Der Tor: Roman

Part 14

Chapter 143,709 wordsPublic domain

Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas. Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.

»Fräulein von Hennenbach?« stotterte er.

Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. »Herr Eisenhut?«

»Hundert Mark? Hundert M--?« fragte Eisenhut leise. »Hundert Mark -- aber ganz unmöglich?« Er lächelte beklommen.

Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.

Eisenhut raffte sich zusammen.

Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.

Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe, hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.

»Bitte, Herr Eisenhut!« sagte Adele, da Eisenhut zögerte. »Ich werde sogar nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!« Sie lachte und nippte am Glase.

Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander, lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch.

»Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!«

Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr unsicher.

Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.

»Wieder?« fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.

»Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.«

»Noch mehr?« fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. »Hundert Mark für die Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.« Er deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen.

Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da hätten sie ganz besondere Preise.

Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und her. »Sie scherzt -- Fräulein von Hennenbach scherzt!« sagte er zu der lachenden Gesellschaft von Herren.

»Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht lange besinnen.«

Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts Eisenhut -- hahaha -- schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und lachten und stießen sich gegenseitig an.

Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr wieder in die Rocktasche.

»Bravo! Hurra!«

Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen sollte?

»Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!« antwortete Adele. »Sie nennen sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.«

»O -- hoho!« versetzte Eisenhut geschmeichelt.

»Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!«

Eisenhut streckte den Kopf vor. »Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.« Er lächelte eigentümlich und blickte Adele an.

Adele lachte laut und unnatürlich. »Selbstverständlich habe ich ihn gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?«

Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.

»Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe nochmals daran. Nun, nehmen Sie?«

Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra! Eisenhut, Eisenhut!

Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an. Gelächter.

»Bitte!« sagte Adele und lachte. »Weshalb zögern Sie denn?«

Hier näherte sich Grau. Er sagte: »Fräulein von Hennenbach?«

Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte: »Bitte?«

In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas, die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit den Füßen und schrieen, was sie konnten.

Eisenhut bewegte heftig die Hände. »Bezahlt ihr!« schrie er. »Bezahlt ihr! Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, bezahlt ihr!« wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts.

Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der treibenden Menge.

»Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!«

Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.

Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen.

Viertes Kapitel

Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos verschwunden. Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nürnberger aufgehalten.

Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn, goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine Höflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte Unterwürfigkeit abstoßend.

Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau.

»Welches Vergnügen, Sie zu sehen!« rief er mit etwas näselnder Stimme aus.

Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prächtig. »Wie haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?« fragte er dann.

Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den Blicken und erwiderte: »Ja, was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten können. Ich möchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen Widerstand.«

Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke nach dem Süden zu bringen?

»Nein!« Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem schönen Mädchen, das zurückkehrte, ein Lächeln zu. »Man hätte es vor einem, zwei Jahren tun sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht vertragen. Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung, die Dame jetzt reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später vielleicht, sobald es Frühling sein wird.« Doktor Nürnberger reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm nicht leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frühjahr, ja, da könne man ja Entscheidungen treffen. »Guten Abend. Herzlich gefreut.« Im Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht von einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in verändertem Tone: »Vielleicht darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heißt, vielleicht ziehen der Herr vor --«

»Sehr liebenswürdig!« sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. »Gewiß werde ich mich freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!«

Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben könnten; angenehme und gesellige Leute. Nur sei er außerstande, irgendwelche Verantwortung zu übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines Salons entspräche. »Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,« sagte Grau. -- »Sie werden gewiß auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.« -- Sie gingen hin und her in breiten Gängen, die vom Tanzen im Saale drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die chinesische Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde Menge, die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr Haar zurechtrückte. Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den Blick zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich nicht sehen.

Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein Labyrinth.

Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft und Dr. Nürnberger verbeugte sich und öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich drang ihnen heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen zu.

Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht, daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf dessen Knien die puppenschöne Wirtin saß.

Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen.

Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lächelte und plauderte.

»-- die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder. Ein Löwe in Gold ist auf die Lehne gepreßt.«

»Ja, aber der Minister, Eisenhut,« unterbrach ihn jemand, »du wolltest doch von ihm reden?«

»Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!« fuhr Eisenhut fort und blinzelte. »Der Minister rauchte eine Zigarette.«

»Aber was sagte er denn?«

»Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine für die Brücke geliefert, schön. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die Schulter.«

»Also sollst du wohl einen Orden bekommen?«

Eisenhut lächelte. »Was ich bekomme, das weiß ich nicht. Aber er sagte: Ich werde an dich denken, Eisenhut.«

Haha! »Er duzte dich?« Gelächter.

»Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich -- seht an!« Er hatte Grau bemerkt.

Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im Frack und einer, Postadjunkt Kaiser, saß in weißen Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich erfreut über den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten sich höflich.

Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. »Ich bedaure unendlich im Falle ich stören sollte,« jagte er leise und verlegen, »Herr Dr. Nürnberger hatte die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.«

Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen gelben Schirm auf dem Rücken ein lautes Gelächter auf und einige fielen ein.

»Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!« schrie der dicke Chinese und machte eine tiefe Verbeugung. Er drückte Grau die Hand und setzte hinzu: »Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor Richter, Doktor der Naturwissenschaften.«

Der Arzt schob ihn beiseite. »Erlauben Sie doch, Professor,« sagte er, »und geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu genügen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --«

Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein gutmütig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und spärlichem flaumigen Haar auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich gestriegelt und gebügelt, Redakteur Heinrich, vom »Gauboten«, ein kleiner Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulächeln, Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen, der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so betrunken war, daß er leichenblaß aussah und die Augen weit aufreißen mußte um zu sehen.

Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst getrunken. Sie lachten sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre Augen waren scharf oder ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas Lächerliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden Haarbüschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostüm so zugeknöpft, daß oben ein Knopf übrig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein Rauch im Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen um einen ovalen Tisch herum, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein wüstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum.

»-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr Eisenhut wird Ihnen schon persönlich bekannt sein --«

Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: »Spielen, weiter spielen, ich habe zwei Mark von der Bank gut! Keine unnötigen Pausen, meine Herren!« Er trommelte auf den Tisch und lachte.

»Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,« entschuldigte ihn der Arzt. »Herr von Hennenbach!«

Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lächelte nicht. Er verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl, und Herr von Hennenbach blickte ihn verblüfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und machte sich aus dem Zimmer.

»Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!« wiederholte Eisenhut und goß Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe Glas, als er es an den Mund führte. »Tante! Du besorgst jetzt die Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!«

»Ruhe!« rief ihm der dicke Chinese zu. »Einen Augenblick noch, ich nehme das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas herüber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa Abstinenzler sein?«

Grau lächelte. »Nein.« Er nahm Eisenhut gegenüber Platz.

Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen und Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. »Fertig!« rief er, und die Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand. »Die Bank ist bereit. Herr Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit, meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist Eisenhut? Sie spielen hoch, das läßt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht. Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wünschen noch eine Karte? Gut. Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!«

Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte, hatten verloren und schrien und fluchten.

Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück zu. »Es ist alles einerlei!« rief er und trommelte mit den Knöcheln auf den Tisch und blinzelte.

Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch leise in seinem Halse rasselte und seinen ganzen Körper erschütterte, so daß der Schirm auf seinem Kopfe tanzte. »Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!« wandte er sich an Grau. »Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang. Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr einfaches und höchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen gleich Null -- übrigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein Spielchen wagen? Höchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig -- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich stets aus. Nun?«

Grau lehnte ab. »Ich danke, ich habe kein Geld!« sagte er. »Übrigens macht es mir großes Vergnügen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar nicht stören.«

Er könne auch auf Borg spielen. Nicht?

»Spione vor die Tür!« sagte Eisenhut leise und räusperte sich! »Nicht wahr? Spione vor die Tür!« wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.

Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja, Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen, verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.

»Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!« schrie der Chinese. »Das ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?«

»Noch nicht, noch nicht!« kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von Hennenbach trug.

Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin, um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen.

Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten Blicke an und schrie: »Ich gebe nichts mehr!« Darauf erhob sich Herr von Hennenbach und sagte: »Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu antworten!«

»Ich tue, was ich will!« erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend die Karten.

Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. »Ich bin bankerott!« sagte er und verließ das Zimmer.

»Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!« lallte Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das Glas. »Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas Erwecker -- alles hoch, hoch!«

Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. »Schreibe den Festbericht für dein Käsblatt und halte das Maul!« sagte er.

»Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch!« fuhr der Redakteur schmunzelnd fort und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. »Hochverehrte Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgäste --«

»Keine Reden! Um Gottes willen!«

»-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt hat, fahre ich fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren! -- Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt --« er sank auf den Stuhl zurück.

»Was setzen Sie?« schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, daß das Geld in die Höhe sprang.

»Meine Damen und Herren -- fünfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich, hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches Wappenschild --«

»Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!« sagte der dicke Chinese und lachte rasselnd. »Ihr Geschwätz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in die Hölle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun! -- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --«

Der Redakteur fuhr flüsternd fort: »Laut statistischer Ziffern sind wir die stärkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --«

»Sie langweilen unsern Gast!«

»Er ist unser!« schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. »Er ist unser, eine Stütze, ein Kämpe! Ja, wir müssen Brüderschaft trinken, unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was meinen Sie? Nicht, daß schon alles getan wäre -- aber das Fahrwasser, das Fahrwasser, wie?«

»Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage zu überblicken,« sagte Grau.

»Oh! Sofort --«

»Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!« schrie Professor Richter und schlug auf den Tisch. »Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schließen Sie ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gespräch mit ihm ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.«

Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden. »Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht!« rief er aus. »Echte deutsche Mannesbegeisterung. Man muß die Turn- und Kriegervereine unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!«

»Warum nennen Sie sie schmutzig?« fragte Grau leise lächelnd.

»Warum?« Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Händen und einem reinen Kragen gesehen habe? »Sie sind dreckig und unzufrieden und faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche pumpen und die Straßen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder täusche ich mich?«

»Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,« sagte Grau.

»Sie stimmen mir also nicht bei?«

Grau lächelte. »Sie sprechen ja nicht im Ernste.«

»Im Ernste? Ich? Redakteur Heinrich?«

»Dann sind Sie nicht gerecht!« sagte Grau.

»Gerecht? Ich? Der Herr behaupten -- eiei!« Der Redakteur lachte belustigt.

»Nun ja,« begann Grau, »diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter. Sie arbeiten für uns, sie bringen Geld ins Land --«

Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. »Aber dafür bezahlt man ja diese Kerle!« schrie er, Grau ins Wort fallend.

»Dann gebe ich mich zufrieden,« sagte Grau. »Wenn man sie nur bezahlt und auch sonst menschlich behandelt --«