Part 20
Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.
Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im Schaukeln des Bootes war der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling.
Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen auf den Höhen und weite grüne Wälder.
Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.
Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden Schmeichelsang.
Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün -- die ganze Erde war nichts als eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.
Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der großen Steinbrücke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.
War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine Wohnstätte bereitete?
Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern, die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen -- und morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen, abermals ist sie größer geworden!
Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die Erde, ich bin dein!
Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen!
Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken triumphierend in der Sonne blitzten.
Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen beginnt ein neuer Tag.
Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein Gleichnis des Lebens?
Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er zurück in sein Haus.
Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
Zweites Kapitel
Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht.
Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte.
Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte.
Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, als greife sie etwas: Das ist die Luft!
Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. -- Aber doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte:
»Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster und Schönster von allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glück in dein Herz, höre mich, du Gütiger mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie ist mein Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den Büchern gelesen und mir mein Herz aus den Büchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist Frühling, das Gras wächst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Gärtchen und ich danke ihr, daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir, wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da unten will es auch Wärme haben. Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich lache, wenn ein Vogel vorüberfliegt.«
»Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.«
»Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe geträumt, ich ginge in einer Wiese, schlank und schön und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen? Sprich! Würdest du nicht du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja trotzdem lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber du verstehst mein Herz und es nennt dich Freund. Ich bin glücklich, so sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen der grünen Erde. Es ist ja gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte. Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewünscht, noch einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die Blumen. Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht ihn? Und hast du nicht auch den Frühling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude -- aber es ist nicht so, wie ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint in derselben Stunde. Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz, wie ich es gerne möchte --«
»Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! -- es tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.«
»Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es pocht überall, mein Blut pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann schweigt es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen! Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh den Himmel, fühle die Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz -- und vergeht vor Angst. Fühle wie die Erde schläft, sage ich, ein Kind, so tief und schön -- aber die Angst quält mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen, gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben vorüber sein, da es eben erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.«
»Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen? Vielleicht verstehst du die Sprache der Vögel und es ist eines deiner vielen Geheimnisse, die dir das Lächeln geben, das man nie auf andern Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel, den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her und unterhalten sich über mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage ich zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen -- aber mein Herz lauscht starr vor Angst. Ist es denn möglich, daß die Stare wissen, wie schlimm es um mich steht? Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmöglich! Und doch? Es muß, es muß unmöglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare sagen!«
»Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein. Auch der Wind spricht, auch die Luft spricht. Der Wind flüstert und ich verstehe wohl, was er sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fühle, wie fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Höre was er spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja immer das gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen wie er am Fenster stand, ein graues dürres Männchen in weitem Mantel, voller Buckel und Höcker. Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem Rücken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu Höckern.«
»Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht über mich.«
»Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, gleichgültig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts zu einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich sagen, wo sie beginnen und wo sie aufhören, aber sie sind da. Merkwürdig -- ich fürchte mich nicht vor ihnen. Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten, wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.«
»Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald --«
»Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, Klara und Maria und auch Adele -- ja, auch sie! -- und auch Mütterchen und auch du, mein Liebling -- alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln -- alle werden eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor. Auch Adele. Sie sah so schön aus.«
»So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.«
»Es ist das Fieber, es ist die Angst --«
»So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will. Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu sterben -- aber nun -- die Angst -- die Angst!«
»Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe habe!«
»Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja gesund, wenn es mein Herz glaubt --«
»Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten, ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und nimm die Angst von meinem Herzen -- Susanna --«
Drittes Kapitel
Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille. »Welche Freude -- daß sie uns die Ehre schenken -- an Susannas Ehrentage.« -- Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz -- anders hatte es Mütterchen nicht getan. »Willkommen« stand darauf und Mütterchen hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein Sperling kam, die »ewige Braut«. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit dem Kopfe.
Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg. Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten sich nicht um ihn.
Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in Ordnung und das Fest konnte beginnen.
Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne jede Pause.
Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern, lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an seine Schulter.
Er drückte ihr die Hand.
Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme sagte: »Guten Tag, allerseits!« Es war der Lehrer.
Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse.
Wie kam er doch hierher? »Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als König Lear zu gastieren -- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!« Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach wäre --!
Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
»Mein Name ist Pracht!« sagte er. »Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu kennen.«
»Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine Hand!«
Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.
Lenz streckte ihm die Hand hin.
»Genug, genug!« sagte er und lachte herzlich. »Hier ist meine Hand! Frieden wollen wir schließen.«
Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt --
»Unsinn!« sagte Lenz und lachte. »Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein Name, Herr Pracht!«
Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.
»Gut!« sagte Lenz und lachte. »Die Herrschaften haben gesehen, daß ich diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!«
Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.
Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft wegen der kleinen Störung um Entschuldigung.
Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, der Widerhall riesiger Fässer -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben.
Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollständig aus Eisen -- niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore -- Als ich noch im Flügelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mütterchen hörte andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten --
Auch die »ewige Braut« fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon zu Ende waren.
Dann lachte sie.
Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.
»Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!« rief Adele und sah ihn an. Eisenhut kam in Verlegenheit. »Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr unrecht getan,« fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, »vergeben Sie mir!«
Eisenhut sagte: »Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?« Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins Ohr.
Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten.
Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein.
Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines Paketchen in die Tasche. »Nimm!« sagte sie geheimnisvoll. »Wie soll ich dir doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich sie war!«
Viertes Kapitel
In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das Abendessen ein.
Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem Lachen auseinander.
Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.
»Wir haben ja den gleichen Weg!« sagte Adele und sie sahen einander an und nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. »Es ist Jasmin.«
»Ja, es ist Jasmin!« sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.
Oben war es kühler. Sie atmeten auf.