Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Chapter 8
„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund so gesprächig macht.“
„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen Studien gelebt hat.“
„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er, ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort, „wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“
Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um es augenblicklich wieder zu leeren.
Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen.
„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“
„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“
Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu, stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer Stimme:
„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu beenden.
Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde müssen sich über so Etwas verständigen.“
„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“
Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem Ausdruck im Kreise umher.
„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“ fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und Liebesansprüche der Welt setzen.“
„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid, setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“
„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein ausgezeichneter Gedanke!“
„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.
„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“
„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer verschleierten, „gebt die Karten her!“
Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn von Rantow zu dem jungen Officier hin.
„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu bringen.
„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell leerte er noch ein Glas.
„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr sprechen.“
Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung nach dem Spiel und hob ab.
„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.
„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
Herr von Rantow zuckte zusammen.
Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit verlegenen Blicken an.
„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“ sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht werth, ich kann das nicht annehmen.“
Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich, sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath, der Alles mit angehört hatte.
„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen Officiere schweigend um ihn her standen.
„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter darüber reden.“
Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden, sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen. Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen, daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
Fünftes Capitel.
Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere Verwirrung entstanden.
Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von den zitternden Händen.
„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“
Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow, welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen hatte.
„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort, „sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu versagen!
Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“
Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen, diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen tragen sollte.“
Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu ersteigen.
Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an, an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt, die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat. Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger Besorgniß beimischte:
„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet? Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend treffen?“
„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich verhöhnen!“
Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich, was giebt es — so erzähle uns doch.“
„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt, denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“
„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren, welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu können.“
„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend, „wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“
„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur, weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete, ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“
Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze Gestalt schwankte unsicher hin und her.
„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme, während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf, indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen Mund zuckte.
„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe, das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“
Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend. Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene ihr schönes glänzendes Haar.
„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf. Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“
„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“
„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, „wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in sich zusammen.
„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter, ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“
Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist, und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten Gesellschaft sich schickt und paßt —“
„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen sollen —“
„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort, „werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt sei, persönlich einzutreten.“
Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und Erbärmlichkeit?“
„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“
„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“