Der Todesgruß der Legionen, 2. Band

Chapter 7

Chapter 73,702 wordsPublic domain

An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte, welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen kleinen Hotel holen ließ.

„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“

„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten; wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden, unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“

„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege nicht zusammenlaufen.“

Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und dünne Bouillon.

Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen Wohnung.

Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.

„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.

Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten ruhten, die er so eben gelesen.

„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine Ehrensache?“

Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu gewinnen.

„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu verbringen.“

„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“

„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —

Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.

Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen, Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ, sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an seinen Gesprächen Theil nahm.

Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer höhern Ehren brachte.

Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die Lectüre desselben.

„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton, „mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel versenkt —

„Mein lieber Freund.“

Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.

„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“

„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben, daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.

Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor, drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —

„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —

Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?

Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort, „auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe, ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere. Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle Augenblick mir bringen kann.“

Er blickte auf seine Uhr.

„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn man sie fesseln möchte.“

Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare; und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben, fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben so reich ist.

Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu betreten, das Haus.

* * * * *

Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen. Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den Weg gelegt hatten.

Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich, daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte, daß sein Herz ihr gehörte.

Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun pflegte um frische Luft zu schöpfen.

Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem ihr Herz entgegenflog.

Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.

„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow, welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte, als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein unerwünscht war.

Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.

Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.

„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt des jungen Mädchen hinglitt.

„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um _einsam_ meinen Gedanken nachzuhängen.“

„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu sein.“

„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut, und für mich ist ein _einsamer_ Spaziergang in der freien Luft,“ fügte sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“

„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein sein zu wollen —“

„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ihm entgegen eilen.

Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung ihres Blickes.

„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“

Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben Herrn von Rantow stehen blieb.

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch neben Fräulein Anna herging.

Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein Cohnheim militairisch grüßend.

Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei, rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Hände ausstrecken.

„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.

Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt, daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich dieser um.

„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“

Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd erwartete.

„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat heftig mit dem Fuß auf den Boden.

„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“

Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow, und eilte dann mit schnellen Schritten davon.

Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.

Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.

„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt haben?“

Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.

„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“

Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.

„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu meinen Eltern.“

Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt blickte er ihr nach.

„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“

Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken beschäftigt.

„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen, aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt. Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen, der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —

„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“

Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein junger Dragonerofficier.

„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend, „wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll. Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und nüchtern bleiben.“

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die Andern folgten.

„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“ sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele fortspülten!“

Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von Borchard in der Französischen Straße.

Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß sich in die zierlichen Krystallkelche.

Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.

Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.

Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.

„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“

„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“