Der Tor: Roman

Part 22

Chapter 224,033 wordsPublic domain

Susanna lächelte. »Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung. Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr, sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund -- ja, so nenne ich Sie -- und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.«

»Eisenhut!« sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte ungeduldig und schob den bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt. Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das Weltenbild total umforme --

»Sofort,« sagte Eisenhut, »ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.«

»Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei Nächte, ohne zu murren,« sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann einstweilen ein Lied zu brummen.

»Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?«

Nein, es sei erst die Einleitung. »Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges. Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es nicht erraten?«

Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der Lehrer in der Küche brummte: Es war einmal ein König, der hatt' einen großen Floh --

»Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten können,« antwortete Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld verbarg.

»Es ist so schwer, es zu sagen!« flüsterte Susanna und streichelte Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen Finger. »Nun?« fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen an.

Nein, niemals könne er es erraten.

»Wir knicken und ersticken -- doch gleich, wenn einer sticht --« brummte Lenz in der Küche. »Bravo, bravo, das war schön! -- So soll es jedem Floh ergehn!«

Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und liebkoste sie auf beiden Seiten. Es handele sich um Mütterchen. »Seien Sie gut zu Mütterchen,« flüsterte sie.

Eisenhut nickte.

Und Susanna fuhr flüsternd fort: »Mütterchen darf es nie erfahren, daß ich Sie darum gebeten habe, und auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann nicht sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre Schürze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut, aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen könnten. Was soll aus Mütterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?«

Grau sagte leise: »Mütterchen soll es gut haben. Dafür werden wir beide sorgen. Und du, sobald es besser geht --«

Das wisse sie, das beruhige sie. »Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter stirbt -- wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, -- ja -- aber wir setzen den Fall -- was dann?« Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut habe ja doch ihre Reise nach dem Süden bezahlen wollen -- das sei ja so fraglich, ob sie reise -- ob er nicht das Geld vielleicht --

In der Küche brummte der Lehrer -- ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als hätte sie Lieb' im Leibe. -- Als hätte sie Lieb' im Leibe, wiederholte er im tiefsten Baß.

Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen. »Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.«

Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.

»Ja, nun ist alles gut!« sagte sie und nickte und lächelte. --

Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge, Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden --

»Ja?« Susanna lachte und hustete. »Viel Vergnügen,« sagte sie und lachte wieder und hustete mehr. »Recht viel Vergnügen!«

»Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!«

Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide.

»Komme zu mir, Adele,« sagte Susanna. »Laß mich dein Kleid befühlen. Wie fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke -- siehst du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das ist das Leben und großer Friede, das ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert. Aber vielleicht -- wer weiß es denn! -- vielleicht ist es auch schön, im Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben. Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der Frühling und so jung bist du, das ist es auch!«

»Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr -- das ist der Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt -- wenn ich da etwas vermag -- nichts soll mir zuviel sein -- oh, ihr Guten -- so schön wird es sein, wenn ein Mann euch liebt -- ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es -- seht, sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele -- schön wird es sein, all die Geheimnisse, wie schön -- und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer, heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher -- ja, möge es so sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt, heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es! Ich wünsche es! Möge es so sein!«

»Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schönes erleben.«

Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen auf die Freundinnen.

»Ja,« sagte sie, »wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich weiß nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich aussteige.«

Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang das, was Susanna sagte.

»Drum adieu!« fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette aufgerichtet. »Drum adieu, adieu!«

Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu, die Hände bewegten sich matt in den Gelenken.

»Drum adieu, adieu!« sagte Susanna und lächelte und ihre Stimme klang, als sänge sie. »Drum adieu, adieu?« wiederholte sie und winkte hinaus zum Fenster und hinauf zum blauen Himmel.

»Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!«

Klara und Maria hatten Tränen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen und lächelte voller Pein.

»Aber Susanna --« begann Klara.

Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.

»Ich weiß es nun,« sagte sie und lächelte, »ich weiß es nun ganz bestimmt. Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond. Es stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.«

Susanna schwieg und lächelte.

»Wie sonderbar der Traum ist!« sagte Maria zu Adele.

Susanna schüttelte den Kopf. »Es ist ja gar kein Traum, es ist ja Wirklichkeit,« sagte sie, sonst nichts.

»Wir müssen jetzt gehen.«

»Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir, Adele!«

»Ach, Susanna --«

»Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn nicht?«

Sie sah Adele tief an. »Du bist mir so fremd!« sagte sie zögernd. »Und erst seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!«

Adele küßte Susannas Hände.

»O, wie gut du bist!« seufzte Susanna. »Ja, denkt alle nicht mehr an das Böse, das ich euch zufügte.«

Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt.

»In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander ja alle Böses zu. Und auch ich tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt. Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben müssen, auch sie. Nun sind sie jung und schön, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darüber -- haha -- ich habe gelacht dabei -- auch sie, auch sie, alle, alle, alle werden sterben müssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!«

Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch.

»Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh nur!« sagte Susanna zu Mütterchen, die mit einem Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch größer und strahlender.

»Da gehen sie dahin!« sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen.

»Lebt wohl!«

Sechstes Kapitel

Lebe wohl, mein Geliebter!

Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr Wolken am Himmel, lebet wohl!

Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen.

So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal.

Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig aus, in den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot.

Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu sagen.

Sie sagte: »Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum. Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!«

Das war alles was sie an einem Tage sagte.

Sie sagte: »Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht? Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind -- denn sie sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!« Sie lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige, denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr fort: »Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön und gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben. Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch! Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause, den man nie zu sehen bekommt.«

Sie lag still und lauschte. »Vater spricht!« sagte sie mit den Lippen ohne Laut.

»So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!« sagte Lenz mit gedämpftem Baß in der Küche draußen. »Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen -- haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und so -- aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen. Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!«

»Hähä -- für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,« sagte Eisenhut kichernd.

»Nicht für eine Milliarde!« entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch.

»Pst, pst --« sagte Mütterchen.

»Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun -- die Gegend war ja schön -- Wein, Obst, schöne Mädchen -- aber nicht für eine Milliarde --«

Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit Angst.

»Sieh mich an,« sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu.

Grau lächelte. »Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz, ich will dir eine Geschichte erzählen -- laß mich nur besinnen auf den Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern -- ja, eine Geschichte von einer alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so -- es ist die Geschichte von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst, Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann, der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern. Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen; und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber sprach die Frau von ihrem Sohne -- wie hieß er doch -- Haffis, es ist ja nebensächlich, also Haffis -- denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe dieser Haffis doch war! -- Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor unsinniger Liebe.«

»Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!«

»Nun, wie ging er denn?« fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne vorschwärmte, »ging er so, ging er so?« Und der Fremde ging so stolz und herrisch wie nur möglich.

»Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.«

»Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging wie der Hengst des Scheichs.«

»Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst fehlen ja Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis ging, das war ja selbstverständlich.«

»Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen Jünglings besonders glänzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich ganz wunderbar. Nämlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der Heimat aber weinten sich die Mädchen die Augen blind und viele -- das ist Tatsache, Susanna -- viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die Mutter hörte in Gesängen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein Bote vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte wieder von dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen, wenn er nicht seinen Kopf verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefürchtete, der Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann es, du mußt dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte, wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang vom Pferde, küßte den Boden vor den Füßen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und schon war er verschwunden.«

»Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der Pracht der Tiere und Geschmeide und Waffen, von der Schönheit der Frauen, die sich auf den Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem Anblick der Karawane.«

»Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen umher und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.«

»Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzählt und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.«

»Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte sterben.«

»Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie keine Rettung mehr gab. Wie merkwürdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig Kindern -- wieder lächelst du, Susanna! -- sie sprach nur noch von Haffis, dem Lieblingssohne, seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und seinem Ruhme. Wieder und wieder!«

»Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte: Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. -- Und sie verfluchte den Fluß und starb.«

»So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!«

Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne, das auf dem Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann sie am ganzen Körper zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen.

Grau lächelte und nahm ihre Hand. »Willst du mich nicht anblicken, Susanna? Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz. Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich tief und wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schönheiten darin? Träume, Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. -- Nun will ich dir die Geschichte von einem Trinker erzählen, er trank schrecklich und machte alle unglücklich, seine Familie, aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst es hören!«

Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich!