Part 26
Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. »Sie sollen nicht vor mir fliehen,« flüsterte er, »denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.«
Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren Augen begann es zu leuchten.
»Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen. Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht. Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen, seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie, wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf, Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum -- ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen das Gefühl angekämpft, nein, ich habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen, wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.«
Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe, Scheu.
Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach.
»Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin- und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --«
Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die Augen und schwankte.
»Was ist Ihnen?« fragte Adele.
Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete tief auf.
»Verzeihung,« sagte er, »es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, daß Sie zuhörten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie glücklich.«
Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen.
»Nein, nein!« flüsterte sie. »Ich werde nicht reisen, nein, nein.«
Elftes Kapitel
Grau ging mit Adele durch den stillen Wald.
»Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja nichts,« sagte er und küßte ihre Hand.
»Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom der Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter Funke, im Guten ein Feuer.«
»Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit. Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das Ganze und der kleinste Teil.«
»Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag, deine Nacht meine Nacht,« flüsterte er und küßte ihr die Hand. »Warte.« Er bückte sich.
»Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!«
Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.
»Ja, laß uns leben!« rief sie aus. »Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe mit mir, ich will dein sein!«
* * * * *
Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.
»Es ist zuviel,« flüsterte er, »es ist zuviel!«
Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er lauschte.
Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!
Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.
Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.
Zwölftes Kapitel
Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein seiner Augen.
Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen ihm zuzulächeln.
Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe. Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden!
Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. »Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!«
War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen und lud sich eigenmächtig bei der »ewigen Braut« zum Kaffee ein. Er traf es günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu.
Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein Ende nehmen?
Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors Gesicht und lachte und weinte.
Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde zwitscherten --
Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten. Aber Grau erhielt ein Billet. »Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!« stand darin, sonst nichts.
Gewiß, er wartete!
* * * * *
»Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,« sprach Grau zu seinem Herzen. »Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal. Jubele!«
Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.
»Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.«
Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.
Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte: Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und wandern, schauen und fühlen.
Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder sorgfältig ein.
»Ich darf ja nicht daran denken,« sagte er und lachte und schüttelte den Kopf. »Es ist ja zuviel!«
Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert, jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein als die Vögel im Walde?
Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.
Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.
Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, bis die erste Grille zu zirpen begann.
Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf, groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und jetzt kam die Nacht.
In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben. Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging auf.
Die Sommernacht funkelte.
Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest, vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben.
Es rauschte! War sie es, die kam?
Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser.
Und er lächelte.
Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?
Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere, alles, alles atmet.
Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der großen schwingenden Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so schwingt das Blut in den Adern der Menschen.
Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges großes pochendes Herz!
Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das zu denken!
Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.
Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den dünnen Läufen bewegte.
Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer.
Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied!
* * * * *
Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und unendlich wie ein goldenes sanftes Meer.
Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft; da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen, geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein Denker, einerlei -- er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle, alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem Pferde, der Luft und den Sternen.
»Weiter, weiter! Gehen und wandern!«
Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.
Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er, dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen, seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz, seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant, schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder sind.
Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.
Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und wächst und wächst! --
Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen.
Er sprang auf. »Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind gekommen.«
Dreizehntes Kapitel
Grau erhielt einen Brief von Adele. »Warte! Mama ist besser, ich will mich ihr anvertrauen. Habe Geduld!« Er traf die Schwestern Sinding auf der Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele zu sprechen.
»Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,« sagten die Schwestern. »Sie soll ja in den allernächsten Tagen reisen.«
»So?«
Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten.
Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.
Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre, wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es durfte.
Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet. Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein, unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das.
Wie aber waren Graus Nächte?
Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte. Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.
Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn, Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran. Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst du es?
Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit zu sein.
Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. --
Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich, er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.