Der Tor: Roman

Part 2

Chapter 23,765 wordsPublic domain

Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht, so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.

Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. »Ist das Ihr Ernst?« fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß.

»Ja -- hähä -- das ist mein Ernst!«

»Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!« sagte der Lehrer. »Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken, Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, Kraft, Genialität -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben, nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.«

»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand.

»-- eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in der Welt, Edelleute, Fürsten -- ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes Haus -- man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen -- wollen Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --«

»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte, weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.

Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte.

»Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!« sagte er endlich. »Ich habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können, wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich es nehme?«

»Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!«

»Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche -- aber sofort.« Er wandte sich an die Anwesenden. »Wer ist so freundlich, mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken?« fragte er und verneigte sich.

Gelächter. »Bitte, bitte!« wiederholte der Messerschmied, der sich dem Siege nahe wußte.

»Seine Münze ist außer Kurs!« sagte der Viehhändler. »Hat er nicht selbst gesagt, daß er niemals bezahlt?«

»Schenken, schenken -- meine Herrn?«

»Bitte, bitte!« triumphierte der Messerschmied. »Sie großes Maul von einem Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen Sie, haha -- so etwas von -- haha.«

»Geduld!« sagte der Lehrer. »Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter Herr!« Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil hinüber -- »neun Mark und fünfzig -- schenken!« Aber man lachte und sagte ihm Schmeicheleien.

»-- so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann -- haha!«

Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die Schultern und sagte: »Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich hätte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung, ein eingesessener Bürger.« Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in der Ecke schlief.

Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte. Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein Mund war knabenhaft und rot.

Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze.

Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein Gesicht auffallend schön und strahlend aus.

Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: »neun Mark und fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.«

Gelächter.

Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht. Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer.

»Danke!« sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den Messerschmied. »Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt. Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!«

Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen, als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte, das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen schloß und sich in die Ecke zurücklegte.

In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glänzendem Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut.

»Verzeihen Sie mir die Kühnheit;« sagte er mit schmeichlerischer Stimme. »Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?«

Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: »Nein -- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand genommen.«

Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen abzuschneiden.

Der Händler verneigte sich. »Danke!« Und er flüsterte den andern zu: »Nein, nein.«

Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine Prise an.

Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus.

Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen Station, die ganz im Schnee versank.

Drittes Kapitel

Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen, den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.

»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.«

Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an, wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von Freundlichkeit und Diensteifer.

»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!«

»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.

Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er. »Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort, indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!« Seine kindlichen Augen leuchteten.

Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte er.

Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen! Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen, buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich! Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was passierte? Es war eine Ulmer Dogge --«

»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd.

»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde ausreißen -- hahaha!«

Auch der Fremde lachte.

»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier -- sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war, brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.

Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.

Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?«

Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame verschwand.

Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden; dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele. Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!«

Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her und drehte sich auf dem Absatze.

Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich, die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?«

»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?«

»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!«

Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen.

Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,« rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --«

»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht wahr?«

»Ja.«

»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?«

»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine Überraschung verbergen zu können.

»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe jedes Wort gehört.«

»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.

»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam, gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes gehört. Interessiert Sie der Fall?«

Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er.

Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!« schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.

Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?«

Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine, alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an, die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.«

»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide Hände hin.

»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah, herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles zu Fuß --«

»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde.

»Wie?«

»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?«

Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab. »Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund, haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!«

»Auf keinen Fall.«

Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender Gesell!«

Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.

»Richard Grau,« sagte er.

Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.

Viertes Kapitel

Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die da droben im Giebelzimmer wohnte.

Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt, das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß, hinabflattern.

Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den Reisesack in der Hand.

Er ging langsam auf das Hotel »Zum weißen Elefanten« zu und sah sich das Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah.

Die Aufschrift »Hotel zum weißen Elefant« zog sich über die ganze Breite des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.

Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.

Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu suchen. »Aber natürlich!« rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an.