Part 19
»Ich will nicht mehr!« fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern hin und her. »Ich will nicht -- aber ich muß -- ich muß Ihnen alles sagen. Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun, Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein, damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen. Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung -- ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot, ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein -- ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich -- eine eigentümliche unsagbare Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.«
»Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus -- da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.«
»Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden. Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen -- ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß. Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.«
»Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem Adjunkten, von Dr. Nürnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen, nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein, genug -- einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr --«
Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus als ob er ohnmächtig werden würde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut lächelte.
Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er: »Es ist zu toll, es waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur zehntausend!« Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus Erstaunen heiter zu lachen. »Ja,« rief er aus, »wie toll! Es waren ja nur zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott, so ist es mit mir! Ich lüge und manche Lügen wiederhole ich so oft, daß ich sie selbst glaube. Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar! Ich komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß ich soeben einen weißen Hirsch gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können Sie mir das erklären?«
Grau antwortete: »Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr Eisenhut.«
Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus Antwort. »Ja, das ist es. Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen, als wir zu Mütterchen hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lüge. Ha! Ha! Ha! Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!«
Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den äußersten Grad von Erregung erreicht hatte. »Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht mehr!« sagte er und führte ihn zum Sofa.
»Ja, ja!« sagte Eisenhut. »Ha! Ha! Ha!«
Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde plötzlich ernst. »Sie sind gewissermaßen der allerschrecklichste Mensch!« flüsterte er. »Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!«
»Aber lieber Freund!« sagte Grau. »Ruhen Sie doch ein wenig.«
Eisenhut nickte und schwieg.
Aber er begann von neuem und er sprach und flüsterte die ganze Nacht hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flüsterte. All die Qual, die in den Menschenherzen haust --
Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. »Es ist so schrecklich, so schrecklich all das zu hören!«
Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne.
Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg.
Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf.
Dann sagte Grau: »Sie haben viel gelitten, Eisenhut!«
»Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.«
Grau schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »aber Sie haben zu viel gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!«
Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. »Kann ich denn so leben?« fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet.
»Geduld, Geduld!« sagte er endlich. »Nun wird es ja schon Tag; die Sonne muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut -- wie anmaßend wäre es doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken, es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.«
»Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!«
»Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt. Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken, jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle. Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig, alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!«
»Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an! Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel, viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan. Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute -- kurz und gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam, geholfen?«
»Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen. Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich: Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja, Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen Herren, die Bettler speisen können.«
»Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich keine Eigenschaft, nicht wahr.«
»Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.«
»Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind liebenswürdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind alle Hellseherinnen.«
»Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König, aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie. Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an mir selbst erlebt.«
»Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn, wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des Tages und des Lichtes?«
»Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum Umgange mit seinen Brüdern.«
»Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie, wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum taten Sie das nie?«
»Da draußen kennt mich ja kein Mensch,« antwortete Eisenhut.
Grau lächelte. »Lieber Freund,« sagte er, »daran müssen Sie sich ja gewöhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu leben, ohne daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so müssen Sie ihn nicht tragen für die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen. Und wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen, so müssen Sie nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hören und denken werden: Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.«
Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er schüttelte den Kopf. Worte, Worte, was sollten ihm all diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt.
»Ja,« sagte Grau, »es ist wahr, Sie haben die Hölle in sich und Sie sind sehr unglücklich. Ich weiß es und ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen, könnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich, nichts anderes sonst?«
Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich, daß er Fieber hatte.
Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte den Kopf. Hinter ihm ging das Hündchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schüttelte den Kopf.
»Nein!«
Grau lachte leise. »Das ist ja nicht wahr!« sagte er, »Sie haben ja selbst -- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schöne Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben gewiß nicht nur häßliche Träume.«
Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe dahin über die Lande -- haha!
»Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schöne Träume. Es gibt doch noch so viel Schönes für Sie!«
»Nein, nichts mehr.«
»Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch über viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine dicke hohe Eiche im Walde --«
»Ja, ja.«
»Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?«
»Ja, doch!«
»Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht ja noch zu leben und das Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben fertig sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich Ihnen doch Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend erscheint. Ich meine, vielleicht könnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen hätten -- für den Anfang wenigstens -- was meines Erachtens gut für Sie wäre. Sie brauchen das ja nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen und unerfahrenen Menschen --«
»Ich befolge alles, alles!« sagte Eisenhut. Er öffnete die Tischschublade und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte.
»Danke, danke!« sagte Grau. »Als ob Sie wüßten, wie leidenschaftlich ich rauche. Nun hören Sie --«
Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse er seine Nerven kurieren, seine Gesundheit kräftigen. »Sehen Sie mich an, Eisenhut,« sagte Grau und fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. »Hören Sie wohl! Sie müssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch muß das von Zeit zu Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte körperliche Arbeit in den Steinbrüchen, wie ein Taglöhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber wird nicht mehr gesprochen. Sie müssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden Vormittag von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in den Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bücher geben, Bücher empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz umsonst tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel? Schön! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.«
»Wohin?«
»Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich deute Ihnen vorläufig alles nur an.« Grau lächelte, während er Eisenhut immerzu ansah.
»Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles!« sagte Eisenhut.
»Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben. Wir werden Ihre Wohnung hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie vorläufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den Dächern. Bist du müde?«
»Nein, nicht im geringsten.«
»Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in irgend ein Dorf und frühstücken da. Bist du einverstanden damit?«
»Wie Sie wünschen, ich bin dabei.«
Grau lachte. »Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie? Freilich, es ist unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere. Aber was kümmern wir uns um solche Höflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden sind. Wenn du aber nicht willst --«
Eisenhut lächelte und blinzelte. »Zigarren? Zigarren haben wir. Wir können gehen und den Kutscher wecken.«
Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte Grau.
Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die Schellen klingelten am Schlitten --
* * * * *
Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte. Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine Broschüre schreiben: Wegweiser --
Grau erwachte.
Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume grünten. Es war Frühling geworden.
Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und stand auf.