Der Tor: Roman

Part 6

Chapter 63,916 wordsPublic domain

Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in der Hand durch sein Haus streichen.

»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau.

»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.«

»Unmöglich!«

»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün und blau werden.«

»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?«

»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn nicht. Sie ging aus seinem Hause.«

Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?

»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich.

»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen sich: >Der goldene Zirkel<.«

»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?«

»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.«

»Tut er das?«

»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben nur gelacht und nie etwas bezahlt!«

»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?«

»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger, ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß, Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --«

»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist Junggesellen?«

»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --«

Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er.

»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort, »dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.«

Grau lächelte.

»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!« Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch herausgeben.«

»Was für ein Notizbuch?«

»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir fünf Mark verdienen will.«

»Sie haben aber abgelehnt?«

»Ja.«

»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte lächelnd.

Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.

»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.«

»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?«

»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte.

Grau sah ihn an.

Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen, nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?«

»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.«

»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?«

»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.«

»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?«

»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so klein ist.«

»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu seiner Mutter?«

»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.«

»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das Andenken an Fräulein Sammet hoch!«

Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --«

Nun wurde es Abend.

Zehntes Kapitel

Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.

Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit trotzdem.

Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube. Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach Vollendung gehaucht ist.

Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen -- Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?

Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der Habgierige, auf den es Gold herabregnet?

Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen.

Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schön das zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen, die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen? Es ist schön daran zu denken, es macht reich.

Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der Gedanke allein macht schwindlig.

Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan?

Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes, nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen.

Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken kann --

Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege dort auf dem Buche.

Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte es das sein?

Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht und hört nicht mein kleiner Finger?

Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für mich, niemand schadet das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern Leute zu vernehmen.

Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug!

Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle, und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit.

Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen, Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit, Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank!

Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht, daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, sich Mühe gäbe ihn zu verstehen.

Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm sagt, und so rasch die Laune verliert?

Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man die Gutmütigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich?

Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben.

Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu empfinden -- oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken offenbart?

Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen?

Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen Füße sogar nachdachten, sah ihm zu.

Elftes Kapitel

Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.

Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt, das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken, ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.

Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, die langsam und schwer von den Dächern fielen.

Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein, frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?

Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten, und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging, starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.

Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.

Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.

Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive, nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt, auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, Schwefelgelb.

Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen Sätzen.

Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer, freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar, das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde.

Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet, späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und lachte.

Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.

»Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?« wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent.

»Adele!« sagten die Schwestern leise und lächelten.

Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. »Jä,« sagte er, »ich habe diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört -- am andern Tag -- aber ich kann schwören --«

»Schwören Sie besser nicht!« fuhr das Mädchen fort. »Wie leicht hätten Sie im Schnee erfrieren können.«

»Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!«

»Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.«

»Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.«

»Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie verwahrlost sind.«

Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. »Wie geistreich!« sagte er und lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern anfaßte und in die Höhe hob. »Wie geistreich!« meckerte er. »Wie geistreich!«

»Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!« sagte kühl das junge Mädchen und wandte sich den Freundinnen zu.

Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: »Lassen Sie sich's gesagt sein,« sagte sie, »daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark dabei verloren.«

»Was hat er verloren?«

»Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.«

Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. »Aber es ist ja keine Silbe wahr von all dem, was Sie da sagen!« rief er. »Keine Silbe, nicht eine einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!«

»Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken, mein Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun. Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht wahr?«

Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen Blick zu, aber dann lachte er wieder. »Was Sie nicht sagen?« rief er aus. »Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte es von Monte Carlo mit.«

Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: »Er war ja nie in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!«

»Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie? Also lügt er?«

»Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!«

Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte.

»Herr von Hennenbach lügt nicht!« rief er aus. »Herr von Hennenbach machen sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg -- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!«

Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und rasselte mit den Schlittschuhen.

»Aber, nein!« sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte in scharfem Tone hinzu: »Was denken Sie doch --?«

Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: »Alle Welt macht sich über mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!« Er meckerte, aber er schien zornig zu sein.

»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« sagte eine der Schwestern.

Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: »Tun Sie doch, was Sie nicht lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in Ruhe!«

Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen --

Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker, niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern -- ein alter Wartturm -- aber von einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof?

Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: »Suchen der Herr etwas?«

Grau zog den Hut. »Ja, ich suche ein Haus,« sagte er.

»Hier sind keine Häuser,« sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.