Der Tor: Roman

Part 17

Chapter 173,708 wordsPublic domain

»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief er. »Wer gibt Ihnen das Recht mich zu duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie Schuft!«

Alle Wetter! Ruhe!

Der Chinese sprang zurück und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf die Mädchen, dann lachte er wütend.

Eisenhut aber schrie: »Haben Sie gehört, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie es gehört? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?«

»Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!« sagte der Chinese und verbeugte sich vor Eisenhut. »Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wünschen!«

Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. »Er nimmt sie ja an, schreie nicht so!«

»Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an!« sagte Professor Richter mit ruhiger Stimme. »Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie Ihre Papiere?«

»Papiere?« Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen.

»Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein Universitätsmatrikel.«

Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht.

Man lächelte und lachte ringsum.

»Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch immer mit sich herumschleppen,« fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort. »Natürlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen einander und können auf schriftliche Ausweise verzichten. Übersetzen Sie mir den bekannten Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat. Bitte!« Er stand mit den Fäusten in den Hüften und schnarrte die Sentenz herunter, daß es rasselte.

Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er blickte scheu auf Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen.

»Quae medica --« stotterte er.

»Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,« schnarrte der Chinese. »Das ist nicht zuviel verlangt.«

»Quae --«

Eisenhut sank auf das Sofa zurück.

Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau lachen; er lachte heiter, belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehört.

Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: »Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!«

»Fort!« sagte Eisenhut. »Fort! Hinweg!« Er stieß ihn zurück.

»Guten Abend!« Grau verließ das Zimmer.

Eisenhut sprang auf. »Leben Sie wohl!« sagte er zu allen. »Ich sage nicht mehr als leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!« wiederholte trocken der Adjunkt.

Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelächter aus.

Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte Française und Bezirksamtmann Häberlein rief mit lauter Stimme französische Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf senkte: »Leben auch Sie wohl, Fräulein von Hennenbach! Leben Sie wohl für immer!«

Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun könne.

Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer. Er taumelte, immerzu verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen.

Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der Richtung nach seinem Hause.

Sechstes Kapitel

Eisenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über den Marktplatz, und sein gelbes chinesisches Kostüm flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse führte.

Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle gleichsam, fielen langsam und flimmernd herab und bedeckten den Boden mit einer sanften dünnen Schicht weißen Schnees.

Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten die Steinbrücke und wo die Felder anfingen, begann er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht kalt und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene. Eisenhuts dunkle Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand wieder, tauchte als Schatten auf dem nächsten Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien es als ob ein Hund oder ein Fuchs sich rasch über die öde nächtige Ebene bewege und endlich im Düster verschwände. Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve in den beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade, sie liefen wie mit dem Lineal gezogen ferner und ferner in die Ebene hinein.

Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee fiel und sich nicht wieder erhob.

Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub bereifte seine Kleider, seine Haare, seinen Bart. Er füllte die Falten seiner Kleider, die Vertiefungen zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen Wall auf der einen Seite, der Wind blies und drehte sich im Kreise und begann die Arbeit auf der andern Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden lautlosen Ebene . . .

Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er nicht sofort, was vorgefallen war. Er zwinkerte und der Schnee fiel von seinen Lidern, er schüttelte den Kopf und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte.

Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte Grau.

Siebentes Kapitel

Eisenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen. Eisenhut war in Graus Mantel eingehüllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Kälte schüttelte ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte er leise vor Erschöpfung.

»Eines begreife ich nicht,« begann Eisenhut zitternd, es war das erste Wort, das er sprach, »wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch begreifen?«

Grau lächelte. »Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein Kunststück, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das. Nur vorwärts!«

Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich habe von einem großen Feuer geträumt,« sagte er, »daran wärmte ich mich -- ein helles, großes Feuer. Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein -- oh, wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das große Feuer schrie meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte. Stürze dich ins Wasser, kopfüber -- kopfüber, genau so dachte ich, kopfüber -- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter. Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhöhe, da lag ich und es wurde kalt und ich fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja doch nicht mehr zurückgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich hatte ja Abschied genommen -- hatte ein großes Geschrei gemacht -- also mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein Vergnügen, das ist ein schauderhaftes Gefühl, sterben zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in die Nacht hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt, Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen -- lebewohl für immer -- also vorwärts, vorwärts! Wie ich doch gefroren habe -- eine fürchterliche Kälte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte mich in den Schnee -- nur ein bißchen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei, einerlei, sagte ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen würde, lang und steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle würden es erfahren -- man hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern -- es konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ändern, haha! Dann würde ich beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles und auch daran, daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber da kam die Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein -- hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer saß eine Katze. Ich machte ein großes Feuer und setzte mich davor und wärmte mich -- und ich vergaß alles, fühlte mich so wohl -- aber plötzlich erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig vorwärts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu laufen, ich sehe die Brückenlampe -- ich erwache wieder und finde mich wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.« -- Hier begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu weinen. -- »Ich laufe und glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hörte nicht mehr, ich hörte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie schrecklich lief ich doch --«

Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte wie seine Zähne klapperten.

»Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --«

»Lassen wir die alten Geschichten ruhen!«

Der »weiße Elefant« war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich die Ohren zu.

»Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?« sagte Grau. »Nur, bis Sie ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut.« Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.

Achtes Kapitel

Eisenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte und schloß die fleckige Tür mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit demütigen Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung: »Treten Sie ein in mein Haus!«

Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem Keller. Etwas raschelte und sprang über Graus Füße. »Es gibt Ratten hier, deshalb bewohne ich den ersten Stock,« sagte Eisenhut und zündete eine kleine Talgkerze an.

Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren.

Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und starrte die Figur an. Er war wie betäubt.

Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus abschloß. »Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!«

»Ja!«

Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause schrill zu läuten begann. »Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im Hause.«

Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hündchen mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem Schweife und streckte die Zunge heraus.

»Sehen Sie her!« sagte Eisenhut und schüttelte den Kopf. »Solch ein Hund!« Er stampfte mit dem Fuße und rief: »Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder kommt!« Das Hündchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan.

Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschöpft auf den alten Lederdiwan. Er schloß die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am ganzen Körper.

Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewölbte Decke und zwei breite Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem Schritte; ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Würfels, der auf vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit geschnitzter Lehne, ein großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch, das war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren vollständig nackt, nur an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur Unkenntlichkeit vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefängnis zu sein.

Es war eisig kalt hier.

Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte ihn mit den Blicken. Er lächelte spöttisch. Dann begann er zu sprechen, aber die Stimme versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem. »Weshalb gehen Sie denn nicht?« fragte er heiser. Er zitterte.

»Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer anschüren,« versetzte Grau. »Wo kann ich Holz finden? Sie müssen trachten ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.«

Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und murmelte, daß er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen.

Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand er einen großen Haufen von Tannenzapfen, Ästen, Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein unbrauchbarer Kochlöffel und viele Dinge, wie man sie auf der Straße finden kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen, das Stück einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker.

Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder aus der Küche zurück mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern, Brot und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche entdeckt hatte. Er stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte lautlos, während Eisenhut auf dem Diwan saß und zu schlafen schien. Zeitweise öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine Hündchen streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung Graus.

Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie Schüsse in seinem Innern und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.

Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Gläser aus der Küche.

Eisenhut blinzelte. »Sie bemühen sich!« sagte er leise. »Sie bemühen sich!« Er lächelte spöttisch.

Grau lächelte und antwortete freundlich: »Die Mühe ist sehr gering, Herr Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir, bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.«

Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank.

Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines Branntweinfabrikanten, er war angefüllt mit Flaschen von allen Größen und Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-weiß-gestreifter Badehose und mit weißen lachenden Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge von Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war.

»Ah, das ist ja ganz prächtig,« sagte Grau. »Hier haben wir alles was wir brauchen.«

Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. »Bitte,« sagte er. Er blickte im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Wie häßlich Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wänden, Vorhänge, ein hübscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten es schön haben, daß es eine Freude wäre, zu Ihnen zu kommen.«

»Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit schönen Büchern. Wenn Sie allein sind oder müde, dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine Person. Es gibt so herrliche Bücher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht und gefühlt haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen und außerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier an dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich werde mit Ihnen in den nächsten Tagen zum Buchhändler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken? Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn ein wenig stärker?«

Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.

»Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm hier, alle Wetter! Das ist gut für uns beide.« Grau zog ihm die Stiefel aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hündchen um. Das kleine braune Hündchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte ein Paar alte Pantoffeln hervor.

»Was für ein hübsches und kluges Hündchen!« sagte Grau. »Ich darf ihm doch etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!«

Wä! Wä! Wäwä!

»Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die Pantoffeln für deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf, stärken Sie sich!«

Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trübe und hoffnungslos. »Es ist alles vorbei!« murmelte er leise und nickte. Er schlürfte langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm ein zweites Glas zurecht. »Nein, nein!« sagte Eisenhut, aber er schlürfte auch dieses Glas. Es wurde warm und er hörte auf zu zittern.

Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und dann umarmte er ihn. »Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen!« flüsterte er.

Eisenhuts Schultern bebten.

Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen hohlen surrenden Ton hören. Vom Marktplatze herauf drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft, die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu!

»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Eisenhut leise nach einer Weile.

»Nein.«

»Sie glauben nicht daran?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.«

»Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie -- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache, da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie träumen, daß ihr Körper mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!«

»Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe über ihn. Ich mache ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich, sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen, ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind. Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es, obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?« Er schüttelte den Kopf. »Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld. Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen Worte zu hören -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und rückwärts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts. Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich. Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?«

»Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!«

»Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?«

»Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!«

Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. »Ich hasse die Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu lassen.«

Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. »Das hilft Ihnen nichts.« sagte er. »Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und Freundschaft heucheln.«