Der Tor: Roman

Part 7

Chapter 73,963 wordsPublic domain

»Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,« sagte Grau und blickte umher. »Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!«

»Löwenherz?«

Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.

Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß.

Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen. Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. »Es ist der Lehrer!« rief er aus. »Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr. Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall -- Löwenherz!«

Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. »Ah, Susannas Vater!« sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: »Ach ja, Susannas Vater!«

»Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,« sagte Grau.

»Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.«

Sie gingen zusammen und schwiegen. »Ein schöner Tag!« sagte Grau nach einer Weile. »Ja!« antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein. Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können.

Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen. Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein Siechenhaus, wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit scharfen Augen wahrnehmen konnte.

Dieses Haus sei es!

Grau nahm den Hut ab. »Ich danke, meine Damen!« sagte er und verneigte sich vor den drei jungen Mädchen. »Bitte, bitte!«

Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: »Wie schön Sie neulich gesprochen haben!« Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.

Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und leuchtend auf Grau.

Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung.

»Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!« riefen die Mädchen.

»Morgen kommen wir!« setzten die Schwestern hinzu.

Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein Träumender.

Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide -- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwürdig ist das Leben!

Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren Gründen außerordentlich für ihn interessierte.

Zwölftes Kapitel

Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch als Grau einmal im Felde ausglitt.

Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen verlassen.

»Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?« begann er und lüftete den spitzen Hut. »Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen. Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld zusetzen, du große Güte!«

»Kennen Sie Herrn Lenz?« fragte Grau.

»Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der Stadt nicht blicken lassen.«

»Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?«

Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte ihn in Brand. »Er hat den Stadtverweis, mein Herr!« sagte er vergnügt lächelnd und paffte. »Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter, niemand darf die Stadt betreten.«

»Ja, was hat er denn Schreckliches getan?« fragte Grau und blieb stehen.

Der junge Mann lachte meckernd. »Er hat,« sagte er flüsternd und kicherte -- »er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.«

»Warum wurde er denn entlassen?«

»Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!«

»Deshalb also wurde er entlassen?«

»Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters, deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule, nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie, das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging nicht!«

»Er ging nicht?«

»Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er, ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja, tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch -- vor all den Schreibern --«

Der junge Mann lachte und hustete.

»Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mußte dann sitzen, lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen, alles, alles -- hähähä -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn antreffen.«

Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu pochen.

»Sie hat keine Pension?« fragte er. »Die Frau?«

»Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?«

»Hm. Sie hat auch kein Vermögen?«

»Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen --!«

»Sie ist also arm,« sagte Grau leise zu sich selbst. »Wie sagten Sie? Sie glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?« fügte er hinzu und blickte den Mann mit dem Spitzbart an.

Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. »Nein,« sagte er verwirrt, »ich glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er ist sehr amüsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat! Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze Nacht hindurch vorgespielt.«

»Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?« fragte Grau lächelnd.

»Warum?«

»Nun, ich meine nur!« sagte Grau und lächelte.

»Ja, ich liebe es!« antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein wenig und blinzelte. »Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu lachen anfängt --«

»Zu lachen?«

»Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen -- dann wird er gefährlich -- hier sind wir!« Er öffnete das Gartentürchen und ließ Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen, auch das Haus lag ohne jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens strich, schien ein besonderer Wind zu sein.

Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und standen einander gegenüber.

Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen. Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte. Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich.

Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit, Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.

Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte mit kaum hörbarer Stimme: »Eisenhut!«

Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff.

Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: »Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme blinzelte.

Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen.

Dreizehntes Kapitel

»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!«

Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie versuchte zu lächeln.

»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut scherzt. Ich komme lediglich --«

Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst, Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.«

Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu lächeln.

»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus und ging hinein ins Haus.

Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.

»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.

»Könnte ich nicht auf ihn warten?«

»Warten?«

»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.«

»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung auf einzutreten.

»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!«

Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?«

»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber Grau erlaubte es nicht.

»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel, während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien. »Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen -- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.

»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.«

»Er war es auch?«

»Ja.«

»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben Sie die andere gesehen?«

»Fräulein von Hennenbach?«

»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?« Sie lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?«

»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!«

Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er.

»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, auch er!«

»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen, argwöhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können, Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt -- Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.«

Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder auf Grau.

»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es ist noch etwas anderes.«

»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.«

Ja, ob er das gefunden habe?

»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein. Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß -- Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --«

»Ich habe die Brandstätte gesehen.«

»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?«

»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!«

»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.«

»Wann war denn der Brand?« fragte Grau.

»Mütterchen, wann war es wohl?«

Mütterchen sagte: »Mitte August!«