Part 12
Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: »Und ich träumte davon -- wie es wohl sein würde -- wenn das Seltene mich verklärte -- wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere -- niederbeugen -- wie der Tau -- der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt -- wenn der große Tag erschien, da es kann --«
Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.
Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.
Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie reichte ihm die Hand hin und sagte: »Vergessen Sie es. So töricht war es von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, schon lange ist es ja nicht mehr so.«
»Erzählen Sie weiter!« sagte Grau leise und blickte Susanna an.
Und Susanna fuhr fort: »Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch -- zuweilen klingt es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!«
Sie lächelte und blickte Grau an.
Und Grau sagte leise: »Warum sollte es nicht mehr kommen?«
Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: »Nein, ich glaube es nicht mehr, das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch -- aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch habe ich noch, wissen Sie welchen?« Aber ehe Grau antworten konnte, fügte sie hinzu: »Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.«
Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. »Hören Sie, Fräulein Susanna,« sagte er und lachte halblaut, »hören Sie, Fräulein Susanna,« wiederholte er und lachte, »Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu bescheiden!«
Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.
Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. »So übermäßig bescheiden brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen, grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde, aber sobald es Frühling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?«
Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit. Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie sagte nichts.
»Sobald es Frühling wird,« wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen bannenden Ausdruck an, »da werden Sie ganz anders denken!« Er lächelte und begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls und blickte Susanna lange an.
»Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?« fragte er flüsternd.
Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.
Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann verabschiedete er sich hastig. »Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,« sagte er. »Auf Wiedersehen.« Er ging.
Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das Türchen ins Schloß und ging rasch weg.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des »Gauboten« las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der »Gaubote« als Programm angekündigt: Im Reiche der Mitte. »Nachdem am Sonntag ein lustiges Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen unserer geliebten Vaterstadt erfüllte --«
Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen einherstolzierten.
Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten.
Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von Susanna und Mütterchen.
Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, lachten und plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem festlich beleuchteten »Elefanten« und blickte ins Tor hinein. Es war Hammerbacher. Grau blieb stehen.
Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden. So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung -- seit jenem Tage, da die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.
Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte, aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf.
So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab.
Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete immer noch.
Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: »Wünschen Sie, daß ich den Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?«
Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen nieder und nahm die Kappe ab. »Guten Abend.«
»Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?«
»Welchen Herrn?«
»Wie gut wir uns verstehen!« sagte Grau und blickte den Burschen scharf an. »Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?«
Hammerbacher lächelte verlegen. »Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen war, aus Not -- sie ließen mir keine Ruhe mehr -- dieses Gestichel --«
Grau schüttelte den Kopf: »Wie konnten Sie nur so etwas tun?« sagte er mit mildem Vorwurf. »Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben, Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!«
Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.
Grau schüttelte den Kopf. »Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!« rief er zornig aus. »Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen -- ich werde nicht eher ruhen! -- bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! Leben Sie wohl -- wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!«
Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.
Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der lachenden, treibenden Menge emporstieg.
Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich fieberhaft zu suchen.
Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.
Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte.
Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten angepackt. »Herr Grau, Herr Grau!«
Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl Nichtraucher?
»Wir haben Zigaretten zu verkaufen -- buh, buh!« Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein. »Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!«
»Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!« sagte Grau und er erstand ein Paket Zigaretten.
»Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!«
»Ganz prächtig!« sagte Grau und paffte. »Ganz herrlich ist das.«
Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem Munde aus: »Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!«
»Danke! Danke!« Grau verneigte sich.
»Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst! Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!« Hahaha -- diese ganz abscheuliche Baßtrompete!
Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte, es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten, schwätzten und sahen Grau an.
»Gestatten Sie, daß ich vorstelle -- Fräulein Anna Mohr --«
»Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!« schrien die Damen.
Grau lachte und rauchte die Zigaretten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es so viele schöne Damen in der Stadt gibt?« sagte er und sah alle der Reihe nach an. Sein Blick war ruhig und rein.
Die Mädchen lachten.
»Wir wollen ihn fragen --« Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste von ihnen sei.
»Welche ist die schönste von uns allen,« sagte Klara Sinding, jene, die das kleine Mal auf der Wange hatte.
»Die schönste?« Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten, herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte hinzu: »Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie meinen -- so nach dem ersten Blick zu urteilen -- aber auch das ist schwer, denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im Gesichte einer andern Dame in die Augen -- ja, es ist unmöglich.« Er blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den großen Ohren an und sagte: »Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe --« das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht -- »bei Ihnen, mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd weich sind und von eigentümlichen Rot -- bei Ihnen sind es die Brauen und die Schläfen --«
Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort -- aber nein -- wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist --! Sie fragten.
»Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!« Grau lachte. »Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich dieses Fräulein hier für die klügste von allen.« Es war das kleine häßliche Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche Mädchen sagte mit tiefer Stimme: »Ich war stets die Dümmste im Institut!« Aber sie lächelte.
Grau lächelte ebenfalls. »Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu --«
Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.
»Wie hübsch er plaudert!« flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. »Ja,« wisperte sie, »er ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist -- er zittert immer ein wenig.« »Pst, er hört dich.«
Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. »Es ist aber verboten, die Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.« Die jungen Damen öffneten die Münder und blickten einander verdutzt an: Ja, große Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die andern, wie könnte man sie doch herausfinden?
»Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!« sagte Grau und lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie unbrauchbar waren.
Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf. Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei.
»Ich werde Ihnen etwas helfen,« sagte Grau lächelnd und blickte sie an. Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: »Ein Huhn!«
»Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott --« die Mädchen schüttelten sich vor Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus!
Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: »Es ist ganz merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der Gedanke gekommen -- gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig helfen --« Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau.
Grau lächelte. »Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natürlich. Klugheit und Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so verschieden -- ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben --?«
Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen machten Miene auseinander zu stieben.
»Auf eine Sekunde noch!« bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier stattfinden sollte -- Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die Adressen der Damen aufzuschreiben --?
Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. »Ja, natürlich, natürlich.« Sie schrien, was sie konnten.
Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst, mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus.
Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend; das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe. Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte, sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig.
Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.
Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm.
Zweites Kapitel
In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen. Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren Grund Licht brannte.
Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.
»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann.
»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß.
»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht, als Sie um ihre Hand anhielten?«
Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf gekostet, bis sie einwilligte.
Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.«
Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er.
»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?«
»Prächtig!«
»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich befürchte Sie können es nicht --«
»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.«
»Unmöglich!«
»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.«
»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!«