Part 21
Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.
»Die Tafeln,« sagte sie, »die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse -- Sie erinnern sich? Was ist doch mit Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?«
»Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.«
»Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst erwiesen -- er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen Schuldschein haben -- aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.« Sie sah Grau prüfend an.
»Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen wurde,« sagte Grau.
»Das ist gut,« fuhr Adele fort, sie stockte. »Haben Sie denn Besuch, Herr Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,« fragte sie.
Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.
»Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte er.
»Es ist ein alter Handwerksbursche,« sagte Grau, »der vorläufig hier wohnt. Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.«
»Wie lange wohnt er schon hier?«
»Drei Wochen. Warum?«
»Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen sich selbst mit einem Strohsack?«
Grau lächelte. »Eine merkwürdige Stadt!« sagte er. Sonst nichts.
»Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört nicht Ihnen?«
»Ich werde ein neues Bett kaufen,« sagte Grau. »Sagen Sie der Dame, sie könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!« -- Adele lachte leise.
Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.
»Wir haben Gesellschaft,« sagte sie, »die Offiziere von Weinberg.« Sie sah zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. »Es ist Mama, die spielt.« Sie blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: »Ich habe keine Lust. Kommen Sie!«
Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder Laut hinter ihnen und sie waren allein.
Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.
»Welcher Friede, fühlen Sie!« sagte Grau leise.
»Ja, hier ist Friede!« sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre Augen, so hell waren sie. »Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?«
»Nein.«
»Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.«
»Sollten Sie nicht umkehren?« fragte Grau.
Adele schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich habe keine Lust. Ja, fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. -- Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,« fuhr sie mit freierer Stimme fort, »es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen Mädchen heute lachten so viel.«
Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.
Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu ihm her. Er sagte: »Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.«
Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.
»Warum sprechen Sie so eigentümlich?« fragte sie.
»Sprach ich denn eigentümlich?«
»Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.«
Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: »Aus unseren Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?«
Er stehe jederzeit zur Verfügung.
»Ich danke Ihnen aufrichtig,« sagte Adele, »aber der Baron sieht es nicht gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?«
»Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.«
»Schade!« sagte Adele. »Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem Leben -- aber er ist --. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.«
»Sie werden ja nun bald heiraten?«
»Ja.« Adele blickte auf den Weg. »Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr -- obgleich ich den Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, Sie würden das bald herausfinden -- nun hört der Wald auf -- lassen Sie uns nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?
Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie auf dem Ball begannen?«
»Gerne.«
Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie ging weiter.
»Jene Frau und ich,« begann Grau, »gingen über die Heide, es war graue Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen, der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite -- und wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im Traum gesehen habe.«
»Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.«
»Und weiter?« fragte Adele.
»Wir wanderten zusammen,« fuhr Grau fort, »und es schien als wanderten wir eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach --«
»So ist es im Traume.«
»Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte nicht hören -- wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber in jedem dieser Kelche lebte -- so schien es -- ein Lichtgeisterchen, die Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft --« Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an -- »sieh doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? -- Wir mußten einen schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.«
»Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte, erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.«
»Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. Weshalb lebst du, weißt du es? -- Welche Angst hatte ich doch zu antworten! Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um mich zu wundern? -- Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände auf das Gesicht legte und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.«
»Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist vorüber. Leben Sie wohl. -- Sie sprach wie eine Fremde.
Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.
Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe.
Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt. Leben Sie wohl.
Leben Sie wohl.
Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen!
Leben Sie wohl.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? Nein? Leben Sie wohl. -- Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der Heide und blickte ringsum. -- Das ist der ganze Traum,« schloß Grau.
Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner Traum! »Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!« Sie standen am Gitter des Parkes.
Nach einer Weile sagte sie: »Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: Sie wissen nicht, was ich denke?«
Grau lächelte. »Wie kann ich es wissen?«
Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging. »Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?« Adele lächelte.
»Welch ein Gedanke!« sagt Grau erstaunt und verwirrt.
Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? »Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau. Leben Sie wohl!« Adele nickte.
Grau zog den Hut: »Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.«
Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.
»Leben Sie wohl,« wiederholte sie und sie sahen einander lange an.
Grau schwindelte. »Gute Nacht und Dank für den Abend!« sagte er mechanisch.
Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. »Leben Sie wohl -- bis wir uns wiedersehen!« sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- --
Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.
Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht alles!
Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen blühenden Bäumen im Lande.
Wußte sie denn das?
Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl -- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen wie jene Frau im Traum?
Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.
»Ich werde ja schweigen,« sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal --
Er lauschte und lächelte. »Ja, ja!« sagte er.
Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.
Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.
Fünftes Kapitel
Der Himmel wurde höher und blauer, die Wolken weißer und schwebender, im Garten schrien die jungen Stare.
Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Kräfte zur Reise sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen.
Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen.
Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.
»Hörst du?« sagte sie leise und heiser. »Wie glücklich diese Vögelchen sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder blühen sehen und diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft ist, daß sie sich kaum bewegen kann!«
Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
Geduld, Geduld! süße Susanna.
Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust. Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist.
Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne Bewegung und ohne Wunsch.
Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in das hohe Meer des Lebens hinaus -- prosit! Ein schwarzer Panther in einer Küche -- haha -- bei Hühnern -- hole mich der Teufel! Er erzählte sich selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwärtig einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.
Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. »Nun, wie geht es? Vorzüglich, natürlich, hähä -- wie zwei Turteltäubchen, ja --«
»Nein,« sagte Susanna leise und heiser, »es geht nicht gut.« Sie gab sich alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. »Setzen Sie sich hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe, ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte Ihnen danken, Herr Eisenhut!«
Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei doch nicht der Rede wert.
»Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!« sagte Susanna und faßte Eisenhuts Hand. »Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?«
Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu weinen, aber er lächelte. »Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts, gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr, behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe gedacht, dieses Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier haben sie alles zusammen, fertig!«