Part 9
Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen, den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz und Herrlichkeit --
»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen, mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst, es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!«
Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.
»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen.
»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?«
»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.«
»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.«
»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.«
Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde, Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es, denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so sehr.«
Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da liebte ich sie.«
»Jetzt nicht mehr, aber --!«
Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein Wort zu sagen.
»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau.
»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --«
Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen an den Fingern ab.
Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken. Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.
»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie dachte nicht, daß Grau es hören könnte.
Grau erhob sich. Susanna erschrak.
»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist spät!«
»Sie müssen gehen?«
»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen, wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --«
»Kommen Sie bald wieder!«
»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!«
Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er.
»Ja!«
»Adieu, Fräulein Susanna!«
»Adieu, Herr Grau!«
Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu, Fräulein Susanna!«
Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja nicht, wie man das Gartentürchen öffne.
Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht --
Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte?
»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns gesagt!«
Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie frage, was er von ihrem Befinden halte.
»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --«
Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an.
Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen, dachte er.
Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen lief sie ins Haus zurück.
Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.
Vierzehntes Kapitel
»Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!« sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. »Nur um ihr einen einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut hergeben!« Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin, schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte. Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden hatte.
Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen, ein kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich gleichsam aneinander drängten.
Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfüllten ihn inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt hatte. Die Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht mehr und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee ächzte unter seinen Schritten. Und er dachte an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, die Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im Norden schliefen, die Bären in den Höhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Süden wird der Tauwind kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der Schläfer wird vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wälder sich schütteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur scheintot und selbst der Stein am Wege, er schläft nur.
Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein. Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflüstert? Es flüsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte. Und mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen in seinem Körper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm verschoben sich, änderten sich, er wußte es nicht, eine Stelle in seinem Körper mochte in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei, zu verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes Signalsystem war in Tätigkeit, er wußte es nicht. Die Blutwelle überschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte, leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch ungesehen, unbeachtet -- und er wußte von all dem nichts! Er sprach, lachte, ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche, während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte.
Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Kälte entgegenstürzte. Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne -- welches Licht, um des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier grüßte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie?
Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt, denken zu können und zu fühlen, daß er lebte.
Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er kehrt entsetzt um.
Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen konnten. Ein Tropfen Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, köstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie --?! Das Blut verrichtet seine Arbeit -- sein Schöpfer sagte: schaffe! und es gehorcht -- aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern und Rassen, wer weiß, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf, Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und übergab ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen, daß ihn zuweilen namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glück in ihm aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken, wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie köstlich schön!
Und doch -- das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.
Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten, durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.
Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: »Ja, ja!« Deine Seele sagte: »Tue dies, tue das!« Und du sagtest: »Ja, ja, ich gehorche!« Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: »Ich werde ihn gehen!«
Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte. Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir -- und du, du sprangst auf. »Ich bin ja allein!« sagtest du laut, aber du glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: »Wer ist hier?« Nein! Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!
Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das wir ahnen, uns offenbarte.
Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: er geht in der Luft.
Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.
Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja, worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. »Hast du mich heute wiedererkannt?« rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er zögerte -- aber dann folgte er ihr.
Fünfzehntes Kapitel
Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen Leute, einerlei.
Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann wollte er weiter sehen.
Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern. Susanna besuchte er, so oft er frei war.
Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen zu sein.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat, dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm, so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu; zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst. Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.
Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch wunderliche Dinge auf dieser Erde!
Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken nach Hause.
Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.
Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken, was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser geglückt.
Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.
Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an, ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.
Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt. Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm. Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete am Himmel.
Nun wollte er zu Susanna gehen.
Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern. Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es mit seiner Freude nichts geworden.
Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es, als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er Feuer.
Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines, wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu. Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.
Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte.
Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist. Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein, nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt, oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen, oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir? Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch, Ekstase.
Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken, was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.
Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte, trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier gab, rochen nicht.
»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme.
Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.
Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.
»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein wenig geöffneten Lippen.
Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum Eise, Fräulein von Hennenbach?«