Der Tor: Roman

Part 8

Chapter 84,064 wordsPublic domain

»Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht wahr?«

Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es,« sagte sie. »Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.«

»Welch ein Glück!«

»Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen. Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden sein.«

»Von selbst?« Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau schüttelte den Kopf.

»Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --«

»Der Sohn?« unterbrach sie Grau.

»Ja,« erwiderte Susanna ein wenig überrascht. »Kennen Sie ihn?«

»Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,« antwortete Grau. »Was ist das für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.«

»Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig -- ein wenig --«

Grau lächelte. »Nun?«

Mütterchen in der Ecke sagte: »Er ist ein Leichtfuß!«

Susanna lachte leise: »Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen! Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.«

Susanna blickte Grau lange an. »Denken Sie, wie böse die Menschen sein können! Sie wissen, was ich meine!« Susanna ballte die Fäuste.

»Ja,« sagte Grau; »es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von selbst entstanden ist,« fügte er hinzu, »durch Wolle, Späne oder irgend etwas.«

Susanna lächelte. »Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.«

»Das war allerdings Glück im Unglück!« sagte Grau.

»Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,« fuhr Susanna fort. »Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre. Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es als ob sie aus einer andern Welt sei.«

Grau blickte Susanna an. »Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?«

»Wie?«

»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen Lächeln.

»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt.

»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte das nicht möglich sein?«

»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie.

Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte er.

Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte auf den Feldern.

»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise und wandte sich langsam der Küchentüre zu.

»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er hatte noch immer ein Einsehen.«

»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --«

»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen, aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt, beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören. Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.«

»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit jemand zu sprechen.«

»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?«

»Ja. Weshalb?«

Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?«

»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war noch nie dort.«

»So, so. Er lebt also immer hier?«

»Ja, ja. Ich verstehe nicht --«

»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun, bitte, Fräulein Lenz!«

Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!«

»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran.

Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei mir gesehen -- ja, sechs waren es.«

»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?«

»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --«

»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau.

»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen, daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.«

»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!«

»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.«

»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte.

Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch, wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?«

Grau lachte. »Ja,« sagte er.

Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche. Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen Sie, was dann geschieht?«

»Dann träumen Sie!«

»Ja, dann träume ich.«

»Was träumen Sie denn?«

Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu müde dazu war, so träumte sie Musik.

»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die Reihe an Ihnen.«

Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber Grau verstand es, ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein -- aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie müssen es sich eben ausmalen.«

Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper erbeben.

»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts. »Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.«

»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht und singt.«

»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?«

»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln hüpfen.«

Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.

»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!«

Susanna lachte leise und errötete.

»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?«

Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es sang.

»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren. Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt ein Piano haben!«

Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!«

»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --«

Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?

Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben -- ich --«

Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --«

Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.«

Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen. »Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse neben Grau.

»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen, du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.«

»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.

»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf.

»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.«

Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!« Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.

Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer umher.

Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --«

»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.

»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus, Klatschbase.«

»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.«

Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling kommt.«

Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.

»Nun?«

»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?«

Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann noch so mißmutig sein.«

Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an, einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.«

Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!«

Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf Susanna.

»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses, faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im Anzuge ist --«

Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter, sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben, und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.