Part 24
Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier blieb er lange stehen.
Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe! sagte er und ging langsam nach Hause.
Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel! Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie Feuer vor seinen Augen.
Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer aufhörte zu bluten.
Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein Versprechen brach.
Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl.
Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. Selbst die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging.
All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das Haus verlassen.
Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. »Es wird Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,« sagte sie. »Huste nicht so viel, Susanna, es schadet dir ja.«
Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen. Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war.
Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine Bevormundung zu beschämen.
Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen und war imstande ihn mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst dehnte er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen, anders sprechen, den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Müdigkeit verraten oder unordentlich gekleidet sein.
Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den Steinbrüchen hatte seine Gesundheit gestärkt und schon das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn den Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam Freude an Tätigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast kindisch, wenn sie in den Bildwerken blätterten und Grau erklärte.
An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er für wohltätige Zwecke nach Gutdünken verwenden konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar. Denn mit zwanzig Mark -- wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er in eine Familie kam, wo es am Nötigsten fehlte und sprach und sprach und fünf Mark auf dem Tischrande liegen ließ!
Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe erzogen zu haben.
Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich um. Es war noch der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken. Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank, verwahrloste und mied Grau. Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu seiner Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. --
Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn von Hennenbach.
Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum Marktplatz hinabführten. Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau grüßte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie so.
»Bitte?« sagte Herr von Hennenbach und lächelte.
Grau sah ihn an.
»Sie verstehen mich nicht?« flüsterte er.
Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
»Nein, Pardon -- ich verstehe nicht, wirklich --«
Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. »Ich will Ihnen noch einige Tage Zeit lassen!« flüsterte er. »Aber nicht mehr viele!«
»Bitte? Ich kann nicht verstehen?« stammelte Herr von Hennenbach -- aber Grau war schon gegangen. --
Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor, als ob er im Kreise von Geschwistern weile.
Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme, ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße.
Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht, Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist -- er ist ein Kind des großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu.
Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste, Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum -- eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen, zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile.
Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte, sang --
Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die Arbeit ging vorwärts, Ungeduld und Jubel erfüllten ihn. Diese >Reden<! Denn bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den Tausenden, Tausenden!
Neuntes Kapitel
An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich.
Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft gingen von ihrem leichten Kleide aus.
Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
»Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?« sagte sie. »Sie schrieben gerade.« Sie sah ihn mit klaren Augen an.
»Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu nehmen. Sie befinden sich wohl?«
»Wie immer, danke!« Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum Fenster hinaus. »Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu sehen!« sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte.
Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um Gottes Haupt wogt.
Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
Adele lächelte fein. »Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?«
»Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.«
Pause. Adele sah ihn an. »Sie kommen mir verändert vor,« sagte sie und schüttelte den Kopf. »Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!«
»Nein, ich fühle mich wohl,« antwortete Grau und dankte.
Adele blickte ihn prüfend an. »Sie sehen leidend aus,« setzte sie hinzu, dann sprach sie von andern Dingen.
Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den kleinsten Gedanken in seinem Kopfe.
»Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!« sagte Adele, aber sie brach plötzlich ab und lachte leise. »Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine Maus!« rief sie aus.
»Es ist eine zahme Maus,« sagte Grau und raffte sich auf. »Das heißt alle Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.«
Adele lachte und sah Grau erstaunt an. »Mit einer Maus leben Sie?« sagte sie.
»Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?« fragte er lächelnd.
Adele lächelte leicht. »Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?« forschte sie. »Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.«
»Ja,« erwiderte Grau, »aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie klug diese Maus ist?«
»Ja!«
»Nun, sofort!« Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut aus. »Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.«
Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen, die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar als der Schwanz verschwand.
»Sie hat einen Versuch gemacht,« sagte Grau, »ob sie sicher sein könne. Nun aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!« Er war plötzlich gesprächig geworden.
Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm.
»Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie das beobachtet?« erklärte Grau. »So klug ist sie.« Er erzählte noch einige Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.
Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat es nicht.
Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
»Ich habe einen Brief für Sie,« sagte sie leise, »er ist von Susanna.«
»Von Susanna?« Er begriff es nicht. Er starrte Adele an.
»Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben -- wann war es doch? -- in der Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich Susanna sozusagen daran erinnert.«
Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt inne und sagte nach einer Weile: »Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?«
Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
»Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,« sagte Adele. »Es ist also nicht zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und plötzlich sagte sie etwas von einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief aus dem Hause zu schaffen.«
Grau sah Adele an.
Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: »Ich wollte Ruhe haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.«
Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau.
An der Türe sagte Grau: »Ich habe gehört, Sie reisen bald?«
Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die Mücken über dem heißen Wege tanzten. »Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob ich so bald reise,« sagte sie. »Aber ich freue mich darauf, fortzukommen, hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen --«
»Was denken Sie zuweilen?«
»Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen. Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.«
Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
»Nun?« fragte Adele.
»Es ist mir bange um Sie!« sagte Grau und er wußte nicht wie ihm die Worte auf die Lippen kamen.
Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. »Bange?«
»Ja!« fuhr Grau fort -- und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde verlegen und setzte höflich hinzu: »Ich bitte Sie recht herzlich, den Schritt reiflich zu überlegen.«
Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden habe und sagte hauchend: »Adieu!«
»Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!« wiederholte Grau.
Adele nickte ihm zu. »Adieu!« sagte sie und ging langsam und stolz weiter, als ob nichts ihre Ruhe trübte.
Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die Hand auf die Brust legen mußte.
Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf, streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war.
Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig.
»Mein Geliebter,« schrieb Susanna, »Du süßester aller Menschen! Wolle Gott, der Gott an den Du glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft bete ich so.
Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern? Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir zusammen in den Büchern blätterten?
Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich, wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du traurig bist.
Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich streust.
So spricht mein Herz.
Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben! Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.
O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das gleiche.
Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls Glück, aber es ist traurig, daß es dieses Glück nicht mit Dir leben kann.
Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen -- das wünscht mein zweites Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte. Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz allein.
Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht, daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein und schweigen.
Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so, daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so viele du willst.
Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.
Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr, was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das ist die Wahrheit.
Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm. Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!
Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl für immer! Deine Susanna.«
Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte.
Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben.
»Was tust du da?« fragte Eisenhut.
»Ich schreibe ein kleines Lied,« antwortete Grau und lächelte und Eisenhut wunderte sich über seine zitternde Stimme.
»Ein Lied?«
»Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.«
Zehntes Kapitel
Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.
»Sie sind hier?« sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern.
Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen, Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum dunkel.
Er nahm den Hut ab.
»Ja, ich bin hier,« antwortete er und trat näher. »Verzeihen Sie mir, es ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie morgen reisen.«
Adele zog das Tuch fester um die Schultern. »Ja, morgen früh.« Sie lächelte und schloß das Gitter. »Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.«
»Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!«
Adele sah ihn mit großen Augen an. »Bitte?« sagte sie dann und das kleine Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht. »Wollen wir ein wenig gehen?«
»Ja, gerne!«
Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und begann: »Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.« Er schwieg; wie sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und setzte hinzu: »Sind Sie entschlossen zu reisen?«
»Ja!«
»Wirklich entschlossen?«
»Ja, aber -- und weiter?«
»Ich wollte Sie nur dies fragen,« sagte Grau und senkte den Blick.