Der Todesgruß der Legionen, 2. Band
Chapter 5
„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen. Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe sterben und verderben können.“
„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“
Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend, woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte seinen Schnurrbart und sagte:
„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“
„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“
Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:
„Lustige Hannoveraner seien wir.“
Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in ihre Zimmer zurück.
„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner, welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten, da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie sie früher war.“
„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath, und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“
„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen, aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen, daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden unsern Weg schon machen.“
Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.
Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.
Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit herzlichem Gruß entgegen.
„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem, aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder zusammenfinden.“
„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“
Ernst erwiderte der junge Mann:
„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes, Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen. Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben, welche mir die liebsten und schönsten sind.“
Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen Ton:
„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“
Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:
„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen, daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine Vergangenheit war.“
„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten. Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“
„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann, woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen, wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann, Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde und freudlos sein würde.“
Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann sprach er mit milder freundlicher Stimme:
„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren, den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert, und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen, vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig unterrichtet sind.“
„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir nicht abgeneigt ist —“
Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit freundlichem Gruß die Hand.
„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete, und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“
Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.
„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er, wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr auch an Dich richtetet?“
Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite des jungen Mannes und sprach:
„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen, was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“
Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.
„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“
Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.
„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat, und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe von Generationen gelebt haben.“
Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden Augen fragend und bittend an.
„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe. Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“
Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und beugten sich zärtlich zu ihm herab.
Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte ließ sie aufblicken.
Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.
Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem Händedruck begrüßte:
„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“
Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten, welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner Tochter mit.
„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder, rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen, die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu entscheiden.“
Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.
Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an. Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.
„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte bieten können.“
Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen Augenblick ergriffen.
„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme, „welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist, wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen, Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“ rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand eines Feindes Frankreichs — —“
Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer drohenden Bewegung erhob er die Hand —
Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.
Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde ruhig, beinahe sanft und milde.
„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er, „ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“ fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht, welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen, wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen. Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“
Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.
Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.
„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“
Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.
Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.
„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“
Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.
„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird sehr leiden —“
„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu, „wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären wir Beide unglücklich geworden.“ —
Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen sollte. —
Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.
„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —
Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.
Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt hatten.