Der Tor: Roman

Part 15

Chapter 153,755 wordsPublic domain

Redakteur Heinrich rückte näher. »Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht imstande die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben -- Nummer eins, Nummer zwei und drei -- nieder mit der Sozialdemokratie, die mit schmutzigen Händen die heiligsten Güter der Nation betastet -- Nummer eins -- man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel -- Nummer eins, sage ich, Nummer zwei -- nieder mit den Juden, die das germanische Blut saugen -- Sie lächeln, ja bitte, darf ich bitten -- Sie lächeln -- nun, ich denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr -- oder? -- hier, Herr Doktor Nürnberger, er ist Jude -- aber er ist Antisemit -- wie jeder gebildete anständige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat -- kurz und gut -- ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht -- Nummer drei, vier und fünf -- nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen und die Tugend unserer Frauen und Töchter gefährden -- Sie lächeln? Ist es etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es auch sei -- denn ich bin ja tolerant -- mit meinem kleinen Finger anzutasten -- Kirche und Thron -- prosit! -- hoch! -- aber der Ultramon -- Ultramon --«

Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur großen Heiterkeit aller brachte er es nicht fertig.

»Ultramon --«

Der Chinese lachte laut heraus. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie sich in kein Gespräch mit ihm ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar. Nun ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann. Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um nichts. Was liegt uns daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir müssen, fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine Angst, welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich bekümmere mich auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen. Partei ist Unsinn -- wir alle hier sind Individualitäten -- Aristokraten, basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fünf!«

»Wie sagten Sie?« fragte Grau, als ob er nicht gehört hätte.

»Ultramontanismus! Ultramontanismus!« schrie laut triumphierend der Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben.

Der Chinese beugte sich zu Grau. »Individualitäten, Aristokraten, sagte ich, sind wir. Gehören zu keiner Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen, und auch Sie, Herr Grau -- wenn ich Sie recht kenne, nach all dem, was ich von Ihnen gehört habe -- auch Sie sind Aristokrat und Individualität! Auf Ihre Gesundheit!«

Grau lächelte und schüttelte den Kopf. »Auf Ihr Wohlsein!« sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz ungeheuer. Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht! Ich würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität zu nennen. Ich bin noch weit entfernt davon, zu jung, zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber eine Individualität -- sehr schmeichelhaft, allein --«

»Ha!« schrie der Redakteur. »Prosit, Herr Grau! Ultramontanismus, Ultramontanismus, Prosit!«

»Aber?« sagte der fette glänzende Chinese gedehnt und sah Grau mit den kleinen Augen an, die schimmernd in den fetten Backen schwammen. »Ich dachte --«

»Keine Gespräche, Professor,« unterbrach ihn Dr. Nürnberger. »Keine Gespräche. Es nimmt kein Ende und kommt nichts dabei heraus zum Schlusse. Spielen Sie!«

»Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich ganz verzweifelt spiele. Ah! wo bleibt denn deine Bowle, Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! -- Sie sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr,« wandte er sich an Grau. »Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen, aber wir hier sind alle Individualitäten und Aristokraten.«

Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die ganze Gesellschaft einschloß. Dann erhob er das Glas und fügte hinzu: »Und nun lassen Sie uns ein Glas auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!«

Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht für den »Gauboten«, er kritzelte mit dem Bleistift einige Briefbogen voll, spielte dabei und horchte noch dazu immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner Seite. Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls prosit, und als er etwas von Aufklärung hörte, sprang er auf und schwenkte das Glas. »Aufklärung in Stadt und Land, prosit!« schrie er.

»Nun?« sagte der dicke Chinese zu Grau. »Sie trinken nicht, Sie scheinen nicht einverstanden zu sein mit mir?«

»Gewiß, ich trinke,« sagte Grau. »Mein Glas ist leer -- danke, Herr Doktor!«

Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude sei, in dieser, gerade in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit der Entdeckungen, der horrendesten Entdeckungen, Erfindungen, eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, -- einer gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und Erklärung, einer Zeit der Befreiung des Menschengeistes, einer neuen Zeit.

»Gewiß eine hochinteressante Epoche!« warf Dr. Nürnberger ein. »Das Mittelalter liegt weit hinter uns!«

Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften über den Aberglauben, Chemie, Physik hoch! Wie beliebt?

Grau lächelte. »Gewiß, eine hochinteressante Epoche!« sagte er.

Der Chinese sah ihn an. »Aber?«

»Wieso denn: Aber?«

»Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch, Herr Grau?« sagte Dr. Nürnberger mit feinem ironischem Lächeln.

Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in grellem Kontrast zu seinen öffentlichen Äußerungen befände.

Grau lächelte fein. »Ich akzeptiere unsere Zeit als eine hochinteressante Epoche, meine Herren,« erwiderte er, »ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen --«

»Ah -- haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!« fiel ihm der Chinese ins Wort.

Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: »Auf jeden Fall ist es mir unmöglich, Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir hätten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es nicht ganz.«

»Wie? Aber --«

»Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!«

»Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, daß wir in vieler Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das ist ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das Beil hängt noch über ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stände -- und selbst die aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die ich kenne -- treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren sind, ohne weiter darüber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen Ideen regieren -- mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt hohle Formen geworden sind, während sie früher wirkliche Kräfte waren. Kurz und gut, ich könnte Ihnen hunderte von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind als sie im Mittelalter waren -- vielleicht sehen sie etwas anders aus und vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber -- und nun hören Sie -- ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht -- eines haben wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß, die Tiefe, den ganzen Mystizismus, die wilde und schöne Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, wie gesund und gut Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.«

»Halten Sie ein!« unterbrach ihn der Chinese. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach und nach abgeben, er wird langweilig mit der Zeit! Wir brauchen -- ja, was sagen Sie doch -- tiefe Überzeugung, Mystizismus -- ja, gehen Sie doch in die Hölle damit -- Sie verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist die Stimmung --«

»Bitte, bitte!« sagte Grau lächelnd. »Ich verstehe sehr wohl --«

»Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben, Hochwürden! Es macht mir Freude, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie doch alles? Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist wenig spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!«

Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei er ein wenig altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfällig. Aber wenn Herr Professor sich etwas Mühe gäbe.

Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. »Wir sind moderne Menschen, mein Freund,« sagte er. »Modern bis auf die Knochen. Ein moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen? Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser Zeit der Aufklärung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und utopistische Träume und schwächliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schämt ein Mensch zu sein -- bei allen Teufeln in der Hölle -- eben ein Mensch mit gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger -- sondern ein Einzelwesen, ein Individuum -- ja, zum Henker -- das ist der moderne Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt, wie?«

»Danke, ja!« Grau sah den Chinesen an. »Lassen Sie mir etwas Zeit, ich muß all das überlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war, fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß ich langsam denken.«

»Die Leiter hat Ihnen doch weiter nicht geschadet, wie?«

»Nein, ich glaube nicht.« Grau lächelte.

»Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von außen her kann zuweilen ein ganz gutes Resultat haben. Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin unterbrochen.«

Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr. Nürnberger an. »Es ist sehr angenehm in dieser Gesellschaft!« sagte er. »Ich danke Ihnen nochmals, Herr Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen. Sie haben mir erklärt was der moderne Mensch ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir nun eine Frage, ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche Worte, die ich überall höre, ohne mir viel darunter vorstellen zu können. Ja, bei Gott, ich muß in Wirklichkeit ein altmodischer Mensch sein -- haha -- Sie haben am Ende doch recht -- denn ich wünsche mir den Menschen gerade mit recht viel Träumen und Idealen -- sie brauchen ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie recht, wenn sie nur hoch sind! -- mit recht vielen Träumen und Idealen sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb nicht? Welche Rechte hat Ihr moderner Mensch?«

»Er tut, was er will!«

»Was er will?« sagte Grau leise und erstaunt. »Nun, aber er hat doch wohl Pflichten, Verantwortung --«

Der Chinese lachte. »Faule Fische! Er tut, was er will und jeder tut, was er will. Pflichten und Verantwortung, das sind ganz ekelhaft abgestandene Begriffe --«

Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie mögen recht haben, daß ich ein altmodischer Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der moderne Mensch fühlt sich im Gegenteil mehr durchdrungen vom Gefühle der Verantwortung als der Mensch irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in ihm erst jenes Gefühl richtig erwacht sei.«

Der Arzt unterbrach ihn.

Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben die Wahrheit zu sehen und zu sagen, warf er ein. Ein Blick in die Natur genüge, um jeden zu überzeugen, daß das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im Menschen. Man fange an, das zu erkennen und --

»Erlauben Sie,« sagte Grau, »das hat man schon vor Tausenden von Jahren erkannt. Es springt ja in die Augen und ist das Natürlichste. Aber seit Tausenden von Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und die Gesamtheit, über Tugend und Laster -- sie haben darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe zerbrochen -- die Allerweisesten der Menschen -- ich bin ja ein Nichts im Verhältnis zu diesen Köpfen -- aber mir erscheint nichts lächerlicher und kleinlicher als der Egoismus.«

In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der schönen Wirtin hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt. Der Redakteur ließ seinen Festbericht im Stiche und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut pfiff auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle mit feierlichen Gebärden. Herr von Hennenbach kam mit der schönen Wirtin herein und faßte sie um die Hüfte. Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er erwachte bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte eine abwehrende Handbewegung und schlief weiter.

Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft. Man sang einen Rundgesang und stürzte sich dann mit neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut hielt noch immer die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe, wenn die Musik hereindrang, dann bellte er, trommelte und sprach sinnloses Zeug.

»Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!« schrie er.

»Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!« sagte der Adjunkt und der Witz fand großen Beifall.

»Vorsicht!« sagte Eisenhut böse und deutete mit dem Zeigefinger auf den Adjunkten, aber augenblicklich lachte er wieder heiter.

Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil. Es schien als ob das Glück sich ihm zuwende. Er strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus der bleichen hohen Stirne und lachte.

»Es beginnt!« rief er. »Nur los, Eisenhut! Ich brauche Geld! Noch eine Karte, wenn ich bitten darf. Ich setze zehn Mark!«

Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig spielte, verlor der Freiherr fortwährend. Er wurde noch aufgeregter und erbleichte mehr und mehr. Er setzte nun stets zwanzig Mark.

»Zum Teufel!« schrie er und lachte nervös.

Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal nacheinander und gebärdete sich laut vor Freude. »Endlich wendet sich das Blatt! Prosit, prosit allerseits!«

»Die Bank hat acht!« rief Eisenhut.

»Neun!« schrie Herr von Hennenbach und schlug auf den Tisch.

Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. »Sehen lassen!« sagte er.

Es waren nur sechs Points.

Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den Stuhl zurück und erbleichte. »Ich habe doch gezählt und gezählt!« rief er. »Sehe ich nicht recht? Das ist ja eine Figur -- aber das ist ja zum Teufelholen -- bin ich denn bezecht?«

Eisenhut meckerte. »Du hast dich getäuscht, Kurt -- setze dich -- getäuscht hast du dich, das kann vorkommen.«

Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: »Man muß eben acht geben!«

»Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon, Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph, ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der Naturwissenschaften.«

Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie, Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt.

Grau lächelte. »Ich sagte schon, daß das alles ganz groß ist,« sagte er, »all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren -- aber --«

»Aber?«

»-- trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch nicht imstande eine Kultur zu bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate und Dynamomaschinen zusammen --«

»Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --«

»Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach, ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie wollen.«

»Pardon,« unterbrach ihn der Arzt, »glauben Herr Grau vielleicht, daß ein Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell höher zu werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder die Entdeckung des Cholerabazillus?«

Grau sah ihn erstaunt an. »Aber natürlich!« sagte er lächelnd. »Wir sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?«

Hm!

Aber mit einem Serum könne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr Leben retten?

Grau lächelte. »Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr Doktor?«

»Hahaha!« lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf.

Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten die Blicke der beiden eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander. Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich, der junge Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach seinem Glase und erhob es gegen Grau.

»Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« sagte er und lächelte.

Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm, daß der Freiherr annahm Grau habe nicht gehört. Er wiederholte: »Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!«

Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu bewegen auf den jungen Mann.

»Auf Ihre Gesundheit, Herr!«

Grau sah und hörte nicht.

»Das ist doch unerhört!« stammelte der Freiherr und erbleichte.

Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt.

Professor Richter rückte näher an Grau heran, so daß jetzt Grau ebenfalls unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam.

»Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!« begann er von neuem.

Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz, übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt.

»Bitte?« sagte er. Er lächelte. »Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht, ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es gegenwärtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen -- wir haben das Mittelalter gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer -- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es uns vor allem fehlt?«

»Bitte?«

»An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen Eigenschaften.«

»Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!«

Grau erhob das Glas. »Auf ihr Wohl!« sagte er. Und er fuhr fort: »Wir haben in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint. Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten Lebensanschauungen anzuschließen -- zum Beispiel dem Materialismus, Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,« fügte er hinzu, »ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!«

Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn laut schnarchen.

Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam. Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher, rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter.

Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.

Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: »Meine Herren, ich bitte um eine Minute Gehör. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen Werke zu animieren.« Er zog den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. »Ich habe hier einen Ring,« fuhr er fort, »den ich zu Geld machen möchte. Er gehört einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?«

Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen hübschen Zähne blitzten.

Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein.

»Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was recht ist --«