seinigen und wenden sich nach der Türe.)

Zanga. Alter, hier!

(Er reicht ihm die Feder mit der linken Hand. Während der Alte zögernd darnach greift, fährt Zanga mit der Rechten, in der er den Dolch verborgen hält, ihm entgegen und verwundet ihn.)

Doch sieh dich vor! (Der Alte sinkt mit einem unartikulierten Schmerzenslaut in den Stuhl zurück, die verwundete Rechte mit der Linken, später mit einem Tuche bedeckend.)

Gülnare (nach dem Alten blickend). Ha, was ist? Du bist verwundet?

(Zanga hat die Hand, in der er den Dolch hält, rasch auf den Rücken gelegt, und sucht den Hintergrund und die Seite zu gewinnen, wo sein Herr steht.)

Gülnare. Wo der Täter? Schließt die Türen!

Karkhan. Dieser war's! Seht ihr das Blut? Seht den Dolch in seinen Händen! Greift ihn!

Zanga. Herr, errett, beschütze!

Gülnare. Schütz ihn, ja, und hab's nicht Hehl! War die Tat doch dein Befehl!

Rustan. Mein Befehl? Der ich vor allen Wünschen muß, daß dieser Mann, Der allein den gift'gen Argwohn Mir vom Haupt entfernen kann, Daß er lebe, daß er fähig-- Mit der Hand, wenn stumm sein Mund Auszusagen, was ihm kund; Und ich sollt' ihn selbst verletzen, Selbst Unmöglichkeit mir setzen, Mich zu reinen hier zur Stund'? Hat ihn dieser hier verwundet, Steh dafür er selber ein; Wer des Zeugen Worte scheuet, Fühlt am mindesten sich rein. War denn er nicht auch zugegen, Als der alte Fürst erblich? Warum einen nur beschuld'gen, Teilt der Schein in viele sich? Hat sein Arm es nicht vollzogen, Tat's vielleicht sein Wort, sein Rat; Oh, es gibt der Arten viele, Zu begehen eine Tat! Und so kehr ich ihm den Rücken, Wende ab von ihm den Blick; Ist er schuldlos, sei's zum Glücke, Schuldig, hab ihn sein Geschick.

Zanga. Herr!

Rustan. Umsonst! Der Alte zeugte.

Zanga. Das mein Dank?

Rustan. Verräter, Dank? Warst nicht du's, der mich verleitet, Aus der Heimat mich gerissen, Mich umgarnt, umsponnen mich?

Zanga. Wohl! Nur eins dient dir zu wissen: Stumm der Alte, doch nicht ich! Sammelt euch! Ich will verkünden, Wie man Reich und Krone finden, Heben kann vom Staube sich.

Rustan. Zanga!

Zanga. Nun?

Rustan. Du wolltest--?

Zanga. Will!

Rustan. Du hast recht! und wir sind töricht, Uns dem dunkeln Werk der Lügen, Unsrer Feinde Trug zu fügen, Nun, da ihre List zerstört. Jener Zeuge, dem sie trauten, All ihr Treiben auf ihn bauten, Ihres Hoffens einzig Pfand, Stumm an Zunge, tot die Hand. Bleib bei mir, ich will dich schützen, Ewig sei der Treue Band! Fürstin, ist dir sonst ein Mittel, Muß zum letztenmal ich fragen, Zu beweisen deine Klagen? Noch ein Zeuge? Bring ihn her!

Gülnare. Niemand, nein, als Gott und er.

Rustan. Gott ist endlich über allen; Aber nicht nur, (was) begangen, Sieht das (Wie) auch, das (Warum.) Nein, dein Zeuge hier vor Menschen Zeuge jetzt zum letzten Male, Schweige dann auf immerdar!

(Er ist zum Tische getreten und hat den darauf liegenden Zettel ergriffen, sich damit vor den Alten hinstellend.)

"Eures Königs Mörder"--Wer? Warst du's selbst? Du wirst's nicht sagen. War es jener dort, dein Neffe? Er, ein Heuchler, und mein Feind? War's des Königs eigner Mundschenk? Oder sie, des Fürsten Tochter, Die, nach Reich und Krone lüstern, Vorgriff seinem trägen Ende? Nicht mit Winken und Gebärden, Deutlich zeug vor dem Gesetz!