Part 23
»Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter!« sagte Lenz und lachte. »Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra für dich erfunden, Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich tue das gern. Der Frau eines Gärtners -- eines Freundes von mir, ich habe Freunde in allen Berufsklassen -- habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine Gummibadewanne enthält -- Kinderwagen, Badewanne, fahrbare Badewanne in einem Stück also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne nützlich. Für dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter können Karten spielen oder sich die Schädel einschlagen zur Unterhaltung --«
»Ja, zum Teufel -- eine Maschine -- wer sollte das verstehen -- unbegreiflich ist das!« Eisenhut meckerte belustigt.
»Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke. Hier hast du eine Kreissäge -- Hebel auf! -- Der Dampf fährt hinein und die Kreissäge -- vier Meter Durchmesser -- schneidet den Stein. Die Brücke steigt in die Höhe, sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge wagerecht -- auf diese Weise schneiden wir deine zwölf Steinbrüche wie Butter -- wie Butter --«
»Ausgezeichnet -- unglaublich, aber ausgezeichnet!«
Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine Maschine.
»Wie schön!« sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzählt hatte.
Sie lächelte und drückte Grau die Hand.
»Beuge dein Ohr -- so -- sage mir und verzeihe die Frage, ich weiß ja nicht, ob ich alles fragen darf?«
»Alles, alles, Susanna!«
»Wirklich alles, alles?«
»Ja!«
Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich sage es nicht -- doch ich frage es -- ich frage nur -- du sollst nicht antworten, hörst du! Würdest du mir versprechen -- du sollst es ja nicht tun -- ich frage bloß -- würdest du mir versprechen, kein Mädchen nach mir zu küssen? Würdest du? Ich frage bloß, du versprichst ja nichts.«
»Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!«
»Wenn ich -- es nun sagte?«
»Sage es, meine Geliebte!«
»Willst du mir versprechen -- nein, nein, nein, laß es mich nicht sagen -- nein, es macht mich glücklich, zu denken -- nein. Vielleicht werde ich es ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen. Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?«
»Ja, Susanna!«
»So sage mir -- wieviele Mädchen hast du schon geküßt? Nun?«
Grau lächelte.
Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. »Auf den Mund, wieviele? Fünf, sechs?«
Grau schüttelte den Kopf. Mehr? »Nein,« sagte Grau lächelnd.
»Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch zuviel?«
Grau lächelte und Susanna wartete lange.
»Zwei?«
Grau schüttelte den Kopf.
»Eine!«
»Du hättest nicht fragen sollen,« sagte Grau.
»Außer mir noch eine?«
Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. »Warum hast du doch gefragt? Ich habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich sage ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes Mädchen zu küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher gekommen -- warum hast du doch nur gefragt!« Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an. Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah. Häufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen.
Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte: »Ich liebe dich. Du bist mein, bist du?«
»Ja,« antwortete Grau.
Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre Augen flammten.
»So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!«
Grau zögerte nicht. Er versprach.
»Oh, oh!« rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte.
Grau verstand sie nicht.
Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche.
Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: »Höre, wie sie lachen! Nun will er Klatschbase schlachten, für heute abend!«
Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt.
»Nun denn, adieu!« sagte Lenz laut und fröhlich zu Susanna. »Adieu, meine prächtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange dageblieben. Adieu und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes, herrliches Mädchen!«
Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. --
Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in der Laube an der Mauer und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt.
Adele sagte: »Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Höhe, die Abende sind so schön.«
»Ja,« sagte Grau.
»Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich würde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?«
Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen.
Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und er erbleichte so sehr, daß Adele es gewahrte.
»Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?« fragte sie.
»Es ist nichts. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Herr Grau.« --
Am andern Tage starb Susanna.
Siebentes Kapitel
Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte.
Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ rasch das Haus.
Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu. Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.
Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge Neuigkeiten.
Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe, lief er ein Stück des Weges.
Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war Susanna, so unmöglich es ihm auch schien.
Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das Gartentürchen.
»Nun?« rief sie mit hoher, feiner Stimme. »Was sagst du dazu? Ich habe so sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!«
Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
Eisenhut lachte. »Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!« rief er. »Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?«
»Ich kann auch wieder sprechen!« sagte Susanna und atmete tief. »Ich habe die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!«
Grau drückte sie an die Brust. »Ja,« hauchte er. Er fand keine Worte.
Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn, die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der Wind erwachte.
»Sieh, wie der Wind läuft!« rief Susanna und deutete über die Felder. »Wie hurtig!«
Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder, wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn, die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon war er verschwunden.
Dann kam er von neuem über die Wiesen.
»Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.«
Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. »Pst?« sagte sie. »Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!« sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte sich der Falter auf ihren Finger.
Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte. Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.
»Er sieht mich an!« sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie tief auf.
»Das war schön!« sagte sie leise. »Das war schön!« Sie blickte mit einem langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst hinein ins Haus.
Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen, oh, du guter Gott!
Grau sagte: »Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!« und legte ihr die Hand auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.
Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. »Ach, so müde, so köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden, deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?« Ihre Stimme klang fein und ferne; die Kräfte erloschen rasch.
»Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!« sagte Grau. Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
»Ja!« Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen erblaßten, mehr und mehr. »Wie wird es sein?«
»Nun höre zu,« fuhr Grau fort, »höre zu und sieh mich an. Ich will dir sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine Bibliothek haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.«
»Oh! sprich, wie wird es sein!« Tränen traten in ihre Augen.
»Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna, aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde fragen, ob du gut geschlafen hast.«
»Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast du daran gedacht?« In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen wurden fahler und fahler.
»Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und niemand sonst wird da sein.«
»Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller Nacht?« flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
»Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und viele lange Nächte lag ich wach.«
»Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe geträumt und geträumt -- keine verrät es, aber alle, alle graben sie die Nägel in die Brust --.«
Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab ihren Blick nicht mehr frei.
»-- die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage? So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna, die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen: Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten, solange du fort bist.«
Grau küßte Susannas Stirn.
»Ich liebe dich, werde ich sagen,« fuhr er fort, »so wie ich es jetzt sage. Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen -- ich liebe dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!«
Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen.
»Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!« flüsterte Grau. »Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden -- ich liebe dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Süßeste von allen --«
Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen.
Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände.
Er hatte sie ja so sehr geliebt.
Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude geweint hätte.
Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.
Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn bittend an und sagte: »Mache sie mir wieder lebendig!«
Grau schüttelte den Kopf. »Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger und glücklicher als wir.«
Mütterchen war wieder ganz ruhig.
Achtes Kapitel
An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich und kicherten. Vor dem »weißen Elefanten« konzertierte die Stadtkapelle.
Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute ansahen, räusperte er sich herausfordernd.
Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. »Schön,« sagte er, »schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen Worte.«
»Wie hast du es denn erfahren?« fragte Grau.
Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. »Vorbei,« sagte er, »vorbei ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. -- Hast du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest. Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna -- nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig, nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit den Menschen anders sein? -- Hier lief übrigens eben eine Maus über den Boden --«
»Sie lebt hier,« sagte Grau.
»So?« Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei der Schulter. »Sieh mir in die Augen!« sagte er in befehlendem Tone. »Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr nie böse Worte gegeben?«
»Nein, ich glaube nicht!« sagte Grau und sah Lenz an.
»Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt, bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?«
»Ich glaube, ja!«
Der Lehrer drückte ihn an die Brust. »Dank!« sagte er. »Dank! Ich liebte Susanna sehr!« Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. »Fahre wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen, denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen -- siehst du diesen Stock hier? -- die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus ihrem Negerkral. -- Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch, wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!«
Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging.
Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja nicht tot, sie war ja lebendiger als er.
Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat; er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stück der unendlichen Bahn, die die Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben, wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein? Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das ewig saust und braust.
Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen entgegen zu dringen.
Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schön und schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. -- Bist du es denn wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du?
Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte.
Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien.