Part 27
Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?
In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie mit einer Geliebten.
Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet, aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden Silberwellen.
Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er lange nichts andres denken konnte.
Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und lächelnd und voller Liebe.
»Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,« dachte er, »und sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!«
»Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.«
»Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.«
»Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der Hader und Zank endigte.«
»Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!«
Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit der Hand und sagte: »Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!«
Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete.
Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!
Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen. Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die Erde beugte?
Gott?
Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen, verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang, seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.
War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein Hund, der die Spur des Herrn sucht.
Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der Blume?
Ist er in den Sternen, im Licht?
Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in Millionen Jahren einen Blick auf sie.
Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht?
Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.
Wir können ihn ja nicht mehr denken -- aber wäre er nicht weniger groß, wenn wir ihn denken könnten?
Er ist eine Sehnsucht!
Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken?
Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein Gesicht.
Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen, beten, das ist alles, es gibt nichts andres.
Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war.
»Vergebung!« sagte er. Der Wald rauschte.
Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. »Goldener Gott!« flüsterte Grau. »Auch hierher folgst du mir?« Er schloß die Augen -- da fühlte er den Duft des Waldes. »Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein Menschenherz.« Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen, fürchterlich schlug es. »Auch hierher folgst du mir!«
Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. -- Er kniete nieder und beugte das Haupt. --
Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz blaß und erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden.
Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher gefühlt.
»Komm, Adele!« rief er. »Ich bin bereit! Komm!«
Vierzehntes Kapitel
Am andern Tage kam Adele zu Grau.
»Ich komme um mit dir zu sprechen,« begann sie hastig und streifte Grau mit einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so daß ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit großen weißen Federn geschmückt war, verschwand.
»Höre mich an, liebster Freund,« fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und wandte Grau den Blick zu, »ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich nicht, laß mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du lieber Freund, viele Nächte -- ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz unmöglich. Mama fühlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es herausgebracht haben, das weiß ich nicht. Auch der Baron wußte es, an seinen Blicken konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht die kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung -- ich konnte ja nicht gut wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch stets bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter. Du sollst alles hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war schön, als wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde diese Nacht nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, über die Ehe und über alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen! Ich liebe das! Ich liebe dich auch, glaube nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau gabst, da lachte ich, ich fühlte mich so frei. Ja, da war ich glücklich, in diesem Augenblick! -- Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst. Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schön, sie sind so schön, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt, du habest eine solch eigentümliche Macht über die Menschen. Eine Dame hier batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte nicht anders. Es war dein Blick, sagte sie.«
»Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.«
»Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören.
Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich, es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja, wie hast du mich doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst mich, gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde, wer sollte das wissen können. Ob unsere Liebe immer so groß und schön bliebe? Vielleicht würden wir nie wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist nicht möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist sie vorbei. Ich weiß auch nicht, ob ich dich immer so lieben würde. Ich weiß nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr, ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.«
Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: »Ich wollte mit dir fliehen, nur weit fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nächsten Abend, da konnte ich nicht fort, weil ich mich bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es kam mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann dachte ich, ob ich das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen Welt zu leben, immer diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist, dachte ich. Es zog mich zu dir. Du hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte ja so sein, das wäre das Leben -- aber ich bin ja nicht dafür geschaffen. Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte für mich. Ich muß es sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.«
»Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert, ich habe gesagt, er ist beschränkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und vielleicht sind sie nicht so schön und groß wie die deinigen, er ist auch nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.«
Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsäumten Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts Kirschbäumen lärmten die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lächelte schmerzlich. »Ich habe meinen Entschluß gefaßt,« fuhr sie leise fort, »er ist nicht mehr zu ändern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich bist. Du bist zu gut und fein. Du würdest mich nie zu etwas zwingen und ich würde nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber du solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben könnte! Verzeihe mir, es ist ja so schwer für mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre schön mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt, aber du bist doch nicht der Rechte.«
»So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich, ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern, die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht. Aber trotzdem bist du nicht der Rechte -- auch der Baron nicht. Aber es muß ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja unmöglich.«
»Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören. Aber das geht ja nicht. -- Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich, mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit. Und ich, auch ich koste Geld -- so töricht ist das Leben, alles, alles kostet Geld -- und die Bäder, die Mama aufsuchen soll -- es kann ja nicht sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.«
»Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen -- beinahe hätte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan, drei Tage schrieb ich daran -- aber dann habe ich so große Sehnsucht gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht, als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen Susanna gewesen!«
Adeles Lippen bebten. »Lebe wohl!« sagte sie.
»Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und mich vor ihm demütigte und ihn streichelte -- wie ein Tropfen auf einen heißen Stein war es ja -- es hat auch nichts geholfen, daß das Haus abbrannte -- es mußte ja brennen! -- es mußte ja brennen! -- auch das hat nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich! Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken -- aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich, sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!«
Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund.
»Lebe wohl, Adele!«
Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und winkte. Sie war gegangen.
Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich.
Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.
Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen kam, saß er immer noch auf dem Stuhl und sein Gesicht staunte.
Fünfzehntes Kapitel
Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt in einem großen, schrecklichen Staunen.
Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele. »Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!« sagte Marie Sinding, die ein wenig mit der Zunge anstieß.
»Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!«
»Nein, nein!« Die Schwestern lachten.
Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: »Was wird der Tennisklub als Hochzeitsgeschenk geben?«
Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten, er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens nicht aus seinem Gesichte.
Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle Speisereste unter den Schrank für die Maus. »Eine Maus findet ja immer etwas,« murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her, »sie ist auch klein und ißt nicht viel.«
Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: »Ja!« und ging.
Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und glühte seine Stirn.
Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs Zimmer geht.
Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf.
Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern. Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel, immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende -- Schönheit, Adel --
»Es ist ja alles gut, alles gut!« sagte Grau und lachte. Er war nicht imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.
So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in Lumpen gehüllt. »Wohin geht die Reise?« fragte Grau und gab ihm die Hand und lachte. »In die Stadt,« antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein Hemd an hatte, »ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?«
Grau lächelte. »Er ist abgereist, heute!« sagte er. »Aber was schadet es? Nehmen Sie, nehmen Sie!« Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein Taschentuch, sein Messer. »Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!« Er zog seinen Rock aus und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.
Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.
»Guten Tag, Mütterchen!« rief er aus. »Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da bin ich nun, siehst du?«
Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. »Du gehst? Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!«
»Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser -- Er wartet auf mich. Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß wurde wieder aufgenommen -- Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn betrunken --«
»Ja, was ist dir denn?« sagte Mütterchen erschrocken.
»Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht lästig fallen --«
»Warte!« stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig aus, es dauerte einige Wochen.
Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des Staunens in sein Gesicht zurück.
»Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!« flüsterte er. »Verzeihe!«
Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft.
Häufig versuchte er aufzustehen; »Ich muß ja fort!« sagte er. »Mein Gott, es gibt ja so viel zu tun!« Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.
Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte im Regen. Der Herbst kam.
Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und einen kurzen.
»Hier,« sagte er, »Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu, Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.«
Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: »Die Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut, auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich, im kleinen nur --«
»Still, still!« sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn.
Grau schloß sofort die Augen. »Mein Bruder!« flüsterte er und drückte Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: »Eisenhut, deine Mutter?« Er schwieg lange, dann fügte er hinzu: »Da ging ich ein und aus in diesem Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr geschwächter Geist, man kann ihn stärken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich es mir, Eisenhut!« Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lächelnd ins Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.
Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in den Sand.