Part 3
Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: »Wollen Sie Bier?« Es hörte sich wie Gebell an.
Grau nahm den Hut ab. »Nein,« sagte er, »ich will ein Zimmer -- ein einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.«
»Äh!« bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum Fenster heraus. »Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?«
Grau lächelte. »Natürlich kann ich lesen,« sagte er, »entschuldigen Sie nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe --«
»Jajajaja!« Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau gefroren aussah.
»Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!«
Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über den Schädel.
»Hö!« schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich die Hände, als wasche er sie.
»Was befehlen der Herr?« fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner Rocktasche zirpte die Spieldose.
Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. »Sind Sie der Kellner?« fragte er, indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu sein.
Die blonde Frau lachte kichernd. »Aber, Herr Baron!« rief sie mit einer Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.
»Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!« sagte der junge Mann, den die Frau Baron nannte und lachte. »Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?«
Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.
»Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun nicht kurzsichtig wären, so wäre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie, natürlich, haha -- natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester antreten -- sofort --«
Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich, diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem war es fein und regelmäßig, ja sanft.
»Hören Sie das Orchester? Behüt' dich Gott -- Onkel!« schrie er den Wirt mit dem kleinen Kopf an. »Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im Keller -- schwarz muß er sein -- sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel, Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst ergrauter Floh --«
»Herr von Hennenbach, Herr Baron!« rief die blonde Frau im Erker und kicherte in die Hände.
Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. »Was wünschen der Herr? Abendbrot?«
»Ja, eine Kleinigkeit.«
»Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --«
Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen. »Der Herr können auch Taube haben, Huhn --«
Grau machte ein hilfloses Gesicht. »Nein, danke,« sagte er, »ich bin nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas Wurst und Bier?«
Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.
Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. »Sie sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!« kicherte sie.
»Ruhe, Tante, Ruhe!« sagte der junge Mann rauh. »Ich trinke die ganze Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß mich betäuben --«
Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. »Darf ich den Herrn zu einer Partie Billard einladen?«
»Danke.«
»Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.«
»Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.« Grau sprach sanft und höflich.
Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? »Sie waren wohl nie Student? Kann ich mir denken.«
»Doch, mein Herr!«
»Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?«
»Ich habe Stunden gegeben.«
»Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es. Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --«
Grau lächelte. »Entschuldigen Sie --«
»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.«
»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.«
»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen -- ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?«
»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton der Stimme.
»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?«
»Nein.«
»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?«
»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig.
Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?«
Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.
Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die Lider zusammen und lachte.
»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker.
»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?«
»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust. Ich bin zu müde, danke!«
Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen, aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit. Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen und drehte sich um.
Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das Hexengäßchen, bitte?« fragte er.
»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im Hexengäßchen?«
»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.«
»Armenhaus? Armenhaus?«
»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch da, nicht wahr?«
Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur Beerdigung?«
»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg beschrieb.
»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.
Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!
Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.
Fünftes Kapitel
Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit sich selbst zu sprechen.
»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn herausfinden, bei Gott, das werde ich!«
Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.
Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben bezahlt. Genug, genug!
Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.
Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.
Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.
»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort, wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!«
Er befreite sich von diesem Gedanken.
Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.
Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.
Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden --
Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt, was hilft es doch?
Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?
Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.
Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.
»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm -- viel zu arm!«
Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe --
Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.
Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.
Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen Wirtshauses zeichnete.
Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete wieder. Er atmete tief und befreit.
»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.
»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!«
Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm, vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu.
Sechstes Kapitel
Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land, Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete.
Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.
Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.
Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich, sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.
Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und bissen in die Taschentücher.
Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
»Er hat es befohlen, der Neue!«
Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.
Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.
Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war.
Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand her.
Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie sehr man sie geliebt habe.
»Sie war jung und frisch und voll von Leben,« sagte er, »ihr habt sie gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb den schwersten Tod, den es gibt.«