Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Chapter 6
Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten, fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband, nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.
Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.
Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.
„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser, indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf verdrehen lassen.“
„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte der _König_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß ihm folgen.“
Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.
Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr und sagte tief aufathmend:
„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“
Alle erhoben sich.
Rühlberg ergriff sein Glas.
„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen, heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“
Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.
Dann brach man auf.
Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln, leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke der Scheidenden erwidernd.
Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der Stadt her eine Glocke zu läuten.
Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel sendeten.
Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte, welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt hatten, — ihre Heimath und ihr König.
Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.
— „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der am Schlage saß, die Hand hin.
„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches Wiedersehn!“
„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz offen halten.“
Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam begannen die Räder zu rollen.
Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:
„Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“
aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten, den man zur letzten Ruhe hinausführt.
Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das Rollen der Räder.
Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.
In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.
Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.
Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach dem Hause hin.
„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.
Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des Challier'schen Hauses gekommen.
Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in der Dunkelheit verschwand, nach.
„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen Räuber meiner Liebe vernichten!“
— „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“
Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.
Viertes Capitel
Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.
Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten aus ihren Augen.
Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen guten angenehmen Tänzer.
Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn ihrer Mutter zu trotzen.
Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde, welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.
Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten aristokratischen Grundsätze aussprachen.
Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen Château Lafitte zu probiren.
Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese intime Soirée bei dem Baron.
Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.
Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.
Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem jungen Mädchen annehmbar zu machen.
Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht, sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen; obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.
Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken war.
„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“ fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde! Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“
Sie sann lange nach.
„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn, der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren, weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle. Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles, was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“
Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig, während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.
Dann las sie dieselben durch.
„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich mich so in seine Hände gebe.“
Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.
„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner Bitte folgen.“
Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen Glückes.
* * * * *
Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt, kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.
Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu nehmen.
Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle so stark und so warm erwiedert würden.
Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren, aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen Himmel sandte.
Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten seines Vaters zugehört.
Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut ausgerufen:
„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow, aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch unser Blut vermischen.“
Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.