Der Tor: Roman

Part 5

Chapter 53,881 wordsPublic domain

Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. »Es ist doch höchst einerlei,« sagte er vor sich hin, »wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.« Er schüttelte den Kopf und stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine Handwerksleute.

Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.

»Ach,« ging es ihm durch den Kopf, »jetzt erinnere ich mich! Ich habe dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren abgeschlagen. Aber wo, wo denn?«

Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.

Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen Beinen.

Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm. Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe.

Sie nickte und fragte: »Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Sie sprach höflich aber kühl.

Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus. Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.

»Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?« wiederholte das Mädchen.

Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde.

Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.

Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.

»In welche Stadt bin ich doch da geraten!« flüsterte er. »Zuerst diese Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.«

Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen.

Achtes Kapitel

Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf.

Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit, empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.

Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen, erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit Vergnügen!

Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus allen lebenden und toten Sprachen gespickt.

Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.

Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich, reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr, sehr schade, daß sie so traurig enden mußte.

»Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?«

Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich -- kein Mensch könne sich vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. »Ja, so sagen die Leute, der Bursche aber leugnet es.«

»Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?«

»Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre -- Margarete klagte oft darüber -- er belagerte das Haus, so daß ich meinen Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.«

»In den letzten Monaten wartete er?«

»Ja, sogar in den letzten Wochen.«

Grau versank in Nachdenken. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er. Er dachte nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich leise räusperte.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »darf ich noch fragen, wie lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?«

»Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.«

»Und vorher?«

»Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!«

Grau erhob sich. »Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!« Er verbeugte sich. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige Aufklärung.« Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte: »Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen des Mädchens?«

Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.

»Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich nicht?«

»Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.«

»Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,« sagte Grau. »Danke.«

Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging geradeswegs ins Waisenhaus.

Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden.

»Kann ich das Kind sehen?« fragte er.

»Oh, recht gern können Sie das,« lispelten die Schwestern und er sah das Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. »Es kann ein schönes Kind werden,« sagte er, »was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche ich mich?«

Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei brustleidend.

»Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im Hause, der das Kind stillen könnte?« fragte Grau.

Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. »O nein,« flüsterten sie.

Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst davon. »Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,« sagte er zu sich und lachte in sich hinein.

Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen, die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft.

Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.

Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht. Endlich sagte der Alte mit der Quaste: »Wir sind ja katholisch, mein Herr, das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.«

Grau lachte. »Aber, du gütiger Himmel.«

Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: »Das wäre es ja nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt überall -- und wir wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen lassen.«

»Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?«

Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte pfiffig.

»Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.«

Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen.

»Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der gewann das große Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete« -- nein, vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse sich des Kindes unbedingt annehmen.

Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: »Nein!«

Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude, es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder behutsam ein.

Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie, einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen.

Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so gesund, so blühend --

Die beiden Alten kicherten und glucksten.

Plötzlich sagte Grau: »Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes, verwaistes Kindchen, nicht wahr?«

Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie konnten nicht -- sie sagten: »Ja.«

Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.

»Da fällt mir noch etwas ein,« sagte Grau, »könnten Sie nicht im Frühling Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?«

»Wie?«

Neuntes Kapitel

Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen, die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte.

Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr Grau ihr helfen.

Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!« Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund. Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt. Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im geheimen geschehen.«

Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma, eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke, die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf den Porzellankopf gemalt.

Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe. Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen. Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.

Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn ausgestoßen.

Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?«

»Ja.«

»Wann hat es geendet?«

»Vorige Weihnachten.«

»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand hin.

Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau unterbrach ihn.

»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!«

Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar, der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.

»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich Grau an den Burschen.

»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft, aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.«

»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, was sagen Sie dazu?«

Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen ihnen sein könne.

»Was hat sie darauf geantwortet?«

»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.«

»Hat sie wirklich bald gesagt?«

»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.«

»Und das nächste Mal, sagte sie es da?«

Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.«

»Sie verstanden sie nicht mehr?«

»Nein.«

»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte. »Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem, was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?«

»Ja!«

Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie das Gedächtnis der Toten hoch!«

Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft und sah fast erstarrt zu Grau empor.

Grau lächelte unmerklich.

»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun, haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!«

Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen, wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß. Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen. Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging -- er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu verteidigen!«

Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.

Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut. Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo hat Fräulein Sammet zuerst gedient?«

»Bei einem Wirt in Weinberg.«

Grau stellte einige Fragen. »Und hierauf?«

»Bei Herrn Eisenhut.«

»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.«