Der Todesgruß der Legionen, 2. Band

Chapter 4

Chapter 43,467 wordsPublic domain

„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut, man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen, und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866 unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen, den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen. Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“ sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Ohren zu hören.“

Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.

„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“

Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches Lächeln um seine Lippen und er sagte:

„Führen Sie den Herrn herein.“

„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der spanischen Gesandtschaft wendet.“ —

Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.

Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.

„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu überreichen.“

Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.

„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte. Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.

„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“ fragte er.

„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen. Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“

Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen direct verhandelt werden müssen.“

„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und des Königs Ansicht darüber zu wissen.“

„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —

Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde, etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs- und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber einzuholen.“

„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts entgegen zu setzen haben?“

„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem König erwählt. Politische Gründe _dagegen_,“ fuhr er fort, „kann ich als preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie _dafür_ auszusprechen im Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“

Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für beendet ansehen zu wollen.

„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines Schreibens mitzutheilen?“

Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der vor ihm auf dem Tische lag.

„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu wiederholen.“

„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu sehen.“

Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.

„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen, welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben, bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“ fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer direkten Antwort ersetzen werden.“

Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die Unterredung zu Ende sei.

Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.

„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“

„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe, in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig, „so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen, welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“

Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.

„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser Combination damit zusammenhängen?

„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle es, — ich würde siegen!

„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?

„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige Schweigen!

„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“

Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich hinsprechend auf und nieder.

Drittes Capitel.

In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg, saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und Goldrollen lagen.

Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln spielte.

Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von Adelebsen zu protocolliren.

„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.

In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.

„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung, wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“

„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“

„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer Auswanderung nach Algier abzurathen.“

„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes. Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte, mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“

„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig hält —“

„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei, daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“

„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren Soldaten gestaltet, und deshalb —“

„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“

Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.

„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.

Der junge Mann trat heran.

„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.

„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.

„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu gehen —“

„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen, zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath und zu meiner Familie zurückkehren.“

Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.

Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen, Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg nach Algier auszuwandern.

„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“

„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“

„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich eine Existenz zu gründen.“